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Männchen und Weibchen lösen Schmerzen unterschiedlich auf

Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Robert Blum untersuchte, wie sich neuropathische Schmerzen nach einer Nervenverletzung zurückbilden. Im Fokus stand das Spinalganglion (Dorsal Root Ganglion, DRG), eine zentrale Schaltstelle der Schmerzverarbeitung.

Gewebeschnitte sehen wir Mosaik-Kunstwerke auf schwarzem Grund aus
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Grafische Zusammenfassung der Schmerzrückbildung  von Verletzung über maximalem Schmerz bis zur Schmerzauflösung - Makrophagen besetzten erst den Raum zwischen Neuron und Gliazelle, dann verlassen sie ihn wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.
Mitglieder der AG Blum - mittig Robert Blum und Felicitas Schlott mit gebasteltem Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott - das Forschungsprojekt war Teil ihrer Dissertation: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott

Dabei zeigte sich, dass die unmittelbare Reaktion auf die Verletzung bei männlichen und weiblichen Ratten weitgehend ähnlich verläuft, die Mechanismen der Schmerzrückbildung jedoch geschlechtsspezifisch sind.

Bei weiblichen Tieren blieben Immunreaktionen, insbesondere die Aktivität von Makrophagen, länger bestehen. Bei männlichen Tieren hielten dagegen Aktivierung und Kontakt der Satellitengliazellen zu den Nervenzellen länger an. Trotz dieser Unterschiede löste sich der Schmerz bei beiden Geschlechtern zum gleichen Zeitpunkt auf.

Mithilfe KI-gestützter Analysen und einer umfassenden Untersuchung der Genaktivität konnten die Forschenden zudem zeigen, dass die Schmerzrückbildung nicht einfach eine Rückkehr zum Ausgangszustand nach der Verletzung ist. Stattdessen werden neue, geschlechtsspezifische genetische Programme aktiviert. Hunderte Gene waren während der Schmerzrückbildung unterschiedlich reguliert.

Die in Cell Reports veröffentlichten Ergebnisse verdeutlichen, dass das Geschlecht in der zellulären und molekularen Schmerzbiologie eine größere Rolle spielt als bisher angenommen. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, geschlechtsspezifische Unterschiede künftig stärker in der Schmerzforschung und in der personalisierten Schmerzmedizin zu berücksichtigen.

Ausführliche Details zu dem Forschungsprojekt und wie es weitergeht finden Sie in der Pressemeldung

Publikation: Felicitas Schlott, Beate Hartmannsberger, Thorsten Bischler, Tom Gräfenhan, Alexander Brack, Heike L. Rittner, Annemarie Sodmann, Robert Blum. Sex-specific molecular and cellular phenotypes during resolution of neuropathic pain in dorsal root ganglia. Cell Reports. Volume 45, Issue 6, 2026, 117442, ISSN 2211-1247, https://doi.org/10.1016/j.celrep.2026.117442

Gewebeschnitte sehen wir Mosaik-Kunstwerke auf schwarzem Grund aus
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Grafische Zusammenfassung der Schmerzrückbildung  von Verletzung über maximalem Schmerz bis zur Schmerzauflösung - Makrophagen besetzten erst den Raum zwischen Neuron und Gliazelle, dann verlassen sie ihn wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.
Mitglieder der AG Blum - mittig Robert Blum und Felicitas Schlott mit gebasteltem Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott - das Forschungsprojekt war Teil ihrer Dissertation: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott
HLA-Genvarianten prägen die Entstehung autoimmuner Nodopathien

Autoimmune Nodopathien sind seltene entzündliche Erkrankungen peripherer Nerven, die durch Autoantikörper gegen Proteine des Ranvier-Schnürrings und seiner benachbarten Strukturen verursacht werden. Zu den wichtigsten Zielantigenen gehören Contactin-1, Neurofaszin 155 und Caspr1.

