paper place Archiv Chirurgie

Wie sich die Darmbarriere bei Frühgeborenen entwickelt – neue Einblicke in die Reifung von Zellkontakten im Darm

Die Darmbarriere spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der physiologischen Homöostase, also dem stabilen inneren Gleichgewicht des Körpers.

Figure 4 aus der Publikation, mikroskopische Aufnahmen und Diagramme
Immunfluoreszenzfärbung von Claudin-4 in Darmproben von Erwachsenen und Frühgeborenen. Abbildung A zeigt Immunfluoreszenz-Mikroskopaufnahmen zum Vergleich von Erwachsenen und Frühgeborenen mit einem Gestationsalter von ≤ 25 Wochen, ≤ 26 Wochen und ≤ 28 Wochen. Die Reihen zeigen Claudin-4, Claudin-4 mit DAPI sowie Ausschnitte mit Maßstabsbalken von 25 und 10 µm. Bei Erwachsenen ist eine durchgehende Färbung von Claudin-4 an den Zellgrenzen zu erkennen; bei Frühgeborenen zeigt sich eine schwächere und etwas fragmentiertere Claudin-4-Färbung. Abbildung B zeigt zwei Diagramme. Linkes Diagramm: Diagramm der mittleren Claudin-4-Immunfluoreszenzintensität, mit Erwachsenen und Frühgeborenen auf der x-Achse und der Fluoreszenzintensität (0–1500 a.u.) auf der y-Achse. Bei Erwachsenen liegt der Mittelwert bei 849 a.u., während Frühgeborene ≤ 25 Wochen einen signifikant reduzierten Mittelwert von 318 a.u. aufweisen. Die Werte bis zu einer Schwangerschaftsdauer von ≤ 28 Wochen erholen sich auf etwa 794 a.u. Rechter Diagramm: Variationskoeffizient der Claudin-4-Immunfluoreszenz, mit derselben x-Achse und der Variation (0,0–1,0) auf der y-Achse. Die Violin-Diagramme zeigen bei Erwachsenen einen Wert um 0,4, während Frühgeborene eine etwas höhere Variation von 0,5 bis 0,7 aufweisen.

Einerseits ermöglicht die Darmbarriere die Aufnahme von Nährstoffen, andererseits verhindert sie, dass schädliche Keime oder unerwünschte Stoffe aus dem Darm, sogenannte Pathogene, in den Körper gelangen. . Die Reifung der Darmbarriere beginnt bereits in der Embryonalentwicklung und wird erst nach der Geburt abgeschlossen. Extrem frühgeborene Säuglinge weisen eine eingeschränkte Barrierefunktion auf und sind anfällig für Magen-Darm-Komplikationen, also gastrointestinale Komplikationen wie die nekrotisierende Enterokolitis (NEC).

Die Integrität der Darmbarriere wird durch Zell-Zell-Kontakte der intestinalen Epithelzellen, also Zellen, die die innere Oberfläche des Darms auskleiden, gewährleistet. Diese sind über mehrere sogenannte junktionale Proteinkomplexe (Tight Junctions, Adherens Junctions und Desmosomen) miteinander verbunden sind. Über die spezifische Rolle und Reifung der einzelnen Proteine dieser Komplexe in der frühen Entwicklung einer funktionellen Darmbarriere ist bisher nur wenig bekannt.

Ein Team um Catherine Kollmann aus der Experimentellen Viszeralchirurgie hat erstmals mittels detaillierter, immunfluoreszenzbasierter Analysen die Expression und Verteilung wichtiger junktionaler Proteine in Gewebeproben von extrem frühgeborenen Säuglingen (25 – 28 Wochen alt) untersucht. Dabei zeigten sich im Vergleich zu Proben von Erwachsenen bedeutende Unterschiede in spezifischen Proteinen der Tight Junctions (Claudin-1, -4, -5 und ZO-1), welche mit zunehmender Reifung eine erhöhte Expression sowie verbesserte Organisation aufwiesen. Diese Proteine scheinen demnach eine essentielle Rolle bei der Ausbildung funktionaler Zellkontaktkomplexe in diesem Entwicklungsstadium zu spielen.

