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Konsequente Händedesinfektion schützt vor schweren Infektionen ebenso wirksam wie zusätzliche Schutzkleidung

Zur Infektionsvermeidung werden in vielen deutschen neonatologischen Intensivstationen neben der Händedesinfektion zusätzliche Maßnahmen wie Schutzkleidung und Handschuhe eingesetzt – insbesondere, wenn die Neugeborenen mit bestimmten resistenten Bakterien besiedelt sind. Doch bieten diese sogenannten erweiterten Barrieremaßnahmen einen klaren Vorteil gegenüber konsequenter Händehygiene?

Collage mit zwei Bildern vom Flur der Kinderklinik
Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am UKW, demonstriert nach dem Interview, wie man sich korrekt die Hände desinfiziert und zieht fürs Foto Schutzkittel und Handschuhe an.

In der BALTIC-Studie (Barrier Protection to Lower Transmission and Infection Rates With Gram-Negative Bacteria in Preterm Children) wurden diese Schutzbarrieren nun mit fast 10.000 Neugeborenen auf Intensivstationen von zwölf Kliniken über einen Zeitraum von 24 Monaten cluster-randomisiert, kontrolliert und im Crossover-Ansatz untersucht. In jeder Klinik galt somit jeweils ein Jahr lang die übliche Praxis mit Kitteln, Handschuhen und Händedesinfektion, im weiteren Jahr stand die konsequente Händedesinfektion im Mittelpunkt. 

Anlass für die Studie war die Frage, ob der erhebliche Aufwand der erweiterten Barrieremaßnahmen durch einen nachweisbaren zusätzlichen Nutzen gerechtfertigt ist. Neben den Kosten und dem Zeitaufwand spielt dabei auch die Umweltbelastung durch große Mengen an Einwegmaterialien eine Rolle. „Die Schutzkleidung kann den direkten Kontakt zum Kind verringern, ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und möglicherweise sogar die Qualität der Händedesinfektion beeinträchtigen“, zählt Studienleiter Christoph Härtel, Direktor der Würzburger Kinderklinik, die Nachteile auf.

Das Ergebnis: Eine konsequente Händedesinfektion allein ist genauso wirksam wie eine Kombination aus Händedesinfektion, Schutzkittel und Einmalhandschuhen. Schwere Blutinfektionen traten in beiden Gruppen gleich selten auf. Auch die Weiterverbreitung der Keime unterschied sich nicht wesentlich.

Auf zusätzliche Schutzkleidung könnte also bei der Routineversorgung bestimmter Kinder verzichtet werden.

Die Studie wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) bzw. dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der DAMP-Stiftung. 

Details liefert die Pressemeldung zur Studie sowie ein Interview mit Christoph Härtel. 

Publikation: Kirstin Faust, Franziska Strecker, Clara Haug, Ursula Felderhoff-Müser,Anja Stein, Reinhard Jensen, Mats Ingmar Fortmann, Janina Marißen, Christine Silwedel, Kirsten Brebach, David Frommhold, Christian Wieg, Georg Hillebrand, Barbara Naust, Esther Schmidt, Lutz Koch, Susanne Schmidtke, Arne Simon, Michael Zemlin, Sascha Meyer, Christopher Scholzen, Natascha Köstlin-Gille, Christian Gille, Ann-Carolin Longardt, Wolfgang Göpel, Manuel Krone, Stefanie Kampmeier, Dennis Nurjadi, Egbert Herting, Jan Rupp, Inke R. König, Christoph Härtel. Extended Barrier Precautions vs Hand Hygiene Alone and Neonatal Sepsis in Intensive Care Patients: The BALTIC Cluster-Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2026;9(5):e2612759. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.12759

Collage mit zwei Bildern vom Flur der Kinderklinik
Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am UKW, demonstriert nach dem Interview, wie man sich korrekt die Hände desinfiziert und zieht fürs Foto Schutzkittel und Handschuhe an.
Pflanzenhormone auch im Säugetierkörper: Ernährung und Darmmikrobiom beeinflussen Cytokinine

Cytokinine sind kleine Signalmoleküle, die bisher vor allem als Pflanzenhormone bekannt waren. Dort steuern sie zahlreiche Prozesse wie Wachstum und Entwicklung. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Biochemikerin PD Dr. Eman M. Othman-Sholkamy und Bioinformatiker Professor Thomas Dandekar konnte nun zeigen, dass Cytokinine auch im Körper von Säugetieren vorkommen.

