paper place Archiv 1. Quartal 2026

Fatigue und Schlafstörungen bei Krankheitsbeginn können das Auftreten eines Post-Covid-Syndroms vorhersagen

Das Zentrum für Psychische Gesundheit untersuchte in dieser Studie den langfristigen Verlauf des Post-COVID-Syndroms (PCS), also anhaltender Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion, über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren.

Dabei wurde besonders berücksichtigt, dass sich Post-COVID in unterschiedliche Verlaufsformen unterteilen lässt – unter anderem in eine Form, die stärker mit der Schwere der akuten Infektion zusammenhängt (PCS-S), und eine Form, die eher durch individuelle Resilienz und Reaktion auf die Erkrankung geprägt ist (PCS-R).

Grundlage der Analyse waren Daten von über 1.500 Betroffenen aus dem deutschen NAPKON-Kohortennetzwerk. Mithilfe statistischer Modelle und maschineller Lernverfahren wurden die Symptome über die Zeit hinweg ausgewertet und versucht vorherzusagen, wie sich die Beschwerden langfristig entwickeln.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Symptomschwere zwar über 9 bis 36 Monate hinweg leicht verbessert, insgesamt aber relativ stabil bleibt. Das bedeutet: Viele Betroffene erleben zwar eine gewisse Besserung, die Beschwerden gehen jedoch oft nicht vollständig zurück.

Besonders wichtig ist, dass sich frühe Faktoren bereits nach neun Monaten als gute Prädiktoren für den weiteren Verlauf erwiesen haben. So waren anhaltende Erschöpfung (Fatigue) ein zentraler Risikofaktor für beide Verlaufsformen. Zusätzlich spielten Alter, psychische Gesundheit (z. B. Depression), Lebensqualität sowie Schlafstörungen eine Rolle. Interessanterweise zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Frauen waren insbesondere Lebenssituation und psychische Belastung relevant, während bei Männern eher kognitive Einschränkungen mit dem Verlauf zusammenhingen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass sich der Verlauf von Post-COVID bereits früh recht gut einschätzen lässt und dass unterschiedliche Patientengruppen unterschiedliche Risikoprofile aufweisen. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass langfristige Behandlungs- und Rehabilitationsstrategien stärker individualisiert werden sollten.

Publikation: Gutzeit, J., Weiß, M., Kuhn, T., Klinger-König, J., Streit, F., Jockwitz, C., Brandes, B., Wright, M. N., Friedrich, C. M., Woeckel, M., Mikolajczyk, R., Keil, T., Castell, S., Betker, P., Schlett, C. L., Bärnighausen, T. W., Bamberg, F., Günther, M., Hirsch, J., …, Erhardt-Lehmann, A., Hein, G. (2026). Long-term trends in Post-COVID severity: a machine learning analysis from the POP/COVIDOM cohort of the German NAPKON Cohort Network.  eClinicalMedicine, 93, 103822. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2026.103822

Soziale Interaktionen im Alltag haben messbaren Effekt auf Angstratings und autonome Angstreaktionen bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen

Profitieren depressive Personen in realen Alltagssituationen ähnlich von positiven sozialen Kontakten wie gesunde Menschen?

Um diese Frage zu beantworten untersuchten Grit Hein und Sarah Kittel-Schneider mit ihren Teams, wie sich Angst und körperliche Stressreaktionen bei Menschen mit Depression im Alltag während sozialer Interaktionen verändern. 

Dazu wurden über mehrere Tage hinweg Momentaufnahmen aus dem Alltag erfasst: Teilnehmende berichteten wiederholt über ihre aktuellen sozialen Interaktionen, ihr Angstempfinden sowie über Eigenschaften der Gesprächspartner (z. B. Vertrautheit). Zusätzlich wurde bei einem Teil der Stichprobe die Herzaktivität mit tragbaren Sensoren gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl gesunde Personen als auch Menschen mit Depressionen weniger Angst empfinden, wenn sie mit vertrauten Personen interagieren. Bei gesunden Personen nahm diese angstmindernde Wirkung mit zunehmender Vertrautheit jedoch stärker zu als bei depressiven Patientinnen und Patienten. Bei diesen war der Zusammenhang zwischen Vertrautheit und Angst deutlich abgeschwächt.