Andere desmosomale Proteine (Desmoglein-2 und Desmoplakin) zeigten dagegen bis zu einem Alter von 28 Wochen eine verringerte Expression im Vergleich zu Erwachsenen und entwickeln sich demnach erst in späteren Stadien.

Die Ergebnisse leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der frühen Entwicklung der Darmbarriere und damit assoziierter Erkrankungen. Dies bildet die Grundlage um pathologische Veränderungen früher zu erkennen und präventive Strategien zur Stabilisierung der Darmbarriere bei Frühgeborenen zu entwickeln.

Publikation: Catherine Kollmann, Carolin Niklas, Karen Ernestus, Grit Gesine Ruth Hiller, Marius Hörner, Natalie Burkard, Christoph-Thomas Germer, Christoph Härtel, Sina Bartfeld, Kirsten Glaser & Nicolas Schlegel. (2026). Developmental maturation of intestinal junctional complexes in preterm infants. Tissue Barriers. https://doi.org/10.1080/21688370.2026.2697088

Figure 4 aus der Publikation, mikroskopische Aufnahmen und Diagramme
Immunfluoreszenzfärbung von Claudin-4 in Darmproben von Erwachsenen und Frühgeborenen. Abbildung A zeigt Immunfluoreszenz-Mikroskopaufnahmen zum Vergleich von Erwachsenen und Frühgeborenen mit einem Gestationsalter von ≤ 25 Wochen, ≤ 26 Wochen und ≤ 28 Wochen. Die Reihen zeigen Claudin-4, Claudin-4 mit DAPI sowie Ausschnitte mit Maßstabsbalken von 25 und 10 µm. Bei Erwachsenen ist eine durchgehende Färbung von Claudin-4 an den Zellgrenzen zu erkennen; bei Frühgeborenen zeigt sich eine schwächere und etwas fragmentiertere Claudin-4-Färbung. Abbildung B zeigt zwei Diagramme. Linkes Diagramm: Diagramm der mittleren Claudin-4-Immunfluoreszenzintensität, mit Erwachsenen und Frühgeborenen auf der x-Achse und der Fluoreszenzintensität (0–1500 a.u.) auf der y-Achse. Bei Erwachsenen liegt der Mittelwert bei 849 a.u., während Frühgeborene ≤ 25 Wochen einen signifikant reduzierten Mittelwert von 318 a.u. aufweisen. Die Werte bis zu einer Schwangerschaftsdauer von ≤ 28 Wochen erholen sich auf etwa 794 a.u. Rechter Diagramm: Variationskoeffizient der Claudin-4-Immunfluoreszenz, mit derselben x-Achse und der Variation (0,0–1,0) auf der y-Achse. Die Violin-Diagramme zeigen bei Erwachsenen einen Wert um 0,4, während Frühgeborene eine etwas höhere Variation von 0,5 bis 0,7 aufweisen.
#MEDToo – Sexuelle Belästigung in der medizinischen Ausbildung

Sexuelle Belästigung ist eine Form des Machtmissbrauchs, die im Gesundheitswesen weit verbreitet ist. Medizinstudierende sind insbesondere während ihrer praktischen Ausbildung häufig davon betroffen.

Konzeptionelles Modell der Wahrnehmung und Reaktionen von Studierenden auf geschlechtsspezifische Diskriminierung und sexuelle Belästigung in der medizinischen Ausbildung.

Obwohl bekannt ist, dass viele Medizinstudierende in Deutschland während ihres Studiums Belästigung oder Diskriminierung erleben, fehlen bislang detaillierte Erkenntnisse darüber, wie sie diese Erfahrungen im klinischen Umfeld wahrnehmen und bewältigen. 

Dr. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie, hat noch in ihrer Zeit am Universitätsklinikum in Augsburg zwölf leitfadengestützte, halbstrukturierte Einzelinterviews mit zehn Medizinstudentinnen und zwei Medizinstudenten im Praktischen Jahr geführt, die während ihres Studiums sexuelle Belästigung erlebt hatten.

