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Neuer Therapieansatz bei chronischen Wunden: Probiotische Bakterien zeigen vielversprechende Ergebnisse

Chronische Wunden sind ein wachsendes Gesundheitsproblem: In Deutschland leiden bereits ein bis zwei Millionen Menschen an schlecht heilenden Wunden – Tendenz steigend. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch das Bakterium Pseudomonas aeruginosa, das durch die Bildung eines schützenden Biofilms die Heilung zusätzlich hemmt.

Aufnahme einer chronischen Wunde vor der Behandlung und 10 Tage später, in denen die Wunde mit Milchsäurebakterien behandelt wurde.
Milchsäurebakterien fördern die Wundheilung tragen zur Beseitigung von Pseudomonas aeruginosa bei, ohne Resistenzen zu begünstigen

Forscherinnen und Forscher der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie haben nun einen vielversprechenden Ansatz gefunden, um dieses widerstandsfähige Bakterium zu bekämpfen. 

Zwei ältere Patientinnen und Patienten mit lang bestehenden, infizierten Wunden wurden zusätzlich zur Standardbehandlung mit einem Lactobacillus-haltigen Pulver behandelt. Bereits nach wenigen Tagen verbesserten sich Geruch und Belag der Wunden deutlich, und nach ein bis zwei Wochen zeigte sich neues, gesundes Gewebe. In Kontrollabstrichen war Pseudomonas aeruginosa nicht mehr nachweisbar. Die Behandlung wurde gut vertragen, Nebenwirkungen traten nicht auf. Auch bei weiteren Patientinnen und Patienten konnten ähnliche Verbesserungen beobachtet werden.

„Milchsäurebakterien können schädliche Keime wie Pseudomonas aeruginosa schwächen, indem sie deren Biofilme stören, Entzündungen reduzieren und Zellen der Wundheilung aktivieren“, erklärt Dr. Tassilo Dege, Erstautor der im Journal of the American Academy of Dermatology veröffentlichten Fallbeobachtung. 

Labormodelle mit menschlicher Haut bestätigten diese Ergebnisse: Lactobazillen schwächen den Biofilm der Pseudomonas-Bakterien, stören deren Kommunikation und fördern gleichzeitig die Aktivität von Keratinozyten und Fibroblasten – zentrale Zellen der Wundheilung. Auch in Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Stoffwechselprodukte der Lactobazillen die Bakterienzahl und Entzündung in der Wunde reduzieren. 

Die Anwendung probiotischer Bakterien könnte sich also künftig als wirksame und sichere Ergänzung in der Behandlung chronischer Wunden etablieren – ein Schritt hin zu einer heilungsfördernden, resistenzfreien Therapie.

Weitere klinische Studien sollen nun klären, wie sich dieser innovative Ansatz in der Praxis bewährt.

Details zum Fallbeispiel liefert die Pressemeldung

Publikation: Tassilo Dege, Andreas Kerstan, Matthias Goebeler, Astrid Schmieder. Clinical pearl: Topical Lactobacillus application to disrupt Pseudomonas aeruginosa biofilms and promote healing in chronic wounds, Journal of the American Academy of Dermatology, 2025, ISSN 0190-9622, https://doi.org/10.1016/j.jaad.2025.12.071

Aufnahme einer chronischen Wunde vor der Behandlung und 10 Tage später, in denen die Wunde mit Milchsäurebakterien behandelt wurde.
Milchsäurebakterien fördern die Wundheilung tragen zur Beseitigung von Pseudomonas aeruginosa bei, ohne Resistenzen zu begünstigen
Wie eine Nickelallergie auf Zellebene beginnt

