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Erstmalig Biomarker für „schlafende Schmerznerven“ identifiziert

Biomarker für die wichtigsten peripheren Neurone beim neuropathischen Schmerz im Fachjournal Cell veröffentlicht

Porträt von Barbara Namer, die einen braunen Blazer trägt, eine Lederkette mit Anhänger, die braunen Haare locker zusammengebunden.
Professorin Barbara Namer vom Uniklinikum Würzburg war maßgeblich an der Entschlüsselung der molekularen Identität von schlafenden Nozizeptoren beteiligt. © Uniklinik RWTH Aachen

Die Entschlüsselung der molekularen Identität von schlafenden Nozizeptoren, an der Professorin Barbara Namer vom Uniklinikum Würzburg maßgeblich beteiligt war, bringt die Entwicklung besserer Therapien gegen chronische Nervenschmerzen einen wichtigen Schritt voran.

Würzburg. Ob heißer Kochtopf, spitze Nadel oder zufallende Tür – sobald wir potenziellen Gefahren zu nahe kommen, schlagen Schmerzrezeptoren, sogenannte Nozizeptoren, in unserem Körper Alarm, um uns zu schützen. Nach ihrer Aktivierung senden die Alarmsensoren elektrische Signale ans Rückenmark und Gehirn, wo der Schmerz wahrgenommen wird. Es gibt schnelle Nozizeptoren für akute, stechende Schmerzen und langsamere für dumpfe, anhaltende Schmerzen. Zu letzteren gehören die sogenannten „schlafenden Nozizeptoren“. 

Diese reagieren in gesundem Gewebe nicht auf physikalische Reize, also weder auf Druck noch auf Nadelstiche. Sie werden jedoch durch chemische Verbindungen wie Toxine aber auch körpereigene Substanzen stark aktiviert, was zu Schmerzen führt. Bei länger anhaltenden krankhaften Zuständen, etwa bei Entzündungen oder Nervenschäden, werden diese ursprünglich schlafenden Schmerzsensoren sensibler. Dann können sie plötzlich auch auf Druck reagieren, was dazu führt, dass solche Reize als deutlich schmerzhafter wahrgenommen werden. Bei Patientinnen und Patienten mit Nervenschmerz können diese Sensoren spontan aktiv werden und dauerhaft Signale abgeben, ohne dass dafür ein offensichtlicher Grund besteht. Diese spontane Aktivität gilt bislang als der einzige objektiv messbare Hinweis darauf, dass periphere Nerven dauerhaft an der Entstehung von Nervenschmerzen beteiligt sind.  Damit sind schlafende Nozizeptoren beim Menschen weder verschlafen noch inaktiv, sondern klinisch relevante wichtige Spieler beim chronischen Schmerz. 

Eine die seit Jahrzehnten an diesen schlafenden Nozizeptoren forscht ist Professorin Dr. med. Barbara Namer aus der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Uniklinikums Würzburg (UKW). Die Medizinerin leitet am Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) in der klinischen Forschungsgruppe KFO 5001 ResolvePAIN die Arbeitsgruppe „Neuronale Signalwege von Schmerz und Juckreiz beim Menschen“. Außerdem betreut sie noch ein Labor an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen (FAU), wo einst ihre Faszination an den schlafenden Nozizeptoren geweckt wurde. Das dortige Institut für Physiologie und Pathophysiologie mit Prof. Hermann Handwerker und Dr. Martin Schmelz trug in Kooperation mit dem Institut für Neurophysiologie in Uppsala, Schweden, mit Dr. Roland Schmidt und Prof. Erik Torebjörk in den 1990er Jahren maßgeblich zur Entdeckung und Beschreibung der schlafenden Nozizeptoren beim Menschen bei. 

Jeder Zehnte leider an neuropathischen Schmerzen 

Obwohl die funktionellen Eigenschaften dieser Neuronen seit vielen Jahren bekannt sind, blieb ihre molekulare Identität bislang unklar. Damit fehlte eine entscheidende Voraussetzung für das Verständnis von chronischem Schmerz und die Entwicklung gezielter therapeutischer Interventionen. Der Bedarf ist groß. Schließlich leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung an neuropathischen Schmerzen. 

Ein multiprofessionelles Team entschlüsselte nun die molekulare Signatur der schlafenden Nozizeptoren. Die Arbeit demonstriert eindrucksvoll die Stärke intensiver interdisziplinärer und internationaler Kooperation. Der Erfolg der Studie beruht auf der engen Zusammenarbeit hochspezialisierter Zentren mit Expertise in „Patch-seq“, der zellulären Elektrophysiologie mittels Patch-Clamp-Techniken in Kombination mit Einzelzell-RNA-Sequenzierung unter der Führung von Prof. Angelika Lampert, Direktorin des Instituts für Neurophysiologie an der Uniklinik RWTH Aachen, sowie Bioinformatik im kanadischen Toronto unter der Leitung von Dr. Shreejoy Tripathy am Krembil Centre for Neuroinformatics des Centre for Addiction and Mental Health (CAMH) der University of Toronto, und translationaler Kompetenz bei der Übertragung molekularer Erkenntnisse auf den Menschen mithilfe der elektrophysiologischen Technik der Mikroneurographie, die Barbara Namer maßgeblich verantwortete. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Cell veröffentlicht. 

