Interview mit Prof. Dr. Christoph Härtel zur BALTIC-Studie

Christoph Härtel erläutert unter anderem, warum Schutzkleidung überhaupt in die Leitlinien aufgenommen wurde, welche Auswirkungen diese auf die Psyche, aber auch auf die Qualität der Händedesinfektion hat und warum die BALTIC-Studie für ein Aufatmen sorgt.

Prof. Dr. Christoph Härtel initiierte die BALTIC-Studie noch während seiner Zeit in Lübeck. Bis zu seinem Wechsel nach Würzburg im Mai 2020 leitete er dort den Bereich Infektiologie, Immunologie und Rheumatologie in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Diese Forschungsschwerpunkte baut er als Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg sukzessive aus – sowohl im Rahmen überregionaler Forschungsnetzwerke als auch auf dem Würzburger Campus. Hier bilden die Immunologie und Infektiologie ausgewiesene Kernbereiche in Klinik und Forschung. Dabei ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit ein wichtiger Katalysator. 

So wirkte auch Prof. Dr. Stefanie Kampmeier an der BALTIC-Studie mit. Die Professorin für Krankenhaushygiene leitet die Zentrale Einrichtung für Krankenhaushygiene und Antimicrobial Stewardship am UKW. Sie ist zudem Sektionssprecherin des Bayerischen Surveillancezentrums (BaySurv) des Bayerischen Zentrums für Präventive Infektionsmedizin (BZI) sowie Co-Sprecherin des NUM-Fachnetzwerkes Infektionen (SNID). Im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) hat sie gerade die neue Studie PREVENT initiiert. In dieser Studie wird unter anderem an 22 Universitätskliniken untersucht, welche Hygienemaßnahmen am besten vor Krankenhauskeimen schützen. 

Prof. Härtel, sind die Hygienemaßnahmen bei Erwachsenen und Neugeborenen vergleichbar? 

Die Hygienemaßnahmen haben unabhängig von der Altersgruppe das Ziel, Übertragungen von Erregern zu übertragen. Für das Anziehen der Schutzkleidung im Vergleich zur Bedeutung der Händedesinfektion gibt es nur unzureichende Evidenz. Es bedeutet immer einen zusätzlichen Arbeitsschritt für alle Klinken und Berufsgruppen, die mit Schutzkleidung arbeiten müssen. Für jeden neuen Kontakt wird neue Schutzkleidung benötigt wird. Dieses kostet Zeit, verursacht Kosten und bedeutet die Belastung für die Umwelt durch die immensen Müllberge. 

Welche Auswirkungen hat Schutzkleidung auf die Psyche? 

Zum einen kann sich durch den Aufwand die Kontaktzeit zu Patientinnen und Patienten verringern. Zum anderen macht es auch etwas mit den Eltern, wie wir immer wieder beobachten. Da es keine eindeutige Studienlage gibt, kann ich nur aus Erfahrung sprechen. Stellen Sie sich vor, in dem Behandlungszimmer der Intensivstation liegen vier Kinder. Ihr Kind ist das einzige, das mit Schutzkleidung versorgt wird. Diese Hygienebarriere wird dann auch zur psychologischen Barriere. Die Eltern fühlen sich schlecht, weil sie vielleicht denken, sie oder ihr Kind hätten „Schmutz“ auf die Station gebracht, das kann stigmatisieren. Einige haben Hemmungen, ihr eigenes Kind zu berühren. Dabei ist das sogenannte Bonding so wichtig für die Beziehung und die Gesundheit des Kindes. 

Hat die Studie jetzt für ein Aufatmen gesorgt? 

Definitiv. Wir können die Schutzkittel und Handschuhe in der Routineversorgung nun abschaffen, sie bleiben nur noch Sondersituationen in Rücksprache mit der Hygiene vorbehalten. Zudem müssen die Leitlinien überarbeitet werden. Denn erstmals zeigen wir, dass eine konsequente Händedesinfektion vor schweren Infektionen ebenso wirksam schützt wie zusätzliche Schutzkleidung. 

Es gab bereits zuvor keine Evidenz für den Nutzen von Handschuhen und Schutzkitteln. Wie kam diese zusätzliche Schutzmaßnahme dann überhaupt in die Leitlinie? 

Die Empfehlung für Handschuhe und Schutzkittel in der Neonatologie entstand nach Ausbrüchen multiresistenter Erreger auf Neugeborenenintensivstationen in Deutschland in den frühen 2010er-Jahren - obwohl die Evidenz damals begrenzt war und bereits bekannt war, dass das Risiko schwerer Infektionen bei Frühgeborenen vor allem durch die Unreife ihres Immunsystems bestimmt wird. Gleichzeitig können strukturelle Faktoren wie Personalmangel oder eine hohe Auslastung die Einhaltung von Hygienestandards erschweren und das Infektionsrisiko erhöhen.

Zum Risiko: In der BALTIC-Studie wurden Hygienemaßnahmen in zwölf Kinderkliniken mit insgesamt 10.000 Neugeborenen untersucht. Auf den neonatologischen Intensivstationen liegen sowohl Reifgeborene als auch Frühgeborene. Wie unterscheidet sich das Risiko bei diesen beiden Gruppen? 

