Frühere Studien zeigen, dass entsprechende Erfahrungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können: Sie sind mit einer erhöhten psychischen Belastung verbunden, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem tragen sie zur Entstehung von Burnout bei.
Als besonders herausfordernd gilt der Umgang mit solchen Vorfällen im Kontext der stark hierarchisch geprägten Strukturen des medizinischen Systems. Diese erschweren es Betroffenen häufig, Grenzüberschreitungen zu adressieren oder zu melden – insbesondere aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen.
Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie des UKW, hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden und in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) in einer Querschnittstudie das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in Deutschland untersucht. In einer anonymen Online-Umfrage unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland wurden Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Art der Vorfälle, Tätergruppen und der Umgang mit Vorfällen sowie deren Auswirkungen erfasst. Insgesamt nahmen 5681 Studierende teil. Durch die große Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich wie etwa von Studierenden im Praktischen Jahr (PJ) und betroffenen männlichen Studenten. Insgesamt handelt es sich bei dem Datensatz um den größten der bislang zu dem Thema in Deutschland erstellt wurde.
Insgesamt gaben 42 % der Medizinstudierenden an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Dabei zeigte sich ein deutlicher Anstieg mit zunehmender Ausbildungsdauer: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 % der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende – drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung
Das Verhalten ging unter Anderem von ärztlichem Personal, aber auch von Patientinnen und Patienten sowie Mitstudierenden aus. Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP. Die Mehrheit der Vorfälle wurden nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, Abhängigkeit von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten.
Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist mehr als eine individuelle Erfahrung – sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Strukturelle Reformen sind dringend notwendig
„Unsere Ergebnisse bestätigen internationale Studien“, sagt Sabine Drossard. „Sexuelle Belästigung ist ein häufiges und strukturelles Problem in der Medizin, das vor allem – aber nicht nur - Frauen betrifft. Hierarchien verstärken das Risiko und fehlende Unterstützungssysteme erschweren den Umgang.“ Gefährlich sei die Normalisierung solcher Erfahrungen im Klinikalltag.
Dass auch Patientinnen und Patienten eine relevante und bislang häufig unterschätzte Tätergruppe darstellen unterstreicht die besondere Verantwortung von Lehrenden im klinischen Kontext: Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein, proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ein konsequentes, nicht tolerierendes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten etablieren. Gleichzeitig ist es entscheidend, Studierende in solchen Situationen aktiv zu unterstützen, ihre Handlungssicherheit zu stärken und sie bei Bedarf gezielt an geeignete Beratungs- und Unterstützungsangebote – etwa der Universität oder des Universitätsklinikums – zu verweisen.
Vor diesem Hintergrund betont das Autorenteam die Notwendigkeit gezielter Verbesserungen: Erforderlich sind insbesondere wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich zeigt sich das UKW damit strukturell gut aufgestellt.
Nicht zuletzt bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.
Die Studie wurde im Journal BMC Medical Education veröffentlicht. Kurze Zeit später erschien die Vorarbeit zur Studie, die Sabine Drossard noch in Augsburg durchgeführt hat: Im Rahmen einer qualitativen Arbeit hat die Kinderchirurgin Interviews mit Studierenden im Praktischen Jahr geführt und hierbei differenzierte Einblicke in das Erleben der Studierenden erhalten: #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study | BMC Medical Education | Springer Nature Link
Basierend auf den Ergebnissen dieser Arbeiten hat Sabine Drossard ein gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnittenes Lehrprojekt zur Stärkung von Medizinstudierenden im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag entwickelt, das im Sommersemester 2025 erstmalig am UKW durchgeführt und nun als Wahlangebot verstetigt wurde. Zusätzlich gibt es eine Informationsveranstaltung für Medizinstudierende, ebenfalls erstmalig im Sommersemester 2025, in der unter anderem die Beratungsangebote von UKW und Universität vorgestellt werden.
Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Webseite www.medtoo.de übersichtlich und laienverständlich aufbereitet.
Zum Interview mit Sabine Drossard zur aktuellen Studie
Zum Porträt von Sabine Drosssard in der UKW-Serie WomenInScience:
Beratungsstelle für Beschäftigte des UKW
Webseite der Universität zum Sexismus in der Medizinischen Lehre
Anonyme Meldestelle der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): https://www.bvmd.de/gleichstellung/
Publikation: Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9