paper place Archiv Medizinische Klinik II

Bekämpfung des humanen Cytomegalievirus bei Empfängern allogener Stammzelltransplantationen im Prophylaxe-Zeitalter

Viele Menschen stecken sich im Laufe ihres Lebens mit dem humanen Cytomegalovirus (CMV) an. Für gesunde Menschen ist das Virus, das zur Familie der Herpesviren gehört, harmlos, denn es wird vom Immunsystem in Schach gehalten. Es kann jedoch gefährlich werden, wenn das Immunsystem nicht richtig funktioniert oder noch nicht vollständig entwickelt ist.

Nach einer allogenen Stammzelltransplantation bleibt das CMV zum Beispiel eine klinisch hochrelevante Komplikation, selbst wenn moderne Medikamente zur Vorbeugung eingesetzt werden. Ein solches Medikament ist Letermovir, das die Zahl schwerer CMV-Infektionen deutlich reduzieren kann. Allerdings zeigt sich, dass das Virus oft erst später wieder aktiv wird – nämlich nach dem Absetzen der Prophylaxe. Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Immunsystem des Körpers bereits teilweise erholt, insbesondere der Teil, der Antikörper bildet.

Ein Team unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. Sabrina Kraus und Dr. Chris Lauruschkat von der Medizinischen Klinik und Poliklinik II untersuchte, wie sich die Abwehrreaktionen gegen CMV entwickeln. Dabei wurde sowohl die Antikörperantwort als auch das Verhalten relevanter Immunzellen betrachtet. Ziel war es herauszufinden, welche Kombinationen dieser Faktoren dazu beitragen, das Virus gut zu kontrollieren, und welche eher mit einer klinisch relevanten Infektion verbunden sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Reaktivierung des Virus in einer späteren Phase, also nach der Prophylaxe, oft mit einer bereits ausgeprägten Antikörperantwort einhergeht. Bei Patientinnen und Patienten ohne Behandlung gegen CMV tritt die Antikörperantwort eher früh auf und ist von einem bestimmten Antikörpertyp (IgG) geprägt. Bei klinisch relevanten Infektionen ist dagegen häufiger ein anderer, unreiferer Antikörpertyp, Immunglobulin M (IgM), beteiligt.

Höhere IgG-Spiegel gingen hierbei mit einer Zunahme spezieller natürlicher Killerzellen (sogenannter „memory-like“ NK-Zellen) einher, die eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von CMV spielen. Dies spricht für ein enges Zusammenspiel humoraler und angeboren-zellulärer Immunität bei der Kontrolle von CMV nach einer allogenen Stammzelltransplantation. 

Auch eine bestimmte Untergruppe von T-Zellen (Vδ1+ γδ-T-Zellen) scheint dabei eine Rolle zu spielen. Diese Zellen könnten zusammen mit den NK-Zellen als zusätzliche Hinweise darauf dienen, wie gut sich das Immunsystem nach der Transplantation erholt hat und wie effektiv es gegen CMV vorgehen kann.

Insgesamt trägt die Arbeit dazu bei, die Immunreaktion gegen CMV nach einer Stammzelltransplantation im Zeitalter moderner Prophylaxe besser zu verstehen. Sie zeigt, dass es für die Einschätzung des Infektionsrisikos nicht ausreicht, nur klassische Immunparameter zu betrachten. Stattdessen könnten in Zukunft auch Antikörperprofile sowie bestimmte Zelltypen des Immunsystems genutzt werden, um gefährdete Patientinnen und Patienten genauer zu erkennen. Das eröffnet Möglichkeiten für individuell angepasste Kontrollen und neue, gezieltere Behandlungsstrategien.

Die Studie ist Teil der Arbeit innerhalb der DFG-Forschungsgruppe 2830 (Sprecher: Prof. Dr. L. Dölken) und bring das Team einen Schritt näher daran, die Sicherheit der allogenen Stammzelltransplantation weiter zu verbessern. 

