paper place Archiv 2. Quartal 2026

Septin-Multimer Antikörper bei schweren Immun-Neuropathien mit klinischem Bild der Amyotrophen Lateralsklerose

Schwere motorische Neuropathien können einer Erkrankung aus dem Spektrum der Amyotrophen Lateralsklerose ähneln, insbesondere einer Erkrankung des unteren Motoneurons (Lower Motor Neuron Disease, LMND).

Collage von insgesamt neun Mikroskopieaufnahmen
Die Mikroskopieaufnahmen zeigen, dass Antikörper aus Patientenproben (Serum #1, grün) und kommerzielle Septin-Antikörper (Septin2+7, magenta) an denselben Strukturen peripherer Nerven binden: den Paranodien (Zeile 1–2) und Schmidt-Lanterman-Inzisuren (Zeile 3). Die weiße Überlagerung der Signale (Kolokalisation, rechts) bestätigt, dass beide Antikörper dasselbe Zielantigen erkennen.

Da autoimmune Ursachen derartiger Neuropathien potenziell behandelbar sind, ist ihre frühzeitige Erkennung von großer Bedeutung.

In dieser Studie unter der Federführung von Dr. Friederike Arlt und Prof. Harald Prüß an der Charité – Universitätsmedizin Berlin arbeiteten Forschende mit Forscherinnen des UKW (Dr. Luise Appeltshauser und Prof. Kathrin Doppler, Neurologische Klinik) sowie Euroimmun Labordiagnostik (Dr. Ramona Miske) zusammen. Ziel war die Identifizierung neuer Autoantikörper bei PatientInnen mit einem LMND-ähnlichen Krankheitsbild. Von insgesamt 3.543 untersuchten Proben wurden drei entsprechende Fälle identifiziert.

Als Zielantigen der Antikörper konnten Septin-Multimere nachgewiesen werden. Diese befinden sich in spezialisierten Bereichen der Myelinscheide peripherer Nerven, den „Paranodien“ und „Schmidt-Lanterman-Inzisuren“, die für die Nervenleitung essenziell sind. Die Experimente deuten darauf hin, dass hinter der Schädigung dieser Bereiche ein neuer Krankheitsmechanismus liegen könnte, die sogenannte „Inzisuropathie“. Zusätzlich fanden sich Hinweise auf eine Aktivierung des Komplementsystems sowie eine entzündliche Schädigung von Myelin und Nervenfasern.

Alle drei Betroffenen zeigten eine rasch fortschreitende schwere motorische Neuropathie. Zwei verstarben unter der zunächst angenommenen Diagnose einer LMND. Der dritte Patient erhielt frühzeitig eine intensive Immuntherapie und blieb darunter über mehrere Jahre klinisch stabil.

Die Ergebnisse dieser Studie sprechen dafür, dass Autoantikörper gegen Septin-Multimere eine seltene, aber klinisch hochrelevante autoimmune Ursache schwerer motorischer Neuropathien darstellen können, die einer LMND phänotypisch sehr ähneln. Ein gezieltes Screening könnte helfen, behandelbare PatientInnen frühzeitig zu identifizieren und einer geeigneten Immuntherapie zuzuführen.

Publikation: Friederike A Arlt, Ramona Miske, Luise Appeltshauser, Viktoria Zinnow, Kathrin Borowski, Werner Stenzel, Helena Radbruch, Andreas Meisel, Klemens Ruprecht, Matthias Endres, Igor Blau, Marieluise Kirchner, Philipp Mertins, Elisa Sanchez-Sendin, Stephanie Wernick, Hannah Pressler, Frauke Stascheit, Janis Linke, Sophie Hümmert, Hauke B Werner, Esravila A Wibisono, Kathrin Doppler, Lars Komorowski, Elias T Spiliotis, Divyanshu Dubey, Anastasia Zeckeridou, Sean J Pittock, John R Mills, Andrew McKeon, Madeleine Scharf, Harald Prüss, Septin multimer autoantibodies in severe motor neuropathy mimicking lower motor neuron disease, Brain, Volume 149, Issue 8, August 2026, Pages 2731–2746, https://doi.org/10.1093/brain/awag183

Collage von insgesamt neun Mikroskopieaufnahmen
Die Mikroskopieaufnahmen zeigen, dass Antikörper aus Patientenproben (Serum #1, grün) und kommerzielle Septin-Antikörper (Septin2+7, magenta) an denselben Strukturen peripherer Nerven binden: den Paranodien (Zeile 1–2) und Schmidt-Lanterman-Inzisuren (Zeile 3). Die weiße Überlagerung der Signale (Kolokalisation, rechts) bestätigt, dass beide Antikörper dasselbe Zielantigen erkennen.
Neuer CAR-T-Zell-Ansatz gegen das Glioblastom

Das Glioblastom ist ein besonders aggressiver Hirntumor, der nach aktuellen Behandlungsverfahren als nicht heilbar gilt.