Weg von HLA - Antigenpräsentation - Autoantikörper bis zum klinischen Phänotyp
Die Arbeit unterstützt die Hypothese, dass HLA-Allele beeinflussen, welches paranodale Protein als Zielantigen erkannt wird. Daten aus Martinez-Martinez et al. J Neuroinflammation 2017;14:224.

Da viele Autoimmunerkrankungen mit bestimmten HLA-Klasse-II-Genen assoziiert sind, untersuchte diese europäische Multicenterstudie, ob auch Patienten mit diesen autoimmunen Nodopathien charakteristische HLA-Merkmale aufweisen. HLA-Moleküle bestimmen nämlich wichtige Faktoren in der Kette der Immunaktivierung, z.B. welche Peptide CD4+-T-Zellen präsentiert werden, welche T-Helferzellen aktiviert werden, welche B-Zellen Hilfe erhalten, und letztlich gegen welches Protein hochaffine IgG-Antikörper entstehen. 

Die Studie zeigte erstmals, dass verschiedene Autoantikörper mit unterschiedlichen genetischen Risikokonstellationen assoziiert sind. Fast die Hälfte der Patienten mit anti-Contactin-1 Antikörpern trug ein HLA-DRB1*11-Allel, deutlich mehr als in der Allgemeinbevölkerung oder bei anderen entzündlichen Neuropathien. Dies spricht für eine genetische Prädisposition zur Entwicklung dieser Autoantikörper. Bei Patienten mit Antikörpern gegen Caspr1 fand sich in 64 % das Allel HLA-DRB1*03:01, auch hier bestand somit eine ausgeprägte genetische Assoziation. Im Gegensatz dazu war in einer früheren Studie eine starke Assoziation von Antikörpern gegen Neurofaszin 155 und HLA-CRB1*15 gezeigt worden. Zusätzliche computergestützte Analysen zeigten, dass HLA-DRB1*11 bestimmte Contactin-Peptide besonders gut präsentieren könnte. Damit wäre ein möglicher immunologischer Mechanismus für die Entstehung der anti-Contactin-Autoimmunität gegeben. 

Die Arbeit zeigt, dass bei der Erforschung seltener Erkrankungen die multizentrische Kooperation von großem Vorteil ist. Die Ergebnisse liefern ein anschauliches Beispiel dafür, wie genetische Faktoren und adaptive Immunität miteinander verknüpft sind. HLA-Allele bestimmen die Qualität der Antigenpräsentation und können dadurch selektiv die Entwicklung einer Autoantikörperantwort gegen definierte nodale Proteine und letztlich die Entstehung einer entzündlichen Neuropathie begünstigen. 

Publikation: Lleixà C, Pascual-Goñi E, Martín-Aguilar L, Caballero-Ávila M, Collet-Vidiella R, Tejada-Illa C, Llarch P, Gallardo E, Boera-Carnicero G, Calahorro V, Callegari I, Cortese A, Delmont E, Devaux J, Giannotta CC, Nobile-Orazio E, Höftberger R, Sellner J, Herdewyn S, Alejandra C, Torné L, Jericó I, Rinaldi S, Sommer C, Doppler K, Armangue T, Titulaer MJ, Jacobs BC, Huizinga R, Wanschitz JV, Ortiz Castellon N, Sparasci D, Ripellino P, Pérez-Pérez H, Horga A, Alonso-Jiménez A, De Winter J, Jauregui A, de la Calle-Martin O, Martinez-Martinez L, Querol L. Specific HLA-DRB1 Alleles Associate With Anti-Caspr1 and Anti-CNTN1 Autoantibodies in Autoimmune Nodopathies. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2026;13:e200602. https://doi.org/10.1212/NXI.0000000000200602

Weg von HLA - Antigenpräsentation - Autoantikörper bis zum klinischen Phänotyp
Die Arbeit unterstützt die Hypothese, dass HLA-Allele beeinflussen, welches paranodale Protein als Zielantigen erkannt wird. Daten aus Martinez-Martinez et al. J Neuroinflammation 2017;14:224.
Biomarker für die wichtigsten peripheren Neurone beim neuropathischen Schmerz

Eine Studie, an der Barbara Namer vom UKW maßgeblich beteiligt war, hat erstmals biologische Marker identifiziert, die sogenannte „schlafende Schmerznerven“ im menschlichen Körper eindeutig kennzeichnen.