Publikation: Chris D. Lauruschkat, Hannah Görge, Kerstin Knies, Benedikt Weißbrich, Lars Dölken, Carolin Köchel, Nina Imhof, Magdalena Huber, Hartmut Hengel, Hermann Einsele, Sebastian Wurster, Sabrina Kraus. Human cytomegalovirus control in allogeneic stem cell transplant recipients in the letermovir era – emerging humoral and cellular players. Haematologica.Vol. 111 No. 4 (2026): April, 2026 https://doi.org/10.3324/haematol.2025.288237

 

Growth differentiation factor-15 (GDF-15) als vielversprechender Biomarker beim lokal begrenztem, nicht-metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom)

Von allen Krebserkrankungen hat Bauchspeicheldrüsenkrebs - in der Fachsprache auch duktales Adenokarzinom des Pankreas (PDAC) genannt - weiterhin die ungünstigste Prognose.

Collage mit drei mikroskopischen Aufnahmen
Die drei mikroskopischen Aufnahmen zeigen beispielhafte immunhistochemische (IHC) Färbungen für die GDF-15-Expression in Tumorproben (tGDF-15). (A) Plazenta (= Positivkontrolle), (B) negativ (Isotyp-Kontrolle) und (C) repräsentative positive GDF-15-Färbung in pankreatischen Tumorproben. Zum Ausgangszeitpunkt (Baseline, BL) zeigten 4 von 39 (10,3 %) Proben eine tGDF-15-Expression, verglichen mit 16 von 39 (41 %) nach der Induktionstherapie (Woche 16). Maßstabsbalken: 200 µm. Figure 4 in https://doi.org/10.1016/j.esmogo.2025.100274

Zum Zeitpunkt der Diagnose befinden sich etwa ein Viertel bis ein Drittel der Betroffenen in einem Stadium, in dem sich der Tumor zwar noch nicht im Körper ausgebreitet hat, aber bereits stark in das umliegende Gewebe hineingewachsen ist, also lokal fortgeschritten ist. Man spricht vom LAPC (engl. locally advanced pancreatic cancer). 

Die vollständige operative Entfernung (R0-Resektion) des Tumors gilt als einzige Möglichkeit auf Heilung, ist jedoch nur bei sehr wenigen Patientinnen und Patienten möglich (unter 5 Prozent). Eine vorgeschaltete (neoadjuvante) Behandlung mit einer Kombination aus Chemotherapeutika erhöht die R0 Resektionsrate, also die Chance, den Tumor später operativ vollständig zu entfernen, wodurch sich  die einzige Möglichkeit auf Heilung eröffnet. 

Kriterien oder Biomarker, die dabei helfen festzulegen, welche Patientinnen und Patienten von einer Operation profitieren könnten, sind jedoch rar. Die Arbeitsgruppe Kunzmann aus der Medizinischen Klinik und Poliklinik II zeigte nun, dass der in vielen soliden Tumoren überexprimierte Wachstums- und Differenzierungsfaktor GDF-15 (GDF für Growth differentiation factor) ein großes prognostisches und prädiktives Potential als neuer, klinisch-relevanter und nicht-invasiver Biomarker für Patientinnen und Patienten mit LAPC hat.

Im Rahmen einer Begleitstudie zur NEOLAP-1 Studie (AIO-PAK-0113) wurden GDF-15 Serumspiegel bei Patientinnen und Patienten mit LAPC zum Zeitpunkt vor und nach Kombinationschemotherapie bestimmt und sowohl mit dem Überleben als auch der sekundären R0 Resektionsrate verglichen. Diejenigen mit einem GDF-15 Serumspiegel unter 0,8ng/ml vor Therapiebeginn zeigten einen signifikanten Überlebensvorteil gegenüber denjenigen mit einem GDF-15 Serumspiegel über 0,8ng/ml (medianes Überleben: 21,92 Monate versus 12,68 Monate). Des Weiteren zeigte sich, dass bei Personen mit einem niedrigen baseline GDF-15 Spiegel in 36,5% der Fälle nach der Therapie eine komplette chirurgische Tumorentfernung durchgeführt werden konnte, während die sekundäre R0 Resektionsrate bei Personen mit höheren GDF-15 Ausgangsspiegeln nur bei 11,9% lag.

