paper place Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP)

Neue Forschungsergebnisse zur Entstehung von Angststörungen und deren biologischen Grundlagen

Im Mittelpunkt der in Nature Genetics veröffentlichte Studie stehen genetische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass Angststörungen nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind.

Collage von vier einzelnen Porträts
Prof. Jürgen Deckert (2. v.l.) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (2.v.r), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW

Stattdessen entsteht eine erhöhte Anfälligkeit durch das Zusammenspiel vieler genetischer Varianten, die jeweils nur kleine Effekte haben, sowie durch Umwelt- und Entwicklungsfaktoren.

Die Studie macht deutlich, dass diese genetischen Risikofaktoren mit bestimmten Hirnprozessen und Signalwegen verknüpft sind, die an der Verarbeitung von Bedrohung, Stress und Emotionsregulation beteiligt sind. Besonders betroffen sind dabei Netzwerke im Gehirn, die die Reaktion auf Angst steuern und normalerweise helfen, Angst angemessen zu regulieren.

Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse, dass Angststörungen als komplexe, biologisch mitgeprägte Erkrankungen zu verstehen sind, bei denen viele kleine Einflussfaktoren zusammenwirken. Dieses bessere Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen soll langfristig dazu beitragen, gezieltere und individuellere Präventions- und Behandlungsansätze zu entwickeln.

Weitere Details liefert die Pressemeldung

Publikation: Strom, N.I., Verhulst, B., Bacanu, SA. et al. Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nat Genet (2026). https://doi.org/10.1038/s41588-025-02485-8

Collage von vier einzelnen Porträts
Prof. Jürgen Deckert (2. v.l.) ist u. a. Letztautor der genetischen Studie zu Angsterkrankungen. Aus Würzburg waren außerdem Privatdozentin Heike Weber (2.v.r), Prof. Angelika Erhardt-Lehmann und Prof. Paul Pauli an dem internationalen Forschungsprojekt beteiligt. Collage mit Bildern von Main-Post (Thomas Obermeier), JMU (Jonas Blank), UKW
Schwache Handkraft als Warnsignal für psychische Erkrankungen

Die Griffstärke gilt bereits als allgemeiner Marker für körperliche Fitness und wird zunehmend auch im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit betrachtet.

Person hält elektronischen Manometer, andere Person misst die Zeit
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger

Kann die Handkraft also als einfach messbarer körperlicher Parameter Hinweise auf psychische Erkrankungen liefern? Das wurde in einer internationalen Studie unter der Leitung von Sebastian Walther untersucht. 

Die Studie zeigt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie im Durchschnitt eine geringere Handkraft aufweisen als gesunde Vergleichspersonen. Besonders interessant ist dabei, dass diese reduzierte Muskelkraft nicht nur während einer akuten depressiven Episode besteht, sondern auch nach überstandener Erkrankung fortbestehen kann.

Dies deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen möglicherweise mit längerfristigen körperlichen Veränderungen verbunden sind, die über die eigentliche Krankheitsphase hinausreichen. Die Forschenden diskutieren daher, ob die Handkraft als einfaches Warnsignal für psychische Belastungen oder auch für eine eingeschränkte körperliche Gesundheit dienen könnte.

Gleichzeitig betonen sie, dass weitere Untersuchungen notwendig sind, um zu klären, ob die verminderte Handkraft ursächlich mit der Erkrankung zusammenhängt oder durch Faktoren wie reduzierte Aktivität oder veränderte motorische Kontrolle entsteht.

Insgesamt legt die Studie nahe, dass ein so einfacher Test wie die Messung der Handkraft künftig helfen könnte, psychische Erkrankungen besser einzuordnen und deren körperliche Auswirkungen früher zu erkennen.

Zur Pressemeldung

Publikation: Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144

Person hält elektronischen Manometer, andere Person misst die Zeit
Für die Studie wurden in Bern und Boston einheitliche elektronische Manometer verwendet sowie eine identische Messmethodik. Hier eine Szene aus der Schweiz. © Phil Wenger
Fatigue und Schlafstörungen bei Krankheitsbeginn können das Auftreten eines Post-Covid-Syndroms vorhersagen

Das Zentrum für Psychische Gesundheit untersuchte in dieser Studie den langfristigen Verlauf des Post-COVID-Syndroms (PCS), also anhaltender Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion, über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren.

Dabei wurde besonders berücksichtigt, dass sich Post-COVID in unterschiedliche Verlaufsformen unterteilen lässt – unter anderem in eine Form, die stärker mit der Schwere der akuten Infektion zusammenhängt (PCS-S), und eine Form, die eher durch individuelle Resilienz und Reaktion auf die Erkrankung geprägt ist (PCS-R).