Molekulares Profil mit Rezeptor OSMR, Neuropeptid SST und Ionenkanal Nav1 1.9

Zunächst wurde die molekulare Identität sensorischer Neurone von Schweinen untersucht. Diese Neurone sitzen im sogenannten „Spinalganglion“, das neben der Wirbelsäule liegt. Beim lebenden Menschen kann es nicht entfernt und somit nicht untersucht werden. Und im Gegensatz zu Mäusen besitzen Schweine schlafende Nozizeptoren in der Haut, die denen des Menschen sehr ähnlich sind. Die vergleichend am Menschen (Barbara Namer) und am Schwein (Prof. Martin Schmelz, Uniklinikum Mannheim) gewonnenen Einsichten über die biophysikalischen Eigenschaften schlafender Nozizeptoren wurden in zelluläre Patch-Clamp-Experimente übersetzt. 

Mithilfe dieser Patch-Clamp-Untersuchungen wurde in Aachen die elektrische Aktivität einzelner Neurone in vitro aufgezeichnet und anhand der biophysikalischen Eigenschaften potentielle schlafende Nozizeptoren identifiziert. Die so charakterisierten Zellen wurden nachfolgend mit Einzelzell-Gensequenzierung untersucht. Anschließend wurden die Daten mit umfassenden bioinformatischen Analysen zusammengeführt. 

Die Analysen des internationalen Teams zeigen, dass schlafende Nozizeptoren durch eine spezifische molekulare Signatur definiert sind. Zu dieser Signatur gehören unter anderem der Oncostatin-M-Rezeptor (OSMR) und das Neuropeptid Somatostatin (SST). Die Ergebnisse weisen zudem auf weitere pharmakologische Zielstrukturen hin, darunter der Ionenkanal Nav1.9. Dieser ist in schlafenden Nozizeptoren stark exprimiert und trägt zu deren charakteristischen elektrischen Eigenschaften bei. Durch die gezielte Beeinflussung von Nav1.9 spezifisch in Nozizeptoren könnte es möglich werden, Medikamente zu entwickeln, die die schmerzauslösende Überaktivität dieser Neurone selektiv beruhigen.

Humane Mikroneurographie-Messungen bestätigten bioinformatische Analysen 

Diese molekularen Vorhersagen mussten schließlich am Menschen validiert werden. Barbara Namer, die sich der translationalen Forschung, also der Übertragung von Grundlagenforschung in die klinische Forschung, verschrieben hat, verantwortete die humanen Mikroneurographie-Messungen. Bei dieser technisch anspruchsvollen Methode wird die Aktivität einzelner Nozizeptoren direkt in der menschlichen Haut gemessen. Damit konnte gezeigt werden, dass Oncostatin M schlafende Nozizeptoren in der menschlichen Haut spezifisch moduliert und damit die bioinformatischen Analysen bestätigt werden.

„30 Jahre lang haben wir von Markern für schlafende Nozizeptoren geträumt. Nun konnten wir unseren Traum Wirklichkeit werden lassen und damit den Zugang zu einer ganz neuen Welt eröffnen“, freut sich Barbara Namer, die sich mit Lampert und Tripathy die Letztautorenschaft teilt. Sie nahm das Forschungsgebiet der unterschiedlichen Nozizeptorenklassen des Menschen und insbesondere die Wichtigkeit der schlafenden Nozizeptoren einst mit nach Aachen und freute sich, in der dortigen Forschungsumgebung dazu beizutragen deren molekulare Identität zu entschlüsseln. „Jetzt, da wir die schlafenden Nozizeptoren auf molekularer Ebene kennen, können wir in verschiedenen Geweben gezielt nach diesen Neuronen suchen. Bei Schmerzpatienten können wir genau diese Neuronen untersuchen, die wir für den Schlüssel zum chronischen Schmerz in der Peripherie halten. Dies ist der erste wichtige Schritt um Ansatzpunkte für neue Medikamente finden, die diese schmerzverursachenden Zellen beruhigen“, erläutert sie. Weitere Forschungsprojekte zum Thema „schlafende Nozizeptoren“ sind in Würzburg in Planung. Am UKW gibt es eine starke Expertise zum chronischen Schmerz innerhalb der Forschungsgruppe KFO5001 ResolvePain sowie die Möglichkeit, Neuronen in menschlicher Haut anzufärben. 

