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Neue Perspektive für die Schlaganfalltherapie

Neuroprotektion durch Blockade von NLRP3 in der Akutphase des Schlaganfalls

Collage aus fünf mikroskopischen Aufnahmen
Das NLRP3 Inflammasom in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten in der Hyperakutphase des Schlaganfalls: Repräsentative immunhistochemische Multikanal-Färbung: Dargestellt ist ein kleines zerebrales Gefäß innerhalb des Schlaganfallareals 4 Stunden nach Beginn eines dauerhaften Verschlusses der A. cerebri media rechts. Gefärbt wurden Zellkerne (DAPI, blau), Endothelzellen/Gefäße (CD105, grün), das NLRP3 Inflammasom (rot) und Neutrophile (Ly6G, violett). Es zeigt sich eine Expression des NLRP3 Inflammasoms in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten. Der weiße Pfeil zeigt einen NLRP3-positiven intravasalen Neutrophilen. Maßstabsbalken = 50 µm. Aus: Bellut et al., Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization, Cell Reports Medicine, 2026.

In der Fachzeitschrift „Cell Reports Medicine“ berichten Forschende aus Würzburg über NLRP3 als vielversprechendes Zielmolekül: Dessen Blockade konnte im Experiment das Fortschreiten von Schlaganfällen bereits während des Gefäßverschlusses verlangsamen. Bei Patientinnen und Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall fanden sich korrespondierend in speziellen „pialen“ Blutproben aus dem betroffenen Hirngebiet erhöhte Anzahlen NLRP3-positiver Immunzellen mit prognostischer Bedeutung. Perspektivisch könnte eine frühzeitige Hemmung von NLRP3 wertvolle Zeit bis zur Wiedereröffnung eines verschlossenen Hirngefäßes überbrücken und so das Behandlungsergebnis verbessern.

Würzburg. Wird ein Blutgefäß im Gehirn plötzlich verschlossen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Mit jeder Minute, in der das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird, sterben Millionen Nervenzellen unwiederbringlich ab. Zwar kann das Blutgerinnsel heute häufig medikamentös aufgelöst (Thrombolyse) oder mechanisch mittels Katheter entfernt werden (Thrombektomie), sodass der Blutfluss wiederhergestellt wird. Dennoch kommt es trotz erfolgreicher Behandlung häufig zu schweren bleibenden Schäden oder zum Tod.

Ein wesentlicher Grund dafür ist das Fortschreiten des Infarkts bereits während des Gefäßverschlusses. Um die Behandlungsergebnisse zu verbessern, sind daher zusätzliche Therapieansätze erforderlich, die bereits vor der Wiedereröffnung des Gefäßes wirksam werden.

Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) erforschen interdisziplinäre Arbeitsgruppen aus Neurologie, Neuroradiologie und Experimenteller Biomedizin seit Jahren entzündliche Prozesse, die das Fortschreiten des Schlaganfalls beeinflussen. Im Fokus steht unter anderem das Inflammasom, ein Bestandteil des Immunsystems, der auf Stresssignale reagiert und Immunantworten steuern kann.

Entzündung als therapeutischer Ansatzpunkt

Eine Schlüsselrolle in diesen Entzündungsprozessen kommt dem NLRP3-Inflammasom zu. Bislang war vor allem seine Rolle in späteren Phasen des Schlaganfalls bekannt. Eine Arbeit aus der Würzburger Neurologie und Neuroradiologie sowie der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn legt nun dar, dass NLRP3 bereits unmittelbar nach dem Gefäßverschluss aktiv wird und damit eine bislang wenig beachtete frühe Krankheitsphase beeinflusst.

In experimentellen Modellen konnte das Forschungsteam zeigen, dass eine gezielte Hemmung des NLRP3-Inflammasoms die Entzündungsreaktion deutlich abschwächt und das Fortschreiten des Infarkts bereits während des Gefäßverschlusses verlangsamt. „Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten, den Schlaganfall bereits in einer sehr frühen Phase therapeutisch zu beeinflussen“, sagt Prof. Dr. Michael Schuhmann, Leiter des Klinischen Labors der Neurologie, dessen Professur von der Hentschel-Stiftung gefördert wird.

Direkter Nachweis beim Menschen

Erstmals gelang es den Forschenden, die Expression von NLRP3 direkt beim Menschen während eines akuten Schlaganfalls nachzuweisen. Ermöglicht wurde dies durch ein am Standort etabliertes, hochspezifisches Protokoll und die enge Zusammenarbeit mit den interventionellen Neuroradiologen Privatdozent Dr. Alexander Kollikowski und Prof. Dr. Mirko Pham (Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie). Während routinemäßiger Thrombektomien konnten so winzige Blutproben aus dem akut betroffenen Hirngebiet gewonnen werden, deren prognostische Relevanz in früheren Studien gezeigt werden konnte.

Die Analysen bestätigten die experimentellen Befunde und zeigen, dass NLRP3-vermittelte Entzündungsreaktionen auch beim Menschen pathophysiologisch relevant sind. Zudem ließ sich anhand der Anzahl NLRP3-positiver Immunzellen der klinische Verlauf drei Monate nach dem Schlaganfall vorhersagen.

Perspektive: Therapie noch vor der Klinik

„Unsere Ergebnisse liefern einen wichtigen Ansatzpunkt für Therapien, die den Schlaganfall bereits vor der Wiedereröffnung des Gefäßes beeinflussen sollen. Ein denkbarer Ansatz wäre, NLRP3-Inhibitoren sehr früh, etwa bereits im Rettungswagen einzusetzen“, sagt Privatdozent Dr. Maximilian Bellut, Erstautor der Studie (Interview).

„Zwischen dem Gefäßverschluss und der erfolgreichen Thrombektomie vergeht oft wertvolle Zeit“, erklärt Alexander Kollikowski. „Wenn es gelingt, das Fortschreiten des Infarkts in dieser Phase zu bremsen, könnte das die Prognose vieler Patientinnen und Patienten verbessern.“

Michael Schuhmann ergänzt: „Bis zur klinischen Anwendung beim Schlaganfall ist es noch ein weiter Weg. Dass NLRP3-Inhibitoren bereits für andere Erkrankungen klinisch entwickelt werden, könnte jedoch zukünftige translationale Studien erleichtern.“

Die Ergebnisse liefern damit einen wichtigen translationalen Ansatzpunkt für neue, neuroprotektive Behandlungen beim Schlaganfall durch gezielte Hemmung entzündlicher Prozesse.

Publikation: Maximilian Bellut, Alexander M. Kollikowski, Marius L. Vogt, Lukas Rossnagel, Ibrahim Hawwari, Bernardo S. Franklin, Mirko Pham, Guido Stoll and Michael K. Schuhmann. Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization. Cell Reports Medicine (2026), https://doi.org/10.1016/j.xcrm.2026.102723

Was ist NLRP3 genau? 

Das Protein „NOD-, LRR- und Pyrin-Domänen-enthaltend 3“ (NLRP3) ist ein wichtiger Bestandteil des angeborenen Immunsystems. Sein Name beschreibt seinen Aufbau. Die NOD-Domäne ist an der Aktivierung des Proteins beteiligt, während der LRR-Baustein (Leucin-reiche Wiederholungen) dabei hilft, Gefahrensignale, wie beispielsweise Zellschäden, zu erkennen. Die Pyrin-Domäne spielt schließlich eine zentrale Rolle bei der Auslösung von Entzündungsreaktionen. Diese Bausteine ermöglichen es dem Protein, als eine Art „Sensor“ zu fungieren, der schädliche Veränderungen im Körper erkennt und eine Immunreaktion in Gang setzt.