Publikation: B. Kimmel, S.T. Löhnert, F. Wedekink, M. Günther, S. Ormanns, I. Hartlapp, J. Siveke, G. Siegler, S. Boeck, H. Algül, U. Martens, F. Kullmann, T. Ettrich, S. Held, F. Anger, C.-T. Germer, V. Heinemann, J. Wischhusen, V. Kunzmann. Growth differentiation factor-15 (GDF-15) in localized pancreatic adenocarcinoma treated with multiagent chemotherapy: a biomarker analysis from the NEOLAP trial (AIO-PAK-0113), ESMO Gastrointestinal Oncology, Volume 11, 2026, 100274, ISSN 2949-8198, https://doi.org/10.1016/j.esmogo.2025.100274

Collage mit drei mikroskopischen Aufnahmen
Die drei mikroskopischen Aufnahmen zeigen beispielhafte immunhistochemische (IHC) Färbungen für die GDF-15-Expression in Tumorproben (tGDF-15). (A) Plazenta (= Positivkontrolle), (B) negativ (Isotyp-Kontrolle) und (C) repräsentative positive GDF-15-Färbung in pankreatischen Tumorproben. Zum Ausgangszeitpunkt (Baseline, BL) zeigten 4 von 39 (10,3 %) Proben eine tGDF-15-Expression, verglichen mit 16 von 39 (41 %) nach der Induktionstherapie (Woche 16). Maßstabsbalken: 200 µm. Figure 4 in https://doi.org/10.1016/j.esmogo.2025.100274
CDK4/6-Hemmung zur Behandlung des Dickdarmkrebses und P16 zur Vorhersage der Therapieeffektivität

Darmkrebs ist eine der weltweit häufigsten Krebserkrankungen und stellt die Onkologie vor erhebliche Herausforderungen. Trotz Fortschritten in der Chemotherapie entwickeln viele Patientinnen und Patienten Resistenzen gegenüber den bestehenden Therapien, was die Behandlungschancen erheblich mindert.

Porträt von Florian Reiter in weißem Kittel und Bild von Julia Schneider im Labor mit Pipette
Julia Schneider, Assistenzärztin am Klinikum der Universität München, und Priv.-Doz. Dr. Florian Reiter, Oberarzt am Universitätsklinikum Würzburg untersuchten die Wirksamkeit von CDK4/6-Hemmern an verschiedenen Darmkrebs-, Brustkrebs, und Leberkrebszelllinien. © Julia Schneider / UKW

Eine Forschergruppe vom UKW und dem Klinikum der Universität München (LMU) untersuchte die Wirksamkeit von CDK4/6-Hemmern bei Darmkrebs - mit vielversprechenden Ergebnissen. Die einst für Brustkrebs entwickelten Medikamente bremsen auch das Wachstum von Darmkrebszellen wirksam, selbst bei therapieresistenten Tumoren. Entscheidend für den Therapieerfolg ist das Protein p16: Krebszellen mit hoher p16-Expression sprechen schlechter auf die Behandlung an. Das Protein könnte als Biomarker dienen, um Betroffene zu identifizieren, die besonders profitieren. Die von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderte Studie wurde in der Fachzeitschrift „Cellular Oncology" publiziert und könnte den Weg für individualisierte Therapieansätze ebnen. 

Weitere Informationen liefert die folgende Pressemeldung.

Publikation
Julia S. Schneider, Najib Ben Khaled, Liangtao Ye, Ralf Wimmer, Linda Hammann, Alexander Weich, Christoph Suppan, Ujjwal M. Mahajan, Andreas Jung, Jörg Kumbrink, Gerald Denk, Monika Rau, Volker Kunzmann, Solveig Kuss, Jens Neuman, Julia Mayerle, Andreas Geier, Heike M. Hermanns, Enrico N. De Toni & Florian P. Reiter. Efficacy of CDK4/6 Inhibition in colorectal cancer and the role of p16 expression in predicting drug resistance. Cell Oncol. 48, 1363–1375 (2025). https://doi.org/10.1007/s13402-025-01080-7 