Die Analyse ergab fünf miteinander verknüpfte Themen, die zeigen, wie Erfahrungen mit geschlechtsbezogener Diskriminierung und sexueller Belästigung die Entwicklung der professionellen Identität in hierarchisch geprägten Ausbildungsstrukturen beeinflussen. Erstens beschrieben die Teilnehmenden ein Spektrum geschlechtsspezifischer Grenzverletzungen, die sowohl in Ausbildungs- als auch in klinischen Beziehungen auftraten. Diese Erfahrungen wurden durch den jeweiligen Beziehungskontext geprägt und betrafen Vorgesetzte innerhalb hierarchischer Ausbildungsstrukturen sowie Patientinnen und Patienten im Rahmen therapeutischer Begegnungen. Zweitens waren solche Vorfälle eng mit der sich entwickelnden beruflichen Identität der Studierenden verflochten und führten häufig zu Unsicherheit bei der Interpretation sowie zu Spannungen zwischen der Wahrung des beruflichen Verhaltens und dem Schutz persönlicher Grenzen. Drittens verstärkten starre Hierarchien und kulturelle Normen innerhalb medizinischer Ausbildungsumgebungen das Schweigen und schränkten die Bereitschaft der Studierenden ein, unangemessenes Verhalten anzusprechen. Infolgedessen griffen die Studierenden häufig auf Anpassungsstrategien zurück, die durch Zurückhaltung, Verharmlosung oder strategisches Schweigen gekennzeichnet waren. Schließlich betonten die Teilnehmenden die Notwendigkeit institutioneller Strukturen, eines kulturellen Wandels und praktischer Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, selbstbewusst berufliche Grenzen zu setzen.

Die Berichte der Studierenden verdeutlichen das Zusammenspiel von geschlechtsbezogenen Grenzverletzungen, Unsicherheit in der beruflichen Rolle, hierarchischen Abhängigkeiten, eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und Defiziten bei der institutionellen Unterstützung. Um sexueller Belästigung in der medizinischen Ausbildung nachhaltig vorzubeugen, sind sowohl strukturelle Veränderungen als auch Bildungsangebote erforderlich, die die Handlungskompetenz der Studierenden stärken.

Publikation: Sabine Drossard, Iris Warnken, Marco Kuchenbaur, Anja Härtl und Inga Hege. #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study. BMC Med Educ 26, 584 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-09090-1

Zum Interview mit Sabine Drossard anlässlich einer weiteren Studie zu dem Thema (Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). https://doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9)

Konzeptionelles Modell der Wahrnehmung und Reaktionen von Studierenden auf geschlechtsspezifische Diskriminierung und sexuelle Belästigung in der medizinischen Ausbildung.
Neuartige Magnesiumphosphat-Zementpaste ermöglicht wirksame Verstärkung von Pedikelschrauben in osteoporotischem Knochen

In der klinischen Praxis werden Schrauben in der Wirbelsäule (Pedikelschrauben) häufig mit Knochenzement aus Polymethylmethacrylat (PMMA) verstärkt.

Dieser Zement ist allerdings sehr fest und steif, sodass er eher wie eine zusätzliche Versteifung wirkt als wie echter Knochenersatz. Dadurch können in angrenzenden Wirbelabschnitten häufiger Brüche nach einer Instrumentierung entstehen. Ein neuer experimenteller Knochenzement aus Magnesiumphosphat könnte hier eine bessere Alternative sein, da er günstigere biomechanische Eigenschaften besitzt und sich über dünne Kanülen gut einspritzen lässt. Allerdings wurde dieser Zement bisher noch kaum systematisch untersucht.

Maximilian Heilig, Philipp Heilig, Martin Cornelius Jordan, Rainer Heribert Meffert, Uwe Gbureck und Stefanie Hoelscher-Doht setzten spezielle, an den Spitzen gefensterte Wirbelschrauben in künstliche Knochenblöcke ein, die eine unterschiedliche Dichte der Knochenbälkchen (wie bei unterschiedlich ausgeprägter Osteoporose) auswiesen. Diese Schrauben wurden anschließend mit dem neuen Magnesiumphosphat-Zement stabilisiert. Danach wurde getestet, wie stabil die Konstruktion unter Belastung ist. Zusätzlich wurde gemessen, wie viel Kraft nötig ist, um den Zement je nach verwendeter Spritze einzubringen. 

Das Einbringen des Zements war in allen getesteten Knochen möglich. Dadurch wurden die Schrauben in allen Fällen stabiler. Wie stark dieser Effekt war, hing davon ab, wie dicht bzw. fest der Knochen war: In „weicherem“ Knochen brachte die Verstärkung teilweise andere Effekte als in „härterem“. Ein klarer Grenzwert, ab wann man den Zement einsetzen sollte, ließ sich nicht feststellen.