Auf körperlicher Ebene zeigten die depressiven Teilnehmenden insgesamt eine erhöhte Herzfrequenz und eine geringere Herzratenvariabilität – beides Hinweise auf eine verstärkte Stressbelastung und eine veränderte autonome Regulation. Diese Unterschiede blieben auch im Alltag während sozialer Interaktionen bestehen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass soziale Kontakte zwar grundsätzlich angstreduzierend wirken, dieser „soziale Puffer-Effekt“ bei Menschen mit Depression jedoch abgeschwächt ist. Das könnte erklären, warum soziale Situationen für Betroffene trotz potenziell positiver Wirkung oft belastend bleiben.

Publikation: Weiß, M., Gutzeit, J., Jachnik, A., Lampe, E. C., Rothbauer, F., Gründahl, M., … Hein, G. (2026).Momentary anxiety and autonomic responses during everyday social interactions among patients with depression.Translational Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1038/s41398-026-03990-y

Biomarker für die wichtigsten peripheren Neurone beim neuropathischen Schmerz

Eine Studie, an der Barbara Namer vom UKW maßgeblich beteiligt war, hat erstmals biologische Marker identifiziert, die sogenannte „schlafende Schmerznerven“ im menschlichen Körper eindeutig kennzeichnen.

Porträt
apl. Prof. Dr. med. Barbara Namer

Diese speziellen Schmerzrezeptoren sind normalerweise inaktiv und reagieren in gesundem Gewebe nicht auf Reize. Bei chronischen Nervenschmerzen können sie jedoch „aufwachen“ und dauerhaft Schmerzsignale auslösen.

Bislang war es schwierig, diese Nervenzellen im Körper zuverlässig zu erkennen. Durch die neu gefundenen Biomarker ist es nun möglich, sie gezielter zu identifizieren und besser zu verstehen, welche Rolle sie bei chronischen Schmerzen spielen.

Die Ergebnisse gelten als wichtiger Schritt für die Schmerzforschung, da sie eine Grundlage schaffen, um künftig gezieltere Therapien gegen neuropathische Schmerzen zu entwickeln. Langfristig könnte dies dazu beitragen, genau jene Nervenzellen zu behandeln, die für chronische Schmerzen verantwortlich sind, ohne andere Nervenfunktionen zu beeinträchtigen.

Zur Pressemeldung

Publikation: Jannis Körner*, Derek Howard*, Hans Jürgen Solinski, Marisol Mancilla Moreno, Natja Haag, Andrea Fiebig, Anna Maxion, Shamsuddin A. Bhuiyan, Idil Toklucu, Raya A. Bott, Ishwarya Sankaranarayanan, Diana Tavares-Ferreira, Stephanie Shiers, Nikhil N. Inturi, Esther Eberhardt, Lisa Ernst, Lorenzo Bonaguro, Jonas Schulte-Schrepping, Marc D. Beyer, Thomas Stiehl, William Renthal,Ingo Kurth, Jenny Tigerholm, Jordi Serra, Theodore Price, Martin Schmelz, Barbara Namer*, Shreejoy Tripathy*, and Angelika Lampert*. Molecular architecture of human dermal sleeping nociceptors. Cell (2026), doi.org/10.1016/j.cell.2025.12.048

Porträt
apl. Prof. Dr. med. Barbara Namer
Versorgungsrealität bei rheumatologischen Patientinnen und Patienten in Unterfranken und zum Beitrag der Digitalisierung

Durch den demografischen Wandel wird sich die bestehende rheumatologische Mangelversorgung in Deutschland vor allem im ländlichen Raum weiter verschärfen.

Als Ansätze zur Verbesserung der Versorgung rheumatologischer Patientinnen und Patienten werden daher eine vermehrte Einbindung von Hausärztinnen und Hausärzten und mehr Digitalisierung vorgeschlagen. Ziel der Arbeit war eine Erhebung des Status quo der hausärztlichen Versorgung rheumatologischer Patientinnen unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Digitalisierung.