Trotz vieler Vorsorgemaßnahmen* in den letzten 20 Jahren zählt die Kontaktallergie auf das Metall Nickel weiterhin zu den relevanten Volkskrankheiten. In Europa, China und Nordamerika hat Nickelallergie nach wie vor eine Inzidenz von über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Graphical Abstract der Untersuchungen
Mithilfe von scRNA-Seq wurden die Zelltypen untersucht, die die frühen und späten Entzündungsreaktionen bei der Ni2+-Allergie beim Menschen vermitteln. Die frühe Reaktionsfähigkeit wurde hauptsächlich durch TLR4+TAGLN−-Endothelzellen vermittelt, die indirekt TLR4−KRT16+ Keratinozyten und CCR7+DCN+ DCs aktivierten. Die späte Reaktionsfähigkeit wurde entscheidend durch die Infiltration von KLF2+ zentralen Gedächtnis-T-Zellen und TLR4+CD163+CCR7− DC3-Zellen vorangetrieben. CCR7 = C-C-Chemokinrezeptor Typ 7; DC = dendritische Zellen; EC = Endothelzellen; IF, Immunfluoreszenz; KC =Keratinozyten; KLF2 = Krüppel-like Faktor 2; Ni2+ = Nickel; scRNA-Seq = Einzelzell-RNA-Sequenzierung; SELL = L-Selektin; TAGLN = Transgelin; TCM = zentrale Gedächtnis-T-Zelle; Th = T-Helferzelle; TLR4 = Toll-like-Rezeptor 4. Aus: M. Schmidt, A. Knorz, K. Meder, et al., “ Single Cell Analysis Reveals Dynamic Changes of Distinct Cell Populations in Human Nickel Allergy,” Allergy (2025): 1–11, https://doi.org/10.1111/all.70108. Reproduziert im Einklang mit den Copyright Richtlinien des Verlags.

Damit sich eine Nickelallergie entwickelt, müssen im Körper zwei Schritte ablaufen. Zunächst reagiert das angeborene Immunsystem innerhalb weniger Stunden nach dem ersten Hautkontakt mit Nickel. Das geschieht unbemerkt und ohne sichtbare Symptome. Nickelionen binden dabei an den Oberflächenrezeptor Toll-like-Rezeptor 4 (TLR4), ein bestimmter „Frühwarnsensor“ der Immunabwehr in der Haut. In einem zweiten Schritt bildet das Immunsystem unter Vermittlung antigenpräsentierender dendritischer Zellen (DC) sogenannte „T-Killer-Zellen“. Diese nickelspezifischen Abwehrzellen sorgen im Zusammenspiel mit anderen Immunzellen dafür, dass es zwei bis drei Tage nach dem Kontakt zu einer allergischen Reaktion kommt. Typische Symptome sind dann ein stark juckender Hautausschlag mit Rötungen, Schwellungen und kleinen Bläschen.

Bislang war unklar, welche residenten Zelltypen der Haut an der frühen Aktivierung des angeborenen Immunsystems beteiligt sind und ob eventuell in der Haut verbliebene nickel-spezifische T-Gedächtniszellen in nickel-sensibilisierten Patienten direkt zum Entzündungsgeschehen beitragen.

In einer aktuellen Studie hat ein Forschungsteam um Prof. Dr. Marc Schmidt Einzelzellisolate aus Hautbiopsien von nickel-sensibilisierten Patientinnen und Patienten untersucht. Die Hautproben wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach einem Nickelkontakt entnommen. Dabei zeigte sich, dass in der frühen Phase vor allem TLR4-positive Endothelzellen eine wichtige Rolle spielen. Diese Zellen setzen einen entzündungsfördernden Botenstoff (Interleukin-6) frei, der die Immunreaktion durch sekundäre Aktivierung suprabasaler Keratinozyten in der Epidermis weiter verstärkt. Gleichzeitig werden nach und nach weitere Haut- und Immunzellen aktiviert (zunächst nickel-spezifische DCN/CCL21-positive, dann TLR4/CD14/CD163-positive DC-Populationen). Im späteren Verlauf wandern spezielle Gedächtniszellen des Immunsystems (nickel-spezifische, zentrale KLF2/CCR7/SELL-positive T Gedächtniszellen) aus dem Blut in die Haut ein. Dort entwickeln sie sich zu aggressiven T-Killer-Zellen, die schließlich die typischen Beschwerden der Nickelallergie auslösen.