Publikation: Jannis Körner*, Derek Howard*, Hans Jürgen Solinski, Marisol Mancilla Moreno, Natja Haag, Andrea Fiebig, Anna Maxion, Shamsuddin A. Bhuiyan, Idil Toklucu, Raya A. Bott, Ishwarya Sankaranarayanan, Diana Tavares-Ferreira, Stephanie Shiers, Nikhil N. Inturi, Esther Eberhardt, Lisa Ernst, Lorenzo Bonaguro, Jonas Schulte-Schrepping, Marc D. Beyer, Thomas Stiehl, William Renthal,Ingo Kurth, Jenny Tigerholm, Jordi Serra, Theodore Price, Martin Schmelz, Barbara Namer*, Shreejoy Tripathy*, and Angelika Lampert*. Molecular architecture of human dermal sleeping nociceptors. Cell (2026), https://doi.org/10.1016/j.cell.2025.12.048

*geteilte Erst- und Letztautorenschaft 

Text: KL / Wissenschaftskommunikation UKW

Porträt von Barbara Namer, die einen braunen Blazer trägt, eine Lederkette mit Anhänger, die braunen Haare locker zusammengebunden.
Professorin Barbara Namer vom Uniklinikum Würzburg war maßgeblich an der Entschlüsselung der molekularen Identität von schlafenden Nozizeptoren beteiligt. © Uniklinik RWTH Aachen

Aua! Die Wissenschaft vom Schmerz

Schmerzen sind ein wichtiges Warnsignal des Körpers – dennoch sind sie lästig und nicht einfach zu bekämpfen.

Ein Beitrag des WDR der Sendung Quarks vom 12. Juni stellt die innovative Welt der Virtuellen Schmerztherapie vor. Berichtet wird, wie moderne Technologien und virtuelle Realitäten dazu beitragen, Schmerzen effektiver zu behandeln und die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern.

Auch die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie mit ihrem Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin der Universitätsklink Würzburg verwenden eine dieser zukunftsweisenden Behandlungsmethoden. Mit dieser werden mittels Virtual Reality (VR) Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten bereits therapiert.

Diese neuen Therapiekonzepte verbinden Medizin und digitale Innovationen auf spannende Art und Weise.
Hier gelangen Sie zum Fernsehbeitrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Tag der offenen Tür im Schmerzzentrum

Am Mittwoch, den 4. Juni 2025, findet der bundesweite „Aktionstag gegen den Schmerz“ statt. Aus diesem Anlass veranstaltet das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin des Uniklinikums Würzburg in seinen topmodernen Räumen einen umfassenden Informationsnachmittag.

Aktionstag gegen den Schmerz 2025

Wie schon in der Vergangenheit findet auch in diesem Jahr der Tage der offenen Tür und „Aktionstags gegen den Schmerz“ statt. Dieses Mal haben wir unseren Fokus auf „Schmerzen im Alter“ gelegt. Das von Prof. Dr. med. Heike Rittner geleitete Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) des Uniklinikums Würzburg (UKW) lädt Sie, am Mittwoch, den 4. Juni 2025 von 15:00 bis 18:00 Uhr herzlich zu einem öffentlichen Informationstag ein. Veranstaltungsort ist im Gebäude A9 oberhalb des Parkhauses des Klinikums.

Fünf Vorträge

Zum Tag der offenen Tür gehören ein vielseitiges, kostenloses Programm aus Kurzvorträgen sowie eine Reihe von Informationsinseln zu ausgewählten Schmerzthemen. Hierbei arbeiten Therapeutinnen und Therapeuten aus Anästhesiologie, Neurologie, Psychosomatik, Chirurgie, Palliativmedizin und Neurochirurgie zusammen.

In den Vorträgen greifen die Referenten zentrale Themen auf, darunter Medikamentöse Schmerzbehandlung bei älteren Menschen, Bewegung bei Osteoporose, die Behandlung von Gürtelrose und sozialmedizinische Unterstützung sowie moderne Therapieansätze für eine verbesserte Lebensqualität in unserer Vital+ Schmerzgruppe. Besonders freuen wir uns, Frau Dr. med. Kathrin Tatschner vom neuen Zentrum für Altersmedizin (ZAM) begrüßen zu dürfen, die über „Gehört der Schmerz zum Alter“ referieren wird.

Informationen zur Schmerzforschung

Ein weiterer Infopoint gibt Auskunft zum aktuellen Stand der klinischen und experimentellen Schmerzforschung aus der klinischen Forschungsgruppe KFO5001 ResolvePAIN. Deutlich wird auch, wie sich durch angemessene Schmerztherapie und Unterstützung bei patienteneigenen Aktivitäten die Funktion im Alltag, die Lebensqualität und die Schmerzen verbessern lassen. Last but not least stellt sich die Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz Würzburg als kontinuierliche Anlaufstelle vor, die heilendes Singen anbietet.

„Ziel des Aktionstages ist es, bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch zu kommen – mit Ärztinnen und Ärzten, Interessierten, Angehörigen sowie den Betroffenen selbst“, fasst Prof. Rittner, seit November 2023 Inhaberin des Lehrstuhls für Schmerzmedizin an der Uni Würzburg, zusammen.

Weitere Details zum Programm entnehmen Sie bitte dem Flyer.

