paper place Archiv 2. Quartal 2026

First-in-human-Studie: PET-Tracer zeigt hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems

Bei zahlreichen Erkrankungen, zum Beispiel Herzkrankheiten, neurodegenerativen Erkrankungen und bestimmten Tumoren, sind Veränderungen in der Aktivität des sympathischen Nervensystems sichtbar, oft noch bevor es zu strukturellen Schäden kommt.

Das Team steht in weißen Kitteln und Hosen um einen PET-Scanner
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer

Deshalb spielt die PET-Bildgebung (PET für Posittronen-Emissions-Tomographie) mit radioaktiv markierten Stoffen, sogenannten Tracern, für die Diagnose, Prognose und Therapie dieser Erkrankungen eine zentrale Rolle. 

Die bisherigen zur Darstellung des sympathischen Nervensystems zugelassenen Tracer weisen jedoch Limitationen hinsichtlich Bildqualität, Sensitivität und diagnostischer Aussagekraft auf. 

Die Nuklearmedizin des UKW entwickelte mit [18F]Fluproxadine einen neuartigen und vielversprechenden PET-Radiotracer zur Darstellung des Noradrenalin-Transporters (NET). Das Transportprotein NET sitzt in der Zellmembran von Nervenzellen, die den Botenstoff Noradrenalin verwenden. Noradrenalin beeinflusst neben Blutdruck und Stressreaktionen auch Stimmung und Konzentration. Der Transporter bestimmt mit, wie lange und wie stark Noradrenalin wirkt. Umfassende Voruntersuchungen des Tracers in Zell- und Tiermodellen verliefen vielversprechend, sodass [18F]Fluproxadin nun im Rahmen einer internationalen Kooperation erstmals im gesunden Menschen eingesetzt wurde.

In der im “Journal Clinical Nuclear Medicine” veröffentlichten First-in-Human-Studie zeigt das Team um Prof. Dr. Takahiro Higuchi nun gemeinsam mit der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München und Partnern aus Japan, dass eine hochauflösende Bildgebung des sympathischen Nervensystems beim Menschen mit [18F]Fluproxadine sicher und technisch gut möglich ist. Die Strahlenbelastung war akzeptabel, es gab keinen Hinweis auf relevante Nebenwirkungen und der Tracer verteilte sich gut und interpretierbar im Körper. Mit [18F]Fluproxadin konnte die Aktivität des sympathischen Nervensystems sehr präzise sichtbar gemacht werden. 

Weitere Informationen, auch zu den nächsten Forschungsschritten, liefert die Pressemeldung zur Studie.

Publikation: Yamane, Tomohiko; Iimori, Hitoshi; Akamatsu, Go; Ikari, Yasuhiko; Hoda, Yuki; Shimizu, Keiji; Matsumoto, Keiichi; Senda, Michio; Werner, Rudolf A.; Nose, Naoko; Chen, Xinyu; Higuchi, Takahiro. First-In-Human Evaluation of [18F]Fluproxadine for Norepinephrine Transporter PET: Biodistribution, Dosimetry, and Safety. Clinical Nuclear Medicine 51(7):p 555-564, July 2026. | DOI: 10.1097/RLU.0000000000006504

Das Team steht in weißen Kitteln und Hosen um einen PET-Scanner
Prof. Dr. Takahiro Higuchi (3. v. links) und seine Arbeitsgruppe am DZHI Würzburg. © Katrin Heyer
Konsequente Händedesinfektion schützt vor schweren Infektionen ebenso wirksam wie zusätzliche Schutzkleidung

Zur Infektionsvermeidung werden in vielen deutschen neonatologischen Intensivstationen neben der Händedesinfektion zusätzliche Maßnahmen wie Schutzkleidung und Handschuhe eingesetzt – insbesondere, wenn die Neugeborenen mit bestimmten resistenten Bakterien besiedelt sind. Doch bieten diese sogenannten erweiterten Barrieremaßnahmen einen klaren Vorteil gegenüber konsequenter Händehygiene?