Porträt
apl. Prof. Dr. med. Barbara Namer

Diese speziellen Schmerzrezeptoren sind normalerweise inaktiv und reagieren in gesundem Gewebe nicht auf Reize. Bei chronischen Nervenschmerzen können sie jedoch „aufwachen“ und dauerhaft Schmerzsignale auslösen.

Bislang war es schwierig, diese Nervenzellen im Körper zuverlässig zu erkennen. Durch die neu gefundenen Biomarker ist es nun möglich, sie gezielter zu identifizieren und besser zu verstehen, welche Rolle sie bei chronischen Schmerzen spielen.

Die Ergebnisse gelten als wichtiger Schritt für die Schmerzforschung, da sie eine Grundlage schaffen, um künftig gezieltere Therapien gegen neuropathische Schmerzen zu entwickeln. Langfristig könnte dies dazu beitragen, genau jene Nervenzellen zu behandeln, die für chronische Schmerzen verantwortlich sind, ohne andere Nervenfunktionen zu beeinträchtigen.

Zur Pressemeldung

Publikation: Jannis Körner*, Derek Howard*, Hans Jürgen Solinski, Marisol Mancilla Moreno, Natja Haag, Andrea Fiebig, Anna Maxion, Shamsuddin A. Bhuiyan, Idil Toklucu, Raya A. Bott, Ishwarya Sankaranarayanan, Diana Tavares-Ferreira, Stephanie Shiers, Nikhil N. Inturi, Esther Eberhardt, Lisa Ernst, Lorenzo Bonaguro, Jonas Schulte-Schrepping, Marc D. Beyer, Thomas Stiehl, William Renthal,Ingo Kurth, Jenny Tigerholm, Jordi Serra, Theodore Price, Martin Schmelz, Barbara Namer*, Shreejoy Tripathy*, and Angelika Lampert*. Molecular architecture of human dermal sleeping nociceptors. Cell (2026), doi.org/10.1016/j.cell.2025.12.048

Porträt
apl. Prof. Dr. med. Barbara Namer
Gehirnaktivität bei akutem und chronischem komplexem regionalem Schmerzsyndrom

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) ist eine seltene schwerwiegende chronische Schmerzerkrankung, die meist nach Verletzungen oder Operationen an einer Extremität auftritt und zu anhaltenden Schmerzen, Schwellungen, Temperatur- und Farbveränderungen sowie Bewegungseinschränkungen führt.

Abbildungen von Gehirnen bei akuter und chronischer CRPS mit Unterschieden der funktionellen Konnektivität.
Unterschiede zwischen akuter (a) CRPS und chronischer (c) CRPS hinsichtlich der funktionellen Konnektivität. Ungepaarter t-Test (p < 0,05, korrigiert) zeigt eine größere funktionelle Konnektivität bei aCRPS-Patienten im Vergleich zu cCRPS-Patienten innerhalb des DMN und des ventralen Aufmerksamkeitsnetzwerks, wobei hauptsächlich das linke frontale Operculum/die Insula und der PreCun/PCC beteiligt sind. Eur J of Neuroscience, Volume: 62, Issue: 3, First published: 13 August 2025, DOI: (10.1111/ejn.70220)

Viele Betroffene entwickeln zusätzlich eine ausgeprägte Beeinträchtigung der Alltagsfunktion und der Lebensqualität, sodass CRPS zu den belastendsten Schmerzerkrankungen überhaupt zählt. 