Aktionstag gegen den Schmerz 2025

Seniorprofessur am UKW: Damit das Wissen nicht versandet

Prof. Dr. Claudia Sommer blickt auf 30 Jahre in der Neurologie zurück und beginnt ihre Seniorprofessur am Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS)

Jens Volkmann im blauen Anzug neben Claudia Sommer in dunkler Hose und hellem Blazer stehen nebeneinander im Hörsaal der Neurologie  und lächeln in die Kamera.
Prof. Dr. Jens Volkmann, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik des UKW, verabschiedet Oberärztin Prof. Dr. Claudia Sommer, die ihre Forschung als Seniorprofessorin im Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin fortsetzt. © Brigitte May / UKW
Klaus Viktor Toyka steht am Rednerpult im Hörsaal, vor ihm ein großer bunter Blumenstrauße in einer Bodenvase.
Im März 1995 stellte Prof. Dr. Klaus Viktor Toyka, seinerzeit Direktor der Neurologie, Claudia Sommer als Oberärztin ein. Beim Symposium am 2. Mai 2025 hielt er anlässlich der Verabschiedung von Prof. Dr. Claudia Sommer ein Grußwort. © Brigitte May / UKW
Bild vom vollen Hörsaal der Neurologie, vorne im Bild Claudia Sommer, die mit dem Publikum gebannt nach vorn schaut.
Anlässlich ihrer Verabschiedung aus der Neurologie lud Prof. Dr. Claudia Sommer zum Symposium „30 Jahre Neurologin“ ein. Es gab Grußworte und Vorträge, die sich um die Forschung aus dieser Zeit, ihre Entwicklungen und zukünftigen Möglichkeiten rankten. © Brigitte May / UKW

Würzburg. Zu den ersten Aufgaben, die Claudia Sommer im März 1995 nach ihrem Dienstantritt in der Neurologie des Uniklinikums Würzburg (UKW) erhielt, zählte das Aufhängen von Rauchverbotsschildern. Doch die damals 36-jährige Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie weigerte sich. „Als neue Oberärztin wollte ich mich nicht gleich bei allen Raucherinnen und Rauchern unbeliebt machen“, erzählt sie. Für die nachfolgenden Generationen ist es heute unvorstellbar, dass einst überhaupt im Klinikgebäude geraucht wurde oder dass Ärztinnen und Ärzte ständig nach verlorenen Röntgenbildern durch das Haus liefen und abends nicht heimgehen durften, bevor sie die Laborzettel nicht eigenhändig in die Patientenakte geklebt hatten. Solche und weitere Anekdoten wurden am 2. Mai 2025 im voll besetzten Hörsaal der Kopfkliniken zum Besten gegeben. Prof. Dr. Claudia Sommer hatte Weggefährtinnen und Weggefährten zu einem Symposium eingeladen, um sich nach 30 Jahren gebührend zu verabschieden und einen Blick auf die aktuelle Forschung und potenzielle Entwicklungen zu werfen.

Weiterhin Sprecherin der Klinischen Forschungsgruppe ResolvePAIN

Claudia Sommer geht nämlich nicht wirklich. Sie ist von B1 den Berg hoch ins Gebäude A9 gezogen, von der Neurologie ins Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS), wo sie sich mit Prof. Heike Rittner ein Zimmer teilt. Gemeinsam leiten die Medizinerinnen die Klinische Forschungsgruppe (KFO 5001) ResolvePAIN, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) inzwischen in der zweiten Förderperiode unterstützt wird (siehe Meldung vom 17.12.2024). Claudia Sommer ist nicht nur Projekte der Forschungsgruppe eingebunden, deren Sprecherin sie ist, sondern auch des Sonderforschungsbereichs SFB 1158 der Universität Heidelberg. Derzeit betreut sie acht naturwissenschaftliche Doktorandinnen und Doktoranden sowie circa 20 medizinische in verschiedenen Stadien der Dissertation.

Privileg einer Seniorprofessur

„Über das Privileg, als Seniorprofessorin weiterarbeiten zu dürfen, bin ich unendlich dankbar“, freut sich Claudia Sommer. Den Ortswechsel hält sie für wichtig, um der nachfolgenden Generation Platz zu machen. Aber es sei für sie schwer vorstellbar, „die tollen Kollegen und Kooperationspartner, die mich immer wieder intellektuell fordern, nicht mehr um sich zu haben. „Oder die vielen jungen Studierenden, die mit mir arbeiten wollen. Das ist doch wunderbar.“ Die Seniorprofessur sei keine Selbstverständlichkeit. Viele Kliniken böten ihren pensionierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht die Gelegenheit, im Rahmen einer Seniorprofessur weiterzuarbeiten. Dabei wäre es doch schade um das über all die Jahre angesammelte Wissen, das sonst versanden würde.

Meilensteine in der Erforschung von Schmerz, Polyneuropathien, Fibromyalgie und Stiff-Person-Syndrom

Claudia Sommer hat sich neben der Schmerzforschung vor allem im Bereich Polyneuropathien hervorgetan. Dabei handelt es sich um Erkrankungen des peripheren Nervensystems, also der Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark. So hat sie mit ihrem Team beispielsweise einen Autoantikörper entdeckt, der die Ranvierschen Schnürringe zerstört. Diese Struktur befindet sich an den Nervenfasern und sorgt dafür, dass Signale aus dem Gehirn ihr Ziel erreichen. Inzwischen ist dies ein eigenes Forschungsgebiet geworden, in dem sich die Forscherinnen weltweit einen Namen gemacht haben. Zudem konnte Claudia Sommer zeigen, dass beim Stiff-Person-Syndrom Antikörper die Neurone angreifen. Ferner hat sie mit ihrer Forschung Fibromyalgie-Betroffene vom Stigma befreit, der chronische Schmerz hänge nur mit der Psyche zusammen.