Collage mit zwei Bildern vom Flur der Kinderklinik
Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am UKW, demonstriert nach dem Interview, wie man sich korrekt die Hände desinfiziert und zieht fürs Foto Schutzkittel und Handschuhe an.

In der BALTIC-Studie (Barrier Protection to Lower Transmission and Infection Rates With Gram-Negative Bacteria in Preterm Children) wurden diese Schutzbarrieren nun mit fast 10.000 Neugeborenen auf Intensivstationen von zwölf Kliniken über einen Zeitraum von 24 Monaten cluster-randomisiert, kontrolliert und im Crossover-Ansatz untersucht. In jeder Klinik galt somit jeweils ein Jahr lang die übliche Praxis mit Kitteln, Handschuhen und Händedesinfektion, im weiteren Jahr stand die konsequente Händedesinfektion im Mittelpunkt. 

Anlass für die Studie war die Frage, ob der erhebliche Aufwand der erweiterten Barrieremaßnahmen durch einen nachweisbaren zusätzlichen Nutzen gerechtfertigt ist. Neben den Kosten und dem Zeitaufwand spielt dabei auch die Umweltbelastung durch große Mengen an Einwegmaterialien eine Rolle. „Die Schutzkleidung kann den direkten Kontakt zum Kind verringern, ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und möglicherweise sogar die Qualität der Händedesinfektion beeinträchtigen“, zählt Studienleiter Christoph Härtel, Direktor der Würzburger Kinderklinik, die Nachteile auf.

Das Ergebnis: Eine konsequente Händedesinfektion allein ist genauso wirksam wie eine Kombination aus Händedesinfektion, Schutzkittel und Einmalhandschuhen. Schwere Blutinfektionen traten in beiden Gruppen gleich selten auf. Auch die Weiterverbreitung der Keime unterschied sich nicht wesentlich.

Auf zusätzliche Schutzkleidung könnte also bei der Routineversorgung bestimmter Kinder verzichtet werden.

Die Studie wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) bzw. dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der DAMP-Stiftung. 

Details liefert die Pressemeldung zur Studie sowie ein Interview mit Christoph Härtel. 

Publikation: Kirstin Faust, Franziska Strecker, Clara Haug, Ursula Felderhoff-Müser,Anja Stein, Reinhard Jensen, Mats Ingmar Fortmann, Janina Marißen, Christine Silwedel, Kirsten Brebach, David Frommhold, Christian Wieg, Georg Hillebrand, Barbara Naust, Esther Schmidt, Lutz Koch, Susanne Schmidtke, Arne Simon, Michael Zemlin, Sascha Meyer, Christopher Scholzen, Natascha Köstlin-Gille, Christian Gille, Ann-Carolin Longardt, Wolfgang Göpel, Manuel Krone, Stefanie Kampmeier, Dennis Nurjadi, Egbert Herting, Jan Rupp, Inke R. König, Christoph Härtel. Extended Barrier Precautions vs Hand Hygiene Alone and Neonatal Sepsis in Intensive Care Patients: The BALTIC Cluster-Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026;9(5):e2612759. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.12759

Collage mit zwei Bildern vom Flur der Kinderklinik
Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am UKW, demonstriert nach dem Interview, wie man sich korrekt die Hände desinfiziert und zieht fürs Foto Schutzkittel und Handschuhe an.
CAR-T-Zelltherapie: Kombination unterschiedlicher CAR-T-Zellen könnte Vorteile bringen

CAR-T-Zellen mit einer starken Bindung an Krebszellen bekämpfen Tumore besonders effektiv, können aber stärkere Nebenwirkungen verursachen und mit der Zeit an Leistungsfähigkeit verlieren.