Im Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) werden Patientinnen und Patienten mit CRPS behandelt und in der klinischen Forschungsgruppe KFO5001 interdisziplinär und international erforscht.

In dieser Studie wurden Patientinnen und Patienten mit akuten CRPS-Beschwerden (unter 12 Monaten) mit Personen mit chronischem CRPS (über 12 Monate) anhand von Schmerztests und funktioneller MRT im Ruhezustand verglichen. Denn CRPS geht nicht nur mit körperlichen Symptomen der Arme oder Beine einher, sondern verändert auch die Aktivität des Gehirns.

Es zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten mit chronischem CRPS empfindlicher auf Druckschmerz reagierten als Betroffene mit akutem CRPS. Gleichzeitig war die Spontanaktivität im Nucleus accumbens bei chronischem CRPS deutlich verlangsamt. Dabei handelt es sich um eine Hirnstruktur, die bereits aus anderen chronischen Schmerzsyndromen als wichtiger Schaltknoten für die Schmerzchronifizierung bekannt ist. 

Dieses veränderte Aktivitätsmuster im Gehirn konnte gut zwischen akutem und chronischem CRPS unterscheiden. Es zeigt, dass chronisches CRPS ähnliche Veränderungen im Gehirn aufweist wie andere chronische Schmerzkrankheiten, insbesondere in Bereichen, die mit Motivation, Belohnung und Schmerzverarbeitung zusammenhängen.

Bei akutem CRPS waren hingegen Hirnnetzwerke stärker miteinander verbunden, die für die Selbstwahrnehmung und die Verarbeitung von Schmerz wichtig sind, etwa im Precuneus/posterioren Cingulum und in der vorderen Insula. 

Das Universitätsklinikum Würzburg ist eines der führenden Zentren für CRPS-Forschung und leistet mit dieser Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Hirnmechanismen bei CRPS. Aktuell läuft bereits eine zweite klinische Studie ResolveCRPS 2.0, um diese Erkenntnisse weiter zu vertiefen. 

Publikation
Jiechu Chen, Mohammad Jammoul, Ann-Kristin Reinhold, Juliane Becker, Michael Harnik, Madalina Tivarus, György A. Homola, Magnus Schindehütte, Grit Hein, Claudia Sommer, Mirko Pham, Heike L. Rittner, Paul Geha. Resting-State Brain Activity in Acute and Chronic Complex Regional Pain Syndrome. Eur J Neurosci. 2025 Aug;62(3):e70220. doi: 10.1111/ejn.70220. PMID: 40799147.

Abbildungen von Gehirnen bei akuter und chronischer CRPS mit Unterschieden der funktionellen Konnektivität.
Unterschiede zwischen akuter (a) CRPS und chronischer (c) CRPS hinsichtlich der funktionellen Konnektivität. Ungepaarter t-Test (p < 0,05, korrigiert) zeigt eine größere funktionelle Konnektivität bei aCRPS-Patienten im Vergleich zu cCRPS-Patienten innerhalb des DMN und des ventralen Aufmerksamkeitsnetzwerks, wobei hauptsächlich das linke frontale Operculum/die Insula und der PreCun/PCC beteiligt sind. Eur J of Neuroscience, Volume: 62, Issue: 3, First published: 13 August 2025, DOI: (10.1111/ejn.70220)
Bortezomibinduzierte Neuropathie geht auf Funktionsstörung der Blut-Nerven-Schranke ohne Schädigung des Spinalganglions zurück

Viele Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom müssen die hochwirksame Chemotherapie mit Bortezomib wegen schmerzhafter Polyneuropathien reduzieren oder ganz abbrechen. Bislang war unklar, ob vor allem Nervenzellen selbst oder andere Strukturen im Fokus der Schädigung stehen.