Zur Beantwortung dieser Fragen erfolgte eine Querschnittsstudie unter Hausärztinnen und Hausärzten im Bereich des Rheumazentrums Würzburg unter Verwendung eines Fragebogens mit 10 Domänen und 13 Fragenitems. An der Umfrage nahmen 92 Hausärztinnen und Hausärzte teil, was etwa 10 % der in Unterfranken tätigen Hausärztinnen und Hausärzte entspricht. Im Schnitt werden 3,9 Personen mit Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung pro Quartal gesehen und 22 rheumatologische Patientinnen und Patienten mitbetreut. 62 % trauen sich eine eigenverantwortliche Versorgung von stabil eingestellten rheumatologischen Patientinnen und Patienten zu. Hierfür bezieht der Großteil (94,6 %) seine Informationen bereits jetzt aus digitalen Quellen. Nur 30,4 % kennen digitale Fortbildungen und nur 3 % nutzen Screeningtools auf entzündlich-rheumatische Erkrankungen. DiGAs wurden bereits von 61 % verordnet.

Hausärztinnen und Hausärzte tragen bereits jetzt erheblich zur Versorgung rheumatologischer Patientinnen und Patienten bei und wären auch bereit dazu, stabil eingestellte rheumatologische Patientinnen und Patienten eigenständig zu versorgen. Digitalisierung wird bereits von Hausärztinnen und Hausärzten in der Versorgung von rheumatologischen Patientinnen und Patienten eingesetzt, es eröffnen sich noch zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten für digitale Tools.

Publikation: Strunz PP, et al. Umfrage zur hausärztlichen Versorgungsrealität bei rheumatologischen Patient:innen in Unterfranken und zum Beitrag der Digitalisierung. Z Rheumatol. 2026 Apr;85(3):179-187. German. doi: 10.1007/s00393-025-01754-5. Epub 2025 Dec 1. PMID: 41324648; PMCID: PMC13021800. doi.org/10.1007/s00393-025-01754-5

Erste App für entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung

Die Smartphone-App AXIA für die axiale Spondyloarthritis (axSpA, früher as Morbus Bechterew bezeichnet) ist seit kurzem CE-zertifiziert und als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen.

Damit steht erstmals eine App für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung in der Regelversorgung in Deutschland zur Verfügung. 

Nun wurde auch die Studie, in der die App Axia evaluiert wurde, publiziert. Die App kombiniert die personalisierte Bewegungstherapie, Patientenschulung und Krankheitsmanagement und fördert durch spielerische Elemente (Gamification) die langfristige Nutzung. Zur Bewertung der Wirksamkeit wurde eine zwölfwöchige, monozentrische, randomisierte kontrollierte deutschlandweite Studie mit 200 Patientinnen und Patienten mit stabil eingestellter medikamentöser Therapie durchgeführt. Die Teilnehmenden wurden zufällig (1:1) entweder der Axia-Gruppe (Interventionsgruppe) oder der Standardbehandlung (Kontrollgruppe) zugeteilt.
Insgesamt schlossen 186 Personen die Studie ab (Durchschnittsalter ca. 51 Jahre, 66 % Frauen). Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte die Interventionsgruppe deutliche Verbesserungen in der Krankheitsaktivität (BASDAI), der Funktionsfähigkeit sowie der Lebensqualität – und zwar in einem Ausmaß, das auch klinisch relevant ist. Zudem erreichten deutlich mehr Patientinnen und Patienten in der Axia-Gruppe eine messbare klinische Verbesserung (ASAS20: 51 % vs. 9 %; ASAS40: 23 % vs. 3 %). Sicherheitsbedenken traten nicht auf.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die App Axia eine sichere und wirksame ergänzende, nicht-medikamentöse Behandlungsoption darstellt, um die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit axialer Spondyloarthritis zusätzlich zur medikamentösen Therapie zu verbessern.

Pressemeldung zur Zulassung: https://www.ukw.de/medien-kontakt/presse/pressemitteilungen/detail/news/erste-diga-fuer-entzuendlich-rheumatische-erkrankungen-zugelassen/

Pressemeldung zu den Ergebnissen der Studie: https://www.ukw.de/medien-kontakt/presse/pressemitteilungen/detail/news/weniger-schmerz-mehr-lebensfreude-axia-app-hilft-bei-axialer-spondyloarthritis/

Pressemeldung zum Peter-Müller-Innovationspreis 2026Universitätsklinikum Würzburg: DGIM prämiert Würzburger App Axia für Bewegungstherapie bei axialer Spondyloarthritis

Publikation: Patrick-Pascal Strunz, Matthias Froehlich, Tobias Heusinger, Maxime le Maire, Anna Fleischer, Karsten Sebastian Luetkens, Patricia Possler, Michael Gernert, Hannah Labinsky, Ottar Gadeholt, Robert Leppich, Astrid Schmieder, Ludwig Hammel, Billy Sperlich, Hermann Einsele, Marc Schmalzing, An app-based nonpharmacological intervention improves patient-reported disease activity, functionality, and quality of life in patients with axial spondyloarthritis: a randomised controlled trial, Annals of the Rheumatic Diseases, 2026, ISSN 0003-4967, https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016.