Figure 4 aus der Publikation: CAR-T-cell-associated toxicities are influenced by T-cell dose and receptor affinity.
Schematische Darstellung des experimentellen Designs des humanisierten CRS-Mausmodells unter Verwendung sortierter CAR-T-Zellen. Das grundlegende Studiendesign ist in allen CRS-Experimenten identisch; die dargestellten Bedingungen für den Transfer der CAR-T-Zellen veranschaulichen die Vergleiche zwischen unterschiedlichen Dosen von CAR-T-Zellen mit hoher bzw. niedriger Affinität.

CAR-T-Zellen mit einer schwächeren Bindung lösen dagegen weniger Entzündungsreaktionen aus und bleiben länger aktiv, sind allein jedoch weniger wirksam gegen den Tumor. 

Ein Forschungsteam konnte in Labor- und Tiermodellen zeigen, dass eine Kombination aus CAR-T-Zellen mit hoher und niedriger Bindungsstärke die Vorteile beider Ansätze vereinen kann: eine wirksame Tumorbekämpfung bei gleichzeitig geringeren Nebenwirkungen und einer längeren Aktivität der CAR-T-Zellen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Kombination verschiedener CAR-T-Zellen künftig wirksamere und zugleich sicherere Krebsbehandlungen ermöglichen könnte.

Publikation: Warmuth L, Dötsch S, Trebo M, Bellucci S, Engels S, Valdivia Manrique R, Moukarzel K, Schütz JM, Hammel M, Straub A, Wagner S, Hochholzer A, Salinno C, Seigner J, Zajc CU, Schmidt GP, Michael J, Nerreter T, Hudecek M, Traxlmayr MW, Casucci M, Riddell SR, Poltorak MP, Busch DH, D'Ippolito E. Balancing the efficacy and safety of chimeric antigen receptor T-cell therapy by affinity combination. Nat Commun 17, 3413 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71354-7

Figure 4 aus der Publikation: CAR-T-cell-associated toxicities are influenced by T-cell dose and receptor affinity.
Schematische Darstellung des experimentellen Designs des humanisierten CRS-Mausmodells unter Verwendung sortierter CAR-T-Zellen. Das grundlegende Studiendesign ist in allen CRS-Experimenten identisch; die dargestellten Bedingungen für den Transfer der CAR-T-Zellen veranschaulichen die Vergleiche zwischen unterschiedlichen Dosen von CAR-T-Zellen mit hoher bzw. niedriger Affinität.
Neue Perspektive für die Schlaganfalltherapie

In dieser Studie geht es um die Neuroprotektion durch eine Blockade von NLRP3 in der Akutphase des Schlaganfalls. Wird ein Blutgefäß im Gehirn plötzlich verschlossen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Links Erstautor PD Dr. Maximilian Bellut, Neurologe und Arbeitsgruppenleiter, und rechts Letztautor Prof. Dr. Michael Schuhmann, Leiter des Klinischen Labors der Neurologie. (Foto von M. Bellut von Stephanie Kunde / Köln)
Multikanalfärbung des NLRP3 Inflammasoma
Das NLRP3 Inflammasom in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten in der Hyperakutphase des Schlaganfalls. Repräsentative immunhistochemische Multikanal-Färbung: Dargestellt ist ein kleines zerebrales Gefäß innerhalb des Schlaganfallareals 4 Stunden nach Beginn eines dauerhaften Verschlusses der A. cerebri media rechts. Gefärbt wurden Zellkerne (DAPI, blau), Endothelzellen/Gefäße (CD105, grün), das NLRP3 Inflammasom (rot) und Neutrophile (Ly6G, violett). Es zeigt sich eine Expression des NLRP3 Inflammasoms in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten. Der weiße Pfeil zeigt einen NLRP3-positiven intravasalen Neutrophilen. Maßstabsbalken = 50 µm. Aus: Bellut et al., Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization, Cell Reports Medicine, 2026.

Mit jeder Minute, in der das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird, sterben Millionen Nervenzellen unwiederbringlich ab. Zwar kann das Blutgerinnsel heute häufig medikamentös aufgelöst (Thrombolyse) oder mechanisch mittels Katheter entfernt werden (Thrombektomie), sodass der Blutfluss wiederhergestellt wird. Dennoch kommt es trotz erfolgreicher Behandlung häufig zu schweren bleibenden Schäden oder zum Tod.

