Gleichzeitig ermöglichen die biofabrizierten 3D-Modelle schnelle pharmakologische Tests und verringern die Anzahl erforderlicher Tierversuche.
Die Entwicklung realistischer 3D-Modelle von Nervengewebe ist jedoch sehr herausfordernd, da das Gehirn und das Rückenmark sehr weich sind und eine komplexe Umgebung aus verschiedenen Zelltypen und Strukturen benötigen.
Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Privatdozentin Natascha Schäfer aus der Klinischen Neurobiologie ein künstliches 3D-System entwickelt, das die natürliche Umgebung des Rückenmarks möglichst genau nachahmt. Dazu wurden spezielle Materialien sowie wichtige Proteine, die sogenannten Laminine, eingesetzt. Diese fördern das Wachstum, die Reifung und die Verbindung von Nervenzellen. Darüber hinaus wurden unterstützende Zelltypen kombiniert, um das Modell noch realistischer zu gestalten. Ein stabilisierendes Gerüst aus 3D-gedruckten Fasern sorgt dafür, dass das weiche Gewebe formstabil bleibt und besser untersucht werden kann.
Das Ergebnis: In diesem 3D-Modell überlebten Nervenzellen deutlich länger als in herkömmlichen 2D-Zellkulturen und bildeten funktionierende Netzwerke.
In allen getesteten 3D-Modellen überlebten etwa 60 % der Zellen. Sie verteilten sich gleichmäßig im gesamten künstlichen Gewebe und bildeten lange Fortsätze, sogenannte Dendriten, aus, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen entscheidend sind. Besonders gut funktionierte das Modell, wenn zusätzlich unterstützende Zellen und Laminine vorhanden waren. Die Nervenzellen wuchsen stärker, bildeten längere Verbindungen und dichtere Netzwerke. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Modell ähnliche mechanische Eigenschaften wie echtes Nervengewebe aufweist und über längere Zeit stabil bleibt – ein wichtiger Faktor für die Erforschung neurologischer Erkrankungen.
„Für die Untersuchung neurologischer Erkrankungen ist es nicht nur wichtig, dass die 3D-Modelle stabil sind, sondern auch, dass sie funktionierende Netzwerke bilden“, sagt Natascha Schäfer. Modelle mit unterstützenden Zellen und Lamininen zeigen deutlich mehr Synapsen, also Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, und stärkere sowie häufigere Aktivitätssignale. So entsteht im Labor ein realistisches, funktionierendes Nervengewebe, das sich hervorragend eignet, um Krankheitsmechanismen zu untersuchen.“ Das entwickelte 3D-Rückenmarksmodell kann nun genutzt werden, um neuroimmunologische Erkrankungen zu erforschen.
Realistisches Abbild krankheitsbedingter Hyperaktivität von Neuronen
In einer nun im Journal Advanced Healthcare Materials publizierten Studie behandelte Schäfers Doktorandin Nicoletta Murenu das Modell mit Serum von Patientinnen und Patienten mit Stiff-Person-Syndrom (SPS). Die darin enthaltenen Antikörper blockieren ein wichtiges Protein im Rückenmark, was zu einer Übererregbarkeit der Nervenzellen und somit zu Krämpfen und Muskelsteifheit führt.
In dem 3D-Modell zeigte sich, dass die Autoantikörper gezielt an diese Proteine binden. Im Vergleich zu gesundem Serum oder unbehandelten Zellen stieg die spontane Aktivität der Neurone deutlich an, was ein realistisches Abbild der krankheitsbedingten Hyperaktivität der Patienten darstellt. Damit beweist das Modell, dass es funktionelle Krankheitsmechanismen nachbilden kann und sich als Werkzeug eignet, um weitere neurologische Erkrankungen und mögliche Therapien zu untersuchen.
Das System ist flexibel anpassbar und bietet die richtigen mechanischen sowie molekularen Bedingungen für die Bildung neuronaler Netzwerke. Bereits innerhalb von sieben Tagen entstehen stabile, funktionelle Netzwerke, die bis zu 14 Tage bestehen bleiben. Die Plattform ist vielseitig einsetzbar, um die Krankheitsmechanismen von Rückenmarkerkrankungen wie SPS, SMA (Spinale Muskelatrophie) oder ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zu untersuchen. Damit stellt sie ein wertvolles Werkzeug für die neurologische Forschung dar.
Zur Arbeitsgruppe von PD Dr. Natascha Schäfer: https://www.ukw.de/forschung-lehre/neurobiologie/forschung/3d-rueckenmarksmodelle/
Publikation: Nicoletta Murenu, Esra Tuerker, Anna-Lena Wiessler, Jessica Faber, Ievgenii Liashenko, Jeanette Weigelt, Jörg Tessmar, Paul D. Dalton, Sibylle Jablonka, Mateo S. Andrade Mier, Carmen Villmann, Silvia Budday, Natascha Schaefer. Purpose-Adaptable Reinforced 3D Hyaluronic-Acid Based Platform to Study Pathomechanisms of the Central Nervous System. Advanced Healthcare Materials (2026): e05946. https://doi.org/10.1002/adhm.202505946