Hier geht es zum Interview mit dem Erstautor der Studie, Privatdozent Dr. Maximilian Bellut, sowie der Translationskette: www.ukw.de/forschung/pressemitteilungen/detail/news/pill-in-the-pocket-beim-verdacht-auf-schlaganfall/

Time is brain: Je schneller gehandelt wird, desto größer ist die Chance, Gehirngewebe zu retten!

Ein Schlaganfall kann entweder durch eine Durchblutungsstörung oder eine Blutung im Gehirn verursacht werden: Ein Blutgefäß kann reißen (hämorrhagischer Schlaganfall) oder durch ein Gerinnsel verstopfen (ischämischer Schlaganfall). Beide Formen sind akute Notfälle, die sofortiges Handeln erfordern. Mit über 80 Prozent ist der ischämische Schlaganfall die häufigste Form. Dabei blockiert ein Blutgerinnsel ein Gefäß im Gehirn, sodass der dahinterliegende Bereich nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird und Nervenzellen absterben.

Je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, kommt es zu unterschiedlichen Ausfällen. Häufig sind es einseitige Lähmungen, aber auch Sprach- oder Sehstörungen, Schwindel oder Bewusstseinsstörungen können auftreten.

Ein einfacher Merksatz zur Erkennung ist der FAST-Test: F steht für „Face” - hängt beim Lächeln eine Gesichtshälfte? A steht für „Arms“ – sinkt beim Heben beider Arme ein Arm ab? S steht für „Speech“ – klingt die Sprache verwaschen oder unverständlich? T steht für Time: Wenn eines dieser Anzeichen zutrifft, sofort den Notruf 112 wählen. Denn: „Time is brain“ – jede Minute zählt, um wertvolles Gehirngewebe zu retten.

Collage aus fünf mikroskopischen Aufnahmen
Das NLRP3 Inflammasom in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten in der Hyperakutphase des Schlaganfalls: Repräsentative immunhistochemische Multikanal-Färbung: Dargestellt ist ein kleines zerebrales Gefäß innerhalb des Schlaganfallareals 4 Stunden nach Beginn eines dauerhaften Verschlusses der A. cerebri media rechts. Gefärbt wurden Zellkerne (DAPI, blau), Endothelzellen/Gefäße (CD105, grün), das NLRP3 Inflammasom (rot) und Neutrophile (Ly6G, violett). Es zeigt sich eine Expression des NLRP3 Inflammasoms in Endothelzellen und neutrophilen Granulozyten. Der weiße Pfeil zeigt einen NLRP3-positiven intravasalen Neutrophilen. Maßstabsbalken = 50 µm. Aus: Bellut et al., Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization, Cell Reports Medicine, 2026.

„Pill in the Pocket“ beim Verdacht auf Schlaganfall?

Würzburger Studie präsentiert NLRP3 als ein vielversprechendes therapeutisches Ziel, um das rasche Fortschreiten des Infarkts noch vor der Rekanalisation abzuschwächen. Ein Interview mit dem Erstautor Privatdozent Dr. Maximilian Bellut, ergänzend zur Pressemeldung.

Porträt des Neurologen im Grünen
Privatdozent Dr. Maximilian Bellut konzentriert sich in seiner Forschung auf das NLRP3-Inflammasom. In einer in Cell Reports Medicine veröffentlichten Studie präsentiert er nun NLRP3 als ein vielversprechendes therapeutisches Ziel, um das rasche Fortschreiten des Infarkts noch vor der Rekanalisation abzuschwächen. Foto: Stephanie Kunde, Köln

Herr Bellut, Sie forschen als Neurologe bereits seit Längerem am sogenannten NLRP3-Inflammasom, das eine zentrale Rolle als biologischer Gefahrenmelder unseres Immunsystems spielt. Wie genau läuft so ein Notruf im Körper ab? 

Wenn eine Zelle Schaden nimmt, gestresst ist oder stirbt, sendet sie Alarmsignale an die umliegenden Zellen – nach dem Motto: „Hier stimmt etwas nicht! Kümmere dich darum!“ Die Zellen nehmen die Gefahrenmoleküle, kurz DAMPs (Danger Associated Molecular Patterns), mit ihren Rezeptoren wahr und geben den Notruf nach innen weiter. Im Zellinnern verbinden sich dann die Rezeptoren unter anderem mit Adaptermolekülen, sogenannten ASC, zu einem Eiweiß-Komplex, dem Inflammasom. Das Inflammasom löst eine Entzündungsreaktion aus, indem es über das Enzym Caspase-1 bestimmte Entzündungsstoffe, die Interleukine, aktiviert. Diese locken wiederum Immunzellen an, um das Problem zu bekämpfen. Gleichzeitig werden Moleküle wie Gasdermine aktiviert, die den Zelltod auslösen und die beschädigte Zelle beseitigen.

Vereinfacht gesagt.

Eine Zelle stirbt und andere Zellen bemerken dies. Sie setzen einen Notruf ab. Das Inflammasom koordiniert als eine Art Leitstelle den Rettungseinsatz. Das heißt, das NLRP3-Inflammasom erkennt Alarmsignale und sorgt dafür, dass schnell eine Entzündung eingeleitet wird. Diese Entzündung soll den Körper eigentlich schützen. 

Beim Schlaganfall scheint die Bekämpfung des Problems jedoch aus dem Ruder zu laufen.

Nicht nur beim Schlaganfall, sondern auch bei anderen Autoimmunerkrankungen wächst die Entzündung weiter und verstärkt irgendwann aktiv den Schaden. Am Ende bekämpft sich das Gehirn gewissermaßen selbst.

Die Universitätsmedizin Würzburg hat für den Entzündungsprozess, der durch einen Gefäßverschluss in Gang gesetzt wird, den Begriff „Thrombo-Inflammation“ geprägt. Für wie viele Patientinnen und Patienten ist der Prozess klinisch relevant? 

Bei etwa der Hälfte der Betroffenen bleibt der Entzündungsprozess auch nach der erfolgreichen medikamentösen oder mechanischen Rekanalisation des Blutgerinnsels und Wiederherstellung des Blutflusses aktiv, sodass sich das Infarktgebiet weiter vergrößert. 

In Würzburg erforschen verschiedene Arbeitsgruppen bereits seit Längerem die Mechanismen dieser Entzündungsprozesse und suchen nach Möglichkeiten, diese zu stoppen, um somit die Therapieoptionen bei Schlaganfällen zu verbessern.

Mit Ihrer neuesten Studie, die in Cell Reports Medicine veröffentlicht wurde, sind Sie diesem Ziel nun entscheidend nähergekommen. Was genau haben Sie herausgefunden?

Gemeinsam mit Kollegen der Würzburger Neurologie – allen voran Prof. Dr. Michael Schumann, Letztautor der Studie und Leiter des Klinischen Labors der Neurologie sowie Inhaber der Hentschel-Stiftungsprofessur „Experimentelle Schlaganfallforschung“ – sowie mit Kollegen der Neuroradiologie und der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn konnten wir zeigen, dass eine pharmakologische Hemmung des NLRP3-Inflammasoms bei einem Schlaganfall in Mäusen die Entzündung kontrolliert, das Fortschreiten des Infarkts verlangsamt und somit den Schaden begrenzt – und das noch bevor die kausale Therapie, die Rekanalisation, beginnt.