Ein wesentlicher Grund dafür ist das Fortschreiten des Infarkts bereits während des Gefäßverschlusses. Um die Behandlungsergebnisse zu verbessern, sind daher zusätzliche Therapieansätze erforderlich, die bereits vor der Wiedereröffnung des Gefäßes wirksam werden.

Ein Team aus der Neurologie und Neuroradiologie des UKW sowie der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn zeigte in der Fachzeitschrift "Cell Reports Medicine" NLRP3 als vielversprechendes Zielmolekül: Dessen Blockade konnte im Experiment das Fortschreiten von Schlaganfällen bereits während des Gefäßverschlusses verlangsamen. Bei Patientinnen und Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall fanden sich korrespondierend in speziellen „pialen“ Blutproben aus dem betroffenen Hirngebiet erhöhte Anzahlen NLRP3-positiver Immunzellen mit prognostischer Bedeutung. Perspektivisch könnte eine frühzeitige Hemmung von NLRP3 wertvolle Zeit bis zur Wiedereröffnung eines verschlossenen Hirngefäßes überbrücken und so das Behandlungsergebnis verbessern.

Aber was ist NLRP3 genau?  „NLRP3 ist ein Proteinkomplex, das auf viele verschiedene Gefahrensignale reagiert. Wenn wir diese Leitstelle frühzeitig unter Kontrolle bringen, bevor das Chaos ausbricht, gewinnen wir viel Zeit, Gehirnsubstanz und Lebensqualität", sagt Erstautor Maximilian Bellut. 

Der Neurologe liefert im Interview weitere Hintergrundinformationen zu seiner Forschung.

Details zur Studie stehen in unserer Pressemeldung

Publikation: Maximilian Bellut, Alexander M. Kollikowski, Marius L. Vogt, Lukas Rossnagel, Ibrahim Hawwari, Bernardo S. Franklin, Mirko Pham, Guido Stoll and Michael K. Schuhmann. Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization. Cell Reports Medicine (2026), https://doi.org/10.1016/j.xcrm.2026.102723

Links Erstautor PD Dr. Maximilian Bellut, Neurologe und Arbeitsgruppenleiter, und rechts Letztautor Prof. Dr. Michael Schuhmann, Leiter des Klinischen Labors der Neurologie. (Foto von M. Bellut von Stephanie Kunde / Köln)
Multikanalfärbung des NLRP3 Inflammasoma
Das NLRP3 Inflammasom in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten in der Hyperakutphase des Schlaganfalls. Repräsentative immunhistochemische Multikanal-Färbung: Dargestellt ist ein kleines zerebrales Gefäß innerhalb des Schlaganfallareals 4 Stunden nach Beginn eines dauerhaften Verschlusses der A. cerebri media rechts. Gefärbt wurden Zellkerne (DAPI, blau), Endothelzellen/Gefäße (CD105, grün), das NLRP3 Inflammasom (rot) und Neutrophile (Ly6G, violett). Es zeigt sich eine Expression des NLRP3 Inflammasoms in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten. Der weiße Pfeil zeigt einen NLRP3-positiven intravasalen Neutrophilen. Maßstabsbalken = 50 µm. Aus: Bellut et al., Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization, Cell Reports Medicine, 2026.
Männchen und Weibchen lösen Schmerzen unterschiedlich auf

Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Robert Blum untersuchte, wie sich neuropathische Schmerzen nach einer Nervenverletzung zurückbilden. Im Fokus stand das Spinalganglion (Dorsal Root Ganglion, DRG), eine zentrale Schaltstelle der Schmerzverarbeitung.

