paper place Archiv 1. Quartal 2026

Unterbrechungen und Multitasking in der Anästhesiepflege: Kognitive Belastung und Workflow-Muster

Unterbrechungen und paralleles Arbeiten (Multitasking) sind relevante Belastungsfaktoren im Operationssaal.

Schaubild mit verschiedenen Icons, was ein Anästhesist alles erledigen muss

Bisherige Studien konzentrierten sich dabei überwiegend auf ärztliches Personal oder das gesamte OP-Team. Systematische Daten zur Anästhesiepflege fehlten bislang weitgehend.

Eine neue prospektive Beobachtungsstudie der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Würzburg untersucht erstmals die Workflow-Struktur von Anästhesiepflegenden. Im Fokus stehen Arbeitsunterbrechungen, Multitasking sowie deren Zusammenhang mit Stresserleben, Fehlerpotenzial und Arbeitszufriedenheit.

In 30 Feldbeobachtungen wurden 19 Anästhesiepflegende des zentralen OP-Bereichs in Echtzeit beobachtet, mit einer Gesamtbeobachtungszeit von knapp 47,5 Stunden. Unterbrechungen machten lediglich 4 % der Gesamtarbeitszeit aus und dauerten im Schnitt 36 Sekunden. Sekundäraktivitäten entfielen auf 8,5 % der Zeit. Primäraktivitäten dominierten mit über 88 %, darunter vor allem Vorbereitungsarbeit und intraoperative Assistenz. Kommunikationsbedingte Unterbrechungen stellten mit 71 % die häufigste Form dar. Sie spiegeln die koordinative Kernrolle der Anästhesiepflegenden im perioperativen Umfeld wider. Auf subjektiver Ebene zeigte sich eine starke Korrelation zwischen wahrgenommenem Stress und Fehlerpotenzial.

Ergänzend liefert die Studie einen neuartigen Blick auf die physische Arbeitsbelastung. Anästhesiepflegende legten durchschnittlich über 514 Schritte pro Stunde zurück, was mehr als 4.100 Schritten pro 8-Stunden-Schicht entspricht.

Die Ergebnisse zeigen, dass Kommunikation und Koordination strukturelle Kernelemente der Anästhesiepflege sind. Strukturierte Kommunikationsprotokolle sowie gezielte Schutzzonen in kritischen Phasen wie der Narkoseeinleitung könnten vermeidbare Ablaufunterbrechungen reduzieren und Patientensicherheit sowie Mitarbeiterbelastung positiv beeinflussen.

Publikation: Hölzing CR, Heilgenthal P, Sellmann F, Meynhardt C, Grundgeiger T, Scheuchenpflug R, Meybohm P, Happel O. Interruptions and multitasking in anaesthesia nursing: a prospective observational study of cognitive strain and workflow patterns. BMJ Open Quality 2026;15:e003972. doi:10.1136/bmjoq-2025-003972

 

Schaubild mit verschiedenen Icons, was ein Anästhesist alles erledigen muss
Wer bekommt welche Blutprodukte?

Blutprodukte wie Erythrozytenkonzentrate (RBC), Plasma und Thrombozyten sind zentrale Ressourcen in der perioperativen Versorgung. Wie häufig einzelne Blutkomponenten eingesetzt werden, und in welchen Kombinationen, variiert jedoch stark.

Eine neue Auswertung einer prospektiven, multizentrischen Follow-up-Studie zeigt nun, welche Blutprodukte bei anästhesiologischen Patientinnen und Patienten im Krankenhausalltag tatsächlich verabreicht werden, welche Kombinationsmuster dominieren und dass sich Patientinnen und Patienten anhand ihres perioperativen Blutproduktbedarfs in drei klar unterscheidbare Transfusionsprofile einteilen lassen. Besonders relevant: In der kleinen Gruppe mit sehr hohem Blutproduktbedarf war ein gezielt eingesetztes Patient Blood Management (PBM) mit einer Reduktion eines kombinierten Endpunkts aus Sterblichkeit und schwerwiegenden Komplikationen assoziiert.