3D-Modell eröffnet neue Ansatzpunkte für Therapien von Hirnmetastasen nach Brustkrebs

Carmen Villmann hat mit ihrer Arbeitsgruppe aus der Klinischen Neurobiologie ein neuartiges 3D-Modell entwickelt, das die Umgebung von Nervenzellen im Gehirn nachbildet und zeigt, wie sich das neuronale Netzwerk durch Hirnmetastasen nach Brustkrebs verändert.

Die Studie liefert einen wichtigen Baustein zum Verständnis der Therapieresistenz von Hirnmetastasen bei Brustkrebs und bietet zugleich neue Ansatzpunkte für eine verbesserte Behandlung. Künftige Therapien könnten demnach nicht nur die Tumorzellen selbst, sondern auch ihre Interaktion mit dem umgebenden Gewebe gezielt beeinflussen.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Advanced Functional Materials veröffentlicht und auf der Rückseite des Einbandes visualisiert.

Details liefert die Pressemeldung

Publikation: Esra Türker, Mateo S. Andrade Mier, Jessica Faber, Mike Friedrich, Zan Lamberger, Jeannette Weigelt, Christian Stigloher, Nicoletta Murenu, Natascha Schaefer, Jörg Tessmar, Gregor Lang, Silvia Budday, Katrin G. Heinze, Antje Appelt-Menzel, Pamela L. Strissel, Reiner Strick, Carmen Villmann. A 3D Biofabricated Disease Model Mimicking the Brain Extracellular Matrix Suitable to Characterize Intrinsic Neuronal Network Alterations in the Presence of a Breast Tumor Disseminated to the Brain. Advanced Functional Materials. First published: 27 November 2025. https://doi.org/10.1002/adfm.202515220

Eine 3D-Plattform zur Untersuchung der Pathomechanismen des Zentralnervensystems

3D-Modelle von Nervengewebe sind von großer Bedeutung, da die dritte Dimension für die Bildung funktionierender Netzwerke und somit für das Verständnis neurologischer Erkrankungen entscheidend ist.

die beiden Forscherinnen in der Küche der Neurobiologie mit Laptop und Gehirnmodell
PD Dr. Natascha Schäfer (links) und Nicoletta Murenu. Foto: Daniel Peter
Verschiedene Bilder aus der Publikation
Links: 3D-Modelle des Rückenmarks bilden synaptische Netzwerke. Repräsentative Bilder, die die Immunzytochemie von Neuronen unter Verwendung von MAP2 (gelb), Synaptophysin (magenta) und DAPI zur Markierung der Zellkerne (cyan) zeigen. Maßstab: 50 µm Rechts: Die Lebensfähigkeit von Rückenmarksneuronen bei einem Hydrogel auf Basis von thiolierter Hyaluronsäure (HA-SH) wurde unter verschiedenen Kulturbedingungen untersucht - Rückenmarksneuronen (SCN), SCN-Astrozyten-Co-Kultur (SCN-AC) und SCN-AC, ergänzt durch LN (SCN-AC-LN). Die Lebend-Tot-Färbung erfolgte mit Calcein-AM (grün, lebende Zellen) und Ethidiumhomodimer-1 (rot, tote Zellen; beispielhafte Zellen sind mit roten Pfeilen markiert). Maßstab: 500 µm.
Schematischer Überblick über das leicht anpassbare 3D-Rückenmarksmodell. Der linke Bereich (grüner Hintergrund) zeigt die Schlüsselkomponenten des Modells: ECM-Moleküle, das Hydrogel, die multizelluläre Zusammensetzung und den MEW-Rahmen. Diese Komponenten bilden die „Toolbox“, die für andere spezifische Anwendungen modifiziert und angepasst werden kann. Der rechte Bereich (violetter Hintergrund) hebt die mehrstufige Charakterisierungs-Toolbox hervor. Das vorgestellte Modell wird durch mechanische Bewertung, Visualisierung mittels Mikroskopie (die strukturelle und morphologische Analysen ermöglicht) sowie funktionelle Charakterisierungen unter Verwendung von Ca2+-Bildgebung validiert. Der mittlere Teil wird von einer Rekonstruktion des 3D-Rückenmarksnetzwerks eingenommen (linke Seite: gesunder Zustand; rechte Seite: erkrankter Zustand), wobei der MEW-gedruckte Rahmen im Hintergrund als graue Linien sichtbar ist. Zusammen ermöglichen diese vielseitigen Ansätze (grün und violett) eine einfache Anpassung des 3D-Modells (Mitte) zum Vergleich von gesunden und krankheitsähnlichen 3D-Zuständen und bieten eine wertvolle Plattform zur Untersuchung der Rückenmarksphysiologie und von Krankheitsmechanismen.