Gewebeschnitte sehen wir Mosaik-Kunstwerke auf schwarzem Grund aus
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Grafische Zusammenfassung der Schmerzrückbildung  von Verletzung über maximalem Schmerz bis zur Schmerzauflösung - Makrophagen besetzten erst den Raum zwischen Neuron und Gliazelle, dann verlassen sie ihn wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.
Mitglieder der AG Blum - mittig Robert Blum und Felicitas Schlott mit gebasteltem Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott - das Forschungsprojekt war Teil ihrer Dissertation: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott

Dabei zeigte sich, dass die unmittelbare Reaktion auf die Verletzung bei männlichen und weiblichen Ratten weitgehend ähnlich verläuft, die Mechanismen der Schmerzrückbildung jedoch geschlechtsspezifisch sind.

Bei weiblichen Tieren blieben Immunreaktionen, insbesondere die Aktivität von Makrophagen, länger bestehen. Bei männlichen Tieren hielten dagegen Aktivierung und Kontakt der Satellitengliazellen zu den Nervenzellen länger an. Trotz dieser Unterschiede löste sich der Schmerz bei beiden Geschlechtern zum gleichen Zeitpunkt auf.

Mithilfe KI-gestützter Analysen und einer umfassenden Untersuchung der Genaktivität konnten die Forschenden zudem zeigen, dass die Schmerzrückbildung nicht einfach eine Rückkehr zum Ausgangszustand nach der Verletzung ist. Stattdessen werden neue, geschlechtsspezifische genetische Programme aktiviert. Hunderte Gene waren während der Schmerzrückbildung unterschiedlich reguliert.

Die in Cell Reports veröffentlichten Ergebnisse verdeutlichen, dass das Geschlecht in der zellulären und molekularen Schmerzbiologie eine größere Rolle spielt als bisher angenommen. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, geschlechtsspezifische Unterschiede künftig stärker in der Schmerzforschung und in der personalisierten Schmerzmedizin zu berücksichtigen.

Ausführliche Details zu dem Forschungsprojekt und wie es weitergeht finden Sie in der Pressemeldung

Publikation: Felicitas Schlott, Beate Hartmannsberger, Thorsten Bischler, Tom Gräfenhan, Alexander Brack, Heike L. Rittner, Annemarie Sodmann, Robert Blum. Sex-specific molecular and cellular phenotypes during resolution of neuropathic pain in dorsal root ganglia. Cell Reports. Volume 45, Issue 6, 2026, 117442, ISSN 2211-1247, https://doi.org/10.1016/j.celrep.2026.117442

Gewebeschnitte sehen wir Mosaik-Kunstwerke auf schwarzem Grund aus
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Grafische Zusammenfassung der Schmerzrückbildung  von Verletzung über maximalem Schmerz bis zur Schmerzauflösung - Makrophagen besetzten erst den Raum zwischen Neuron und Gliazelle, dann verlassen sie ihn wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.
Mitglieder der AG Blum - mittig Robert Blum und Felicitas Schlott mit gebasteltem Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott - das Forschungsprojekt war Teil ihrer Dissertation: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott
Teclistamab: Neue Perspektive für eine langfristig bessere Kontrolle des Multiplen Myeloms

Eine neue Kombination aus Standardtherapie und moderner Immuntherapie könnte die Behandlung des Multiplen Myeloms weiter verbessern. Forschende der Universitätskliniken Heidelberg und Würzburg untersuchten in einer multizentrischen Phase-II-Studie den Einsatz des bispezifischen Antikörpers Teclistamab bei Menschen mit neu diagnostiziertem Multiplem Myelom, die für eine Stammzelltransplantation geeignet waren.