Porträt von Florian Reiter in weißem Kittel und Bild von Julia Schneider im Labor mit Pipette
Julia Schneider, Assistenzärztin am Klinikum der Universität München, und Priv.-Doz. Dr. Florian Reiter, Oberarzt am Universitätsklinikum Würzburg untersuchten die Wirksamkeit von CDK4/6-Hemmern an verschiedenen Darmkrebs-, Brustkrebs, und Leberkrebszelllinien. © Julia Schneider / UKW
Bortezomibinduzierte Neuropathie geht auf Funktionsstörung der Blut-Nerven-Schranke ohne Schädigung des Spinalganglions zurück

Viele Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom müssen die hochwirksame Chemotherapie mit Bortezomib wegen schmerzhafter Polyneuropathien reduzieren oder ganz abbrechen. Bislang war unklar, ob vor allem Nervenzellen selbst oder andere Strukturen im Fokus der Schädigung stehen.

Mikroskopische Bilder aus der Publikation
In einem frühen Stadium einer durch Bortezomibin verursachten Nervenschädigung kommt es zu einem vorübergehenden Abbau und Wiederabdichtung der Blut-Nerven-Schranke (BNB) für kleine Moleküle. Männliche Wistar-Ratten wurden viermal intraperitoneal (i.p.) mit 0,2 mg/kg BTZ injiziert. Kontrolltiere wurden mit dem Lösungsmittel (Veh) behandelt. Oben in grün perineuriale Durchlässigkeit nach Ex-vivo-Inkubation mit Fluorescein (Fluo), unten Evans-Blau-Albumin (EBA), quantifiziert anhand der Fluoreszenzintensität im Endoneurium. Quelle: doi:10.1016/j.bja.2025.05.046

Die neue interdisziplinäre translationale Studie aus der klinischen Forschungsgruppe KFO5001 entstand in Zusammenarbeit des ZIS mit den Kliniken Med II und Neurologie sowie der Core Unit Systemmedizin und unsere Kooperationspartner und Kooperationspartnerinnen aus Berlin und Leipzig. Sie zeigt erstmals, dass frühe bortezomibinduzierte Neuropathie vor allem auf eine vorübergehende Störung der Blut-Nerven-Schranke und eine damit verbundene axonale Schädigung zurückgeht, während die Zellkörper der sensiblen Neurone in den Spinalganglien weitgehend intakt bleiben.

In einem Rattenmodell entwickelten die Tiere nach einem einzigen Bortezomib-Zyklus eine ausgeprägte Kälte- und Berührungsschmerzhaftigkeit, eine erhöhte Permeabilität des Perineuriums, axonale Schwellungen und einen Verlust epidermaler Nervenfasern; diese Veränderungen bildeten sich jedoch parallel zur funktionellen Erholung wieder zurück. 

Auf molekularer Ebene waren die transkriptomischen Veränderungen in den Spinalganglien überraschend gering, wohingegen im peripheren Nerv vor allem zytoskelettassoziierte, zirkadiane, extrazelluläre-Matrix- und Immunwege reguliert wurden – begleitet von einer verstärkten Expression des Barriere- und Wachstumsfaktors Netrin‑1 in Nerv und Haut. Bei Myelompatienten und Myelompatientinnen mit schmerzhafter Bortezomib-induzierter Polyneuropathie bestätigte sich eine deutliche Reduktion der intraepidermalen Nervenfaserdichte, während Netrin‑1 in der Haut nicht erhöht war, was auf eine unzureichende endogene Reparaturantwort bei chronischen Verläufen hinweist. 

Diese Arbeit setzt damit einen wichtigen Meilenstein in der Schmerzmedizin, Onkologie und Neurologie: Sie verschiebt das Verständnis der Bortezomib-Neurotoxizität hin zu einem barrierezentrierten Krankheitsmodell des peripheren Nervs und eröffnet neue, krankheitsmodifizierende Therapieansätze, die gezielt die Blut-Nerven-Schranke, die Extrazellulärmatrix und neuroimmune Signalwege stärken, um Chemotherapie-induzierte Polyneuropathien besser verhindern und behandeln zu können.

