Nach lerntheoretischen Modellen kann sich selbstverletzendes Verhalten verfestigen, wenn es als wirksame Möglichkeit erlebt wird, belastende Gefühle oder innere Anspannung zu verringern.
Vor diesem Hintergrund untersuchte ein Forschungsteam aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKW gemeinsam mit Marta Andreatta vom Uniklinikum Tübingen, wie Jugendliche mit NSSV Schmerz, Bedrohung und das Nachlassen von Schmerz verarbeiten.
An der Studie nahmen 55 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren teil, davon 28 mit einer Vorgeschichte wiederholter Selbstverletzungen und 27 gesunde Kontrollpersonen. In einem Experiment zum furchtbezogenen Lernen wurden verschiedene Reize eingesetzt: Ein Reiz kündigte einen leichten elektrischen Schmerz an, ein weiterer signalisierte das Ende des Schmerzes (und damit Erleichterung), während ein dritter Reiz neutral blieb. Währenddessen erfassten die Forschenden die körperliche Schreckreaktion (Startle-Reflex), die Hautleitfähigkeit sowie subjektive Bewertungen der Reize.
Entgegen der ursprünglichen Annahme zeigte sich, dass Jugendliche mit NSSV das Ende des Schmerzreizes und die damit verbundene Erleichterung nicht stärker als belohnend erlebten als die Kontrollgruppe. Stattdessen reagierten sie deutlich schwächer auf Reize, die einen Schmerz ankündigten: Sowohl ihre körperlichen Abwehrreaktionen (Schreckreflex und Hautleitfähigkeit) als auch ihre subjektive Unterscheidung zwischen bedrohlichen und neutralen Reizen waren vermindert.
Die Ergebnisse sprechen daher weniger für eine verstärkte Belohnungswirkung der Erleichterung nach Schmerz als vielmehr für eine abgeschwächte Verarbeitung von Bedrohungs- und Schmerzreizen.
Dies könnte erklären, warum selbstverletzendes Verhalten für manche Betroffene als entlastend erlebt wird und warum sie Schmerzen oder bedrohliche Reize und Warnsignale anders verarbeitet werden als Gleichaltrige.
Aufgrund der kleinen Stichprobe, der Beschränkung auf weibliche Jugendliche und des experimentellen Studiendesigns empfehlen die Forschenden die Ergebnisse in weiteren Studien zu überprüfen.
Publikation: Marta Andreatta, Nora Banaschewski, Heike Rittner, Marcel Romanos, Arne Bürger & Lorenz Deserno. Relief and blunted defensive conditioned responses in girls with non-suicidal self-injury behaviors. Eur Child Adolesc Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1007/s00787-026-03021-7