Grafik des menschlichen Körpers mit Organen und Blutbahnen, außerhalb drei Punkte: 1. Ernährung, 2. Mikrobiom mit Mikrobieller Cytokinin-Produktion und 3.Endogen.
Cytokinine finden sich an vielen Stellen im menschlichen Körper. Sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. (Bild: Pressestelle JMU / mit KI generiert)

Die Ergebnisse liefern neue Hinweise darauf, dass Ernährung und Darmmikrobiom die Konzentration dieser Moleküle beeinflussen und eröffnen neue Perspektiven für die Erforschung ihrer biologischen Funktion.

Die Forschenden analysierten Blut-, Gewebe- und Stuhlproben verschiedener Säugetierarten sowie Mausmodelle mit modernen Stoffwechsel- und Mikrobiomanalysen. Dabei konnten sie mehrere Cytokinin-Varianten im Blut aller untersuchten Säugetiere nachweisen. Darüber hinaus fanden sie Cytokinine in verschiedenen Organen, darunter Herz, Leber und Niere. Weitere Experimente zeigten, dass die Cytokinin-Konzentrationen während des Fastens deutlich abnahmen. Gleichzeitig identifizierte das Team im Darmmikrobiom Gene, die an der Bildung von Cytokininen beteiligt sind. Entsprechend wiesen keimfrei aufgezogene Mäuse ohne Darmmikrobiom deutlich geringere Cytokinin-Konzentrationen auf als konventionell gehaltene Tiere. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass sowohl die Nahrung als auch Darmbakterien zur Cytokinin-Menge im Körper von Säugetieren beitragen. Welche Aufgaben diese Moleküle dort erfüllen, ist bislang jedoch noch nicht geklärt und soll in weiteren Studien untersucht werden.

Seitens des Universitätsklinikums Würzburg wirkte Dr. Ignazio Caruana aus der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der Arbeit mit. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit vereinte Expertise aus den Bereichen Mikrobiologie, Bioinformatik, Stoffwechselforschung und Immunologie.

Zu den Pressemeldungen der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, englisch und deutsch

Publikation: Eman M. Othman, Elena Bencurova, Pamela Ferretti, Peer Bork, Alvaro Rodriguez del Rio, Jaime Huerta-Cepas, Ignazio Caruana, Rania Abdel-latif, Aman Akash, Alfonso Albacete, Feras Lafi, Thomas Dandekar & Muhammad Naseem (2026). Diet and microbiome shape small-molecule cytokinin pools in mammals, Gut Microbes, 18:1, 2679497, DOI: 10.1080/19490976.2026.2679497 

Grafik des menschlichen Körpers mit Organen und Blutbahnen, außerhalb drei Punkte: 1. Ernährung, 2. Mikrobiom mit Mikrobieller Cytokinin-Produktion und 3.Endogen.
Cytokinine finden sich an vielen Stellen im menschlichen Körper. Sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. (Bild: Pressestelle JMU / mit KI generiert)

Wie Tumorzellen über IL-15-Signale ihre Umgebung beeinflussen

Tumoren bestehen nicht nur aus Krebszellen, sondern auch aus einer Vielzahl weiterer Zellen und Botenstoffe, die das Wachstum und die Abwehr durch das Immunsystem beeinflussen. Die Kommunikation zwischen Tumorzellen und ihrer Umgebung spielt daher eine wichtige Rolle für den Verlauf einer Krebserkrankung.

Ein Forschungsteam mit Beteiligung der Arbeitsgruppe von Dr. Ignazio Caruana aus der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation hat nun untersucht, welche Funktion eine bestimmte Form des Botenstoffs Interleukin-15 (IL-15) bei Melanomzellen übernimmt.

Dazu schauten sich die Forschenden die membrangebundene Form von IL-15, die auf menschlichen Melanomzellen vorkommt, genauer an. Sie analysierten, wie diese Form des Botenstoffs auf Signale durch die lösliche Form des IL-15-Rezeptors alpha (IL-15Rα) reagiert und welche Auswirkungen dies auf die Tumorzellen und ihre Umgebung hat.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aktivierung der membrangebundenen IL-15-Variante durch den löslichen IL-15Rα-Rezeptor verschiedene Veränderungen in Melanomzellen auslösen kann. Dazu gehörten unter anderem Veränderungen in Signalwegen, die mit dem Verhalten der Tumorzellen und der Kommunikation mit ihrer Umgebung verbunden sind. Die Forschenden beobachteten zudem, dass die IL-15-Signale die Eigenschaften der Tumorzellen und ihre Interaktion mit Komponenten der Tumorumgebung beeinflussen können. Die Ergebnisse zeigen, dass die IL-15-Signalübertragung in Melanomzellen eine komplexe Rolle bei der Regulation der Tumorentwicklung spielen kann.