Publikation:
Mariam Sobhy Atalla, Anna-Lena Bettenhausen, Julius M. Verse, Nadine Cebulla, Susanne M. Krug, Reine-Solange Sauer, Mugdha Srivastava, Thorsten Bischler, Jeremy T.C. Chen, K. Martin Kortüm, Robert J. Kittel, Claudia Sommer, Heike L. Rittner. Neuronal toxicity and recovery from early bortezomib-induced neuropathy: blood-nerve barrier dysfunction without dorsal root ganglion damage. British Journal of Anaesthesia. 2025, ISSN 0007-0912, https://doi.org/10.1016/j.bja.2025.05.046.

Mikroskopische Bilder aus der Publikation
In einem frühen Stadium einer durch Bortezomibin verursachten Nervenschädigung kommt es zu einem vorübergehenden Abbau und Wiederabdichtung der Blut-Nerven-Schranke (BNB) für kleine Moleküle. Männliche Wistar-Ratten wurden viermal intraperitoneal (i.p.) mit 0,2 mg/kg BTZ injiziert. Kontrolltiere wurden mit dem Lösungsmittel (Veh) behandelt. Oben in grün perineuriale Durchlässigkeit nach Ex-vivo-Inkubation mit Fluorescein (Fluo), unten Evans-Blau-Albumin (EBA), quantifiziert anhand der Fluoreszenzintensität im Endoneurium. Quelle: doi:10.1016/j.bja.2025.05.046
Multiples Myelom: Empfehlungen, wie neuartigen Therapien am besten in die derzeitige Behandlungslandschaft integriert werden können

Die Behandlungslandschaft für stark vorbehandelte rezidivierte/refraktäre Multiple Myelom-Erkrankungen hat sich in den letzten Jahren mit der Einführung neuartiger BCMA- und GPRC5D-gerichteter Immuntherapien, darunter CAR-T-Zell-Therapie, bispezifische Antikörper (BsAbs) und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs), erheblich verändert.

Abbildung zu den Entscheidungsfaktoren für die Wahl der Behandlung bei Multiplem Myelom
Die Wahl der Behandlung beim Multiplen Myelom richtet sich nach patientenbezogenen Faktoren, Krankheitsmerkmalen, Patientenpräferenzen, vorherigen Therapien, Verfügbarkeit von Medikamenten und den Auswirkungen der vorherigen Behandlung auf die nachfolgende Therapie. HemaSphere, Volume: 9, Issue: 11, First published: 25 November 2025, DOI: (10.1002/hem3.70260)

Die Auswahl und Reihenfolge der Behandlungen wird angesichts der Vielzahl therapeutischer Optionen immer komplexer. 

In dieser Übersicht gibt das European Myeloma Network mit Würzburger Beteiligung Empfehlungen dazu, wie diese neuartigen Therapien unter Verwendung aktueller Erkenntnisse am besten in die derzeitige Behandlungslandschaft integriert werden können. 

Die optimale Behandlungssequenz hängt von verschiedenen patienten- und tumorbezogenen Merkmalen, aber auch von Fragen der Kostenerstattung und Verfügbarkeit ab. Darüber hinaus bestimmen die Mechanismen, die einer Rückfallerkrankung zugrunde liegen (z. B. Antigenverlust, verminderte T-Zell-Fitness oder Auswachsen von T-Zell-resistenten Klonen), die Wirksamkeit einer sequenziellen BCMA- oder GPRC5D-gerichteten Immuntherapie.

BCMA-gerichtete BsAbs und ADCs sollten vorzugsweise vor einer CAR-T-Zelltherapie vermieden werden, da einige Studien gezeigt haben, dass diese Wirkstoffe die klinischen Ergebnisse nach einer CAR-T-Zelltherapie negativ beeinflussen. Daher empfehlen die Autorinnen und Autoren, zunächst eine CAR-T-Zelltherapie zu wählen und BsAbs und/oder Belamaf erst später im Krankheitsverlauf einzusetzen, wenn die Patientinnen und Patienten für eine CAR-T-Zelltherapie in Frage kommen und diese innerhalb kurzer Zeit verfügbar ist. Eine Überbrückungstherapie mit GPRC5D-gerichteten BsAbs (Beginn nach Apherese) kann jedoch in Betracht gezogen werden, um die Tumorlast deutlich zu reduzieren, da sich dadurch die Wirksamkeit einer anschließenden BCMA-gerichteten CAR-T-Zelltherapie verbessern lässt. 