4 grafische Darstellungen
Die gleichzeitige Erkennung der Glioblastom-Zielstrukturen PDPN und GD2 durch eine neue CAR-T-Zell-Therapie zeigt in präklinischen Modellen eine besonders wirksame Tumorbekämpfung.

Eine vielversprechende Behandlungsform ist die CAR-T-Zell-Therapie, bei der körpereigene Immunzellen gentechnisch so verändert werden, dass sie Tumorzellen gezielt angreifen. Da Glioblastome jedoch sehr heterogen sind, reicht die Erkennung eines einzelnen Zielmoleküls oft nicht aus. In dieser Arbeit wurde eine neuartige CAR-T-Zell-Therapie entwickelt, die gleichzeitig zwei Zielstrukturen auf Tumorzellen (PDPN und GD2) erkennt. Dadurch soll verhindert werden, dass einzelne Tumorzellen der Behandlung entkommen und der Tumor erneut wächst.

Diese kombinierte Therapie erwies sich in umfangreichen präklinischen Untersuchungen als besonders wirksam. Sie zerstörte patientenabgeleitete Tumororganoide und führte in Mausmodellen zu einer langanhaltenden Rückbildung der Tumoren. Die Ergebnisse zeigen, dass die gleichzeitige Bekämpfung zweier Zielstrukturen ein vielversprechender Ansatz für die Entwicklung wirksamerer Immuntherapien gegen das Glioblastom sein könnte.

Publikation: Julian Hübner, Marah Alsalkini, Rhonda McFleder, Fabio Toppeta, Julia Wagner, Renato Liguori, Björn Grams, Moritz Meyer-Hofmann, Leopold Diener, Camelia-Maria Monoranu, Carsten Hagemann, Fulvia Ferrazzi, Chi Wang Ip, Ralf-Ingo Ernestus, Hermann Einsele, Michael Hudecek, Mario Löhr, Thomas Nerreter, Vera Nickl. Novel CAR T cell blend targeting PDPN and GD2 to overcome glioblastoma heterogeneity. Journal for ImmunoTherapy of Cancer. 2026;14:e014693. https://doi.org/10.1136/jitc-2025-014693

4 grafische Darstellungen
Die gleichzeitige Erkennung der Glioblastom-Zielstrukturen PDPN und GD2 durch eine neue CAR-T-Zell-Therapie zeigt in präklinischen Modellen eine besonders wirksame Tumorbekämpfung.
Hochdosiertes Vitamin C zeigt keinen Nutzen bei schweren Verbrennungen – im Gegenteil

Schwere Verbrennungen lösen eine massive Entzündungsreaktion sowie oxidativen Stress aus. Vitamin C gilt als starkes Antioxidans und wird seit Jahrzehnten in der Behandlung von Verbrennungsopfern diskutiert.

Stoppe steht am Podium, rechts daneben ein Bild vom feierlich geschmückten und ausgeleuchteten Konferenzraum in Belfast
Prof. Dr. Christian Stoppe stellte als Erstautor und Leiter der Victory-Studie die Ergebnisse am 10. Juni 2026 beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast vor. Zeitgleich wurde die Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht. © Patrick Meybohm / UKW
Collage aus vier Porträtbildern und Logo der Studie
Für das Projektmanagement und die Koordination der deutschen Zentren waren neben dem Studienleiter und Erstautor Prof. Christian Stoppe auch Dr. Ellen Dresen, Prof. Patrick Meybohm und Carina Güttler vom UKW verantwortlich. Collage: UKW / erstellt mit Canva

Bisherige kleinere Studien hatten positive Effekte gezeigt, etwa einen geringeren Flüssigkeitsbedarf. Aufgrund dieser vielversprechenden, aber unsicheren Datenlage empfehlen einige internationale Leitlinien die Gabe von hochdosiertem Vitamin C, allerdings fehlt hierfür eine belastbare Evidenz aus großen randomisierten Studien.