Die Studie liefert neue Einblicke in die Funktion von IL-15 außerhalb der klassischen Immunaktivierung und erweitert das Verständnis darüber, wie Tumorzellen Botenstoffe des Immunsystems nutzen können, um ihre Umgebung zu beeinflussen. Welche Bedeutung diese Mechanismen für die Entwicklung neuer Therapieansätze haben, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Publikation: Forcelloni S, Giron-Michel J, Del Boccio P, Cufaro MC, Di Sebastiano A, Mariotti FR, Ciancaglini C, Chouaib S, Padelli M, Vespa S, Mac GD, Ebert S, Buart S, Maggi E, Moretta L, Vacca P, Tumino N, Quatrini L, Caruana I, Azzarone B and Santopolo S (2026) The transmembrane IL-15 isoform expressed on human melanoma cells triggers modulatory effects on tumor progression upon stimulation with the soluble IL-15Rα chain. Front. Immunol. 17:1798481. doi: 10.3389/fimmu.2026.1798481

Autophagie unterstützt die Funktion natürlicher Killerzellen

Natürliche Killerzellen (NK-Zellen) gehören zur angeborenen Immunabwehr und spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Virusinfektionen und Krebs. Um infizierte oder entartete Zellen gezielt abzutöten, speichern sie zellschädigende Eiweißstoffe in kleinen Speicherbläschen (lytischen Granula), die bei Bedarf freigesetzt werden

Wie diese Speicherbläschen in NK-Zellen gebildet und erhalten werden, ist bislang nur unvollständig verstanden.

Dr. Ignazio Caruana hat gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe in der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation am UKW sowie Forschenden aus Rom die Rolle der Autophagie, eines zellulären Recycling- und Erhaltungsprozesses, für die Funktion menschlicher NK-Zellen untersucht. Die Forschenden konnten zeigen, dass die Autophagie nicht in erster Linie am Abbau von Zellbestandteilen beteiligt ist, sondern die Speicherung und Erhaltung dieser zellschädigenden Speicherbläschen unterstützt. Wurde die Autophagie experimentell gehemmt, verringerte sich die Anzahl der Granula sowie der Gehalt an wichtigen Eiweißstoffen wie Perforin und Granzyme B, mit denen NK-Zellen Zielzellen zerstören. Dadurch war auch ihre Fähigkeit eingeschränkt, infizierte oder entartete Zellen abzutöten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Autophagie wesentlich dazu beiträgt, die „Ausrüstung“ der NK-Zellen mit zellschädigenden Proteinen aufrechtzuerhalten und damit ihre Funktion in der Immunabwehr zu sichern.

Publikation: Piera Filomena Fiore, Sergio Forcelloni, Simone Vitozzi, Nicola Tumino, Tobias Theinert, Lokossou William Sanvi, Francesca Nazio, Valentina D’Oria, Stefania Martini, Maximilian Reichert, Lorenzo Moretta, Ignazio Caruana & Paola Vacca. Autophagy supports the storage of lytic granules in human NK cells. Cell Death Dis (2026). https://doi.org/10.1038/s41419-026-08937-1

COVID-19: Asthma-Therapie schwächt Impfantwort nicht

Beeinträchtigt eine moderne Asthma-Therapie mit sogenannten Biologika (monoklonalen Antikörpern) die Impfantwort gegen COVID-19?

Die beiden Forschenden im Labor vor einem PC-Monitor
Anna Broderdörp, Doktorandin in der AG Prelog, und der Laborleiter, Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar, teilen sich die Erstautorenschaft der im Journal of Asthma and Allergy publizierten Studie. © Martina Prelog / UKW

Das haben die Universitätskliniken Würzburg und Heidelberg mit Asthma-Patientinnen und -Patienten untersucht, die entweder eine solche Antikörpertherapie oder eine herkömmliche Behandlung erhielten. Nach einer COVID-19-Impfung analysierten die Forschenden die Immunreaktion im Blut und an den Schleimhäuten sowie die Aktivität von Immunzellen.

Das zentrale Ergebnis: Trotz der gezielten Eingriffe in das Immunsystem entwickelten alle Patientengruppen eine starke und vergleichbare Impfantwort. Die Bildung schützender Antikörper sowie die zelluläre Immunreaktion waren insgesamt nicht abgeschwächt.

Teilweise zeigte sich unter bestimmten Biologika-Therapien sogar eine besonders ausgeprägte Schleimhautimmunität im Nasenbereich, also genau dort, wo Viren in den Körper eintreten.