Die Ergebnisse der Studie helfen, das Zusammenspiel der beteiligten Zellen bei der Nickelallergie besser zu verstehen. Langfristig könnten sie dazu beitragen, neue Möglichkeiten zur Vorbeugung oder Behandlung von Nickelallergien und ähnlichen allergischen Hautreaktionen zu entwickeln.

* Die Verwendung von Nickel ist inzwischen stark reguliert, besonders bei Produkten, die direkten Hautkontakt haben wie Modeschmuck und Piercings. Seit Juli 2025 gelten auch neue EU-weite Höchstgehalte für Nickel in bestimmten Lebensmitteln wie Nüssen, Schokolade und Säuglingsnahrung. 

Publikation:
Marc Schmidt, Andrea Knorz, Katharina Meder, Simon Goller, Fabian Imdahl, Yamila Rocca, Matthias Goebeler, Pierre Khoueiry “ Single Cell Analysis Reveals Dynamic Changes of Distinct Cell Populations in Human Nickel Allergy,” Allergy (2025): 1–11, https://doi.org/10.1111/all.70108.

Graphical Abstract der Untersuchungen
Mithilfe von scRNA-Seq wurden die Zelltypen untersucht, die die frühen und späten Entzündungsreaktionen bei der Ni2+-Allergie beim Menschen vermitteln. Die frühe Reaktionsfähigkeit wurde hauptsächlich durch TLR4+TAGLN−-Endothelzellen vermittelt, die indirekt TLR4−KRT16+ Keratinozyten und CCR7+DCN+ DCs aktivierten. Die späte Reaktionsfähigkeit wurde entscheidend durch die Infiltration von KLF2+ zentralen Gedächtnis-T-Zellen und TLR4+CD163+CCR7− DC3-Zellen vorangetrieben. CCR7 = C-C-Chemokinrezeptor Typ 7; DC = dendritische Zellen; EC = Endothelzellen; IF, Immunfluoreszenz; KC =Keratinozyten; KLF2 = Krüppel-like Faktor 2; Ni2+ = Nickel; scRNA-Seq = Einzelzell-RNA-Sequenzierung; SELL = L-Selektin; TAGLN = Transgelin; TCM = zentrale Gedächtnis-T-Zelle; Th = T-Helferzelle; TLR4 = Toll-like-Rezeptor 4. Aus: M. Schmidt, A. Knorz, K. Meder, et al., “ Single Cell Analysis Reveals Dynamic Changes of Distinct Cell Populations in Human Nickel Allergy,” Allergy (2025): 1–11, https://doi.org/10.1111/all.70108. Reproduziert im Einklang mit den Copyright Richtlinien des Verlags.
Resistenzhemmung beim schwarzen Hautkrebs mittels ERK5 Inhibition

Das Melanom, auch „schwarzer Hautkrebs“ genannt, ist die tödlichste Form von Hautkrebs. Wie die meisten Krebsarten, sind diese Tumoren widerstandsfähig und finden oft „Hintertüren“, um die Wirkung von Medikamenten zu umgehen, wodurch sie behandlungsresistent werden.

Marc Schmidt steht in einem weißen Kittel in seinem Büro
Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Marc Schmidt.

In einer in Cell Death & Disease veröffentlichten Studie untersuchten Forschende der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Marc Schmidt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie eine dieser „Hintertüren“, die durch den stressaktivierten MEK5/ERK5-Signalweg vermittelt wird. Dieser Signalweg steuert unter therapeutischer Anwendung zielgerichteter Therapien die Funktion zentraler Proteine, die am Überleben und der Teilung der Tumorzellen beteiligt sind. Durch die Blockierung dieses Signalwegs - in Kombination mit gängigen zielgerichteten Therapien– wird eine „Notbremse“ aktiviert. Dadurch werden die Krebszellen in einem Zustand gefangen, in dem sie sich nicht mehr teilen können. 