Eine internationale, randomisierte klinische Studie unter der Leitung der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des UKW und der kanadischen Queen’s University in Kingston kommt jetzt zu einem klaren Ergebnis: Hochdosiertes intravenöses Vitamin C verbessert bei Schwerbrandverletzten weder Überleben noch Organdysfunktion und könnte möglicherweise sogar schädlich sein.

Insgesamt nahmen 238 Erwachsene mit schweren Verbrennungen von mindestens einem Fünftel ihrer gesamten Hautoberfläche an der Studie teil. Die Patientinnen und Patienten wurden in 24 Zentren in Nord-, Zentral- und Südamerika, Europa und Asien nach dem Zufallsprinzip entweder mit hochdosiertem intravenösem Vitamin C (50 mg pro Kilogramm Körpergewicht) behandelt, das über 96 Stunden hinweg alle sechs Stunden verabreicht wurde, oder mit einem Placebo. Es zeigte sich kein Vorteil durch die Behandlung mit Vitamin C. Im Gegenteil: Der wichtigste untersuchte Endpunkt – die 28-Tage-Sterblichkeit und anhaltende Organdysfunktion, beispielsweise Beatmung, Nierenersatztherapie oder Kreislaufunterstützung – trat sogar häufiger bei den Personen auf, die Vitamin C erhielten, als bei denen, die ein Placebo erhielten (40,8 % gegenüber 29,7 %).

Besonders auffällig war die Sterblichkeit innerhalb der ersten 28 Tage: In der Vitamin-C-Gruppe starben 15 Prozent der Patienten, in der Placebogruppe waren es nur 7,6 Prozent. Das Sterberisiko war somit unter Vitamin C mehr als doppelt so hoch. Auch die Sterblichkeit während des gesamten Krankenhausaufenthalts war in der Vitamin-C-Gruppe höher (23,3 % gegenüber 16,1 %). Zudem mussten Patienten, die Vitamin C erhielten, häufiger mit einer Nierenersatztherapie, beispielsweise einer Dialyse, behandelt werden (10,8 % gegenüber 5,9 %). Dieser Unterschied könnte allerdings auch zufällig zustande gekommen sein, da er statistisch nicht eindeutig abgesichert war.

Nach einer geplanten Zwischenanalyse wurde die Studie vorzeitig beendet, da die Ergebnisse darauf hindeuteten, dass die Behandlung keinen Nutzen erwarten ließ und potenziell mit Schäden verbunden sein könnte. Ein unabhängiges Überwachungsgremium empfahl daraufhin, die Studie abzubrechen. Internationale Leitlinien sollten dem Studienleiter Christian Stoppe zufolge diese neuen Erkenntnisse dringend berücksichtigen.

Weitere Informationen und Zitate in der Pressemeldung.

Publikation: Christian Stoppe, Aileen Hill, Leopoldo C. Cancio, Andrew G. Day, Kaitlin A. Pruskowski, Alexis F. Turgeon, Tam Pham, Sylvain Bélisle, Mario Aurelio Martínez-Jiménez, Ulrich Limper, Jochen Gille, Jon Wisler, Alisa Savetamal, Jonathan Pollack, Daisy Grau Domínguez, Serge Jennes, Jeffrey W. Shupp, Marc G. Jeschke, Kirsten Colpaert, Gabriel Hundeshagen, Justus P. Beier, Pornprom Muangman, Ann Echeverri McCandless, Patrick Meybohm, Tilman Grune, Ellen Dresen, Daniela Weber, Carina Güttler, Charles Chin Han Lew, Xuran Jiang, Shawna Froese, Maureen Dansereau, Zheng-Yii Lee, Daren K. Heyland, for the VICTORY Study Team. High Dose Intravenous Vitamin C and Mortality and Organ Dysfunction in Severe Burn Injury: The VICToRY Randomized Clinical Trial. JAMA. 2026. doi: 10.1001/jama.2026.10616 https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2850392