Von Patientinnen und Patienten lernen und Forschungsfragen erhalten

Die gebürtige Pfälzerin wollte schon als Kind Forscherin werden. Ihre Forschungsfragen erhielt sie von den Patientinnen und Patienten, somit waren in ihrem gesamten Berufsleben Klinik und Forschung untrennbar miteinander verbunden. „Mich hat immer fasziniert, bei unerklärten Krankheiten, an die vielleicht kaum jemand glaubt, Mechanismen zu entdecken und zu zeigen, dass im Körper tatsächlich etwas passiert und wir das Phänomen ernst nehmen müssen.” Jede Patientin und jeder Patient war für sie ein Rätsel, das es zu lösen galt.

Als Seniorprofessorin darf sie Patientinnen und Patienten nur noch im Rahmen von Forschungsprojekten behandeln. „Das ist schade, aber die Patientinnen und Patienten in der Klinik sind gut versorgt. Ich habe sehr gute Nachfolgerinnen und Nachfolger.“ Was sie weniger vermissen werde, sei das Schreiben von Anträgen, das bisweilen sehr arbeitsintensiv, anstrengend und manchmal auch frustrierend gewesen sei. Doch sie ist schon wieder bei vielen Anträgen mit im Boot. „Mir fällt es schwer, bei spannenden Projekten nein zu sagen. Und solange ich noch Energie habe und es mir Spaß macht, warum nicht?“

Präsidentin der Peripheral Nerve Society und Herausgeberin des European Journal of Neurology

Auch andere Institutionen strecken ihre Fühler aus, jetzt, da sich herumgesprochen hat, dass sie in Zukunft mehr Zeit haben könnte. So wird sie ab Sommer 2025 zwei Jahre lang President Elect und weitere zwei Jahre Präsidentin Peripheral Nerve Society sein. Zudem unterstützt sie aktiv die GBS|CIDP Foundation International. Die weltweit tätige, gemeinnützige Organisation unterstützt Menschen, die vom Guillain-Barré-Syndrom (GBS), von der chronisch-entzündlichen demyelinisierenden Polyradikuloneuropathie (CIDP), von der multifokalen motorischen Neuropathie (MMN) und von verwandten Erkrankungen betroffen sind. Außerdem wird sie demnächst Herausgeberin des European Journal of Neurology sein, für das sie in den vergangenen Jahren stellvertretende Herausgeberin war.

Von ihrem Ziel, demnächst nur noch halbtags zu arbeiten, ist sie noch weit entfernt. Doch sie genießt bereits jetzt einige Freiheiten, die der Klinikalltag nicht zuließ. So ist es für sie ein unglaublicher Luxus, morgens vor der Arbeit Tennis zu spielen oder nach einem Kongress in Apulien eine Woche Urlaub in Italien dranzuhängen.

Bahnbrechende Fortschritte in der Behandlung von Schlaganfällen und Multipler Sklerose

Abgesehen von der Digitalisierung und rauchfreien Klinik stehen für sie auf der positiven Bilanz der vergangenen 30 Jahre in der Neurologie die Durchbrüche in der Behandlung von Schlaganfällen und Multipler Sklerose. „In meiner Zeit als Assistenzärztin war die Schlaganfallbehandlung Schicksal. Heute kann jeder, der rechtzeitig kommt, behandelt werden – dank des fantastischen Zusammenspiels von Verständnis dafür, was bei einem Schlaganfall passiert, und Technik zur Entfernung des Thrombus. Und die Diagnose Multiple Sklerose bedeutet heute nicht mehr automatisch einen frühen Tod. Dank moderner Therapien können viele Betroffene mit MS ein ganz normales Leben führen.“

Ihr Blick in die Zukunft ist vorsichtig optimistisch: Zwar ist es nicht ihr Forschungsgebiet, aber sie würde gern miterleben, wie ALS behandelt werden kann – eine schreckliche Krankheit, die Menschen plötzlich und unerwartet aus dem Leben reißt. Bei den immunologisch bedingten Neuropathien ist man ihrer Meinung nach auf einem sehr guten Weg. In der Schmerztherapie hofft sie, dass eine der vielen Ideen zu einem Medikament führen wird, das Schmerzen signifikant reduziert und kaum oder keine Nebenwirkungen hat. Im Moment können sie den Schmerz im Durchschnitt auf 50 Prozent senken. Doch damit ist sie nicht zufrieden. „Wenn der Schmerz als Warnzeichen keinen Sinn mehr macht, dann soll er ganz verschwinden.“ Claudia Sommer arbeitet daran.