Mikroskopische Bilder aus der Publikation
In einem frühen Stadium einer durch Bortezomibin verursachten Nervenschädigung kommt es zu einem vorübergehenden Abbau und Wiederabdichtung der Blut-Nerven-Schranke (BNB) für kleine Moleküle. Männliche Wistar-Ratten wurden viermal intraperitoneal (i.p.) mit 0,2 mg/kg BTZ injiziert. Kontrolltiere wurden mit dem Lösungsmittel (Veh) behandelt. Oben in grün perineuriale Durchlässigkeit nach Ex-vivo-Inkubation mit Fluorescein (Fluo), unten Evans-Blau-Albumin (EBA), quantifiziert anhand der Fluoreszenzintensität im Endoneurium. Quelle: doi:10.1016/j.bja.2025.05.046

Die neue interdisziplinäre translationale Studie aus der klinischen Forschungsgruppe KFO5001 entstand in Zusammenarbeit des ZIS mit den Kliniken Med II und Neurologie sowie der Core Unit Systemmedizin und unsere Kooperationspartner und Kooperationspartnerinnen aus Berlin und Leipzig. Sie zeigt erstmals, dass frühe bortezomibinduzierte Neuropathie vor allem auf eine vorübergehende Störung der Blut-Nerven-Schranke und eine damit verbundene axonale Schädigung zurückgeht, während die Zellkörper der sensiblen Neurone in den Spinalganglien weitgehend intakt bleiben.

In einem Rattenmodell entwickelten die Tiere nach einem einzigen Bortezomib-Zyklus eine ausgeprägte Kälte- und Berührungsschmerzhaftigkeit, eine erhöhte Permeabilität des Perineuriums, axonale Schwellungen und einen Verlust epidermaler Nervenfasern; diese Veränderungen bildeten sich jedoch parallel zur funktionellen Erholung wieder zurück. 

Auf molekularer Ebene waren die transkriptomischen Veränderungen in den Spinalganglien überraschend gering, wohingegen im peripheren Nerv vor allem zytoskelettassoziierte, zirkadiane, extrazelluläre-Matrix- und Immunwege reguliert wurden – begleitet von einer verstärkten Expression des Barriere- und Wachstumsfaktors Netrin‑1 in Nerv und Haut. Bei Myelompatienten und Myelompatientinnen mit schmerzhafter Bortezomib-induzierter Polyneuropathie bestätigte sich eine deutliche Reduktion der intraepidermalen Nervenfaserdichte, während Netrin‑1 in der Haut nicht erhöht war, was auf eine unzureichende endogene Reparaturantwort bei chronischen Verläufen hinweist. 

Diese Arbeit setzt damit einen wichtigen Meilenstein in der Schmerzmedizin, Onkologie und Neurologie: Sie verschiebt das Verständnis der Bortezomib-Neurotoxizität hin zu einem barrierezentrierten Krankheitsmodell des peripheren Nervs und eröffnet neue, krankheitsmodifizierende Therapieansätze, die gezielt die Blut-Nerven-Schranke, die Extrazellulärmatrix und neuroimmune Signalwege stärken, um Chemotherapie-induzierte Polyneuropathien besser verhindern und behandeln zu können.

Publikation:
Mariam Sobhy Atalla, Anna-Lena Bettenhausen, Julius M. Verse, Nadine Cebulla, Susanne M. Krug, Reine-Solange Sauer, Mugdha Srivastava, Thorsten Bischler, Jeremy T.C. Chen, K. Martin Kortüm, Robert J. Kittel, Claudia Sommer, Heike L. Rittner. Neuronal toxicity and recovery from early bortezomib-induced neuropathy: blood-nerve barrier dysfunction without dorsal root ganglion damage. British Journal of Anaesthesia. 2025, ISSN 0007-0912, https://doi.org/10.1016/j.bja.2025.05.046.