Diese Erkenntnisse könnten für zukünftige Melanomtherapien von großer Bedeutung sein. Durch die Kombination bestehender Medikamente mit neuen Inhibitoren des MEK5/ERK5 Signalwegs könnten Therapieresistenzen effektiv vermieden und zielgerichtete Therapien neuen Patientengruppen zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus könnte der Ansatz auch Patienten mit bestehender Behandlungsresistenz bessere Überlebenschancen bieten.

Publikation:
Rupesh Paudel, Simon Goller, Felix Deutzmann, Alina Gillitzer, Katharina Meder, Andrea Knorz, David Schrama, Matthias Goebeler & Marc Schmidt. MEK5/ERK5 inhibition sensitizes NRAS-mutant melanoma to MAPK-targeted therapy by preventing Cyclin D/CDK4-mediated G1/S progression. Cell Death Dis 16, 689 (2025). https://doi.org/10.1038/s41419-025-08036-7

Marc Schmidt steht in einem weißen Kittel in seinem Büro
Arbeitsgruppenleiter Prof. Dr. Marc Schmidt.
Chronische Wunden mit App "Wunderkint" dauerhaft im Blick

Ein interdisziplinäres Team der Dermatologie und des Lehrstuhls für Software-Engineering der Universität Würzburg entwickelte die App „Wunderkint“, die Patientinnen und Patienten mit chronischen Wunden eine digitale Verlaufskontrolle und ärztliche Betreuung aus der Ferne ermöglicht.

Die Informatikerin Vanessa Borst auf der Bühne am Rednerpult, im Hintergrund das Startbild ihrer Präsentation auf einem riesigen Monitor. Der Konferenzsaal ist in blauem Licht.
Informatikerin Vanessa Borst stellte am 18. September auf der ECML PKDD 2025 in Porto (Portugal) die KI-Technologie „WoundAmbit“ vor, die erstmals moderne Bildanalyse mit den praktischen Anforderungen der Wundversorgung verbindet. Die ECML PKDD (European Conference on Machine Learning and Principles and Practice of Knowledge Discovery in Databases) ist die wichtigste europäische Konferenz zu Maschinellem Lernen und Data Mining – also zur Entdeckung von Mustern in großen Datenmengen. © Martin Rackl / JMU
Das Bild zeigt einen Screenshot des Dashboards für Ärzte, oben der abfotografierte Bereich des Körpers, rechts die Wunde mit Referenzkarte und unten links die Kurven der verschiedenen Skalen. rechts
Mit der Wunderkint-App können Patientinnen und Patienten regelmäßig ihre Wunde fotografieren und auf einer Skala die Schmerzintensität, den Juckreiz, die Nässe der Wunde und ihre Stimmung angeben. Damit die KI die Größe und Röte der Wunde erkennt und analysiert, wird beim Abfotografieren eine Referenzkarte mit Farbskala und ArUco-Markern neben die Wunde gelegt. Sämtliche Daten werden auf einem sicheren Weg an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte übermittelt, die diese auf einem Dashboard abrufen. © JMU

Mithilfe einer sicheren Datenübertragung können Fotos und Angaben zu Schmerz, Juckreiz oder Stimmung regelmäßig an das medizinische Fachpersonal übermittelt werden. So lassen sich Heilungsverläufe kontinuierlich beobachten und Therapien flexibel anpassen.

Die technische Grundlage bildet die KI „WoundAmbit“, die mithilfe moderner Bildanalyse Wundränder und -flächen präzise erkennt. Für diese Verbindung von semantischer Segmentierung und praktischer Wundversorgung wurde die Doktorandin Vanessa Borst auf der European Conference on Machine Learning (ECML PKDD 2025) in Porto mit dem Preis „Best Student Paper – Applied Data Science Track“ ausgezeichnet.

