Referenzdiagnostik Fanconi-Anämie

Die Fanconi-Anämie ist eine sehr seltene genetische Erkrankung aus dem Formenkreis der DNA-Reparaturdefekte. Typisch sind eine ausgeprägte chromosomale Instabilität, ein oft progressives Knochenmarksversagen sowie ein erhöhtes Risiko für hämatologische Neoplasien und bestimmte solide Tumoren.

Krankheitsbild und diagnostischer Ansatz

Klinisch ist die Erkrankung sehr variabel. Neben hämatopoetischen Auffälligkeiten können angeborene Fehlbildungen, Minderwuchs, Mikrozephalie und pigmentäre Hautveränderungen auftreten. Die Diagnose ist von hoher klinischer Relevanz, weil sie unmittelbare Konsequenzen für Überwachung, Therapieplanung und genetische Beratung hat.
Molekular liegt der Erkrankung eine Störung des FA/BRCA-Signalwegs zugrunde, der an der Erkennung und Reparatur von DNA-Interstrand-Crosslinks beteiligt ist. Derzeit sind 23 FANC-Gene bekannt. Ein Funktionsverlust in diesem Reparatursystem führt zu einer charakteristischen zellulären Überempfindlichkeit gegenüber DNA-quervernetzenden Substanzen sowie zu erhöhter chromosomaler Instabilität. Aufgrund der genetischen Heterogenität und der klinischen Variabilität erfordert die Diagnostik ein strukturiertes und komplementäres Vorgehen.

Diagnostische Schwerpunkte

Die Referenzdiagnostik der Fanconi-Anämie kombiniert funktionelle und molekulargenetische Verfahren. Ein zentraler Bestandteil ist die funktionelle Diagnostik, bei der eine induzierbare Chromosomenbrüchigkeit nach Exposition gegenüber Mitomycin C nachgewiesen wird. Diese Untersuchung ermöglicht ein schnelles und genunabhängiges Screening auf zelluläre Merkmale einer Fanconi-Anämie. Da die funktionelle Testung proliferierende Zellen voraussetzt und durch bestimmte klinische Situationen beeinflusst werden kann, ist die korrekte Probengewinnung und -einsendung besonders wichtig.
Ergänzend erfolgt die molekulargenetische Analyse der häufigsten krankheitsrelevanten FANC-Gene. Durch diese Kombination aus funktioneller und genetischer Diagnostik lassen sich die jeweiligen methodischen Limitationen minimieren und die diagnostische Sicherheit erhöhen. In speziellen Konstellationen, etwa bei Verdacht auf ein hämatopoetischen Mosaik oder bei bestimmten genetischen Subgruppen wie FA-D1 oder FA-N, kann eine weiterführende funktionelle Untersuchung an Fibroblasten sinnvoll oder notwendig sein.

 

Material und präanalytische Anforderungen

  • Funktionelle Diagnostik aus Blut: 6–10 ml Heparinblut
  • Funktionelle Diagnostik aus Hautmaterial: Hautstanze > 2 mm, vollständig eingelegt in steriles Zellkulturmedium mit Antibiotikazusatz
  • Fibroblasten: ca. 70 % konfluente Kultur mit niedriger Passagenzahl in geeignetem Medium; bitte Angaben zum verwendeten Medium beifügen
  • Molekulargenetische Diagnostik: > 5 ml EDTA-Blut
  • Zeitfenster:
    • Heparinblut bei Eingang nicht älter als 24–48 Stunden
    • Hautmaterial bei Eingang nicht älter als 24 Stunden
  • Versand: bei Raumtemperatur, vor Extremtemperaturen geschützt, eindeutig beschriftet und bruchsicher verpackt
  • Empfohlener Laboreingang: Dienstag bis Donnerstag, idealerweise Dienstag oder Donnerstag
  • Begleitdokumente: vollständig ausgefüllter Auftrag mit Angabe des Kostenträgers sowie Einverständniserklärung
  • Wichtige Hinweise:
    • Die funktionelle Diagnostik setzt proliferierende Zellen voraus.
    • Eine laufende immunsuppressive Behandlung kann die Aussagekraft beeinflussen.

Weitere klinisch relevante Informationen

Die diagnostische Einordnung ist auch für therapeutische Entscheidungen essenziell. Aufgrund des zugrunde liegenden DNA-Reparaturdefekts müssen DNA-quervernetzende Substanzen wie Cisplatin oder Mitomycin C bei betroffenen Patientinnen und Patienten konsequent vermieden werden. Auch ionisierende Strahlung erfordert eine besonders sorgfältige individuelle Abwägung. 

Für einzelne FANC-Gene sind zudem charakteristische phänotypische Besonderheiten bekannt, die in der Befundinterpretation und genetischen Beratung berücksichtigt werden müssen. Die Referenzdiagnostik dient daher nicht nur der Sicherung der Diagnose, sondern auch der differenzierten Einordnung genetischer Subgruppen mit potenziell unterschiedlichen klinischen Konsequenzen.

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