Das heißt, man könnte den entzündungshemmenden Wirkstoff direkt nach der Verdachtsdiagnose eines Schlaganfalls verabreichen?

Richtig. Das ist zwar Zukunftsmusik. Aber man könnte sich vorstellen den Wirkstoff vielleicht schon beim Schlaganfall-Verdacht als „Pill in the Pocket” im Rettungswagen zu verabreichen.

Um welchen Wirkstoff handelt es sich? Womit haben Sie die NLRP3-Aktivierung blockiert? 

In unserer Studie haben wir MCC950 verwendet. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes „Small Molecule”. Das synthetische Molekül ist so klein, dass es trotz eines Gefäßverschlusses über die Umgebungskreisläufe ins ischämische Gebiet gelangen und dort gezielt an das NLRP3-Inflammasom binden sowie dessen Aktivierung blockieren kann.

Sie haben die Erkenntnisse aus Tiermodellen und Zellkulturen gewonnen. Wie haben Sie diese auf den Menschen übertragen?

Das war nur dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit den Kollegen der Neuroradiologie möglich. Wir haben Blutproben aus dem vom Schlaganfall akut betroffenen Hirngebiet analysiert. Diese konnten die Kollegen der interventionellen Neuroradiologie rund um PD Dr. Alexander Kollikowski, im Rahmen der therapeutischen endovaskulären Thromboektomie gewinnen. Dabei zeigte sich, dass die Entzündungsreaktion auf Zellebene, insbesondere die Aktivierung des Inflammasoms in den Leukozyten, genauso abläuft wie zuvor im Tiermodell beobachtet. Wir konnten nicht nur erstmals zeigen, dass das Inflammasom zum Zeitpunkt des Schlaganfalls auch beim Menschen im Gehirn aktiv ist, sondern auch, dass diejenigen Patientinnen und Patienten, bei denen wir besonders viel Inflammasom im Blut fanden, besonders schlecht abgeschnitten haben. Diejenigen mit weniger Inflammasom hatten ein besseres Ergebnis. 

Wäre die Anzahl an NLR3-positiven Zellen demnach ein guter Prädiktor für Verlauf und Genesung?

Anhand der Anzahl der NLRP3-positiven Zellen im Blut, das unmittelbar vor der Rekanalisation aus dem ischämischen Hirnareal entnommen wurde, lässt sich das klinische Ergebnis drei Monate nach dem Schlaganfall voraussagen. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob sich das Ziel und der Zeitpunkt der Therapie von der Maus auf den Menschen übertragen lassen.

Zurück zum Anfang: dem NLRP-Inflammasom. Wofür stehen die Buchstaben?

Der Name „NLRP3” beschreibt den Aufbau des Proteinkomplexes: Er enthält NOD-, LRR- und Pyrin-Domänen. Die NOD-Domäne ist an der Aktivierung des Proteins beteiligt, während der LRR-Baustein, bestehend aus leucinreichen Wiederholungen, dabei hilft, Gefahrensignale wie beispielsweise Zellschäden zu erkennen. Die Pyrin-Domäne spielt schließlich eine zentrale Rolle bei der Auslösung von Entzündungsreaktionen. Diese Bausteine ermöglichen es dem Protein, als eine Art „Sensor“ zu fungieren, der schädliche Veränderungen im Körper erkennt und eine Immunreaktion in Gang setzt. Es ist somit ein wichtiger Bestandteil des angeborenen Immunsystems.

Die wachsenden Erkenntnisse über die Beteiligung dieses Proteinkomplexes an Entzündungsprozessen ebneten Ihnen den Weg zur Habilitation. 

Tatsächlich begann ich zunächst ergebnisoffen und suchte gemeinsam mit der Arbeitsgruppe „Schlaganfall und Neuroinflammation“, die damals von Prof. Dr. Guido Stoll geleitet wurde, das entscheidende Inflammasom. Als wir anfingen, waren sechs Inflammasome von Interesse, inzwischen sind es 15.

Doch das NLRP3-Inflammasom entpuppte sich schnell als unser Hauptziel, dem wir mit unseren Vorarbeiten immer näherkamen. 

Was genau ist das Besondere an dem Proteinkomplex?

Im Notfall können sich fast alle Zelltypen an diese Leitstelle wenden. NLRP3 reagiert auf viele verschiedene Gefahrensignale. Wenn wir diese Leitstelle frühzeitig unter Kontrolle bringen, bevor das Chaos ausbricht, gewinnen wir viel Zeit, Gehirnsubstanz und Lebensqualität.

Das Interview führte Kirstin Linkamp.

Hier geht es zur Pressemeldung: www.ukw.de/forschung/pressemitteilungen/detail/news/neue-perspektive-fuer-die-schlaganfalltherapie/

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Translationskette: Wissenschaftliche Vorarbeiten zum NLRP-3-Inflammasom

Vor fünf Jahren, im Februar 2021, zeigten Maximilian Bellut und Michael Schuhmann in der Fachzeitschrift Brain, Behavior, and Immunity, dass das NLRP3-Inflammasom im Gehirn nach einem Schlaganfall stark aktiviert wird und dadurch eine Entzündung auslöst, welche den Schaden zusätzlich verschlimmert. (Maximilian Franke, Michael Bieber, Peter Kraft, Alexander N.R. Weber, Guido Stoll, Michael K. Schuhmann.

The NLRP3 inflammasome drives inflammation in ischemia/reperfusion injury after transient middle cerebral artery occlusion in mice. Brain, Behavior, and Immunity, Volume 92, 2021, Pages 221-231, ISSN 0889-1591, https://doi.org/10.1016/j.bbi.2020.12.009.

Wenige Monate später, im Dezember 2021, veröffentlichte das Team eine Studie zum Schutz der Blut-Hirn-Schranke im Journal Cell Death & Disease. Durch die von NLRP3 aktivierten Entzündungsprozesse werden die Zellen der Blutgefäße (Endothelzellen) geschädigt, sodass die Schutzbarriere undicht wird. In Zellversuchen und an Mäusen konnte gezeigt werden, dass eine gezielte Hemmung von NLRP3 die Zellschäden und den entzündlichen Zelltod verringert und die Blut-Hirn-Schranke stabil bleibt. Es kam zu weniger Hirnschwellungen und Blutungen, sodass sich der Krankheitsverlauf insgesamt verbesserte. 

Maximilian Bellut, Lena Papp, Michael Bieber, Peter Kraft, Guido Stoll & Michael K. Schuhmann. NLPR3 inflammasome inhibition alleviates hypoxic endothelial cell death in vitro and protects blood-brain barrier integrity in murine stroke. Cell death & disease, vol. 13,1 20. 20 Dec. 2021, doi:10.1038/s41419-021-04379-z

In einer weiteren Studie, die im Jahr 2022 im Journal Biomedicines veröffentlicht wurde, untersuchte das Team das Schlaganfall-Medikament rt-PA. Dieses löst zwar Blutgerinnsel auf, kann aber gleichzeitig Nebenwirkungen haben. In der Studie schädigte das Medikament unter Sauerstoffmangel die Zellen der Blutgefäße im Gehirn und schwächte dadurch die Blut-Hirn-Schranke. Eine Ursache dafür ist das NLRP3-Inflammasom. Wird dieses gezielt gehemmt, werden die Gefäßzellen geschützt, die Entzündung reduziert und die Barriere bleibt stabiler.