Gleichzeitig ermöglichen die biofabrizierten 3D-Modelle schnelle pharmakologische Tests und verringern die Anzahl erforderlicher Tierversuche.

Die Entwicklung realistischer 3D-Modelle von Nervengewebe ist jedoch sehr herausfordernd, da das Gehirn und das Rückenmark sehr weich sind und eine komplexe Umgebung aus verschiedenen Zelltypen und Strukturen benötigen. 

Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Privatdozentin Natascha Schäfer aus der Klinischen Neurobiologie ein künstliches 3D-System entwickelt, das die natürliche Umgebung des Rückenmarks möglichst genau nachahmt. Dazu wurden spezielle Materialien sowie wichtige Proteine, die sogenannten Laminine, eingesetzt. Diese fördern das Wachstum, die Reifung und die Verbindung von Nervenzellen. Darüber hinaus wurden unterstützende Zelltypen kombiniert, um das Modell noch realistischer zu gestalten. Ein stabilisierendes Gerüst aus 3D-gedruckten Fasern sorgt dafür, dass das weiche Gewebe formstabil bleibt und besser untersucht werden kann.

Das Ergebnis: In diesem 3D-Modell überlebten Nervenzellen deutlich länger als in herkömmlichen 2D-Zellkulturen und bildeten funktionierende Netzwerke. 

In allen getesteten 3D-Modellen überlebten etwa 60 % der Zellen. Sie verteilten sich gleichmäßig im gesamten künstlichen Gewebe und bildeten lange Fortsätze, sogenannte Dendriten, aus, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen entscheidend sind. Besonders gut funktionierte das Modell, wenn zusätzlich unterstützende Zellen und Laminine vorhanden waren. Die Nervenzellen wuchsen stärker, bildeten längere Verbindungen und dichtere Netzwerke. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Modell ähnliche mechanische Eigenschaften wie echtes Nervengewebe aufweist und über längere Zeit stabil bleibt – ein wichtiger Faktor für die Erforschung neurologischer Erkrankungen. 

„Für die Untersuchung neurologischer Erkrankungen ist es nicht nur wichtig, dass die 3D-Modelle stabil sind, sondern auch, dass sie funktionierende Netzwerke bilden“, sagt Natascha Schäfer. Modelle mit unterstützenden Zellen und Lamininen zeigen deutlich mehr Synapsen, also Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, und stärkere sowie häufigere Aktivitätssignale. So entsteht im Labor ein realistisches, funktionierendes Nervengewebe, das sich hervorragend eignet, um Krankheitsmechanismen zu untersuchen.“ Das entwickelte 3D-Rückenmarksmodell kann nun genutzt werden, um neuroimmunologische Erkrankungen zu erforschen.

Realistisches Abbild krankheitsbedingter Hyperaktivität von Neuronen 

In einer nun im Journal Advanced Healthcare Materials publizierten Studie behandelte Schäfers Doktorandin Nicoletta Murenu das Modell mit Serum von Patientinnen und Patienten mit Stiff-Person-Syndrom (SPS). Die darin enthaltenen Antikörper blockieren ein wichtiges Protein im Rückenmark, was zu einer Übererregbarkeit der Nervenzellen und somit zu Krämpfen und Muskelsteifheit führt. 