Stoppe steht am Podium, rechts daneben ein Bild vom feierlich geschmückten und ausgeleuchteten Konferenzraum in Belfast
Prof. Dr. Christian Stoppe stellte als Erstautor und Leiter der Victory-Studie die Ergebnisse am 10. Juni 2026 beim Critical Care Reviews Meeting in Belfast vor. Zeitgleich wurde die Studie im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht. © Patrick Meybohm / UKW
Collage aus vier Porträtbildern und Logo der Studie
Für das Projektmanagement und die Koordination der deutschen Zentren waren neben dem Studienleiter und Erstautor Prof. Christian Stoppe auch Dr. Ellen Dresen, Prof. Patrick Meybohm und Carina Güttler vom UKW verantwortlich. Collage: UKW / erstellt mit Canva
CALM-Programm entlastet Angehörige von Lungenkrebspatienten

Angehörige von Menschen mit Lungenkrebs sind oft stark belastet. Sie müssen nicht nur die Erkrankung eines nahestehenden Menschen bewältigen, sondern übernehmen häufig auch einen großen Teil der Betreuung.

Die Comprehensive Cancer Center Mainfranken und Augsburg haben deshalb in einer randomisierten Studie untersucht, ob ein spezielles psychoonkologisches Beratungsprogramm namens CALM (Managing Cancer and Living Meaningfully) Angehörigen helfen kann. Können strukturierte Gespräche ihre seelische Belastung verringern und ihr Wohlbefinden steigern? 

Die Studienteilnehmenden wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe erhielt über mehrere Monate hinweg mehrere CALM-basierte Beratungsgespräche mit speziell geschulten Psychoonkologinnen und Psychoonkologen, die andere Gruppe erhielt die übliche psychosoziale Unterstützung. In den Gesprächen ging es unter anderem darum, mit belastenden Gefühlen umzugehen, die veränderte Lebenssituation zu bewältigen, die Kommunikation innerhalb der Familie zu stärken und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. 

Die Ergebnisse zeigen, dass sich das emotionale Wohlbefinden von Angehörigen im Verlauf verbessert. Die Teilnehmenden berichteten nach einer psychoonkologischen Beratung unter anderem von einer geringeren psychischen Belastung und fühlten sich im Umgang mit der Erkrankung ihres Familienmitglieds unterstützt. Es konnten aber keine signifikanten Gruppeneffekte für die CALM-Beratung nachgewiesen werden. Bei Paaren zeigte sich eine starke dyadische Abhängigkeit bei allen Endpunkten. Dies verdeutlicht die Relevanz des Einbezugs der Partnerin oder des Partners bzw. einer dyadischen psychoonkologischen Beratung. 

Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass psychoonkologische Angebote nicht nur den Erkrankten selbst, sondern auch ihren Angehörigen zugutekommen und deshalb stärker in die Krebsversorgung integriert werden sollten. Weitere Studien zur besten Beratungsform sind erforderlich. 

Publikation: Julia Dusel, Karin Meng, Pauline Faßler, Franziska Reinhardt, Andrea Dankert, Alessandra Gnecco, Tabea Söll, Elisabeth Jentschke. Effects of CALM-based psycho-oncological counseling on the emotional well-being of relatives of people living with lung cancer: Results of a randomized controlled trial. J Psychosoc Oncol. 2026 May 26:1-18. https://doi.org/10.1080/07347332.2026.2671282

Extraktion und Transformation von Routinedaten aus dem Patientendatenmanagementsystem

Routinedaten aus Patientendatenmanagementsystemen (PDMS) der Intensiv- und perioperativen Medizin sind eine wertvolle Ressource für die klinische Forschung.

Sie enthalten unter anderem Informationen zu Medikation, Laborwerten, Vitalparametern und Behandlungsverläufen. Eine direkte Nutzung dieser Daten für Forschungsfragen ist jedoch häufig schwierig: Die Datenstrukturen sind herstellerspezifisch, über verschiedene Tabellen und Dokumentationsbereiche verteilt und primär auf die laufende klinische Dokumentation ausgerichtet. Für die wissenschaftliche Sekundärnutzung müssen sie daher zunächst systematisch extrahiert, vereinheitlicht, geprüft und in analysierbare Formate überführt werden.

In Zusammenarbeit mit dem Servicezentrum Medizin-Informatik (SMI) wurde in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des UKW ein modulares, Python-basiertes ETL-Framework entwickelt, also ein in Python entwickeltes, aus einzelnen Bausteinen aufgebautes Programm, das Daten automatisch sammelt, verarbeitet und in einer Datenbank speichert. ETL steht für Extraktion, Transformation und Laden. Das Framework ermöglicht eine flexible, domänenspezifische Extraktion hochfrequenter und multimodaler PDMS-Daten, ohne dass die Kernarchitektur für jede Fragestellung neu angepasst werden muss.