Die beiden Wissenschaftler im Anzug im Foyer eines Kongresszentrums.
Studienleiter Prof Dr. Marc-Steffen Raab, Leiter des Myelomzentrums am UKHD und Erstautor der Publikation (rechts) mit Prof. Dr. Leo Rasche, Oberarzt in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW und Letztautor der Studie. © Carsten Müller-Tidow
Balkendiagramm der MRD-Negativität
Der Anteil der Patientinnen und Patienten mit MRD-Negativität lag in der Studie bei 100 Prozent. Das heißt: Mit hochsensitiven Untersuchungsmethoden waren bei allen Studienteilnehmenden in der MRD-auswertbaren Analysepopulation keine verbliebenen Myelomzellen mehr nachweisbar, was auf ein tiefes Ansprechen auf die Therapie mit Teclistamab hinweist. Die Studienteilnehmenden in Arm A und Arm A1 erhielten Teclistamab in Kombination mit Daratumumab und Lenalidomid; die Patienten in Arm B erhielten Teclistamab zusammen mit Daratumumab, Lenalidomid und Bortezomib. Abbildung aus Raab, M.S., Weinhold, N., Kortüm, K.M. et al. Teclistamab-based induction treatment in transplant-eligible, newly diagnosed multiple myeloma: a phase 2 trial. Nat Med (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-026-04471-x

Teclistamab gehört zu den modernen Immuntherapien und verbindet gezielt körpereigene Abwehrzellen (T-Zellen) mit den Myelomzellen. Dadurch werden die T-Zellen aktiviert und können die Krebszellen erkennen und zerstören. In der Studie erhielten 49 Patientinnen und Patienten aus Heidelberg, Würzburg und weiteren deutschen Myelomzentren Teclistamab in Kombination mit etablierten Medikamenten wie Daratumumab, Lenalidomid und teilweise Bortezomib. 

Die in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Ergebnisse sind vielversprechend: Bei allen auswertbaren Patientinnen und Patienten waren nach sechs Monaten mit hochsensitiven Untersuchungsmethoden keine verbliebenen Myelomzellen mehr im Knochenmark nachweisbar (sogenannte MRD-Negativität). Diese besonders tiefe Form des Ansprechens gilt als wichtiger Hinweis auf eine längere Kontrolle der Erkrankung. Die Nebenwirkungen entsprachen weitgehend den Erwartungen bei dieser Art der Behandlung und waren behandelbar. 

Die Studie könnte dem Letztautor Leo Rasche zufolge, ein großer und wichtiger Schritt sein, mit dem das Multiple Myelom dank moderner Immuntherapien endlich aus dem Bereich der unheilbaren Erkrankungen herauskommt und die Patientinnen und Patienten ähnlich wie beim Hodgkin-Lymphom oder der chronischen myeloischen Leukämie in eine extrem tiefe Remission geschickt werden können.

Das Ergebnis muss nun in randomisierten Phase-III-Studien validiert werden, damit diese Kombination zugelassen wird und von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Es gibt natürlich viele weitere Fragen: Brauchen wir die anderen Medikamente noch? Können wir ein oder zwei Wirkstoffe weglassen oder die Therapie verkürzen, wenn die Patientinnen und Patienten bereits nach drei Monaten so gut auf den bispezifischen Antikörper ansprechen? „Vielleicht erleben wir auch schon bald die Abkehr von der Chemotherapie und behandeln künftig nur noch mit Immuntherapien“, spekuliert Rasche. „Eine Tumortherapie ist kein Krieg. Bei allen Kämpfen gegen den Tumor dürfen wir die Person und deren Leben dahinter nicht vergessen. Unser Ziel ist es, unseren Patientinnen und Patienten bestmöglich zu helfen und dabei so viele Wirkstoffe wie nötig, aber so wenige wie möglich einzusetzen.“ Heilung definiert Rasche als Kombination aus Tumorfreiheit und Behandlungsfreiheit – mit möglichst wenigen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen der Therapien.