Maximilian Bellut, Anthony T. Raimondi, Axel Haarmann, Lena Zimmermann, Guido Stoll and Michael K. Schuhmann. 2022. "NLRP3 Inhibition Reduces rt-PA Induced Endothelial Dysfunction under Ischemic Conditions" Biomedicines 10, no. 4: 762. https://doi.org/10.3390/biomedicines10040762

Im Januar 2023 veröffentlichten die Forscher im Journal of Neuroinflammation, dass auch eine spätere Behandlung der Entzündung nach einem Schlaganfall hilfreich sein kann. Sie zeigten, dass die Entzündung noch Tage nach dem Schlaganfall weiterläuft und somit zur Schädigung des Gehirns beiträgt. In Experimenten mit Mäusen konnte durch die Blockade des Entzündungsmechanismus, des sogenannten NLRP3-Inflammasoms, die Entzündung und somit die Größe des Infarkts reduziert werden. Das verabreichte Medikament, welches die Entzündung hemmt, war selbst dann noch wirksam, wenn es erst einen Tag nach dem Schlaganfall verabreicht wurde. Die behandelten Tiere wiesen kleinere Hirnschäden auf und zeigten bessere neurologische Funktionen. 

Maximilian Bellut, Michael Bieber, Peter Kraft, Alexander N. R. Weber, Guido Stoll & Michael K. Schuhmann. Delayed NLRP3 inflammasome inhibition ameliorates subacute stroke progression in mice. J Neuroinflammation 20, 4 (2023). https://doi.org/10.1186/s12974-022-02674-w

Der innovative Ansatz wurde nun in der in Cell Reports Medicine veröffentlichten Studie bestätigt und erweitert. Damit wird der Bogen der pathophysiologischen Rolle von NLRP-3 von der hyperakuten bis zur subakuten Schlaganfallphase in unterschiedlichen Zellpopulationen gespannt.

Maximilian Bellut, Alexander M. Kollikowski, Marius L. Vogt, Lukas Rossnagel, Ibrahim Hawwari, Bernardo S. Franklin, Mirko Pham, Guido Stoll and Michael K. Schuhmann. Identifying the role of NLRP3 inflammasome in stroke progression and outcome before recanalization. Cell Reports Medicine (2026), https://doi.org/10.1016/j.xcrm.2026.102723

Porträt des Neurologen im Grünen
Privatdozent Dr. Maximilian Bellut konzentriert sich in seiner Forschung auf das NLRP3-Inflammasom. In einer in Cell Reports Medicine veröffentlichten Studie präsentiert er nun NLRP3 als ein vielversprechendes therapeutisches Ziel, um das rasche Fortschreiten des Infarkts noch vor der Rekanalisation abzuschwächen. Foto: Stephanie Kunde, Köln

Männer und Frauen lösen Schmerzen unterschiedlich auf

Würzburger Studie zeigt: Mechanismen der Schmerzrückbildung verlaufen im Spinalganglion geschlechtsspezifisch

Die sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AG stehen draußen, die dritte von links ist Felicitas Schlott mit einem gebastelten Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott
Gewebeschnitte mit Markierung und Segmentierung auf schwarzem Hintergrund. Zusammenstellung für Cover-Vorschlag der Print-Ausgabe.
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Drei mikroskopische Bilder, die die Studie zusammenfassen - von der Verletzung in den Schmerz und Schmerzauflösung. Makrophagen besetzen Raum zwischen Neuron und Gliazelle und verlassen den Raum bei der Schmerzauflösung wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.

Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Robert Blum am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) untersuchte das Spinalganglion (DRG) bei männlichen und weiblichen Ratten nach einer Nervenverletzung sowie während der Schmerzrückbildung. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass die Mechanismen der Schmerzrückbildung geschlechtsspezifisch sind, obwohl die unmittelbare Reaktion auf die Verletzung weitgehend gleich ist. Bei weiblichen Tieren blieben Immunreaktionen, insbesondere die Aktivität von Makrophagen länger bestehen. Bei den männlichen Tieren hingegen zeigten die Satellitengliazellen eine anhaltendere Aktivierung. In beiden Geschlechtern erfolgt die Schmerzrückbildung entgegen bisheriger Vermutungen ohne Verlust von Nervenzellen oder Gewebe. Besonders überraschend war, dass hunderte Gene geschlechtsspezifisch reguliert waren.

Würzburg. „Was Schmerz ist und wie er entsteht, wissen wir schon recht gut. Aber wie löst er sich wieder auf? Was passiert genau im zentralen Knotenpunkt, dem Spinalganglion, wo die Schmerzsignale aus den verletzten peripheren Nerven empfangen und über das Rückenmark an das Gehirn weitergeleitet werden?“, fragt Prof. Dr. Robert Blum. Der Molekular- und Zellbiologe der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) hat sich mit seiner Arbeitsgruppe im Rahmen der Klinischen Forschungsgruppe KFO5001 diese Schlüsselstelle für die Schmerzverarbeitung, auch DRG für Dorsal Root Ganglion genannt, genauer angeschaut. Konkret machte sein Team eine Bestandsaufnahme der molekularen und zellulären Ebenen im gesunden Zustand, in der akuten Schmerzphase und in der sogenannten Resolution, also der Phase, in der sich der Schmerz auf natürliche Weise mindestens halbiert hat.

KI-gestützte Analyse des dorsalen Wurzelganglions

Für ihre Studie nutzten die Forschenden ein etabliertes Rattenmodell für neuropathische Schmerzen, das die Arbeitsgruppe seit vielen Jahren gemeinsam mit Prof. Dr. Heike Rittner, Inhaberin des Lehrstuhls für Schmerzmedizin, und Prof. Dr. Alexander Brack aus der Anästhesiologie, untersucht. In diesem Modell wird der Ischiasnerv verletzt. Anders als in vielen anderen Modellen bilden sich die Schmerzzeichen jedoch im Verlauf der Zeit wieder zurück. 

Sieben Tage beziehungsweise fünf Wochen nach der Nervenverletzung entnahmen die Forschenden die DRGs. Jedes Ganglion wurde in mehr als 100 hauchdünne Gewebeschnitte zerlegt, auf Objektträger aufgebracht und mit Antikörpern gefärbt, die gezielt Nervenzellen, Satellitengliazellen sowie Makrophagen, die „Fresszellen“ der Immunzellen, sichtbar machen. Anschließend wurden die Präparate mikroskopisch erfasst.

„Insgesamt hatten wir etwa 7500 vierkanalige Mikroskopiebilder, also rund 30.000 Einzelbilder der unterschiedlichen Zelltypen. Die kann natürlich kein Mensch objektiv auswerten“, sagt Robert Blum. Daher kam hier eine künstliche Intelligenz (KI)-Anwendung ins Spiel, die die Arbeitsgruppe gezielt für die Analyse des DRG trainiert hatte. Das Verfahren basiert auf Deep Learning. Dabei werden künstliche neuronale Netzwerke auf Bildeigenschaften trainiert, um anschließend eine große Anzahl von Bildern objektiv auszuwerten.