Der neue Magnesiumphosphat-Zement ließ sich zuverlässig verwenden, um Schrauben in der Wirbelsäule zu stabilisieren. Insgesamt führte er zu einer besseren mechanischen Stabilität. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieser gut verträgliche und abbaubare Knochenzement künftig eine mögliche Alternative zu herkömmlichem PMMA-Zement bei Wirbelsäulenoperationen sein könnte.

Publikation: Maximilian Heilig, Philipp Heilig, Martin Cornelius Jordan, Rainer Heribert Meffert, Uwe Gbureck und Stefanie Hoelscher-Doht. A novel magnesium phosphate cement paste enables effective augmentation of pedicle screws in osteoporotic bone. International Orthopaedics. 2026 Apr;50(4):865-871. DOI: 10.1007/s00264-026-06794-3. PMID: 41894009.

Biomechanische Untersuchung zur Stabilität retrograder kanülierter Schrauben bei Mittelhandknochenfrakturen

Biomechanische Studien zu Mittelhandfrakturen konzentrierten sich vor allem darauf, wie viel maximale Kraft unterschiedliche Stabilisierungstechniken aushalten, bevor sie versagen.

Sechs verschiedene Röntgenbilder
Röntgenaufnahmen von Schweinepräparaten der Gruppen 1, 2 und 3, die die verschiedenen verwendeten Implantate zeigen. (a, c, e) zeigen die erzeugten Frakturen. (b–d) zeigen ein Präparat, das mit einem teilweise oder vollständig mit Gewinde versehenen Schrauben stabilisiert wurde. Der Eintrittspunkt der Schrauben wurde im dorsalen Drittel der Gelenkfläche gewählt, um die Knorpelschädigung zu minimieren. (f) zeigt eine Probe, die mit der 2,0-TriLock-Handplatte behandelt wurde. Ziel war es, eine nahezu bikortikale Länge der Schrauben zu erreichen.

Wie stabil diese Techniken bei wiederholten physiologischen Belastungen sind, die bei Bewegungen der Finger wie dem Faustschluss oder der Fingerstreckung ohne maximale Krafteinwirkung auftreten, wurde dagegen bisher kaum untersucht. Die vorliegende Studie der Chirurgie II unter der Leitung von Prof. Dr. Stefanie Hölscher-Doht aus der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie beschäftigte sich deshalb mit verschiedenen Methoden zur Behandlung von Schaftfrakturen der Mittelhand und untersuchte insbesondere die Stabilität sogenannter kanülierter Kompressionsschrauben. Diese speziellen Schrauben werden im Inneren des Knochens eingebracht und mit kleinen Metallplatten verglichen.

Für die biomechanischen Testungen wurden standardisiert erzeugte Knochenbrüche an Schweineknochen und menschlichen Mittelhandknochen mit unterschiedlichen Implantaten versorgt: entweder mit in den Knochen versenkbaren Schrauben (Teil- oder durchgehendes Gewinde) oder mit einer kleinen Handplatte. Anschließend wurden die Knochen tausendfach zyklisch belastet, um die Bewegungen und die Stabilität der Versorgung zu testen.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Platten die Bruchstelle bei wiederholter Belastung etwas besser stabilisierten und weniger Bewegung zuließen. Allerdings hielten vollständig gewindete Schrauben bei sehr hohen Belastungen insgesamt mehr Kraft aus als die Teilgewinde-Schrauben oder die Platten. Eine klare Überlegenheit der Platten konnte insgesamt nicht nachgewiesen werden.

Die Autorin und Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass kanülierte Kompressionsschrauben eine gute und stabile Alternative zur Plattenosteosynthese bei schrägen Mittelhandbrüchen darstellen. Besonders vollständig gewindete Schrauben scheinen eine hohe Stabilität zu bieten. Wichtig für den Behandlungserfolg ist vor allem, dass die Schraube möglichst fest und lang im stabilen Knochen verankert wird.