Die Grundanfälligkeit von Frühgeborenen basiert eindeutig auf ihrer Unreife, d. h. ihrer noch sehr zarten Haut und Schleimhaut bzw. dem wenig trainierten Immunsystem.  Bei einem reif geborenen Kind kommt es auf die Ursache an, warum es eine intensivmedizinische Behandlung benötigt. Hat es beispielsweise eine Bauch-OP hinter sich, ist das Infektionsrisiko aufgrund der offenen Wunde mindestens genauso hoch wie bei einem Frühgeborenen, das nebenan im Inkubator oder Wärmebettchen liegt. 

Im Fazit der Publikation heißt es, dass Maßnahmen zur Infektionsprävention noch gezielter eingesetzt werden sollten. Was bedeutet das? 

Dass wir zum Beispiel die Schutzkleidung nicht mehr routinemäßig, sondern nur bei einer Häufung eines bestimmten Erregers einsetzen sollten. Infektionsprävention ist schließlich nur ein wichtiger Teilaspekt der Behandlung. Andere Aspekte sind beispielsweise die entwicklungsfördernde Pflege. Hygienebarrieren sollten den Eltern den Zugang zu ihrem Kind nicht erschweren. Zudem sollten wir das Screening auf bestimmte Erreger verbessern und überdenken. Denn wenn ein besiedeltes Frühgeborenes eine Infektion bekommt, dann wurde diese Infektion eher selten durch den Keim übertragen, dessentwegen aufgrund eines Screening-Befundes Handschuhe und Kittel getragen werden. Es sind meistens andere Erreger.

Sie planen bereits eine Folgestudie, in der sie das Screening auf diese Erreger überprüfen wollen. Wie läuft das Screening aktuell ab? Was kann verbessert werden?

Derzeit werden alle Kinder auf der neonatologischen Intensivstation einmal pro Woche auf Erreger getestet. Dazu werden ein Rachenabstrich und eine Stuhlprobe analysiert. Basierend auf dem Ergebnis entscheiden die Stationsärztinnen und -ärzte über das weitere Vorgehen. In unserer Studie soll das Ergebnis in der Mikrobiologie bleiben. Die Station wird nur bei einer Ausbruchsituation informiert, nicht mehr in Einzelfällen. Hintergrund ist, dass seit der Einführung des Screenings vor rund 14 Jahren in Deutschland der Verbrauch an Reserve-Antibiotika zugenommen hat, ohne dass dadurch die Infektionsrate von Frühgeborenen reduziert werden konnte

Und Antibiotika sind Fluch und Segen zugleich. 

Richtig. Einerseits sind Antibiotika in der Therapie schwerer Infektionen essentiell. Andererseits ist bekannt, dass Antibiotika – insbesondere bei früher und häufiger Anwendung – unerwünschte Auswirkungen haben können, etwa auf die Entwicklung des Mikrobioms. Zudem werden Zusammenhänge mit langfristigen gesundheitlichen Folgen wie Veränderungen des Stoffwechsels, erhöhter Gewichtszunahme oder einem erhöhten Risiko für allergische Erkrankungen und Asthma diskutiert.

Zum Abschluss noch einmal das Thema Händedesinfektion. In der Studie schreiben Sie, dass Schutzkleidung ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln kann und die Qualität der Händedesinfektion möglicherweise sogar beeinträchtigt.

Ja, auch wer Schutzkleidung trägt, muss sich gründlich die Hände desinfizieren.  Wer jedoch Kittel und Handschuhe anlegt, wird hier bisweilen nachlässiger. Zudem müssen die Hände nach der Desinfektion und vor dem Anziehen der Handschuhe gut trocknen. In einer Akut-Situation, wenn ich schnell zum Kind muss, fehlt dafür unter Umständen die Zeit. 

Warum ist die Händedesinfektion trotz Schutzkleidung wichtig? 

Schon das Anziehen der Handschuhe ist problematisch, da dabei automatisch Kontakt mit den Außenflächen der Handschuhe entsteht und diese kontaminiert werden können. Außerdem sind die üblichen Einmaluntersuchungshandschuhe nicht steril und teilweise durchlässig. Das Ausziehen der Handschuhe gelingt darüber hinaus meist nicht kontaminationsfrei, sodass nur eine anschließende Händedesinfektion eine Keimreduktion garantieren kann.

Wie desinfiziere ich meine Hände korrekt? 

Die Händedesinfektion erfolgt mit Ethanol- oder Isopropanolhaltigen Desinfektionsmitteln und sollte je nach Einwirkzeit 15 bis 30 Sekunden dauern. Dabei muss ausreichend Desinfektionsmittel – 3 Milliliter – verwendet werden, sodass alle Bereiche der Hände vollständig benetzt werden können: Handflächen, Handrücken, Daumen und Finger - auch die Fingerspitzen, Fingernägel und Fingerzwischenräume. Mit Schwarzlicht und fluoreszierenden Testsubstanzen lässt sich überprüfen, ob alle Bereiche der Hände ausreichend erfasst wurden. Häufige Benetzungslücken sind vor allem der Daumen, der Nagelfalz und die Fingerzwischenräume. 

Und wann sollten die Hände desinfiziert werden?

Die Momente in denen die Händedesinfektion durchgeführt werden sollte, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO mit „5 Moments for hand hygiene“ konkret definiert: Vor dem Patientenkontakt, nach dem Patientenkontakt, nach dem Kontakt zur Patientenumgebung, vor aseptischen Tätigkeiten und nach dem Kontakt zu potenziell infektiösen Materialien.

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation am UKW

Hier geht es zur Pressemeldung zur BALTIC-Studie und hier zur Studie. 

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