Eine laufende Machbarkeitsstudie zeigt, dass die App benutzerfreundlich ist, gut akzeptiert wird und das medizinische Personal entlastet. Die beteiligten Ärztinnen und Ärzte betonen, dass die Digitalisierung die persönliche Betreuung nicht ersetzt, aber sinnvoll ergänzt – und Patientinnen und Patienten mehr Sicherheit und Eigenständigkeit im Umgang mit ihrer Erkrankung gibt.

Weitere Details in der Pressemeldung.

Vanessa Borst, Timo Dittus, Tassilo Dege, Astrid Schmieder, Samuel Kounev. Wound Ambit: Bridging State-of-the-Art Semantic Segmentation and Real World Wound Care.In: Dutra, I., et al. Machine Learning and Knowledge Discovery in Databases. Applied Data Science Track. ECML PKDD 2025. Lecture Notes in Computer Science(), vol 16021. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-032-06118-8_17 
Zum Preprint als PDF 

Die Informatikerin Vanessa Borst auf der Bühne am Rednerpult, im Hintergrund das Startbild ihrer Präsentation auf einem riesigen Monitor. Der Konferenzsaal ist in blauem Licht.
Informatikerin Vanessa Borst stellte am 18. September auf der ECML PKDD 2025 in Porto (Portugal) die KI-Technologie „WoundAmbit“ vor, die erstmals moderne Bildanalyse mit den praktischen Anforderungen der Wundversorgung verbindet. Die ECML PKDD (European Conference on Machine Learning and Principles and Practice of Knowledge Discovery in Databases) ist die wichtigste europäische Konferenz zu Maschinellem Lernen und Data Mining – also zur Entdeckung von Mustern in großen Datenmengen. © Martin Rackl / JMU
Das Bild zeigt einen Screenshot des Dashboards für Ärzte, oben der abfotografierte Bereich des Körpers, rechts die Wunde mit Referenzkarte und unten links die Kurven der verschiedenen Skalen. rechts
Mit der Wunderkint-App können Patientinnen und Patienten regelmäßig ihre Wunde fotografieren und auf einer Skala die Schmerzintensität, den Juckreiz, die Nässe der Wunde und ihre Stimmung angeben. Damit die KI die Größe und Röte der Wunde erkennt und analysiert, wird beim Abfotografieren eine Referenzkarte mit Farbskala und ArUco-Markern neben die Wunde gelegt. Sämtliche Daten werden auf einem sicheren Weg an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte übermittelt, die diese auf einem Dashboard abrufen. © JMU
Diagnostische Herausforderungen bei Melanomen im Frühstadium

Eine exakte Diagnosestellung ist entscheidend für die bestmögliche Therapie von Patienten mit malignem Melanom – gleiches gilt hinsichtlich der Verlässlichkeit von zunehmend eingesetzten KI-basierten Diagnoseinstrumenten.

In einer unter Federführung von Sarah Haggenmüller und Titus Brinker (DKFZ Heidelberg) durchgeführten Studie, an der acht dermatologische Universitätskliniken in Deutschland, darunter die Würzburger Hautklinik und internationale Kooperationspartner beteiligt waren, wurde die Interrater-Variabilität zwischen acht erfahrenen Pathologen bewertet, die histopathologische Bilder und prospektiv erhobene klinische Metadaten von 792 Melanom-verdächtigen Läsionen begutachten. Im Zuge dessen wurde der bislang größte panel-validierte Datensatz dermatoskopischer und histopathologischer Bilddaten incl. Metadaten zu pigmentierten Hautläsionen (insbesondere Melanomen) zusammengetragen. 

Eine vollständige Übereinstimmung wurde in 53,5 % der Fälle (424/792) und ein Mehrheitsvotum (≥ fünf Pathologen) in 90,9 % (720/792) erreicht. Erhebliche Diskrepanzen wurden bei nicht-invasiven Melanomen (d. h. Melanomen im Frühstadium) beobachtet (vollständige Übereinstimmung in nur 10/73 Fällen). Das Expertengremium stimmte in 14,9 % bzw. 33,5 % der Fälle nicht mit den Diagnosen der lokalen Pathologen und Dermatologen überein. 