Eine sequenzielle Behandlung mit Wirkstoffen, die auf dasselbe Antigen abzielen, aber unterschiedliche Wirkmechanismen haben, ist zwar möglich, mehrere Studien haben jedoch gezeigt, dass ein Zielwechsel eine wirksamere Strategie ist. Darüber hinaus gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit der sequenziellen Anwendung von BsAbs durch die Schaffung eines BsAb-freien Intervalls verbessert werden kann.

Publikation 
van de Donk, N. W. C. J., Moreau, P., San-Miguel, J. F., Mateos, M. V., Dimopoulos, M. A., Zweegman, S., Gay, F., Engelhardt, M., Mina, R., Zamagni, E., Delforge, M., Beksac, M., Spencer, A., Schjesvold, F., Driessen, C., Kaiser, M., Perrot, A., Wäsch, R., Korst, C. L. B. M., Broijl, A., … EMN Guidelines Committee (2025). Sequencing BCMA- and GPRC5D-targeting immunotherapies in multiple myeloma: Practical guidance from the European Myeloma Network. HemaSphere9(11), e70260. https://doi.org/10.1002/hem3.70260

 

Abbildung zu den Entscheidungsfaktoren für die Wahl der Behandlung bei Multiplem Myelom
Die Wahl der Behandlung beim Multiplen Myelom richtet sich nach patientenbezogenen Faktoren, Krankheitsmerkmalen, Patientenpräferenzen, vorherigen Therapien, Verfügbarkeit von Medikamenten und den Auswirkungen der vorherigen Behandlung auf die nachfolgende Therapie. HemaSphere, Volume: 9, Issue: 11, First published: 25 November 2025, DOI: (10.1002/hem3.70260)
Flexible ConvAD-CAR-T-Zellen überwinden Antigenverlust

Ein häufiger Grund für Rückfälle bei Lymphomen nach einer CAR-T-Zelltherapie ist der sogenannte Antigenverlust: Dabei verlieren die Tumorzellen das Merkmal, das von den CAR-T-Zellen erkannt wird.

grafische Abbildung der Funktionen von Conventional and Adapter Dual CAR-T-Zellen.
ConvAD-CAR-T-Zellen sind gentechnisch veränderte Abwehrzellen, die Krebszellen gezielt bekämpfen. Sie können sowohl ein festes Tumormerkmal erkennen als auch mithilfe spezieller Antikörper flexibel auf verschiedene Zielstrukturen reagieren. So greifen sie mehrere Merkmale von Lymphomzellen an und verhindern, dass der Tumor der Behandlung entkommt.

Daher sind Therapien nötig, die mehrere Zielstrukturen gleichzeitig angreifen können.

In einer Studie, veröffentlicht in Molecular Therapy (Cell Press), hat ein UKW Team CAR-T-Zellen gegen Lymphome weiterentwickelt: Die Zellen tragen zusätzlich einen P329G-Adapter-CAR. Diese dualen ConvAD-CAR-T-Zellen lassen sich mithilfe spezieller Antikörper flexibel auf verschiedene Tumormerkmale ausrichten.

In vorklinischen Lymphommodellen, in denen Tumorzellen ihren Zielstrukturen entkommen, zeigten ConvAD-CAR-T-Zellen in Kombination mit passenden Adapter-Antikörpern eine deutlich höhere Wirksamkeit als herkömmliche CAR-T-Zellen mit fester Zielbindung. Selbst wenn die Tumorzellen zwei Zielmerkmale verloren hatten, blieben die ConvAD-CAR-T-Zellen aktiv und konnten einen Rückfall wirksam verhindern.