So konnte die Arbeitsgruppe erstmals ein Gesamtbild davon erstellen, wie sich die Zellen rund um die Neurone in den Phasen verteilen, in denen der Schmerz am stärksten ist oder sich in der Auflösung befindet. Und dieses Gesamtbild sorgte für einige Überraschungen. Denn entgegen der langjährigen Annahme werden die Nervenzellen im DRG nicht aussortiert, sondern bleiben weitgehend erhalten. Stattdessen werden vor allem die Zellaktivität sowie die räumliche Anordnung der umliegenden Zellen dynamisch verändert- und das unterschiedlich bei weiblichen und männlichen Tieren. 

Makrophagen wandern in der Schmerzphase zu den Neuronen hin 

Makrophagen setzen beispielsweise in der akuten Schmerzphase entzündliche Botenstoffe frei, welche die sogenannten Nozizeptoren leichter auf Reize reagieren lassen. Dadurch wird die Schmerzwahrnehmung erhöht. Zunächst wandern die Makrophagen ganz nahe an die Oberfläche der Neurone und verdrängen dabei die Satellitengliazellen, die dort eigentlich sitzen. Wenn sich der Schmerz auflöst, wandern die Immunzellen aus diesem interzellulären Raum wieder heraus. 

Viele gehen davon aus, dass sich auch die Satellitengliazellen in eine Art Makrophagen-artige Immunzelle umprogrammieren. „Doch wir können in hoher Auflösung belegen, dass es sich um zwei verschiedene Zelltypen handelt. Die Makrophagen wandern in der Schmerzphase zwischen Neuron und Satellitenglia und wieder heraus. Dies kann sich jeder anschauen“, sagt Dr. Annemarie Sodmann. Die Neurobiologin und Mitautorin hat sich zur Expertin für die Auswertung komplexer Biologiedaten entwickelt und die vielen Bilder in einer öffentlich verfügbaren Streamlit-App veranschaulicht.

Bei Weibchen bleiben die Makrophagen länger aktiv

Eine weitere Überraschung zeigte sich bei der geschlechterspezifischen Auswertung. Es scheint, als würden Männchen und Weibchen den Schmerz biologisch unterschiedlich verarbeiten. Bei den männlichen Ratten sind die Makrophagen etwas flexibler und verschwinden schneller von der Neuronenoberfläche. Bei den weiblichen Ratten waren die Makrophagen hingegen auch nach fünf Wochen noch deutlich an den Neuronen zu sehen. Das heißt, die Immunantwort scheint beim Weibchen länger aktiv zu sein. Interessant ist jedoch, dass beide Geschlechter zum gleichen Endpunkt kommen: Der Schmerz löst sich zum gleichen Zeitpunkt auf, allerdings mit unterschiedlichen Mustern. 

Bei Männchen hält Kontakt zwischen Satellitengliazellen und Neuronen länger an 

Für Erstautorin Felicitas Schlott war der klare Unterschied in der glialen Reaktion die größte Überraschung. Beim DRG, im peripheren Nervensystem umschließen Satellitengliazellen die Zellkörper der sensorischen Neurone wie eine „Hülle“ und beeinflussen deren Aktivität. Das heißt, sie können die Schmerzsignale verstärken. In der akuten Schmerzphase war der Aktivierungsmarker der Satellitengliazellen (GFAP) ähnlich hoch bei den männlichen und weiblichen Tieren. Bei den Männchen hielt jedoch die Aktivierung länger an. 

„Es gab zwar bereits Hinweise darauf, dass Immunparameter in beiden Geschlechtern unterschiedlich reguliert sind, doch diese ausgeprägte inverse Reaktion zwischen Makrophagen und Satellitengliazellen ist äußerst spannend“, sagt Felicitas Schlott. Das Projekt war auch Thema ihrer Dissertation, die sie kürzlich erfolgreich verteidigte. 

Differentiell exprimierte Gene bestätigen geschlechtsspezifische Programme

Um eine zweite Evidenz zu schaffen bestimmte das Team gemeinsam mit der Core Unit Systemmedizin der Medizinischen Fakultät der Uni Würzburg und des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) des UKW das komplette Transkriptom, also die Gene, die im gesamten DRG-Gewebe exprimiert werden. „Die zentralen Mechanismen der Schmerzverarbeitung sind evolutiv konserviert und somit bei beiden Geschlechtern sehr ähnlich. Wir gehen davon aus, dass die beobachteten Unterschiede bei der Schmerzrückbildung auf subtile biologische Unterschiede zurückzuführen sind, beispielsweise auf die geschlechtsspezifische Zellverteilung im DRG oder die Regulation bestimmter Gengruppen“, erläutert Robert Blum.

Während der akuten Schmerzphase waren die Gene, die während der Schmerzentwicklung massiv hochreguliert wurden, zwischen den Geschlechtern weitgehend ähnlich. In der Schmerzrückbildung nahmen diese Überlappungen jedoch ab und es zeigten sich neue, relevante Gene. 

„Ich hätte nicht gedacht, dass einzelne Gene so durch die Decke gehen“, sagt Robert Blum. „Demnach ist die Schmerzrückbildung keine Umkehr der Verletzung, also keine Rückkehr zum Originalzustand, sondern ein ganz neues genetisches und geschlechtsspezifisches Programm.“

Insgesamt zeige die Studie laut Felicitas Schlott, dass das Geschlecht in der zellulären und molekularen Schmerzbiologie eine viel größere Rolle als bislang angenommen. „Die ganz grundlegenden biologischen Ursachen dieser Unterschiede sind jedoch sowohl beim Menschen als auch bei Tieren viel zu wenig untersucht.“

Relevanz für zukünftige personalisierte Schmerzmedizin

Für die Schmerzforschung könnten die in der Fachzeitschrift Cell Reports veröffentlichen Erkenntnisse ein Schritt sein, geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Schmerzverarbeitung breiter zu betrachten. Denn die Bestandsaufnahme zeigt, dass die Schmerzrückbildung ein multizellulärer, multikategorialer und sexspezifischer Prozess ist, der interpretiert werden müsse. Blum beschreibt die biologischen Prozesse bei der Auflösung von Schmerzen als ein selbstoptimierendes, vielleicht chaotisches Oszillieren vieler Faktoren, die alle zu einem Ziel führen. Er vergleicht diesen Prozess mit einem Bienenschwarm, bei dem das Flugmuster einer Biene zwar chaotisch aussieht, bei dem aber alle Bienen in eine Richtung fliegen. Es mache daher auch keinen Sinn, sich eine Biene oder einen Faktor herauszupicken und diesen auszuschalten, um die Auflösung voranzutreiben. 

Nun gilt es zunächst zu prüfen, ob die in der Studie beschriebenen Veränderungen im DRG auch auf den Menschen übertragbar sind. Dazu sollen systemische Parameter aus Blutproben von Menschen mit dem Tiermaterial verglichen werden. Ein weiterer Schritt, den Annemarie Sodmann mit der Gründung einer eigenen Arbeitsgruppe plant, ist die Übertragung dieser neuen Erkenntnisse in die Regenerativmedizin: Lässt sich die Auflösung von neuropathischen Schmerzen mit der Reparatur von Nervenschäden fördern? Und löst dies auch die geschlechtsspezifischen genetischen und zellulären Programme der Schmerzrückbildung aus?

Publikation: Felicitas Schlott, Beate Hartmannsberger, Thorsten Bischler, Tom Gräfenhan, Alexander Brack, Heike L. Rittner, Annemarie Sodmann, Robert Blum. Sex-specific molecular and cellular phenotypes during resolution of neuropathic pain in dorsal root ganglia. Cell Reports. Volume 45, Issue 6, 2026, 117442, ISSN 2211-1247, https://doi.org/10.1016/j.celrep.2026.117442.