Mikroskopische Bilder aus der Publikation
In einem frühen Stadium einer durch Bortezomibin verursachten Nervenschädigung kommt es zu einem vorübergehenden Abbau und Wiederabdichtung der Blut-Nerven-Schranke (BNB) für kleine Moleküle. Männliche Wistar-Ratten wurden viermal intraperitoneal (i.p.) mit 0,2 mg/kg BTZ injiziert. Kontrolltiere wurden mit dem Lösungsmittel (Veh) behandelt. Oben in grün perineuriale Durchlässigkeit nach Ex-vivo-Inkubation mit Fluorescein (Fluo), unten Evans-Blau-Albumin (EBA), quantifiziert anhand der Fluoreszenzintensität im Endoneurium. Quelle: doi:10.1016/j.bja.2025.05.046
Wie CASPR2 Autoantikörper Neuropathische Schmerzen verursachen

Sowohl chronische als auch akute Schmerzen sind die häufigste Ursache für eine Einschränkung der Lebensqualität. Obwohl Schmerz als unangenehme Empfindung wahrgenommen wird, sollte er eigentlich protektive Eigenschaften haben. Bei neuropathischen Schmerzen liegt die Ursache nicht an einer Gewebeschädigung, sondern bei einer Fehlfunktion des Nervensystems.

Forscherin im weißen Kittel im Labor am Mikroskop
Erstautorin Margarita Habib am elektrophysiologischen Setup, um die Erregbarkeit der sensorischen Neurone in An- und Abwesenheit von CASPR2 Autoantikörpern zu messen. © Daniel Peter

Das Contactin-assoziierte Protein 2 (CASPR2) ist ein Adhäsionsprotein, welches auf der Oberfläche und den Fortsätzen unterschiedlicher Nervenzellen exprimiert wird. Autoantikörper gegen CASPR2 können im Patienten eine Vielzahl an Symptomen auslösen. Zu diesen können neuropathische Schmerzen gehören. 

Als Teil der Klinischen Forschungsgruppe KFO5001 erforscht Margarita Habib aus der Klinischen Neurobiologie im Rahmen ihrer Dissertation die Pathomechanismen von CASPR2 Autoantikörpern. Sie untersuchte strukturelle und funktionelle Aspekte des spannungsabhängigen Kalium-Kanal Komplexes, dem CASPR2 angehört und stellte Beeinträchtigungen auf beiden Ebenen fest. Strukturell konnte mittels hochauflösender Mikroskopie eine Veränderung in der Expression von CASPR2 sowie eine Erhöhung der Distanz der Moleküle im Proteinkomplex sichtbar gemacht werden. Funktionell konnte Margarita Habib eine Übererregbarkeit sensorischer Neurone und eine Reduktion der Kalium-Kanal-Funktion beobachten. Mit diesen Entdeckungen wird dazu beigetragen, durch Autoantikörper vermittelte neuropathische Schmerzen besser zu verstehen und geeignete Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. 

Margarita Habib, Anna-Lena Wiessler, Patrik Fischer, Michele Niesner, Mareike Selcho, Ligia Abrante, Christian Werner, Annmarie Sodmann, Maximilian Koch, Abdolhossein Zare, Harald Prüss, Justina Dargvainiene, Jan Lewerenz, Robert Handreka, Peter Körtvelyessy, Dirk Reinhold, Franziska S. Thaler, Kalliopi Pitarokoili, Robert J. Kittel, Michael Briese, Michael Sendtner, Heike Rittner, Frank Leypoldt, Claudia Sommer, Robert Blum, Kathrin Doppler, Carmen Villmann. Neuropathic Pain and Distinct CASPR2 Autoantibody IgG Subclasses Drive Neuronal Hyperexcitability, First published: 25 June 2025, https://doi.org/10.1212/NXI.0000000000200423

Forscherin im weißen Kittel im Labor am Mikroskop
Erstautorin Margarita Habib am elektrophysiologischen Setup, um die Erregbarkeit der sensorischen Neurone in An- und Abwesenheit von CASPR2 Autoantikörpern zu messen. © Daniel Peter
Chronische Schmerzen nach Leistenbruch-OP: Relevanz und Diagnostik mit Spinalganglien-MRT und Biomarkern