Publikation: 
Zeno Riester, Marlena Surowka, Nicole Seifert, Diana Darowski, Arindam Ghosh, Peter Spieler, Justus Weber, Reto Gianotti, Fabian Freitag, Miriam Alb, Thomas Nerreter, Elena Gerhard-Hartmann, Andreas Rosenwald, Markus Sauer, Ekkehard Moessner, Hermann Einsele, Claudia Ferrara-Koller, Christian Klein, Michael Hudecek, Sophia Danhof. Co-expression of an adapter CAR retains efficacy of CAR T cells after single and dual antigen loss in lymphoma. Mol Ther. 2025 Oct 24:S1525-0016(25)00867-6. doi: 10.1016/j.ymthe.2025.10.046  Epub ahead of print. PMID: 41137393.
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grafische Abbildung der Funktionen von Conventional and Adapter Dual CAR-T-Zellen.
ConvAD-CAR-T-Zellen sind gentechnisch veränderte Abwehrzellen, die Krebszellen gezielt bekämpfen. Sie können sowohl ein festes Tumormerkmal erkennen als auch mithilfe spezieller Antikörper flexibel auf verschiedene Zielstrukturen reagieren. So greifen sie mehrere Merkmale von Lymphomzellen an und verhindern, dass der Tumor der Behandlung entkommt.
Nicht jede Genveränderung ist ein schlechtes Omen

„Manche Fälle bleiben im Gedächtnis und lehren uns, nicht nur auf Zahlen und Lehrbuchmeinungen zu schauen“, sagt PD Dr. Vivek Venkataramani. Der Onkologe bezieht sich dabei auf einen Fall im Molekularen Tumorboard.

Bild drei Wissenschaftler im weißen Kittel im Gang vom Zentrum für innere und operative Medizin
Aufgrund eines Einzelfalls im Molekularen Tumorboard analysierten Dr. Horst-Dieter Hummel, Jonas Kulhavy und PD Dr. Vivek Venkataramani (v.l.n.r.) die genetischen Daten von 1.804 Patientinnen und Patienten mit NSCLC am UKW.

Dort wurde ein Patient mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs vorgestellt, der zusätzlich zur bereits bekannten, behandelbaren Mutation des EGFR-Gens eine CTNNB1-Mutation (β-Catenin) aufwies. Diese CTNNB1-Mutation wurde bisher eher mit schlechteren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht. Überraschenderweise blieb der Patient unter seiner laufenden Therapie über einen langen Zeitraum stabil. Gemeinsam mit Dr. Horst-Dieter Hummel, dem Leiter des Würzburger Standorts im nationalen Netzwerk Genomische Medizin (nNGM), und Jonas Kulhavy, einem Naturwissenschaftler im nNGM-Team, ging Vivek Venkataramani, Onkologe in der Medizinischen Klinik II und Studienarzt im NCT WERA, dieser Beobachtung systematisch nach. Die Ergebnisse ihrer Analyse wurde im Journal of Clinical Oncology (JCO) Precision Oncology, einer der führenden internationalen Fachzeitschriften für personalisierte Krebsmedizin, veröffentlicht.

Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (englisch non-small cell lung cancer, NSCLC) ist die häufigste Form von Lungenkrebs. Etwa 80–85 % aller Lungenkrebsfälle gehören zu dieser Gruppe. Eine der bekanntesten genetischen Veränderungen beim NSCLC ist die sogenannte EGFR-Mutation. EGFR steht für „Epidermal Growth Factor Receptor“ und wirkt wie ein Gaspedal für das Zellwachstum. Es wird normalerweise nur dann betätigt, wenn neue Zellen benötigt werden, beispielsweise bei der Wundheilung. Durch die Mutation ist das Pedal jedoch dauerhaft „durchgedrückt“, sodass sich Zellen unkontrolliert vermehren und das Krebswachstum beschleunigt wird. Weil dieser sogenannte onkogene Treiber so klar identifizierbar ist, gibt es moderne Medikamente, die gezielt eingreifen und das Wachstum bremsen.

Kommt jedoch eine weitere Mutation des β-Catenin-Gens (CTNNB1), das das Zellwachstum steuert, hinzu, galt das bislang als schlechtes Omen. Viele Fachleute nahmen an, dass zwei aktivierte Wachstumsmotoren den Tumor aggressiver und schwerer behandelbar machen. Die neue Analyse zeigt jedoch das Gegenteil: Gerade dieses Zusammenspiel scheint die Wirkung der EGFR-gerichteten Medikamente zu verstärken und sorgt dafür, dass Betroffene eine günstigere Prognose haben.