Info DRG: Spinalganglien, auch bekannt als DRG für dorsal root ganglia, sind Ansammlungen von sensorischen Nervenzellkörpern, die sich an der hinteren (dorsalen) Nervenwurzel befinden, kurz bevor diese in das Rückenmark eintritt. Die Neuronen der DRGs empfangen Reize über ihre peripheren Fortsätze und leiten sie über zentrale Axone an das Rückenmark weiter. Die DRGs spielen also eine zentrale Rolle bei der Weiterleitung von Schmerzsignalen vom peripheren zum zentralen Nervensystem, über das Rückenmark bis ins Gehirn. Sie sind die erste Station im Nervensystem, an der Schmerzreize verarbeitet und weitergeleitet werden – eine Schlüsselstelle für das Verständnis, die Diagnose und die Therapie von Schmerzerkrankungen.

 

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Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation

Die sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AG stehen draußen, die dritte von links ist Felicitas Schlott mit einem gebastelten Doktorhut in der Hand
Mitglieder der AG Blum von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am UKW anlässlich der Promotionsverteidigung von Felicitas Schlott: v.l.n.r. Dongdong Sun, Maximilian Koch (jetzt SysMed), Felicitas Schlott, Robert Blum, Annemarie Sodmann, Saskia Moritz und Niels Köhler. © privat / Felicitas Schlott
Gewebeschnitte mit Markierung und Segmentierung auf schwarzem Hintergrund. Zusammenstellung für Cover-Vorschlag der Print-Ausgabe.
Das Bild zeigt repräsentative Gewebeschnitte von Hinterwurzelganglien (DRG) und hebt durch Markierung und Segmentierung die große, natürliche Variabilität im Aussehen der Schnitte hervor. Neuronen sind grau, Makrophagen gelb und reaktive Satelliten-Gliazellen rot markiert - die Neuronen männlicher Tiere sind in Cyan und die Neuronen weiblicher Tiere in Magenta segmentiert. © Felicitas Schlott und Annemarie Sodmann / UKW
Drei mikroskopische Bilder, die die Studie zusammenfassen - von der Verletzung in den Schmerz und Schmerzauflösung. Makrophagen besetzen Raum zwischen Neuron und Gliazelle und verlassen den Raum bei der Schmerzauflösung wieder.
In einem Tiermodell der natürlichen Schmerzrückbildung zeigen lokale Makrophagen und Satellitengliazellen eine ausgeprägte Dynamik. Auf der hochauflösenden Aufnahme ist eine funktionelle Einheit im Spinalganglion (DRG) einer weiblichen Ratte zu sehen, bestehend aus sensorischen Neuronen (cyan), Satellitengliazellen (rot) und lokalen Makrophagen (gelb). Die Makrophagen übernehmen wichtige Aufgaben der Immunabwehr und tragen zur Regulation der Gewebeumgebung bei.

Überarbeitung der Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien

Die S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien wurde unter der Federführung von Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg und Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum vollständig überarbeitet.

Claudia Sommer mit weißem Kittel im Labor
Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg hatte gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum die Federführung bei der vollständigen Überarbeitung der S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien. © Daniel Peter / Main-Post

Würzburg. Bei immunvermittelten Neuropathien greift das eigene Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Nervenstrukturen an. Mögliche Folgen sind Kribbeln, Gefühlsstörungen, Muskelschwäche oder sogar Lähmungen. Zu den bekanntesten Formen zählen das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), das meist plötzlich auftritt, und die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP). Entscheidend ist: Viele dieser Erkrankungen sind heute gut behandelbar, sofern sie frühzeitig erkannt und leitliniengerecht therapiert werden. Eine jetzt vollständig überarbeitete medizinische S2e-Leitlinie fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen und gibt klare Empfehlungen für die Behandlung im klinischen Alltag – das e steht für evidenzbasiert.

„Immunvermittelte Neuropathien sind eine sehr heterogene Erkrankungsgruppe. Deshalb muss die Therapie immer genau auf die jeweilige Diagnose abgestimmt werden“, erklärt Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg (UKW). Die Neurologin hat die neue Leitlinie gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili vom Klinikum der Ruhr-Universität Bochum (UKRUB) federführend überarbeitet. Für die Diagnosestellung verweisen die beiden Autorinnen auf die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zur ‚Diagnostik bei Polyneuropathien‘ sowie auf die europäischen Leitlinien der European Academy of Neurology und der Peripheral Nerve Society aus den Jahren 2021 zur CIDP und 2023 zum GBS. Die aktuelle Leitlinie legt den Schwerpunkt auf die Therapie. So gibt es für die Behandlung des akuten GBS und der CIDP klare und teilweise neue Empfehlungen. 

Klare Empfehlungen für das Guillain-Barré-Syndrom

Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine meist akut auftretende Erkrankung, bei der es innerhalb weniger Tage oder Wochen zu Lähmungen kommen kann. Die neue Leitlinie bestätigt: Eine Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen (IVIg) oder eine Plasmapherese (Blutwäsche) ist gleichermaßen wirksam und deutlich besser als eine Placebo-Behandlung. Patientinnen und Patienten mit mittelschweren oder schweren Verläufen sollten intensivmedizinisch überwacht werden. Neu ist die Empfehlung, eine Behandlung mit IVIg nicht zu wiederholen, wenn sich der Zustand nach der ersten Gabe nicht verbessert.

Fortschritte bei der Behandlung der CIDP

Auch bei der CIDP gibt es Neuerungen. In der Erhaltungstherapie sind Immunglobuline, die unter die Haut verabreicht werden (SCIg), wahrscheinlich ebenso wirksam wie die intravenöse Gabe (IVIg). Für stabile Patientinnen und Patienten können Dosissenkungen oder Auslassversuche in Betracht gezogen werden. Entsprechende Reduktionsschemata werden vorgeschlagen, ein Monitoring ist jedoch weiterhin erforderlich.

Das Therapiespektrum wurde zudem durch den neuen Wirkstoff Efgartigimod erweitert. Es handelt sich dabei um einen Inhibitor des neonatalen Fc-Rezeptors (FcRn). Dieses Medikament greift gezielt in bestimmte Mechanismen des Immunsystems ein und ist in Deutschland zur Behandlung erwachsener Patientinnen und Patienten mit aktiver, fortschreitender oder wiederkehrender CIDP zugelassen, wenn vorherige Therapien mit Kortikosteroiden oder Immunglobulinen nicht ausreichend wirksam waren.

Nebenwirkungen moderner Krebstherapien: Immun-Checkpoint-Inhibitoren aktivieren das Immunsystem gezielt gegen Tumoren, können aber auch Nerven angreifen

Für den klinischen Alltag von besonderer Bedeutung ist der Hinweis auf immunvermittelte Neuropathien als mögliche Nebenwirkung moderner Krebsimmuntherapien mit sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI). Diese bewirken über eine Enthemmung von T-Zellen eine starke Immunaktivierung und verstärken dadurch die endogene Anti-Tumor-Immunität. Da diese Krebstherapien inzwischen weit verbreitet sind, ist es wichtig, entsprechende Symptome frühzeitig zu erkennen. Die Beschwerden können einem GBS oder einer CIDP ähneln. Je nach Schweregrad kann die Behandlung Kortison umfassen, unter Umständen muss auch die Krebstherapie angepasst werden. Solche Entscheidungen sollten interdisziplinär, also gemeinsam von Neurologen und Onkologen, getroffen werden.