Die Studie kommt daher zu dem Schluss, dass diese Asthma-Therapien die Wirksamkeit von COVID-19-Impfungen nicht beeinträchtigen und die Impfung auch bei entsprechender Medikation weiterhin uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Zur Pressemeldung

Publikation: Almanzar G, Broderdörp A, Mees J, Frey M, Herth FJF, Schneider MA, Trinkmann F, Prelog M. Significant Production of Serum and Mucosal Anti-Spike-IgA Antibodies After Vaccine-Encoded or SARS-CoV-2-Infection-Induced Spike-Exposures in Patients with Asthma Treated with Monoclonal Antibodies Compared to Conventional Therapy. J Asthma Allergy. 2026;19:1-15 https://doi.org/10.2147/JAA.S547038

Die beiden Forschenden im Labor vor einem PC-Monitor
Anna Broderdörp, Doktorandin in der AG Prelog, und der Laborleiter, Privatdozent Dr. Giovanni Almanzar, teilen sich die Erstautorenschaft der im Journal of Asthma and Allergy publizierten Studie. © Martina Prelog / UKW
Bisher größter veröffentlichter Datensatz der postnatalen Entwicklung von adaptiven Abwehrzellen bei Frühgeborenen

Frühgeborene Kinder haben in den ersten Lebenswochen unter anderem aufgrund ihres Immunsystems ein deutlich höheres Risiko für Infektionen als Kinder, die am Termin geboren wurden.

Grafische Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie.
Graphical Abstract: Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2025, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2025.09.030.

Da bei Frühgeborenen nur sehr kleine Blutmengen entnommen werden können und die Kohorten sehr heterogen sind, fehlen belastbare Daten darüber, wie sich die verschiedenen Zellarten des adaptiven Immunsystems, insbesondere T- und B-Zellen, nach der Geburt entwickeln. 

Diese Studie hat dieses Problem aufgegriffen, indem Immunzellen im Blut von Frühgeborenen untersucht wurden, die ohnehin im Rahmen der Routineversorgung auf der Neugeborenen-Intensivstation Blutabnahmen erhielten. Die Ergebnisse wurden anschließend mit verschiedenen Faktoren rund um die Geburt in Beziehung gesetzt.

Insgesamt wurden über 1500 Blutuntersuchungen aus den ersten 50 Lebenstagen von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Schwangerschaftsalter (Gestationsalter) zwischen 22 und 36 Wochen und einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2820 Gramm an den Unikliniken Lübeck und Würzburg geboren. Die Auswertung zeigte klar: Der wichtigste Einflussfaktor für die frühe Entwicklung des Immunsystems ist, wie früh ein Kind geboren wird. Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. Diese Unterschiede gleichen sich in den ersten Lebenswochen nicht aus.

Besonders unreif geborene Kinder zeigten dauerhaft niedrigere Anteile sogenannter CD4+ T-Helferzellen, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen spielen. Gleichzeitig fanden sich in den ersten Lebenswochen erhöhte Anteile von B-Zellen, gefolgt von einem späteren Anstieg natürlicher Killerzellen. Dieses charakteristische Muster deutet auf ein funktionell verändertes, aber nicht inaktives Immunsystem hin. In einer vertieften Analyse zeigte sich zudem, dass bei sehr früh geborenen Kindern weniger naive, neu gebildete T-Zellen vorhanden sind, während stärker aktivierte und regulierende T-Zelltypen häufiger auftreten. Dies spricht für eine veränderte Reifung und Neubildung von Immunzellen bereits früh nach der Geburt.

Neben dem Gestationsalter beeinflussten weitere Faktoren das Immunsystem. Eine Entzündung kurz vor Geburt, das sogenannte Amnioninfektionssyndrom, verstärkte die immunologischen Veränderungen zusätzlich. Auch typische Komplikationen der Frühgeburtlichkeit gingen mit ähnlichen Immunprofilen einher. Auffällig war außerdem ein Geschlechtsunterschied: Frühgeborene Mädchen wiesen durchgehend höhere Anteile an T-Helferzellen auf, was möglicherweise zu ihrem insgesamt besseren Überleben beiträgt.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass die Entwicklung des Immunsystems bei Frühgeborenen stark vom Zeitpunkt der Geburt geprägt wird und durch Entzündungen vor der Geburt sowie durch das Geschlecht weiter beeinflusst werden kann. Als bisher größter veröffentlichte Datensatz der postnatalen Entwicklung von adaptiven Abwehrzellen liefert die Studie wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden, die zum Beispiel bei auffälligen Befunden im seit 2019 bei allen Neugeborenen durchgeführten Screening auf angeborene schwere kombinierte Immundefekte erhoben werden. Darüber hinaus tragen die Ergebnisse zum besseren Verständnis der Ursachen der besonderen Infektionsanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei.