Probandinnen und Probanden für verschiedene Studien gesucht

Die Forschung von Claudia Sommer, ihren Kolleginnen und Kollegen sowie Doktorandinnen und Doktoranden wäre nicht möglich, ohne das Mitwirken der Patientinnen und Patienten und gesunden Kontrollpersonen, die an den Studien teilnehmen. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger aus Würzburg und Umgebung ist erstaunlich gut, freut sich Claudia Sommer und bedankt sich bei allen bisherigen und zukünftigen Studienteilnehmenden für ihren oft selbstlosen Einsatz, mit dem sie maßgeblich zum Erkenntnisgewinn beitragen. Derzeit werden für verschiedene Studien gesunde Kontrollpersonen gesucht sowie Patientinnen und Patienten mit Migräne (siehe Meldung vom 28. März 2025)

Ein ausführliches Porträt über Prof. Dr. Claudia Sommer gibt es in der UKW-Serie #WomenInScience.

Text: Wissenschaftskommunikation UKW / KL 

Jens Volkmann im blauen Anzug neben Claudia Sommer in dunkler Hose und hellem Blazer stehen nebeneinander im Hörsaal der Neurologie  und lächeln in die Kamera.
Prof. Dr. Jens Volkmann, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik des UKW, verabschiedet Oberärztin Prof. Dr. Claudia Sommer, die ihre Forschung als Seniorprofessorin im Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin fortsetzt. © Brigitte May / UKW
Klaus Viktor Toyka steht am Rednerpult im Hörsaal, vor ihm ein großer bunter Blumenstrauße in einer Bodenvase.
Im März 1995 stellte Prof. Dr. Klaus Viktor Toyka, seinerzeit Direktor der Neurologie, Claudia Sommer als Oberärztin ein. Beim Symposium am 2. Mai 2025 hielt er anlässlich der Verabschiedung von Prof. Dr. Claudia Sommer ein Grußwort. © Brigitte May / UKW
Bild vom vollen Hörsaal der Neurologie, vorne im Bild Claudia Sommer, die mit dem Publikum gebannt nach vorn schaut.
Anlässlich ihrer Verabschiedung aus der Neurologie lud Prof. Dr. Claudia Sommer zum Symposium „30 Jahre Neurologin“ ein. Es gab Grußworte und Vorträge, die sich um die Forschung aus dieser Zeit, ihre Entwicklungen und zukünftigen Möglichkeiten rankten. © Brigitte May / UKW

Podcast: Das Neueste gegen Schmerz

In einem halbstündigen Podcast des Bayerischen Rundfunks äußern sich namhafte Schmerzexpertinnen und -experten – darunter Univ.-Prof. Dr. med. Heike Rittner – über neueste Erkenntnisse und Strategien zur Bekämpfung chronischer Schmerzen.

Über 14 Millionen Bundesbürger leiden an chronischem Schmerz, einem Schmerz, der definitionsgemäß über drei Monate anhält oder immer wieder auftritt und zum eigenständigen Krankheitsbild wird. Wie lässt sich dessen Entwicklung im Anfangsstadium verhindern? Welche physiologischen Prozesse tragen zur Entstehung bei?  Und vor allem – wie kann man eine Rückbildung unterstützen und die Therapien verbessern?

KI, VR-Reality und Hirnelektroden 

Im Zeitalter innovativer Technologien stehen inzwischen neue Möglichkeiten zur Verfügung, darunter Künstliche Intelligenz, Virtual-Reality-Brillen mit speziellen interdisziplinären Programmen, Sensoren und sogar implantierbare Hirnelektroden. Damit eröffnen sich neue Perspektiven für Diagnose, Therapie und Forschung. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der gezielten Beeinflussung des Gehirns, etwa durch Illusionen, Ablenkung oder Konditionierung. In Folge stimuliert es die körpereigenen Schmerzabwehrmechanismen und mildert die Schmerzreize.

Nach wie vor sind jedoch auch noch die vielen bewährten Module einer Schmerztherapie wie Entspannungstechniken, Bewegung oder Biofeedback, aber auch komplementäre Therapie essenziell und werden individuell angepasst.

Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Therapie ist jedoch – und da sind sich alle einig –  die  Unterstützung durch ein spezialisiertes Team, das individuell auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingeht und interdisziplinär zusammenarbeitet.

Der Podcast „IQ – Wissenschaft und Forschung“ vom 17. Dezember 2024 beleuchtet die gegenwärtige Situation zur Therapie und Erforschung chronischer Schmerzen anschaulich und mit praxisnahen Beispielen.

Zum Podcast

„IQ – Wissenschaft und Forschung“, ein Format des Bayerischen Rundfunks (BR), berichtet regelmäßig über neueste Entwicklungen und Kontroversen aus Bereichen wie Medizin, Klimaforschung, Astronomie, Technik und Gesellschaft.