Publikation: Maximilian Heilig, Julian Wagenhäuser, Henner Huflage, Philipp Heilig, Martin Cornelius Jordan, Rafael Gregor Jakubietz, Rainer Heribert Meffert, Stefanie Hoelscher-Doht. Sufficient stability using retrograde cannulated screws in a metacarpal fracture model: a biomechanical evaluation. Front Bioeng Biotechnol. 2026 Jan 5;13:1714404. doi: 10.3389/fbioe.2025.1714404

Sechs verschiedene Röntgenbilder
Röntgenaufnahmen von Schweinepräparaten der Gruppen 1, 2 und 3, die die verschiedenen verwendeten Implantate zeigen. (a, c, e) zeigen die erzeugten Frakturen. (b–d) zeigen ein Präparat, das mit einem teilweise oder vollständig mit Gewinde versehenen Schrauben stabilisiert wurde. Der Eintrittspunkt der Schrauben wurde im dorsalen Drittel der Gelenkfläche gewählt, um die Knorpelschädigung zu minimieren. (f) zeigt eine Probe, die mit der 2,0-TriLock-Handplatte behandelt wurde. Ziel war es, eine nahezu bikortikale Länge der Schrauben zu erreichen.
Drei von vier PJ- Studierende haben im Medizinstudium sexuelle Belästigung erlebt

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – etwa in Form unerwünschter sexueller Kommentare, Annäherungen oder Handlungen – stellt ein bekanntes und auch in der medizinischen Ausbildung relevantes Problem dar.

Frühere Studien zeigen, dass entsprechende Erfahrungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können: Sie sind mit einer erhöhten psychischen Belastung verbunden, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem tragen sie zur Entstehung von Burnout bei.

Als besonders herausfordernd gilt der Umgang mit solchen Vorfällen im Kontext der stark hierarchisch geprägten Strukturen des medizinischen Systems. Diese erschweren es Betroffenen häufig, Grenzüberschreitungen zu adressieren oder zu melden – insbesondere aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen. 

Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie des UKW, hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden und in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) in einer Querschnittstudie das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in Deutschland untersucht. In einer anonymen Online-Umfrage unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland wurden Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Art der Vorfälle, Tätergruppen und der Umgang mit Vorfällen sowie deren Auswirkungen erfasst. Insgesamt nahmen 5681 Studierende teil. Durch die große Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich wie etwa von Studierenden im Praktischen Jahr (PJ) und betroffenen männlichen Studenten. Insgesamt handelt es sich bei dem Datensatz um den größten der bislang zu dem Thema in Deutschland erstellt wurde. 

Insgesamt gaben 42 % der Medizinstudierenden an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Dabei zeigte sich ein deutlicher Anstieg mit zunehmender Ausbildungsdauer: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 % der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende – drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung

Das Verhalten ging unter Anderem von ärztlichem Personal, aber auch von Patientinnen und Patienten sowie Mitstudierenden aus. Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP. Die Mehrheit der Vorfälle wurden nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, Abhängigkeit von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten. 

Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist mehr als eine individuelle Erfahrung – sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Strukturelle Reformen sind dringend notwendig

„Unsere Ergebnisse bestätigen internationale Studien“, sagt Sabine Drossard. „Sexuelle Belästigung ist ein häufiges und strukturelles Problem in der Medizin, das vor allem – aber nicht nur - Frauen betrifft. Hierarchien verstärken das Risiko und fehlende Unterstützungssysteme erschweren den Umgang.“ Gefährlich sei die Normalisierung solcher Erfahrungen im Klinikalltag.

Dass auch Patientinnen und Patienten eine relevante und bislang häufig unterschätzte Tätergruppe darstellen unterstreicht die besondere Verantwortung von Lehrenden im klinischen Kontext: Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein, proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ein konsequentes, nicht tolerierendes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten etablieren. Gleichzeitig ist es entscheidend, Studierende in solchen Situationen aktiv zu unterstützen, ihre Handlungssicherheit zu stärken und sie bei Bedarf gezielt an geeignete Beratungs- und Unterstützungsangebote – etwa der Universität oder des Universitätsklinikums – zu verweisen.

Vor diesem Hintergrund betont das Autorenteam die Notwendigkeit gezielter Verbesserungen: Erforderlich sind insbesondere wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich zeigt sich das UKW damit strukturell gut aufgestellt.

Nicht zuletzt bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.