In dem 3D-Modell zeigte sich, dass die Autoantikörper gezielt an diese Proteine binden. Im Vergleich zu gesundem Serum oder unbehandelten Zellen stieg die spontane Aktivität der Neurone deutlich an, was ein realistisches Abbild der krankheitsbedingten Hyperaktivität der Patienten darstellt. Damit beweist das Modell, dass es funktionelle Krankheitsmechanismen nachbilden kann und sich als Werkzeug eignet, um weitere neurologische Erkrankungen und mögliche Therapien zu untersuchen.

Das System ist flexibel anpassbar und bietet die richtigen mechanischen sowie molekularen Bedingungen für die Bildung neuronaler Netzwerke. Bereits innerhalb von sieben Tagen entstehen stabile, funktionelle Netzwerke, die bis zu 14 Tage bestehen bleiben. Die Plattform ist vielseitig einsetzbar, um die Krankheitsmechanismen von Rückenmarkerkrankungen wie SPS, SMA (Spinale Muskelatrophie) oder ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zu untersuchen. Damit stellt sie ein wertvolles Werkzeug für die neurologische Forschung dar.

Zur Arbeitsgruppe von PD Dr. Natascha Schäfer: https://www.ukw.de/forschung-lehre/neurobiologie/forschung/3d-rueckenmarksmodelle/

Publikation: Nicoletta Murenu, Esra Tuerker, Anna-Lena Wiessler, Jessica Faber, Ievgenii Liashenko, Jeanette Weigelt, Jörg Tessmar, Paul D. Dalton, Sibylle Jablonka, Mateo S. Andrade Mier, Carmen Villmann, Silvia Budday, Natascha Schaefer. Purpose-Adaptable Reinforced 3D Hyaluronic-Acid Based Platform to Study Pathomechanisms of the Central Nervous System. Advanced Healthcare Materials (2026): e05946. https://doi.org/10.1002/adhm.202505946

die beiden Forscherinnen in der Küche der Neurobiologie mit Laptop und Gehirnmodell
PD Dr. Natascha Schäfer (links) und Nicoletta Murenu. Foto: Daniel Peter
Verschiedene Bilder aus der Publikation
Links: 3D-Modelle des Rückenmarks bilden synaptische Netzwerke. Repräsentative Bilder, die die Immunzytochemie von Neuronen unter Verwendung von MAP2 (gelb), Synaptophysin (magenta) und DAPI zur Markierung der Zellkerne (cyan) zeigen. Maßstab: 50 µm Rechts: Die Lebensfähigkeit von Rückenmarksneuronen bei einem Hydrogel auf Basis von thiolierter Hyaluronsäure (HA-SH) wurde unter verschiedenen Kulturbedingungen untersucht - Rückenmarksneuronen (SCN), SCN-Astrozyten-Co-Kultur (SCN-AC) und SCN-AC, ergänzt durch LN (SCN-AC-LN). Die Lebend-Tot-Färbung erfolgte mit Calcein-AM (grün, lebende Zellen) und Ethidiumhomodimer-1 (rot, tote Zellen; beispielhafte Zellen sind mit roten Pfeilen markiert). Maßstab: 500 µm.
Schematischer Überblick über das leicht anpassbare 3D-Rückenmarksmodell. Der linke Bereich (grüner Hintergrund) zeigt die Schlüsselkomponenten des Modells: ECM-Moleküle, das Hydrogel, die multizelluläre Zusammensetzung und den MEW-Rahmen. Diese Komponenten bilden die „Toolbox“, die für andere spezifische Anwendungen modifiziert und angepasst werden kann. Der rechte Bereich (violetter Hintergrund) hebt die mehrstufige Charakterisierungs-Toolbox hervor. Das vorgestellte Modell wird durch mechanische Bewertung, Visualisierung mittels Mikroskopie (die strukturelle und morphologische Analysen ermöglicht) sowie funktionelle Charakterisierungen unter Verwendung von Ca2+-Bildgebung validiert. Der mittlere Teil wird von einer Rekonstruktion des 3D-Rückenmarksnetzwerks eingenommen (linke Seite: gesunder Zustand; rechte Seite: erkrankter Zustand), wobei der MEW-gedruckte Rahmen im Hintergrund als graue Linien sichtbar ist. Zusammen ermöglichen diese vielseitigen Ansätze (grün und violett) eine einfache Anpassung des 3D-Modells (Mitte) zum Vergleich von gesunden und krankheitsähnlichen 3D-Zuständen und bieten eine wertvolle Plattform zur Untersuchung der Rückenmarksphysiologie und von Krankheitsmechanismen.