In der Folge vom 17. Dezember 2024 kamen renommierte Schmerzexpertinnen und -experten zu Wort:

- Prof. Dr. med. Ulrike Bingel, Leiterin der Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen

- Prof. Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz der LMU München

- Prof. Dr. med. Heike Rittner, Lehrstuhl für Schmerzmedizin an der Universität Würzburg, Leiterin der Klinischen Forschungsgruppe 5001 ResolvePain
 
- Prof. Prasad Shirvalkar, Schmerzmediziner an der University of California San Francisco, USA

Prof. Rittner zur Sprecherin des ZiS ernannt

Das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) als fachübergreifende Einrichtung hat die Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. med. Heike Rittner zur Sprecherin in ihrem neuen Statut ernannt.

Ihr zur Seite stehen stellvertretend Prof. Dr. med. Nurcan Üçeyler aus der Neurologischen Klinik, PD Dr. med. Michael Meir aus der Chirurgischen Klinik II sowie Prof. Dr. med. Patrick Meybohm, Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin. Gemeinsam mit der Unterstützung ihres interdisziplinären Teams von ausgewählten Expertinnen und Experten will die Prof. Rittner die erfolgreiche Arbeit des Zentrums weiter vorantreiben und ausbauen. 

Größtes Schmerzzentrum in Deutschland

Das ZiS wurde im Jahr 2017 gegründet und hat sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Meilensteine waren die Bewilligung der DFG-geförderten Klinischen Forschungsgruppe KFO5001 im Jahr 2020 und der kontinuierliche Ausbau der Behandlungsangebote. Forschung und Patientenversorgung greifen hier eng ineinander, um die Schmerztherapie stetig zu verbessern und Patientinnen und Patienten eine immer effektivere Behandlung zu ermöglichen. So gilt das hat ZiS heute als größtes Schmerzzentrum des Landes. 
Auf der Mitgliederversammlung lobten insbesondere die Direktoren der Kliniken der Psychiatrie und der Neurochirurgie die Arbeit der letzten Jahre. 

Focus-Auszeichnung: Top-Medizinerin 2024 

Prof. Rittners unermüdlicher Einsatz stets neue Mittel und Wege in Therapie und Forschung zu finden, Schmerz – insbesondere chronischem Schmerz – den Kampf anzusagen, gipfelte in der Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Schmerzmedizin in Deutschland, den sie seit knapp einem Jahr innehat. 
Trotz ihrer internationalen wissenschaftlichen Reputation bleibt sie der Patientenversorgung treu und ist regelmäßig im Schmerzzentrum vor Ort, um sich persönlich um ihre Patientinnen und Patienten zu kümmern. So ist es eigentlich nicht überraschend, dass sie von der Zeitschrift Focus zu einer der besten ärztlichen Spezialistinnen und Spezialisten 2024 deklariert wurde. Etwa 4000 der jährlich rund 80 000 empfohlenen Kandidatinnen und Kandidaten erhalten diese Auszeichnung, die sowohl auf den Leistungen in Wissenschaft, Lehre und Forschung, als auch auf den Empfehlungen und Bewertungen von Patientinnen und Patienten basiert. 

Zukünftige Ziele: Weiterentwicklung und Vernetzung 

"Unser Ziel ist es, weiterhin exzellente Forschung mit erstklassiger Patientenversorgung zu vereinen", betont Prof. Rittner deshalb auch. Sie plant, die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Projekten mit der Kinderklinik und dem Sozialpädiatrischen Zentrum, mit der Frauenklinik und der Psychosomatik weiter zu fördern und neue Impulse in der Schmerztherapie zu setzen. Das Zentrum bleibt somit eine zentrale Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten sowie ein bedeutender Forschungspartner auf nationaler und internationaler Ebene. 

Opioide nach Operationen

Große Kassendatenanalyse mit Würzburger Beteiligung zeigt, dass Operationen in Deutschland nur selten Auslöser einer langfristigen Opioideinnahme sind / Geringere Häufigkeit als in den USA.

 

Das Bild zeigt eine Szene aus dem Operationssaal des UKW - Zwei Chirurginnen und ein Chirurg am OP-Tisch.
Eine neue Studie, an der das UKW beteiligt war, zeigt dass Operationen in Deutschland nur selten Auslöser einer langfristigen Opioideinnahme sind. © Daniel Peter / UKW

Jena/Würzburg. Macht eine postoperative Schmerztherapie mit Opioiden süchtig? In den USA und einigen anderen Ländern der Welt, die mit massivem Opioid-Fehlgebrauch zu kämpfen haben, wird dies vermutet und bereits empfohlen, auf dieses Schmerzmittel während und nach Narkosen zu verzichten. Auch in Deutschland ist der Gesamt-Opioidverbrauch seit Jahren relativ hoch – eine Forschungsgruppe unter Leitung des Universitätsklinikums Jena und mit Beteiligung des Uniklinikums Würzburg untersuchte nun, ob Operationen eine längerfristige Opioideinnahme auslösen können und ob bestimmte Eingriffe besonders dazu beitragen.