Die Studie wurde im Journal BMC Medical Education veröffentlicht. Kurze Zeit später erschien die Vorarbeit zur Studie, die Sabine Drossard noch in Augsburg durchgeführt hat: Im Rahmen einer qualitativen Arbeit hat die Kinderchirurgin Interviews mit Studierenden im Praktischen Jahr geführt und hierbei differenzierte Einblicke in das Erleben der Studierenden erhalten: #MEDToo – sexual harassment in medical education: perceptions and coping strategies of medical students in Germany, a qualitative study | BMC Medical Education | Springer Nature Link 

Basierend auf den Ergebnissen dieser Arbeiten hat Sabine Drossard ein gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnittenes Lehrprojekt zur Stärkung von Medizinstudierenden im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag entwickelt, das im Sommersemester 2025 erstmalig am UKW durchgeführt und nun als Wahlangebot verstetigt wurde. Zusätzlich gibt es eine Informationsveranstaltung für Medizinstudierende, ebenfalls erstmalig im Sommersemester 2025, in der unter anderem die Beratungsangebote von UKW und Universität vorgestellt werden. 

Die Ergebnisse der Studie wurden auf der Webseite www.medtoo.de übersichtlich und laienverständlich aufbereitet. 

Zum Interview mit Sabine Drossard zur aktuellen Studie

Zum Porträt von Sabine Drosssard in der UKW-Serie WomenInScience

Beratungsstelle für Beschäftigte des UKW

Webseite der Universität zum Sexismus in der Medizinischen Lehre

Anonyme Meldestelle der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd): https://www.bvmd.de/gleichstellung/

Publikation: Michelle Förstel, Maximilian Vogt und Sabine Drossard. Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study. BMC Med Educ 26, 558 (2026). doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9

 

 

 

Laterale Schlüsselbeinfrakturen: Eine gitterartige Anordnung der Schrauben im lateralen Frakturfragment verringert das Ausreißen

Schlüsselbeinbrüche im Bereich des Schultereckgelenkes müssen häufig operativ mit einer Metallplatte (Plattenosteosynthese) stabilisiert werden. Da auf diesen Bereich des Schlüsselbeins hohe Kräfte wirken, kann es jedoch passieren, dass die Schrauben aus dem gelenknahen, äußeren Frakturfragment herausreißen.

Aufgrund der hohen Kräfte, die auf das laterale Ende des Schlüsselbeins einwirken, kann es zu einem Ausreißen der Schrauben aus dem schultereckgelenknahen, äußeren Frakturfragment kommen, wie auf dem Röntgenbild zu sehen ist.

Neue Plattensysteme ermöglichen zusätzlich zu den klassischen Schrauben von oben auch das Einbringen weiterer Schrauben von vorne. Ziel dieser experimentellen Studie aus der Chirurgie II war es zu untersuchen, ob diese zusätzliche Fixierung die Stabilität verbessern kann.

Dafür wurden an künstlichen Knochen seitliche Schlüsselbeinfrakturen erzeugt und mit unterschiedlichen Methoden versorgt. In einer Gruppe wurde eine Standardplatte mit drei Schrauben klassisch von oben verwendet. In einer zweiten Gruppe kamen zusätzlich zwei Schrauben von vorne zum Einsatz. In einer dritten Gruppe wurde diese Versorgung darüber hinaus durch eine Stabilisierung der wichtigen Haltebänder zwischen Schulterblatt und Schlüsselbein ergänzt. Eine vierte Gruppe erhielt ein ähnliches Plattensystem eines anderen Herstellers. Anschließend wurden die Knochen in einer Prüfmaschine wiederholt biomechanisch belastet, um die Stabilität der verschiedenen Verfahren zu testen.

Die Ergebnisse zeigten, dass es bei den Standardplatten häufiger zu einem Ausreißen der Schrauben und erneuten Brüchen im Bereich des äußeren Schlüsselbeins kam. Besonders stabil erwies sich die Kombination aus zusätzlichen Schrauben von vorne und der Wiederherstellung der Haltebänder. In dieser Gruppe hielten die meisten Präparate den Belastungstests deutlich besser stand. Die zusätzliche Fixierung konnte das Risiko eines Schraubenausreißens deutlich reduzieren und die allgemeine Stabilität verbessern.