Klinische Datendomänen werden jeweils über ein eigenes, schemavalidiertes Datenmodell abgebildet. Dadurch werden einheitliche Ausgabestrukturen, konsistente Datentypen und automatisierte Plausibilitätsprüfungen sichergestellt. Der Datenbankzugriff erfolgt über eine Abstraktionsschicht, sodass Abfragen wiederverwendbar und an unterschiedliche lokale Gegebenheiten anpassbar bleiben. Standardisierte Vorverarbeitungsschritte helfen zudem, typische Inkonsistenzen der klinischen Dokumentation aufzulösen.

Ein integriertes Audit-Protokoll dokumentiert die verwendeten Extraktionsparameter, Verarbeitungsschritte und abgeleiteten Felder. Zusätzlich ist eine irreversible Pseudonymisierung direkt in den Bereitstellungsprozess eingebettet: Identifikatoren werden mithilfe eines zusätzlichen geheimen Zufallswerts so gehasht, dass sie sich nicht auf einzelne Patientinnen und Patienten zurückführen lassen. Dies unterstützt die Umsetzung datenschutzrechtlicher Anforderungen nach DSGVO sowie Art. 27 des Bayerischen Krankenhausgesetzes (BayKrG).

Das Ergebnis sind reproduzierbare und direkt analysierbare Datensätze, die in einem transparenten und überprüfbaren Prozess entstehen. In Tests konnte die Verarbeitungsebene etwa 180.000 Datensätze pro Sekunde verarbeiten; die Pseudonymisierung führte dabei nur zu einem moderaten Mehraufwand von etwa 13–15 %. Auch komplexe Extraktionen über mehrere Datendomänen hinweg skalierten nahezu linear und zeigten in den Tests keine Fehler in Struktur oder Plausibilität.

Das Framework ist so aufgebaut, dass es sich auf andere Standorte übertragen lässt: Ein stabiler, übertragbarer Kern bleibt unverändert, während standortspezifische PDMS-Abfragen über eine begrenzte Adapterschicht angebunden werden können. Statt eine sofortige Angleichung an ein gemeinsames Datenmodell vorauszusetzen, schafft das Framework eine Grundlage, auf der Interoperabilität, beispielsweise über OMOP oder FHIR, schrittweise ergänzt werden kann. Zugleich erleichtert es den Aufbau datenschutzkonformer Datenpipelines, mit denen Routinedaten im klinischen Alltag für Forschungszwecke nutzbar gemacht werden können.

Publikation: Nikolas B. Schrader, Burkhard Meißner, Paul Fischer, Daniel Röder, Maximilian Ertl, Patrick Meybohm, Benedikt Schmid. Extraction and processing of intensive care chart data from a patient data management system. Front. Digit. Health 2026;8:1747227. doi:10.3389/fdgth.2026.1747227

Patient Blood Management bei intensivmedizinischen Patienten

Anämie ist bei Intensivpatienten sehr häufig und mit erhöhtem Transfusionsbedarf, längerem Aufenthalt und schlechteren Outcomes verbunden.

Schematische Darstellung der Risikofaktoren bei Patienten auf der Intensivstation, auf die Maßnahmen im Rahmen des Patient Blood Management abzielen, sowie deren potenzieller Nutzen

Die in „Intensive Care Medicine“ publizierte Übersichtsarbeit fasst die aktuelle Evidenz zu Patient-Blood-Management-Strategien (PBM) auf der Intensivstation zusammen.

PBM ist ein interdisziplinärer, evidenzbasierter Ansatz, der auf drei Säulen beruht: Anämiemanagement, Minimierung von Blutverlusten und evidenzbasierte Transfusionsstrategien.

Bei der Anämiebehandlung kann intravenöses Eisen das Hämoglobin sicher und klinisch relevant anheben, wobei der Effekt meist erst nach sieben bis 30 Tagen messbar wird. Erythropoetin - ein Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark anregt - kann ebenso in ausgewählten Subgruppen den Transfusionsbedarf senken, sollte aber wegen unsicheren thromboembolischen Risikos individualisiert eingesetzt werden.