Diese Variabilität verdeutlicht die diagnostischen Herausforderungen bei Melanomen im Frühstadium und die Notwendigkeit, zu überdenken, wie die Korrektheit von Basisdaten („ground truth“) in der Routineversorgung und in der KI-Forschung ermittelt wird. Die Einbeziehung von mindestens zwei Pathologen oder von virtuellen Panels könnte zu sicheren Diagnoseergebnissen beitragen. 

 

Haggenmüller S, Wies C, Abels J, Winterstein JT, Heinlein L, Nogueira Garcia C, Utikal JS, Wohlfeil SA, Meier F, Hobelsberger S, Gellrich FF, Sergon M, Hauschild A, French LE, Heinzerling L, Schlager JG, Ghoreschi K, Schlaak M, Hilke FJ, Poch G, Korsing S, Sarfert C, Berking C, Heppt MV, Erdmann M, Haferkamp S, Drexler K, Schadendorf D, Sondermann W, Goebeler M, Schilling B, Kather JN, Fröhling S, Llamas-Velasco M, Requena LC, Ferrara G, Fernandez-Figueras M, Fraitag S, Müller CSL, Starz H, Kutzner H, Barnhill R, Carr R, Resnik KS, Braun SA, Holland-Letz T, Brinker TJ. Discordance, accuracy and reproducibility study of pathologists' diagnosis of melanoma and melanocytic tumors. Nat Commun. 2025 Jan 17;16(1):789. doi: 10.1038/s41467-025-56160-x. PMID: 39824857; PMCID: PMC11742048.

ADC-Optimierung für die Behandlung von CD56-exprimierenden Krebsarten

Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) ermöglichen zielgerichtete Therapien, die therapeutische Moleküle spezifisch zu Tumoren liefern, aber gesunde Gewebe weitestgehend verschonen. Es sind bereits 11 ADCs zugelassen und zahlreiche in klinischer Testung. Ein Zielmolekül für ADCs ist CD56, welches auf neuroendokrinen Tumoren wie dem kleinzelligem Lungenkarzinom und dem Merkelzellkarzinom, einem sehr aggressiven Hauttumor, exprimiert wird.

Adcitmer ist ein CD56-spezifischer ADC, der in 60% der Konjugate ein optimales DAR von 4 aufweist und dessen hämatologische Zytotoxizität durch Deglykosylierung minimiert werden kann (MCC = Merkelzellkarzinom). © David Schrama

In einem ersten Schritt der Optimierung von CD56-gerichteten ADCs hat die an der Hautklinik forschende Arbeitsgruppe von David Schrama und Roland Houben, die sich seit vielen Jahren mit dem Merkelzellkarzinom beschäftigt, zusammen mit französischen Kollegen einen spezifischen Biokonjugierungsprozess angewandt, um ein ADC zu generieren (Adcitmer), welches überwiegend eine gleichbleibende Medikament- (das Spindelzellengift Monomethyl-Auristatin E) zu Antikörper-Ratio (DAR = 4) besitzt. Nachdem früher entwickelte CD56-spezifische ADCs eine hämatologische Zytotoxizität als therapeutische Limitation gezeigt haben, wurde in der aktuellen Arbeit der Effekt der Deglykosylierung von Adcitmer untersucht. Dabei konnte gezeigt werden, dass die Deglykosylierung durch die verringerte Bindung an FcgR die Interaktion mit Immunzellen unterbindet, die Zytotoxizität gegen Zelllinien des Merkelzellkarzinoms in vitro jedoch erhalten blieb und im präklinischen Modell sogar verstärkt wurde. 

