„Suizidprävention beginnt mit dem Verstehen. Wie können wir gefährdete Menschen gezielter erkennen?“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther, Direktor des Zentrums für Psychische Gesundheit am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Er verweist auf drei aktuelle Publikationen, an denen er beteiligt war und die aus einer Studie stammen. „Wir zeigen darin, dass suizidales Erleben und Handeln unabhängig von den konkreten psychiatrischen Diagnosen ist, dass Suizidversuche mit starkem psychischen Schmerz einhergehen, und dass Menschen mit suizidalem Erleben und Handeln implizite gedankliche Verzerrungen in Richtung Tod haben.“
Suizidversuche gehen mit einem starken psychischen Schmerz einher
In einer Studie untersuchten die Forschenden wissenschaftlich mittels Fragebogen den psychischen Schmerz, beispielsweise in Form von innerer Qual, emotionaler Überforderung oder unerträglichem seelischen Leiden. Die Ergebnisse zeigen, dass psychischer Schmerz eng mit Suizidgedanken und -versuchen zusammenhängt und sich zuverlässig erfassen lässt.
Publikation: Lara Marie Aschenbrenner, Stella Brogna, Tobias Teismann, Adriana Frei, Marie-Anna Sedlinská, Heide Glaesmer, Thomas Forkmann, Sebstian Walther, Anna Ehnvall & Anja Gysin-Maillart. (2026). Psychological Pain in Suicidal and Non-Suicidal Populations: Findings from the Translated German Mee-Bunney Psychological Pain Assessment Scale. Archives of Suicide Research, 30(3), 704–720. https://doi.org/10.1080/13811118.2025.2573059
Suizidales Erleben und Handeln ist unabhängig von den konkreten psychiatrischen Diagnosen
Eine weitere Untersuchung deutet darauf hin, dass psychischer Schmerz über die konkrete psychiatrische Diagnose hinaus eine wichtige Rolle spielen könnte. Menschen mit Suizidgedanken oder einem Suizidversuch wiesen häufiger mehrere psychische Erkrankungen gleichzeitig auf. Mit zunehmender Zahl der Diagnosen nahm auch der psychische Schmerz zu. Psychischer Schmerz könnte demnach eine zusätzliche, krankheitsübergreifende Größe sein, die den individuellen Zustand eines Menschen mit Suizidalität besser beschreibt als die Diagnose allein. Dies spricht dafür, bei der Einschätzung von Suizidalität nicht nur auf einzelne Diagnosen zu schauen, sondern auch darauf, wie stark ein Mensch subjektiv unter seiner Situation leidet.
Publikation: Lara Marie Aschenbrenner, Andrea Baumgartner, Marie-Anna Sedlinská, Adriana Frei, Sebastian Walther, Kristina Adorjan, Anja Gysin-Maillart. Associations between psychiatric diagnoses, comorbidity, and psychological pain across suicide-related presentations: A comparative study in clinical populations, Journal of Affective Disorders, Volume 412, 2026, 122157, ISSN 0165-0327, https://doi.org/10.1016/j.jad.2026.122157.
Unbewusste Vorstellungen vom eigenen Leben und der eigenen Kontrolle darüber
In einem dritten Ansatz wurde mit zwei Varianten des sogenannten impliziten Assoziationstests (Death-Implicit-Association Test D-IAT) untersucht, ob sich unbewusste Denkmuster bei Menschen mit Suizidversuchen erkennen lassen und ob diese Hinweise auf das Suizidrisiko geben können. D-IATs erfassen automatische, also nicht bewusst gesteuerte Verknüpfungen zwischen Begriffen. So untersuchte der etablierte Test, wie stark die Teilnehmenden „Selbst“ mit „Leben“ beziehungsweise „Tod“ verknüpften. Die neu entwickelte Variante bezog zusätzlich das Gefühl von innerer Kontrolle ein – also die Überzeugung, das eigene Leben und Handeln selbst beeinflussen zu können. Dabei zeigte sich, dass Menschen mit kürzlich erfolgtem oder wiederholtem Suizidversuch schwächere unbewusste Verbindungen zwischen innerer Kontrolle und dem eigenen Leben aufwiesen. Die neu entwickelte Variante des D-IAT lieferte dabei bessere Hinweise auf wiederholte und kürzlich erfolgte Suizidversuche als der etablierte Test. Die Methode befindet sich allerdings noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Bis daraus konkrete Verfahren für die klinische Praxis entstehen, sind weitere Untersuchungen erforderlich.
Publikation: Lara Marie Aschenbrenner, Adriana Frei, Thomas Forkmann, Dajana Schreiber, Heide Glaesmer, Juliane Brüdern, Maria Stein, Marie-Anna Sedlinská, Kristina Adorjan, Sebastian Walther, Anja Gysin-Maillart. Exploring suicidal behaviour through implicit identity and control biases: Findings from the Death-Implicit Association Test and its novel control-adaptation, Comprehensive Psychiatry, Volume 142, 2025, 152621, ISSN 0010-440X, https://doi.org/10.1016/j.comppsych.2025.152621.
„Zusammengefasst zeigen unsere Untersuchungen, dass Suizidalität nicht allein anhand einer psychiatrischen Diagnose oder einzelner Symptome verstanden werden kann. Instrumente, die psychischen Schmerz, das subjektive Erleben und möglicherweise auch unbewusste Denkmuster erfassen, könnten künftig zusätzliche Informationen für Forschung und Suizidprävention liefern“, so Sebastian Walther.