Rund jede/r Zehnte erhält Blutprodukte – Erythrozytenkonzentrate bleiben das häufigste Produkt

Von 1.125.244 eingeschlossenen anästhesiologischen Patientinnen und Patienten erhielten 119.369 (10,6%) während des Krankenhausaufenthalts mindestens ein Blutprodukt. Im Zeitraum 2010 bis 2019 war das mit Abstand am häufigsten verabreichte Blutprodukt das Erythrozytenkonzentrat. Die Kombinationsmuster sind unter diesem Link interaktiv aufbereitet:
wue-ains.shinyapps.io/blood-products/

Drei Profile – große Unterschiede beim Blutproduktbedarf

Die Auswertung identifizierte drei klar unterscheidbare Transfusionsprofile bei anästhesiologischen Patientinnen und Patienten: ein niedriges Profil mit sehr seltenem Bedarf an Blutprodukten, ein moderates Profil mit vor allem Erythrozytentransfusionen und ein hohes Profil mit komplexen Mehrkomponenten-Transfusionen.

Im niedrigen Profil traten Krankenhaussterblichkeit und schwere postoperative Komplikationen insgesamt selten auf; ein zusätzlicher Nutzen durch Patient Blood Management (PBM) war hier nicht erkennbar. Das moderate Profil diente als Vergleichsgruppe und zeigte einen regelmäßigeren, aber meist überschaubaren Transfusionsbedarf.

Das hohe Profil umfasste die Hochrisikopatientinnen und -patienten, typischerweise aus Eingriffen mit großem Blutungs- und Gerinnungsmanagement-Bedarf. Hier wurden häufig Kombinationen aus Erythrozyten, Plasma und Gerinnungsfaktoren eingesetzt. In dieser Gruppe war das Risiko für unerwünschte Ereignisse deutlich erhöht – zugleich zeigte sich gerade hier der wichtigste Befund: Gezielt eingesetzte PBM-Maßnahmen waren mit einer messbaren Reduktion von Sterblichkeit und schweren Komplikationen verbunden.

Publikation: Rumpf, Florian, Suma Choorapoikayil, Lotta Hof, Denana Mehic, Philipp Helmer, Benedikt Schmid, Kai Zacharowski, Patrick Meybohm, and German Patient Blood Management Network Collaborators. 2026. "Who Needs Most? Multicenter Subanalysis of Blood Transfusion Profiles in the German Patient Blood Management Network Registry" Journal of Clinical Medicine 15, no. 5: 1759. https://doi.org/10.3390/jcm15051759

 

Extrakorporale Zytokin-Elimination bei Patienten im septischen Schock

Der septische Schock ist durch eine Dysregulation des Immunsystems gekennzeichnet. Trotz erheblicher Fortschritte in Forschung und Intensivmedizin liegt die Sterblichkeit in Europa weiterhin bei etwa 40 %.

Grafik, mit zwei Kurven  (unspezfisches Immunsystem, persistierende Inflammation - Spezfisches Immunsystem - Immunsuppression
Schemazeichnung der Immunantwort im septischen Schock. Der CytoSorb Filter blieb in der randomisiert-kontrollierten Studie ohne Einfluss auf das Erreichen der Immunhomöostase. SIRS, systemic inflammatory response syndrome. CARS, Compensatory Anti-inflammatory Response Syndrome.

Um das Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und entzündungshemmenden Prozessen wiederherzustellen, steht in der klinischen Praxis die extrakorporale Hämoadsorption (z.B. mit dem CytoSorb Zytokin-Filter) zur Verfügung. Ziel dieses Verfahrens ist es, überschüssige Mediatoren aus dem Blut zu filtern und so Organschäden zu begrenzen. Da der tatsächliche klinische Nutzen bisher wissenschaftlich umstritten war, hat nun die AG Notz der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Würzburg die Effekte in einer prospektiven, randomisierten kontrollierten Studie untersucht.

In die Studie konnten 31 Intensivpatientinnen und -patienten mit septischem Schock und Hyperinflammation (Interleukin-6 > 500 pg/mL) eingeschlossen werden. Die Teilnehmenden wurden entweder einer Kontrollgruppe (Standardtherapie nach Sepsis-Leitlinien) oder einer Interventionsgruppe (Standardtherapie plus CytoSorb-Anwendung) zugeteilt.

Die Ergebnisse der Studie liefern wichtige Erkenntnisse für die Intensivmedizin:

  • Keine Reduktion des Bedarfs an Vasopressoren: Der Einsatz der extrakorporalen Zytokin-Elimination führte nicht zu einer Verringerung der benötigten Kreislaufunterstützung. Im Gegenteil: Der Vasopressor-Bedarf pro Stunde war in der Interventionsgruppe signifikant höher als in der Kontrollgruppe.
  • Keine messbaren Effekte auf das Immunsystem: Weder die Zytokin-Spiegel im Blut noch die Anzahl und Aktivität zentraler Immunzellen wurden durch die Behandlung maßgeblich verändert.
  • Sicherheit und Nutzen: Die Studie konnte keine klinischen Vorteile durch den frühen Einsatz des Verfahrens feststellen und lieferte stattdessen Hinweise auf mögliche schädliche Effekte. Die Überlebensrate nach 48 und 72 Stunden war in der Kontrollgruppe signifikant höher als in der Interventionsgruppe Gruppe (48 h: 100 % vs. 64 %; 72 h: 94 % vs. 57 %). Aufgrund der kleinen Fallzahl ist dieses explorative Ergebnis allerdings mit Vorsicht zu interpretieren.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass die Anwendung der extrakorporalen Zytokin-Elimination im septischen Schock den Krankheitsverlauf wahrscheinlich nicht verbessert und die Immunantwort nicht messbar moduliert. Die extrakorporalen Hämoadsorption sollte daher im septischen Schock aus Sicht der Autoren nicht angewendet werden.

 

Publikation: Lotz C, Heckelmann J, Lendzian C, Herrmann J, Haack B, Gieselmann M, Wedekink F, Röder D, Schlegel N, Meybohm P, Wischhusen J, Notz Q. Clinical and Immunologic Effects of Extracorporeal Cytokine Removal in Patients with Septic Shock: A Randomized Controlled Trial. Shock. 2026 Apr 1;65(4):637-647. doi: 10.1097/SHK.0000000000002802. Epub 2026 Feb 4. PMID: 41670614; PMCID: PMC13023102.

 

 

Grafik, mit zwei Kurven  (unspezfisches Immunsystem, persistierende Inflammation - Spezfisches Immunsystem - Immunsuppression
Schemazeichnung der Immunantwort im septischen Schock. Der CytoSorb Filter blieb in der randomisiert-kontrollierten Studie ohne Einfluss auf das Erreichen der Immunhomöostase. SIRS, systemic inflammatory response syndrome. CARS, Compensatory Anti-inflammatory Response Syndrome.
Cochrane-Übersichtsarbeit soll Behandlung der Bell-Lähmung neu bewerten

Eine plötzlich auftretende Gesichtslähmung ist für Betroffene oft sehr beunruhigend. Dabei kann es sich um eine sogenannte Bell-Lähmung handeln, also um eine akut einsetzende Lähmung des Gesichtsnervs ohne eindeutig erkennbare Ursache.

Typische Beschwerden sind eine hängende Gesichtshälfte, Probleme beim Schließen des Auges, Schmerzen hinter dem Ohr, Geschmacksstörungen oder eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit.

Ein internationales Forschungsteam unter Koordination des Instituts für Allgemeinmedizin hat nun ein neues Protokoll für eine Cochrane-Übersichtsarbeit* veröffentlicht.

Kortikosteroide, also entzündungshemmende, immunsuppressive Steroidhormone, gelten derzeit vor allem bei Erwachsenen als wichtige frühe Behandlung, insbesondere wenn sie innerhalb der ersten 72 Stunden nach Beginn der Beschwerden verabreicht werden. Ob antivirale Medikamente zusätzlich einen relevanten Nutzen bringen, ist bislang jedoch nicht abschließend geklärt. 

Genau hier setzt der neue Cochrane-Review an: Auf Grundlage hoher methodischer Standards sollen frühere getrennte Übersichtsarbeiten zu Kortikosteroiden und antiviralen Medikamenten in einer gemeinsamen, aktuellen Bewertung zusammengeführt werden.

*Cochrane Reviews sind hochwertige, systematische Übersichtsarbeiten, in denen die Forschungsergebnisse zu Fragen der Gesundheitsversorgung und -politik zusammengefasst werden. Diese Reviews sind international als Qualitätsstandard in der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung anerkannt. Sie befassen sich mit der Wirksamkeit von Interventionen zur Prävention, Behandlung und Rehabilitation. Andere Reviews bewerten die Genauigkeit von diagnostischen Tests bei einer gegebenen Erkrankung in bestimmten Patientengruppen oder Settings. Sie werden online in der Cochrane Library veröffentlicht. Cochrane Library | Cochrane Deutschland

Publikation: Peter Konstantin Kurotschka, Fergus Daly, Ildiko Gagyor, Maria Bauer, Franz E Babl, Virginia Hernandez Santiago, Maria Chiara Bassi, Dhruvashree Somasundara, Simon W Lowe, Frank Sullivan. Corticosteroids and Antiviral Treatment for Bell’s Palsy (Idiopathic Facial Paralysis). Cochrane Database of Systematic Reviews 2026. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD015563/full