1,4 Prozent von 200.000 Versicherten haben sechs Monate nach der Operation Opioide verordnet bekommen 

Dazu wurden die Daten aller im Jahr 2018 operierten BARMER-Versicherten daraufhin untersucht, ob in den beiden Quartalen nach der Operation eine Opioidverordnung vorlag. Um den Einfluss von Operation, Narkose und postoperative Schmerztherapie als mögliche Auslöser für eine langfristige Opioideinnahme untersuchen zu können, wurden Personen mit einer Krebserkrankung oder einer bereits bestehenden Opioideinnahme von der Analyse ausgeschlossen. Die gute Nachricht: Von den mehr als 200.000 operierten Patientinnen und Patienten erhielten sechs Monate nach der Operation nur 1,4% derartige Schmerzmittel-Rezepte. „Diese Zahl ist in Nordamerika drei- bis viermal höher“, betont Johannes Dreiling, Erstautor der Studie aus Jena. 

Nach Amputationen erhalten 15 bis 20 Prozent der Operierten längerfristig Opioide

Die Studie verglich jedoch auch erstmals detailliert die Unterschiede zwischen einzelnen Operationen – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. So lag die langfristige Opioidverordnung nach Wirbelsäulen-, Schulter- und Sprunggelenksoperationen sowie wiederholten Gelenkersatz-Eingriffen um den Faktor 3 bis 7 über dem Durchschnitt. Absoluter „Spitzenreiter“ waren jedoch Amputationen, nach denen ca. 15-20% der Betroffenen längere Zeit Opioide verschrieben bekamen. Ursula Marschall, Leiterin Versorgungsforschung der BARMER: „Diese Ergebnisse deuten an, dass Opioide nach Operationen nicht generell verdammt werden sollten, zumal sie weniger organschädigende Wirkungen haben als viele andere Schmerzmittel. Aber nach bestimmten Operationen müssen wir Patientinnen und Patienten enger als bisher betreuen und begleiten, um Schmerz- und Medikationsprobleme, sowie eine möglicherweise beginnende Abhängigkeit rechtzeitig zu erkennen und konsequent zu behandeln.“

Krankenkassendaten sind wichtiger Baustein zur Versorgungsforschung 

Neben der Operation konnten in der Studie noch weitere Risikofaktoren für einen längerfristigen Opioidgebrauch identifiziert werden. Dazu gehören die Verschreibung von Antidepressiva und anderen Schmerzmitteln bereits vor der Operation, Alkoholmissbrauch sowie vorbestehende chronische Schmerzen. „Unsere Arbeit belegt erneut, welches Potential, aber auch welche Limitationen Auswertungen von Routine- und Registerdaten haben. So können Krankenkassendaten sehr exakte Angaben zur Medikamentenverschreibung liefern Es ist jedoch schwierig herauszufinden, warum diese Medikamente eingenommen wurden. Daher können wir nicht genau erkennen, bei welchen Menschen die Opioideinnahme gerechtfertigt war“ so Letztautor Daniel Schwarzkopf. Prof. Dr. Heike Rittner, die mit ihrem Zentrum interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) am Uniklinikum Würzburg die hochkomplexe Datenauswertung unterstützt hat, betont: „Solche Routine-Datenbanken haben die Daten passend zu den Abrechnungscodes und nicht zu wissenschaftlichen Fragestellungen.“ Dennoch: Die Analyse von Krankenkassendaten werde auch in Zukunft ein wichtiger Baustein der Versorgungsforschung sein.

Publikation:
Dreiling J, Rose N, Arnold C, Baumbach P, Fleischmann-Struzek C, Kubulus C, Komann M, Marschall U, Rittner HL, Volk T, Meißner W, Schwarzkopf D: The incidence and risk factors of persistent opioid use after surgery—a retrospective secondary data analysis. Dtsch Arztebl Int 2024; 121: online first. https://www.aerzteblatt.de/int/archive/article/241469 , DOI:10.3238/arztebl.m2024.0200 

Förderhinweis:
Die Studie ist im Rahmen des Projektes LOPSTER entstanden, das vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert wurde. 
 

Das Bild zeigt eine Szene aus dem Operationssaal des UKW - Zwei Chirurginnen und ein Chirurg am OP-Tisch.
Eine neue Studie, an der das UKW beteiligt war, zeigt dass Operationen in Deutschland nur selten Auslöser einer langfristigen Opioideinnahme sind. © Daniel Peter / UKW

Kontakt, Öffnungszeiten, Sprechzeiten

Öffnungszeiten

Schmerzambulanz
Montag bis Donnerstag
07:30 Uhr bis 15:00 Uhr

Freitag
07:30 Uhr bis 13:00 Uhr

Tagesklinik
Montag bis Freitag
08:00 Uhr bis 15:00 Uhr

Telefon

Schmerzambulanz
Christina Freßdorf
+49 931 201-30200

Schmerztagesklinik
Irina Schauermann
+49 931 201-30258

 

E-Mail

schmerzambulanz@ ukw.de
schmerztagesklinik@ ukw.de

Fax

+49 931 201-60 30209 (Ambulanz)
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Schmerztagesklinik und Schmerzambulanz des Zentrums für interdisziplinäre Schmerzmedizin Würzburg | Straubmühlweg 2a | Haus A9 | 97078 Würzburg | Deutschland