Um eine durch wiederholte Blutentnahmen verursachte Blutarmut (iatrogene Anämie) zu vermeiden, sollten kleinvolumige Blutentnahmeröhrchen und geschlossene Blutentnahmesysteme routinemäßig genutzt werden, um diagnostische Blutverluste zu reduzieren.

Für die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten unterstützt die aktuelle Evidenz eine restriktive Strategie in den meisten klinischen Situationen, während eine liberalere Strategie bei Patienten mit akutem Typ-1-Myokardinfarkt oder Hirnverletzung sinnvoll sein könnte. Auch für Thrombozyten wird eine restriktive Strategie empfohlen: Prophylaktische Transfusionen sollten Hochrisikopatienten mit hämatologischen Erkrankungen vorbehalten bleiben, während bei anderen kritisch Kranken ein therapeutischer, blutungsorientierter Ansatz bevorzugt wird. Eine prophylaktische Gabe von gefrorenem Frischplasma (FFP) bei nicht blutenden Patienten wird durch die Evidenz nicht gestützt; FFP sollte schweren Blutungen oder Massivtransfusionen vorbehalten bleiben, idealerweise gesteuert durch viskoelastische Testung und Faktorkonzentrate.

Insgesamt fördert PBM eine sicherere und bedarfsgerechtere Versorgung kritisch kranker Patientinnen und Patienten. 

Publikation: Patrick Meybohm, David M. Baron, Dietmar Fries, Sigismond Lasocki, Alexander P. J. Vlaar, Kai Zacharowski & Suma Choorapoikayil. Patient blood management in general intensive care patients. Intensive Care Med 52, 1290–1305 (2026). https://doi.org/10.1007/s00134-026-08491-6

Schematische Darstellung der Risikofaktoren bei Patienten auf der Intensivstation, auf die Maßnahmen im Rahmen des Patient Blood Management abzielen, sowie deren potenzieller Nutzen
Hörverlust im Alter: Screening in der Hausarztpraxis ist machbar

Altersbedingter Hörverlust ist häufig und betrifft etwa ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren. Er erschwert nicht nur die Kommunikation, sondern ist auch mit sozialer Isolation, psychischer Belastung und kognitiven Einschränkungen verbunden.

Jemand hält Hörgerät ins Bild, im Hintergrund ist unscharf eine ältere Frau zu erkennen

Trotzdem wird ein systematisches Hörscreening bisher kaum routinemäßig in der hausärztlichen Versorgung eingesetzt.

Ein Forschungsteam des Instituts für Allgemeinmedizin am UKW hat in einer Pilotstudie untersucht, ob ein Screening auf altersbedingten Hörverlust in Hausarztpraxen praktikabel ist und welche weiteren Versorgungsschritte sich daraus ergeben. In sechs Hausarztpraxen wurden 108 Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren mit easyScreen untersucht. Dieses Verfahren basiert auf auditorisch evozierten Hirnstammpotenzialen. Nach drei und sechs Monaten wurde nachverfolgt, ob weitere Diagnostik erfolgte und ob ein Hörgerät empfohlen oder genutzt wurde.

Das Screening war kurz, gut verträglich und ließ sich weitgehend in die Praxisabläufe integrieren. Im Vergleich zu einem Fragebogen allein erkannte easyScreen zusätzliche Fälle von Hörverlust. Etwa zwei Drittel der Betroffenen nahmen eine weiterführende Diagnostik beziehungsweise die Empfehlung für ein Hörgerät an.

Die Pilotstudie zeigt damit, dass ein Hörscreening in der Hausarztpraxis grundsätzlich machbar und diagnostisch hilfreich sein kann. Die größte Herausforderung liegt weniger im Screening selbst, sondern in der anschließenden Versorgung: Weitere Diagnostik und die tatsächliche Nutzung von Hörgeräten müssen zuverlässig angebahnt und begleitet werden.

Publikation: Martin J. Koch, Rebecca Betz, Peter K. Kurotschka, Anne Simmenroth. Screening for Age-Related Hearing Loss in General Practice: Feasibility, Diagnostic Value, and Subsequent Care Pathways – A Pilot Study. Frontiers in Medicine, 2026. https://www.frontiersin.org/journals/medicine/articles/10.3389/fmed.2026.1872805/abstract

Jemand hält Hörgerät ins Bild, im Hintergrund ist unscharf eine ältere Frau zu erkennen