Im Moment testet das Team in verschiedenen Kombinationen das Potenzial der Immuntherapien in der Erstlinientherapie beim Myelom. „Wir hoffen, dass wir unsere Patientinnen und Patienten damit heilen können und dass die Therapien gut verträglich sind. Bei einer 100-prozentigen MRD-Negativität können wir durchaus sagen, dass der Patient nicht mehr am Abgrund steht und es nicht nur um den Tumor, sondern auch um die Lebensqualität geht“, sagt Rasche. „Das ist eine sehr gute Nachricht für unsere Patientinnen und Patienten.“

Die Studie ist der erste Report der Deutschen Myelomstudie, in der das UKHD und das UKW ihre beiden Studiengruppen zum Multiplen Myelom zusammengeführt haben: die von Würzburg aus geleitete Deutsche Studiengruppe Multiples Myelom (DSMM) und die von Heidelberg aus geleitete German-Speaking Myeloma Multicenter Group (GMMG). „Zusammen sind wir einfach stärker“, sagt Leo Rasche, der die Studie in Würzburg gemeinsam mit Prof. Dr. Hermann Einsele (Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II und Leiter der DSMM) sowie Prof. Dr. Martin Kortüm (Leiter der Translationalen Myelomforschung) vorangetrieben.

Zur Pressemeldung

Publikation: Marc S. Raab, Niels Weinhold, K. Martin Kortüm, Jan Krönke, Roland Fenk, Katja Weisel, Lilli Podola, Uta Bertsch, Alexander Brobeil, Julia Mersi, Stefanie Huhn, Ryan Arlinghaus, Michael Hundemer, Stephan R. Bohl, Elias K. Mai, Natalie Schub, Johannes Waldschmidt, Florian Bassermann, Carsten Müller-Tidow, Christoph Heuck, Caline Sakabedoyan, Josephine Khan, Elena Ershova, Bas D. Koster, Monika Engelhardt, Mathias Hänel, Hans Salwender, Raphael Teipel, Hartmut Goldschmidt, Hermann Einsele, Leo Rasche, on behalf of the GMMG-HD10/DSMM-XX (MajesTEC-5) investigators. Teclistamab-based induction treatment in transplant-eligible, newly diagnosed multiple myeloma: a phase 2 trial. Nat Med (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-026-04471-x

Die beiden Wissenschaftler im Anzug im Foyer eines Kongresszentrums.
Studienleiter Prof Dr. Marc-Steffen Raab, Leiter des Myelomzentrums am UKHD und Erstautor der Publikation (rechts) mit Prof. Dr. Leo Rasche, Oberarzt in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW und Letztautor der Studie. © Carsten Müller-Tidow
Balkendiagramm der MRD-Negativität
Der Anteil der Patientinnen und Patienten mit MRD-Negativität lag in der Studie bei 100 Prozent. Das heißt: Mit hochsensitiven Untersuchungsmethoden waren bei allen Studienteilnehmenden in der MRD-auswertbaren Analysepopulation keine verbliebenen Myelomzellen mehr nachweisbar, was auf ein tiefes Ansprechen auf die Therapie mit Teclistamab hinweist. Die Studienteilnehmenden in Arm A und Arm A1 erhielten Teclistamab in Kombination mit Daratumumab und Lenalidomid; die Patienten in Arm B erhielten Teclistamab zusammen mit Daratumumab, Lenalidomid und Bortezomib. Abbildung aus Raab, M.S., Weinhold, N., Kortüm, K.M. et al. Teclistamab-based induction treatment in transplant-eligible, newly diagnosed multiple myeloma: a phase 2 trial. Nat Med (2026). https://doi.org/10.1038/s41591-026-04471-x
EMN24-IsKia-Studie zeigt: Isatuximab verbessert die Tiefe der Behandlung beim Multiplen Myelom

Obwohl sich die Behandlungsmöglichkeiten des Multiplen Myeloms in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, besteht weiterhin das Ziel, die Erkrankung möglichst tief und langfristig zurückzudrängen. Besonders bei jüngeren und körperlich geeigneten Patientinnen und Patienten, die für eine Stammzelltransplantation infrage kommen, wird intensiv nach den wirksamsten Kombinationstherapien gesucht.