Wissenschaftlich breit abgestützt

Die Leitlinie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) herausgegeben. An der Überarbeitung waren außerdem mehrere neurologische Fachgesellschaften aus Deutschland, der Schweiz und Österreich beteiligt: Junge Neurologie, Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN), Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM), Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) und Österreichische Gesellschaft für Neurologie sowie die Deutsche GBS-CIDP-Selbsthilfe e. V.

Mit der neuen S2e-Leitlinie steht Ärztinnen und Ärzten eine aktuelle, wissenschaftlich fundierte Orientierungshilfe zur Verfügung, um Patientinnen und Patienten mit immunvermittelten Neuropathien bestmöglich zu behandeln. Das Uniklinikum Würzburg unterstreicht damit seine ausgewiesene Expertise auf dem Gebiet entzündlicher Nervenerkrankungen.

Sommer C., Pitarokoili K. et al., Therapie immunvermittelter Neuropathien, S2e-Leitlinie, 2025, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 23.02.2026)

Informationen zu Leitlinien: Die S2e-Leitlinie ist eine medizinische Behandlungsleitlinie mit besonders hoher methodischer Qualität. Sie ist evidenzbasiert und gehört zur Stufe 2. Das heißt, dass die therapeutischen Empfehlungen auf ausgewerteten Studien beruhen. Bei S2k-Leitlinien fand hingegen eine strukturierte Abstimmung (K für Konsens) in der Leitliniengruppe statt, jedoch ohne eine wissenschaftliche Auswertung aller Studien. S3-Leitlinien kombinieren eine systematische Evidenzrecherche (S2e) mit einer strukturierten Konsensfindung (S2k), während S1-Leitlinien nur auf Empfehlungen von Expertinnen und Experten basieren, die sich informell abstimmen.

Claudia Sommer mit weißem Kittel im Labor
Prof. Dr. Claudia Sommer vom Uniklinikum Würzburg hatte gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Kalliopi Pitarokoili aus Bochum die Federführung bei der vollständigen Überarbeitung der S2e-Leitlinie zur Therapie immunvermittelter Neuropathien. © Daniel Peter / Main-Post

DBS Kongress 2026 – 3rd Expert Summit on the Future of Deep Brain Stimulation 22.–24. Februar 2026 | Congress Centrum Würzburg

Sonderforschungsbereich Retune richtet internationales Spitzentreffen zur Zukunft der Tiefen Hirnstimulation aus

 

Würzburg. Vom 22. bis 24. Februar 2026 findet im Congress Centrum Würzburg der DBS Summit 2026 – 3rd Expert Summit on the Future of Deep Brain Stimulation – statt. Ausrichter ist der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sonderforschungsbereich (SFB) Retune 295 „Retuning dynamic motor network disorders by neuromodulation“. Organisiert wird der Kongress von Andrea Kühn und Jens Volkmann gemeinsam mit Cordula Matthies und Friedhelm Hummel im Organisationskomitee. Die wissenschaftliche Koordination liegt bei Martin Reich, Universitätsklinikum Würzburg, in enger Kooperation mit nationalen und internationalen Partnern.

Wissenschaftliche Bedeutung der Tiefen Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation (THS/DBS) ist ein etabliertes Verfahren der funktionellen Neurochirurgie und wird erfolgreich bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, essentiellem Tremor, Dystonien sowie bei ausgewählten psychiatrischen und chronischen Schmerzsyndromen eingesetzt. Durch die gezielte elektrische Modulation spezifischer Hirnregionen können krankhafte Netzwerkaktivitäten beeinflusst und Symptome nachhaltig gebessert werden.

In den vergangenen Jahren hat sich die THS von einer rein symptomorientierten Therapie zu einem hochpräzisen neuromodulatorischen Ansatz weiterentwickelt. Moderne adaptive „closed loop“-Systeme ermöglichen eine individualisierte, dynamische Anpassung der Stimulation in Abhängigkeit neuronaler Signale. Damit rückt die Therapie zunehmend in die Nähe intelligenter Neurotechnologien, die perspektivisch mit Hirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer Interfaces, BCI) verschmelzen. Solche Systeme erlauben nicht nur die Modulation, sondern auch das Auslesen neuronaler Aktivität in Echtzeit – ein zentrales Zukunftsthema, das auf dem Kongress intensiv diskutiert wird.

Die Forschung im Umfeld des SFB Retune versteht Hirnerkrankungen als Netzwerkstörungen und zielt auf eine individualisierte, adaptive Neuromodulation auf Grundlage eines vertieften Verständnisses neuronaler Schaltkreise ab. Der DBS Summit 2026 bildet hierfür eine internationale Plattform.

Internationale Spitzenforschung in Würzburg

Zum DBS Kongress werden über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 30 Nationen erwartet. Das wissenschaftliche Programm spiegelt die hohe Dynamik des Fachgebiets wider und umfasst klinische, experimentelle sowie technologische Beiträge aus der Neurologie, Neurochirurgie, Neuroengineering und angrenzenden Disziplinen.

Mehr als 170 wissenschaftliche Beiträge wurden im Rahmen des Call for Abstracts eingereicht und werden als Poster präsentiert und diskutiert. Diese strukturieren den wissenschaftlichen Austausch und fördern den internationalen Dialog über neueste Forschungsergebnisse, methodische Innovationen und translationale Ansätze.

Neben State-of-the-Art-Vorträgen und thematischen Debatten widmet sich der Kongress insbesondere der Weiterentwicklung intelligenter, datengetriebener Neuromodulationssysteme. Im Mittelpunkt stehen personalisierte Therapieansätze, die Integration künstlicher Intelligenz in klinische Abläufe sowie die technologische Konvergenz mit Brain-Computer-Schnittstellen.

Weitere Informationen und das vollständige Programm: www.dbs-expertsummit.de  


Diese Pressemitteilung ist zur Veröffentlichung freigegeben.
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Medienvertreter sind herzlich eingeladen zum Kongress! Wir freuen uns über Ihre Berichterstattung. Gern vermitteln wir Ihnen Ansprechpartner für Interviews. 
Akkreditierungen bitte direkt über den Pressekontakt:


Kerstin Aldenhoff
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Conventus Congressmanagement & Marketing GmbH
Tel. 0172 3516916
Kerstin.Aldenhoff@ conventus.de  
www.dbs-expertsummit.de  

 

Pressemitteilung Conventus Congressmanagement & Marketing GmbH vom 17. Februar 2026
 

Wie und warum Bewegungsstörungen entstehen

Ein Interview mit der Autorin Dr. Lisa Harder-Rauschenberger und dem Autor Prof. Dr. Chi Wang Ip aus der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) zur Rolle von peripheren Nerventraumen und Rückenmarksverletzungen als Auslöser einer Dystonie. Publikation im Journal „Movement Disorders“ zur Second Hit-Hypothese bei Dystonie.

 

Die Wissenschaftlerin Lisa Harder-Rauschenberger steht mit hochgesteckten Haaren, in heller Schleifenbluse und heller Strickjacke neben Chi Wang Ip im hellblauen Hemd vor dem Bücherregal in der Bibliothek der Neurologie.
Dr. Lisa Harder-Rauschenberger und Prof. Chi Wang Ip von der Neurologischen Klinik und Poliklinik haben im Journal „Movement Disorders“ einen Übersichtsartikel über die Rolle peripherer Nerventraumen und Rückenmarksverletzungen als Auslöser einer Dystonie veröffentlicht.