Grundlage der Analyse waren Daten von über 1.500 Betroffenen aus dem deutschen NAPKON-Kohortennetzwerk. Mithilfe statistischer Modelle und maschineller Lernverfahren wurden die Symptome über die Zeit hinweg ausgewertet und versucht vorherzusagen, wie sich die Beschwerden langfristig entwickeln.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Symptomschwere zwar über 9 bis 36 Monate hinweg leicht verbessert, insgesamt aber relativ stabil bleibt. Das bedeutet: Viele Betroffene erleben zwar eine gewisse Besserung, die Beschwerden gehen jedoch oft nicht vollständig zurück.

Besonders wichtig ist, dass sich frühe Faktoren bereits nach neun Monaten als gute Prädiktoren für den weiteren Verlauf erwiesen haben. So waren anhaltende Erschöpfung (Fatigue) ein zentraler Risikofaktor für beide Verlaufsformen. Zusätzlich spielten Alter, psychische Gesundheit (z. B. Depression), Lebensqualität sowie Schlafstörungen eine Rolle. Interessanterweise zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Frauen waren insbesondere Lebenssituation und psychische Belastung relevant, während bei Männern eher kognitive Einschränkungen mit dem Verlauf zusammenhingen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass sich der Verlauf von Post-COVID bereits früh recht gut einschätzen lässt und dass unterschiedliche Patientengruppen unterschiedliche Risikoprofile aufweisen. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass langfristige Behandlungs- und Rehabilitationsstrategien stärker individualisiert werden sollten.

Publikation: Gutzeit, J., Weiß, M., Kuhn, T., Klinger-König, J., Streit, F., Jockwitz, C., Brandes, B., Wright, M. N., Friedrich, C. M., Woeckel, M., Mikolajczyk, R., Keil, T., Castell, S., Betker, P., Schlett, C. L., Bärnighausen, T. W., Bamberg, F., Günther, M., Hirsch, J., …, Erhardt-Lehmann, A., Hein, G. (2026). Long-term trends in Post-COVID severity: a machine learning analysis from the POP/COVIDOM cohort of the German NAPKON Cohort Network.  eClinicalMedicine, 93, 103822. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2026.103822

Soziale Interaktionen im Alltag haben messbaren Effekt auf Angstratings und autonome Angstreaktionen bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen

Profitieren depressive Personen in realen Alltagssituationen ähnlich von positiven sozialen Kontakten wie gesunde Menschen?

Um diese Frage zu beantworten untersuchten Grit Hein und Sarah Kittel-Schneider mit ihren Teams, wie sich Angst und körperliche Stressreaktionen bei Menschen mit Depression im Alltag während sozialer Interaktionen verändern. 

Dazu wurden über mehrere Tage hinweg Momentaufnahmen aus dem Alltag erfasst: Teilnehmende berichteten wiederholt über ihre aktuellen sozialen Interaktionen, ihr Angstempfinden sowie über Eigenschaften der Gesprächspartner (z. B. Vertrautheit). Zusätzlich wurde bei einem Teil der Stichprobe die Herzaktivität mit tragbaren Sensoren gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl gesunde Personen als auch Menschen mit Depressionen weniger Angst empfinden, wenn sie mit vertrauten Personen interagieren. Bei gesunden Personen nahm diese angstmindernde Wirkung mit zunehmender Vertrautheit jedoch stärker zu als bei depressiven Patientinnen und Patienten. Bei diesen war der Zusammenhang zwischen Vertrautheit und Angst deutlich abgeschwächt.

Auf körperlicher Ebene zeigten die depressiven Teilnehmenden insgesamt eine erhöhte Herzfrequenz und eine geringere Herzratenvariabilität – beides Hinweise auf eine verstärkte Stressbelastung und eine veränderte autonome Regulation. Diese Unterschiede blieben auch im Alltag während sozialer Interaktionen bestehen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass soziale Kontakte zwar grundsätzlich angstreduzierend wirken, dieser „soziale Puffer-Effekt“ bei Menschen mit Depression jedoch abgeschwächt ist. Das könnte erklären, warum soziale Situationen für Betroffene trotz potenziell positiver Wirkung oft belastend bleiben.

Publikation: Weiß, M., Gutzeit, J., Jachnik, A., Lampe, E. C., Rothbauer, F., Gründahl, M., … Hein, G. (2026).Momentary anxiety and autonomic responses during everyday social interactions among patients with depression.Translational Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1038/s41398-026-03990-y