Die in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichte Phase-3-Studie EMN24 IsKia untersuchte, ob eine zusätzliche Immuntherapie mit Isatuximab die Behandlungsergebnisse verbessern kann. Verglichen wurde eine Vierfachkombination aus Isatuximab, Carfilzomib, Lenalidomid und Dexamethason (Isa-KRd) mit der bisherigen Kombination Carfilzomib, Lenalidomid und Dexamethason (KRd). In die Studie wurden unter anderem auch in Würzburg, 302 Patientinnen und Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom aufgenommen, die für eine Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender eigener Stammzelltransplantation geeignet waren. Die Teilnehmenden wurden zufällig einer der beiden Behandlungsgruppen zugeteilt. 

Ein wichtiger Untersuchungsparameter war die sogenannte messbare Resterkrankung (MRD, minimal residual disease). Dabei wird mit sehr empfindlichen Methoden geprüft, ob nach der Behandlung noch kleinste Mengen von Krebszellen nachweisbar sind. Eine MRD-Negativität gilt als Hinweis darauf, dass die Erkrankung besonders tief zurückgedrängt wurde und kann mit einer längeren krankheitsfreien Zeit zusammenhängen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die zusätzliche Behandlung mit Isatuximab zu deutlich mehr sehr tiefen Remissionen führte. Nach Abschluss der Behandlung waren 77 Prozent der Patientinnen und Patienten unter Isa-KRd MRD-negativ (gegenüber 67 Prozent unter KRd). Bei einer noch empfindlicheren Messmethode war der Unterschied größer: 68 Prozent unter Isa-KRd erreichten diesen besonders tiefen Behandlungserfolg, verglichen mit 48 Prozent unter KRd. Auch nach der ersten Therapiephase zeigte sich bereits ein Vorteil für die Isatuximab-Kombination. 

Besonders bemerkenswert war, dass der Vorteil der Isa-KRd-Therapie auch bei Patientinnen und Patienten mit ungünstigeren genetischen Risikofaktoren beobachtet wurde. Die zusätzliche Immuntherapie konnte offenbar dazu beitragen, auch bei diesen Betroffenen eine ähnlich tiefe Krankheitskontrolle zu erreichen wie bei Personen mit niedrigerem Risiko. 

Die Sicherheit der Behandlung war insgesamt vergleichbar. Bestimmte Nebenwirkungen wie eine Verminderung der weißen Blutkörperchen (Neutropenie) traten unter Isa-KRd häufiger auf, schwere Komplikationen und Therapieabbrüche waren jedoch in beiden Gruppen ähnlich häufig. Daten dazu, ob die bessere MRD-Rate auch langfristig zu einem längeren Überleben ohne Fortschreiten der Erkrankung führt, waren zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht vollständig verfügbar. 

Fazit:Die Studie zeigt, dass die Ergänzung der bisherigen Behandlung durch den Antikörper Isatuximab bei neu diagnostiziertem multiplem Myelom zu einer tieferen und anhaltenderen Krankheitskontrolle führen kann. Besonders für Patientinnen und Patienten, die für eine Stammzelltransplantation geeignet sind, könnte diese Vierfachtherapie eine wichtige Weiterentwicklung der Erstbehandlung darstellen. Ob sich der Vorteil auch in einer längeren Lebenszeit oder einer dauerhaft besseren Prognose zeigt, müssen weitere Nachbeobachtungen noch bestätigen.

Publikation: Gay F, Roeloffzen W, Dimopoulos MA, Rosiñol L, van der Klift M, Mina R, Oriol A, Katodritou E, Wu KL, Rodríguez Otero P, Hájek R, Antonioli E, van Duin M, D'Agostino M, Martínez-López J, van Leeuwen-Segarceanu EM, Zamagni E, van de Donk NWCJ, Weisel KC, Pour L, Radocha J, Belotti A, Schjesvold F, Bladé J, Einsele H, Sonneveld P, Boccadoro M, Broijl A. Isatuximab, carfilzomib, lenalidomide and dexamethasone in newly diagnosed multiple myeloma: a randomized phase 3 trial.  Nat Med. 2026 May;32(5):1773-1782. doi: 10.1038/s41591-026-04282-0. Epub 2026 Apr 6.