Die Studie legt nahe, dass deglykosyliertes Adcitmer als neues Therapiekonzept für Patienten mit fortgeschrittenem Merkelzellkarzinom oder anderen CD56-positiven Tumoren in Betracht kommen könnte. 

 

Drouin A, Durand L, Esnault C, Gaboriaud P, Leblond V, Karim S, Fouché M, Dhommée C, Baltus CB, Boursin F, Aubrey N, Houben R, Schrama D, Guyétant S, Desgranges A, Viaud-Massuard MC, Gouilleux-Gruart V, Samimi M, Kervarrec T, Touzé A. Optimization of Adcitmer, a Monomethyl-Auristatin E bearing antibody-drug conjugate for the treatment of CD56-expressing cancers. J Immunother Cancer. 2025 Mar 13;13(3):e010897. doi: 10.1136/jitc-2024-010897. PMID: 40086820; PMCID: PMC11907074.

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Adcitmer ist ein CD56-spezifischer ADC, der in 60% der Konjugate ein optimales DAR von 4 aufweist und dessen hämatologische Zytotoxizität durch Deglykosylierung minimiert werden kann (MCC = Merkelzellkarzinom). © David Schrama
Sicherheit der Immuntherapie mit Bienen-/Wespengift

Die Immuntherapie mit Bienen- bzw. Wespengift schützt allergische Patientinnen und Patienten wirksam vor zukünftigen anaphylaktischen Stichreaktionen. Lokale und systemische allergische Nebenwirkungen können jedoch auch während der Therapie auftreten.

Die Immuntherapie mit Bienen bzw.- Wespengift schützt allergische Patientinnen und Patienten wirksam vor zukünftigen anaphylaktischen Stichreaktionen. © privat

Die vorgestellte prospektive Beobachtungsstudie untersucht Einflussfaktoren auf die Sicherheit und Verträglichkeit der Immuntherapie mit Bienen- bzw. Wespengift bei 1342 Patientinnen und Patienten aus 26 allergologischen Zentren in 8 europäischen Staaten. In 93 (7,0%) Fällen traten systemische Reaktionen während der Aufdosierungsphase der Immuntherapie auf, die unter Therapie mit Antihistaminika, Kortikosteroiden und – wenn erforderlich – Adrenalin stets gut beherrschbar waren. Eine Vorbehandlung mit oralen Antihistaminika hatte keinen Einfluss auf das Auftreten systemischer Reaktionen, beugte aber ausgeprägten lokalen Reaktionen an der Injektionsstelle wirksam vor. Starke lokale Schwellungen waren seltener, wenn ein mit Aluminium-hydroxid adjuvantiertes Depotpräparat für die Immuntherapie verwendet wurde. In Bezug auf das Risiko systemischer Nebenwirkungen unterschieden sich die Präparate verschiedener Hersteller nicht.

 

Arzt-Gradwohl L, Herzog SA, Aberer W, Alfaya Arias T, Antolín-Amérigo D, Bonadonna P, Boni E, Bożek A, Chełmińska M, Ebner B, Frelih N, Gawlik R, Gelincik A, Hawranek T, Hoetzenecker W, Jiménez Blanco A, Kita K, Kendirlinan R, Košnik M, Laipold K, Lang R, Marchi F, Mauro M, Nittner-Marszalska M, Poziomkowska-Gęsicka I, Pravettoni V, Preziosi D, Quercia O, Reider N, Rosiek-Biegus M, Ruiz-Leon B, Schrautzer C, Serrano P, Sin A, Sin BA, Stoevesandt J, Trautmann A, Vachová M, Sturm GJ. Factors Affecting the Safety and Effectiveness of Venom Immunotherapy. J Investig Allergol Clin Immunol. 2025 Feb 18;35(1):40-49. doi: 10.18176/jiaci.0967. Epub 2023 Nov 8. PMID: 37937715.

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Die Immuntherapie mit Bienen bzw.- Wespengift schützt allergische Patientinnen und Patienten wirksam vor zukünftigen anaphylaktischen Stichreaktionen. © privat