Vivek Venkataramani, Horst Hummel und Jonas Kulhavy, der Erstautor der Studie, analysierten zunächst die genetischen Daten von 1.804 Patientinnen und Patienten mit NSCLC am UKW. Dabei identifizierten sie 15 weitere Betroffene mit der gleichen Doppelmutation. „Die Konstellation war zwar selten, aber die klinische Beobachtung zu auffällig, um sie zu ignorieren“, betont Hummel. Da die Zahl der Fälle in Würzburg allein nicht ausreichte, wurde die Thoraxklinik Heidelberg hinzugezogen, ein Partnerstandort im nNGM-Verbund unter der Leitung von Prof. Dr. Petros Christopoulos. Dort wurden elf weitere Fälle identifiziert. Durch die Zusammenführung der Daten entstand die weltweit größte dokumentierte Fallserie zu dieser Mutationskonstellation beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Menschen mit NSCLC und beiden Genveränderungen lebten nicht nur länger, sondern ihre Krankheit blieb auch deutlich länger stabil. Im Durchschnitt vergingen fast vier Jahre (44,5 Monate), bis die Erkrankung erneut fortschritt – mehr als doppelt so lange wie bei Patientinnen und Patienten mit nur einer EGFR-Mutation (15,2 Monate). Auch die Lebenserwartung war deutlich erhöht: Während die mittlere Überlebenszeit in der Vergleichsgruppe bei gut zwei Jahren (24,5 Monate) lag, war sie in der CTNNB1-Gruppe zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht erreicht– ein starkes Zeichen für einen anhaltenden Behandlungserfolg. Selbst nach Berücksichtigung anderer Faktoren wie Alter, Immunstatus oder zusätzlicher Genveränderungen blieb dieser Überlebensvorteil bestehen. Weitere molekulare Analysen untermauern das Bild einer biologisch günstigeren Tumorform: Tumoren mit dieser Doppelmutation wiesen seltener zusätzliche Risikofaktoren wie TP53-Mutationen oder MET-Amplifikationen auf, die häufig mit einem aggressiveren Verlauf und Therapieresistenz verbunden sind. TP53-Mutationen sind Fehler im Wächter-Gen, das normalerweise Krebszellen stoppt, bei MET-Amplifikationen handelt es sich um zu viele Kopien eines anderen Wachstumsrezeptors. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass nicht jede zusätzliche Genveränderung ein schlechtes Omen ist“, so Venkataramani. „Gerade diese Doppelmutation könnte künftig helfen, das Risiko von Patientinnen und Patienten genauer einzuschätzen und Behandlungen noch individueller zu gestalten. Das zeigt, wie wichtig molekulare Tumorboards sind, um solche Muster zu erkennen und gezielt zu nutzen.“

Die Forschenden weisen jedoch darauf hin, dass es sich um eine rückblickende Analyse handelt. „Unsere Daten liefern eine starke Hypothese“, so Kulhavy. „Jetzt müssen größere, vorausschauende Studien zeigen, ob sich diese Erkenntnisse auch in anderen Patientengruppen bestätigen lassen.“ 

Jonas Kulhavy, Katja Maurus, Miriam Blasi, Stephanie Brändlein, Simone Reu-Hofer, Julia Doll, Julia Böck, Albrecht Stenzinger, Daniel Kazdal, Jan Budczies, Valeria Roll, Volker Kunzmann, Elena Gerhard-Hartmann, Andreas Rosenwald, Ralf Bargou, Maria-Elisabeth Goebeler, Jens Kern, Pius Jung , Markus Krebs, Manik Chatterjee, Petros Christopoulos, Vivek Venkataramani, Horst-Dieter Hummel. Impact of Baseline β-Catenin Comutations on Prognosis in EGFR-Mutant Lung Cancer. JCO Precis Oncol 9, e2400771(2025). https://doi.org/10.1200/PO-24-00771

Bild drei Wissenschaftler im weißen Kittel im Gang vom Zentrum für innere und operative Medizin
Aufgrund eines Einzelfalls im Molekularen Tumorboard analysierten Dr. Horst-Dieter Hummel, Jonas Kulhavy und PD Dr. Vivek Venkataramani (v.l.n.r.) die genetischen Daten von 1.804 Patientinnen und Patienten mit NSCLC am UKW.