paper place Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP)

Fatigue und Schlafstörungen bei Krankheitsbeginn können das Auftreten eines Post-Covid-Syndroms vorhersagen

Das Zentrum für Psychische Gesundheit untersuchte in dieser Studie den langfristigen Verlauf des Post-COVID-Syndroms (PCS), also anhaltender Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion, über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren.

Dabei wurde besonders berücksichtigt, dass sich Post-COVID in unterschiedliche Verlaufsformen unterteilen lässt – unter anderem in eine Form, die stärker mit der Schwere der akuten Infektion zusammenhängt (PCS-S), und eine Form, die eher durch individuelle Resilienz und Reaktion auf die Erkrankung geprägt ist (PCS-R).

Grundlage der Analyse waren Daten von über 1.500 Betroffenen aus dem deutschen NAPKON-Kohortennetzwerk. Mithilfe statistischer Modelle und maschineller Lernverfahren wurden die Symptome über die Zeit hinweg ausgewertet und versucht vorherzusagen, wie sich die Beschwerden langfristig entwickeln.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Symptomschwere zwar über 9 bis 36 Monate hinweg leicht verbessert, insgesamt aber relativ stabil bleibt. Das bedeutet: Viele Betroffene erleben zwar eine gewisse Besserung, die Beschwerden gehen jedoch oft nicht vollständig zurück.

Besonders wichtig ist, dass sich frühe Faktoren bereits nach neun Monaten als gute Prädiktoren für den weiteren Verlauf erwiesen haben. So waren anhaltende Erschöpfung (Fatigue) ein zentraler Risikofaktor für beide Verlaufsformen. Zusätzlich spielten Alter, psychische Gesundheit (z. B. Depression), Lebensqualität sowie Schlafstörungen eine Rolle. Interessanterweise zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Frauen waren insbesondere Lebenssituation und psychische Belastung relevant, während bei Männern eher kognitive Einschränkungen mit dem Verlauf zusammenhingen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass sich der Verlauf von Post-COVID bereits früh recht gut einschätzen lässt und dass unterschiedliche Patientengruppen unterschiedliche Risikoprofile aufweisen. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass langfristige Behandlungs- und Rehabilitationsstrategien stärker individualisiert werden sollten.

Publikation: Gutzeit, J., Weiß, M., Kuhn, T., Klinger-König, J., Streit, F., Jockwitz, C., Brandes, B., Wright, M. N., Friedrich, C. M., Woeckel, M., Mikolajczyk, R., Keil, T., Castell, S., Betker, P., Schlett, C. L., Bärnighausen, T. W., Bamberg, F., Günther, M., Hirsch, J., …, Erhardt-Lehmann, A., Hein, G. (2026). Long-term trends in Post-COVID severity: a machine learning analysis from the POP/COVIDOM cohort of the German NAPKON Cohort Network.  eClinicalMedicine, 93, 103822. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2026.103822

Soziale Interaktionen im Alltag haben messbaren Effekt auf Angstratings und autonome Angstreaktionen bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen

Profitieren depressive Personen in realen Alltagssituationen ähnlich von positiven sozialen Kontakten wie gesunde Menschen?

Um diese Frage zu beantworten untersuchten Grit Hein und Sarah Kittel-Schneider mit ihren Teams, wie sich Angst und körperliche Stressreaktionen bei Menschen mit Depression im Alltag während sozialer Interaktionen verändern. 

Dazu wurden über mehrere Tage hinweg Momentaufnahmen aus dem Alltag erfasst: Teilnehmende berichteten wiederholt über ihre aktuellen sozialen Interaktionen, ihr Angstempfinden sowie über Eigenschaften der Gesprächspartner (z. B. Vertrautheit). Zusätzlich wurde bei einem Teil der Stichprobe die Herzaktivität mit tragbaren Sensoren gemessen.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl gesunde Personen als auch Menschen mit Depressionen weniger Angst empfinden, wenn sie mit vertrauten Personen interagieren. Bei gesunden Personen nahm diese angstmindernde Wirkung mit zunehmender Vertrautheit jedoch stärker zu als bei depressiven Patientinnen und Patienten. Bei diesen war der Zusammenhang zwischen Vertrautheit und Angst deutlich abgeschwächt.

Auf körperlicher Ebene zeigten die depressiven Teilnehmenden insgesamt eine erhöhte Herzfrequenz und eine geringere Herzratenvariabilität – beides Hinweise auf eine verstärkte Stressbelastung und eine veränderte autonome Regulation. Diese Unterschiede blieben auch im Alltag während sozialer Interaktionen bestehen.

Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass soziale Kontakte zwar grundsätzlich angstreduzierend wirken, dieser „soziale Puffer-Effekt“ bei Menschen mit Depression jedoch abgeschwächt ist. Das könnte erklären, warum soziale Situationen für Betroffene trotz potenziell positiver Wirkung oft belastend bleiben.

Publikation: Weiß, M., Gutzeit, J., Jachnik, A., Lampe, E. C., Rothbauer, F., Gründahl, M., … Hein, G. (2026).Momentary anxiety and autonomic responses during everyday social interactions among patients with depression.Translational Psychiatry (2026). https://doi.org/10.1038/s41398-026-03990-y