Ein Leistenbruch (medizinisch: Leistenhernie) ist eine Schwachstelle oder Öffnung in der Bauchwand im Bereich der Leiste, durch die sich Gewebe oder Organe, wie zum Beispiel der Darm, durchdrücken können. In Deutschland treten etwa 200.000 bis 300.000 Fälle pro Jahr auf, was Leistenhernien-Operationen zu den weltweit häufigsten chirurgischen Eingriffen macht. Ein signifikanter Teil der Patientinnen und Patienten leidet danach an chronischen postoperativen Leistenschmerzen (CPIP).

Ergebnisse der Analyse von Krankenkassendaten und Untersuchungen bei Patientinnen und Patienten mit Leistenhernien-Operationen. Der Großteil hatte keinen Schmerzen (0/0), beinahe zehn Prozent wurden von präoperativen Schmerzen befreit (1/0), fast ebenso viele zehn hatten Indizien für neue Schmerze nach der OP (0/1).

Um diese Schmerzen, mögliche Ursachen und Risikofaktoren besser zu verstehen hat ein Team des ZIS Krankenkassendaten von über 11000 Patientinnen und Patienten analysiert. Auch führten sie detaillierte Untersuchungen bei Betroffenen durch: Quantitative sensorische Testung, Blutanalysen, Hautproben und MRT-Scans der Spinalganglien des Rückenmarks.

Bei gut zehn Prozent der Versicherten konnten Hinweise auf (CPIP) gefunden werden (1/1 + 0/1), wobei der gleiche Prozentsatz von präoperativ bestehenden Leistenschmerzen durch die Operation befreit wurden (Pain 1/0) und ebenfalls beinahe eine von zehn Personen Indizien für neue Schmerzen nach der Bruchoperation (Pain 0/1) hatte. Beinahe fünf Prozent behielten ihre präoperativen Schmerzen auch nach der Operation (Pain 1/1). Diese Gruppe hatte den größten Anteil der in Anspruch genommenen Therapien (Schmerzmedikamente, stationäre und ambulante Schmerzbehandlung, Physio- und Ergotherapie) sowie psychischen Begleiterkrankungen. Der Großteil der Patientinnen und Patienten hatte weder vor, noch nach der Operation Schmerzen (Pain 0/0). 

CPIP-Patientinnen und -Patienten zeigten eine Verkleinerung der Spinalganglien, veränderte Blutfette (ApoA1) sowie erhöhte Entzündungs- und Nervenwachstumsmarker (CCL2, BDNF). Durch diese neuartige Kombination aus bildgebenden Verfahren und Blutwerten hofft das Team, CPIP besser verstehen und diagnostizieren zu können.

 

Herrmann E, Schindehütte M, Kindl G, Reinhold AK, Aulbach F, Rose N, Dreiling J, Schwarzkopf D, Meir M, Jin Y, Teichmüller K, Widder A, Blum R, Sawalma A, Cebulla N, Sendtner M, Meissner W, Brack A, Pham M, Sommer C, Schlegel N, Rittner HL. Chronic postsurgical inguinal pain: incidence and diagnostic biomarkers from a large German national claims database. Br J Anaesth. 2025 Feb 4:S0007-0912(25)00009-1. doi: 10.1016/j.bja.2024.11.048. Epub ahead of print. PMID: 39909798.

Zur Publikation

 

Ergebnisse der Analyse von Krankenkassendaten und Untersuchungen bei Patientinnen und Patienten mit Leistenhernien-Operationen. Der Großteil hatte keinen Schmerzen (0/0), beinahe zehn Prozent wurden von präoperativen Schmerzen befreit (1/0), fast ebenso viele zehn hatten Indizien für neue Schmerze nach der OP (0/1).