Publikation:
Johannes Dirks, Ingmar Fortmann, Janina Marißen, Julia Pagel, Lilith Reichert, Henry Kipke, Marie-Theres Dammann, Wolfgang Göpel, Till Birkner, Kilian Dahm, Sofia Kirke Forslund-Startceva, Dorothee Viemann, Jan Rupp, Henner Morbach, Christoph Härtel. Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2025, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2025.09.030.

Grafische Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie.
Graphical Abstract: Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2025, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2025.09.030.
Leiden frühgeborene Kinder später häufiger unter Atemproblemen, wenn sie vor oder kurz nach der Geburt Antibiotika erhielten?

In der im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlichten Studie „Perinatal Antibiotic Exposure and Respiratory Outcomes in Children Born Preterm“ wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Härtel, dem Direktor der Kinderklinik, untersucht, ob Antibiotika, die rund um die Geburt verabreicht werden, langfristige Folgen für die Lunge von Kindern haben, die sehr früh geboren wurden oder ein sehr niedriges Geburtsgewicht hatten.

Fuß eines Frühgeborenen im Brutkasten
In der Studie wurden Kinder erfasst, die zwischen 2009 und 2017 mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm und einer Frühgeburtlichkeit von 22 bis 36 Wochen geboren wurden.

Die Forschenden nutzten Daten aus dem Deutschen Frühgeborenen-Netzwerk (GNN-German Neonatal Network). Erfasst wurden Kinder, die zwischen 2009 und 2017 mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm und einer Frühgeburtlichkeit von 22 bis 36 Wochen geboren wurden. In die Analyse flossen nur per Kaiserschnitt geborene Kinder ein. Die Nachuntersuchung erfolgte, als die Kinder fünf bis sieben Jahre alt waren. 

Die Forschenden definierten einen Antibiotic Risk Score (ARS) mit drei Stufen. In der ersten Gruppe mit niedrigem Risiko (ARS 1) erhielt die Mutter vor dem Kaiserschnitt eine Antibiotikaprophylaxe (292 Kinder). In der zweiten Gruppe (ARS 2) erhielten zusätzlich zur Prophylaxe auch die Neugeborenen eine postnatale Antibiotikabehandlung (1 329 Kinder). In der dritten Gruppe (ARS 3) kam zur Prophylaxe vor der Geburt und zur postnatalen Therapie auch eine pränatale Antibiotikabehandlung hinzu, das heißt, die Mutter erhielt während der Schwangerschaft ebenfalls Antibiotika (1 488 Kinder). 

Die Studie zeigt: Je mehr Antibiotika rund um die Geburt eingesetzt wurden, desto schwächer war im Durchschnitt die Lungenfunktion der Kinder im Schulalter, gemessen über den FEV₁-Z-Wert. Auch das Risiko, in der frühen Kindheit Asthma zu entwickeln, war bei stärkerer Antibiotikabelastung erhöht. Christoph Härtel betont jedoch, dass kein kausaler Zusammenhang bewiesen werden konnte, demzufolge Antibiotika die direkte Ursache für die schlechtere Lungenfunktion sind. Andere Faktoren wie Erkrankungen, Entzündungen, Schädigungen durch frühere Lungenprobleme oder Veränderungen der Darmflora könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Antibiotika in der Neonatologie sehr umsichtig eingesetzt werden sollten, um potenzielle Langzeitfolgen zu minimieren. Es gilt, Infektionen zu verhindern und gleichzeitig die langfristige Gesundheit der Kinder zu schützen.

Fortmann I, Welp A, Hoffmann N, Faust K, Silwedel C, Retzmann J, Gembicki M, Köstlin-Gille N, Häfke A, Zemlin M, Marissen J, Bossung V, Soler Wenglein J, Scharf JL, Weichert J, Müller A, Ricklefs I, Rody A, Pirr S, Boutin S, Rupp J, Brinkmann F, Heideking M, Stichtenoth G, Göpel W, Herting E, Hanke K, Härtel C. Perinatal Antibiotic Exposure and Respiratory Outcomes in Children Born Preterm. JAMA Netw Open. 2025 May 1;8(5):e259647. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.9647. PMID: 40354053; PMCID: PMC12070239.

Fuß eines Frühgeborenen im Brutkasten
In der Studie wurden Kinder erfasst, die zwischen 2009 und 2017 mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm und einer Frühgeburtlichkeit von 22 bis 36 Wochen geboren wurden.