Die Autorinnen und Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass moderne Platten mit zusätzlichen Schrauben von vorne – insbesondere in Kombination mit einer Stabilisierung der Haltebänder – biomechanisch große Vorteile gegenüber herkömmlichen Platten bieten könnten.

Publikation: Stefanie Hoelscher-Doht, Sophia Scheible, Maximilian Heilig, Eva Kupczyk & Rainer H. Meffert. Lateral clavicle fractures: grid pattern arrangement of screws in the lateral fracture fragment reduces the cut-out. Arch Orthop Trauma Surg. 2025 Aug 12;145(1):406. doi: 10.1007/s00402-025-06027-z. PMID: 40794308; PMCID: PMC12343638.

Aufgrund der hohen Kräfte, die auf das laterale Ende des Schlüsselbeins einwirken, kann es zu einem Ausreißen der Schrauben aus dem schultereckgelenknahen, äußeren Frakturfragment kommen, wie auf dem Röntgenbild zu sehen ist.
Knochenfüller und Klebstoff zugleich: In-vitro-Analyse an einem Schweineknochenfrakturmodell

Knochendefekte nach Brüchen oder Tumoroperationen stellen in der Orthopädie und Unfallchirurgie häufig eine große Herausforderung dar. Besonders schwierig ist die Behandlung komplexer gelenknaher Frakturen, bei denen die Knochenfragmente möglichst exakt wieder zusammengesetzt und stabil fixiert werden müssen.

Stefanie Hoelscher-Doht, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und Leiterin der Biomechanischen Forschung in der Chirurgie II, hat mit ihrem Team deshalb einen neu-entwickelten Magnesiumphosphat-Zement untersucht, der gleichzeitig als Knochenkleber und als Auffüllmaterial für Knochendefekte dienen kann. Dadurch könnte ein neues Operationsverfahren ermöglicht werden: Zunächst werden die Knochenfragmente mit dem Zement anatomisch korrekt verklebt, anschließend erfolgt die zusätzliche Stabilisierung mit einer Platte und Schrauben.

Für die Testungen wurden an Schweineknochen Frakturen des Schienbeinkopfes standardisiert erzeugt. Anschließend wurden drei unterschiedliche Operationsmethoden miteinander verglichen. In einer Gruppe wurde der Bruch zunächst mithilfe des neuen Magnesiumphosphat-Zements reponiert und geklebt. Anschließend wurde die Fraktur, die durch den klebrigen Zement anatomisch eingerichtet war, mit einer Platte und Schrauben stabilisiert. In den beiden anderen Gruppen erfolgte zunächst die klassische Plattenstabilisierung nach anatomischer Rekonstruktion. Erst dann wurde der entstandene Knochendefekt entweder mit dem neuen Magnesiumphosphat-Zement oder mit einem klinischen Standard-Zement, einem Hydroxylapatit-Zement, aufgefüllt.

Um die Stabilität der verschiedenen Verfahren zu testen, wurden die Knochen wiederholt belastet, ähnlich wie es später im Alltag oder während der Rehabilitation der Fall wäre. Dabei zeigte sich, dass alle Verfahren eine vergleichbare Stabilität erreichten. Die mit dem neuen Magnesiumphosphat-Zement behandelten Präparate wiesen sogar das geringste Einsinken der gelenktragenden Frakturanteile unter Belastung auf.

Die Studie zeigt damit, dass der neue Magnesiumphosphat-Zement eine vielversprechende Alternative zu bisherigen Verfahren darstellen könnte. Besonders interessant ist dabei, dass der Zement nicht nur Knochendefekte auffüllt, sondern gleichzeitig die Frakturfragmente stabil miteinander verklebt. Dadurch könnte die operative Versorgung komplexer Frakturen künftig vereinfacht und möglicherweise verbessert werden.

Publikation: Stefanie Hoelscher-Doht, Nicola Zufall, Maximilian Heilig, Philipp Heilig, Martin Cornelius Jordan, Rainer Heribert Meffert, Uwe Gbureck, Lea Hüls. Bone filler and adhesive at the same time: in-vitro analysis in a porcine fracture model. BMC Musculoskelet Disord 26, 524 (2025). https://doi.org/10.1186/s12891-025-08773-y