Lisa Harder-Rauschenberger und Chi Wang Ip von der Neurologischen Klinik und Poliklinik haben im Journal „Movement Disorders“ einen Übersichtsartikel über die Rolle peripherer Nerventraumen und Rückenmarksverletzungen als Auslöser einer Dystonie veröffentlicht. Bei dieser Bewegungsstörung ziehen sich die Muskeln unwillkürlich zusammen und der Körper nimmt ungewöhnliche Haltungen ein. Manche Menschen haben eine genetische Veranlagung dafür, aber nicht alle mit diesen Genen entwickeln tatsächlich eine Dystonie. Deshalb vermuten Forschende – allen voran Harder-Rauschenberger und Ip – dass zusätzlich ein „zweiter Auslöser“ nötig ist, damit die Krankheit entsteht. In ihrer Übersicht fassen sie die aktuelle Forschung zusammen, die zeigt, dass Verletzungen von Nerven oder des Rückenmarks ein solcher zweiter Auslöser sein könnten. Solche Schädigungen verändern nicht nur das betroffene Gewebe, sondern auch die Art und Weise, wie Gehirn, Rückenmark und peripheres Nervensystem miteinander kommunizieren. Dabei spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle und es kommt zu Umbauprozessen im Nervensystem. Diese sollen eigentlich dabei helfen, die Verletzung zu kompensieren. Manche dieser Veränderungen können jedoch dazu führen, dass sich Bewegungsabläufe dauerhaft verändern und eine Dystonie ausgelöst oder verschlimmert wird. Harder-Rauschenberger und Ip heben zukünftige Herausforderungen und potenzielle therapeutische Implikationen dystonieauslösender Nerven- und Rückenmarksverletzungen hervor. Ein besseres Verständnis des Zusammenspiels zwischen Nervenverletzung, Rückenmarksverletzung, Neuroinflammation und Dystonie könnte den Weg für neue therapeutische Strategien ebnen.

Wie kam es zu der Übersichtsarbeit im Journal „Movement Disorders“, auf Deutsch Bewegungsstörungen? 

Chi Wang Ip: Wir hielten beide im Juni 2023 auf dem Samuel Belzberg 6th International Dystonia Symposium (IDS6) in Dublin eine Präsentation und wurden vom Chefredakteur eingeladen eine Übersichtsarbeit über die Second-Hit-Hypothese bei dystonen Erkrankungen für das Journal der International Parkinson and Movement Disorder Society zu schreiben. 

Was genau ist eine Dystonie?

Lisa Harder-Rauschenberger: Eine Dystonie ist eine komplexe Bewegungsstörung, bei der es zu abnormen Haltungen und unwillkürlichen Bewegungen kommt. Diese entstehen durch eine gleichzeitige Kontraktion von agonistisch und antagonistischen Muskeln. Normalerweise arbeiten Muskeln abwechselnd: der Agonist zieht sich zusammen und Bewegung entsteht, der Antagonist entspannt und lässt die Bewegung zu. Wenn die Muskeln, die gegensätzliche Bewegungen machen sollten aber zur gleichen Zeit arbeiten, entstehen verkrampfte, unkontrollierte Bewegungen oder Haltungen. 

Chi Wang Ip: Die Bewegungen sehen teilweise ganz bizarr aus, Drehungen, Verschränkungen, Zittern. Patienten, die stark betroffen sind, können sich teilweise gar nicht mehr kontrollieren und ruhig sitzen. Und weil die Gelenke gar nicht auf diese abnormen Bewegungen ausgelegt sind, sind diese oft auch mit starken Schmerzen verbunden. Das sind ganz massive Einschränkungen im Leben. 

Ist Dystonie eine Begleiterkrankung oder kann sie auch allein auftreten? 

Lisa Harder-Rauschenberger: Eine Dystonie kann als Begleiterkrankung auftreten, zum Beispiel bei Parkinson, sie kann aber auch eine eigene Krankheitsentität sein. Es gibt einige Dystonie-Formen, bei denen Patientinnen und Patienten eine Genmutation haben und dann im Laufe des Lebens dystone Symptome entwickeln können. 

In der Übersichtsarbeit sprechen Sie vom Second Hit. Eine genetische Prädisposition ist dann der First Hit? 

Chi Wang Ip: Richtig. Wir arbeiten zum Beispiel mit genetischen Prädispositionen. Wenn wir eine Maus oder eine Ratte haben, die diesen First Hit schon hat, dann können wir den Second Hit dazutun, zum Beispiel eine Nervenschädigung oder eine Überbeanspruchung. Ein First Hit kann aber durch epigenetische Einflüsse verursacht werden, also Mechanismen, die die Aktivität von Genen beeinflussen. Auch Medikamente können ursächlich sein. Viele Personen nehmen Präparate, die verschiedene Neurotransmitter im Gehirn beeinflussen, sodass dann eine Prädisposition entsteht, die mit einem weiteren äußeren Faktor, dem Second Hit, zur Auslösung einer Erkrankung führt. 

Also braucht es einen Second Hit als Auslöser? 

Chi Wang Ip: Wenn man sich monogene Formen anschaut, also Dystonien, die durch eine einzige Genmutation verursacht werden können, dann weiß man, dass nicht jeder Mutationsträger automatisch die Erkrankung entwickelt. Wir sprechen von einer reduzierten Penetranz. Teilweise ist die Penetranz bei 20 Prozent, also nur einer von fünf Mutationsträgern zeigt Symptome, teilweise bei 60 oder 70 Prozent. Und keiner weiß genau, warum das so ist. Warum entwickeln nicht alle mit dem Gendefekt Symptome? Deswegen kam die Idee des Second Hits. Aber wie gesagt, eine Dystonie kann durchaus auch andere Ursachen haben. 

Wie entwickeln sich die Symptome? 

Chi Wang Ip: Wir gehen davon aus, dass Dystonie eine Netzwerkerkrankung des Gehirns ist, gegebenenfalls auch des Rückenmarks, die dazu führt, dass die Kommunikation der Zentren gestört ist. Eine Verletzung am Nerv, zum Beispiel durch einen Sportunfall, könnte eine Dystonie auslösen. Unser Gehirn, das ja plastisch ist und sich anpassen muss, wird forciert, auf diese Verletzung zu reagieren. Es nimmt also Signale wie Schmerz oder Gefühlsstörungen auf und verbarbeitet diese Reize. Ist das Gehirn durch eine Genmutation erkrankt, dann interpretiert es diese Reize falsch und es kommt zu fehlerhaften Rückkopplungen und Co-Kontraktionen. 

Das heißt, bei Personen mit bestimmten Genmutationen kommt das Gehirn mit den Nervenverletzungen nicht klar? 

Chi Wang Ip: Genau. Das Gehirn gibt dann falsche Informationen ab und die Muskulatur spricht falsch darauf an, sodass diese bizarren Bewegungen auftreten. 

Gibt es Belege für die Second-Hit-Hypothese?

Lisa Harder-Rauschenberger: Es gibt tatsächlich genetische Dystonie-Formen, bei denen ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Umweltfaktor beziehungsweise äußerem Faktor und der Dystonie-Entwicklung gezeigt werden konnte. Eine Infektion, ein Trauma durch eine Verletzung oder einen Stoß, Stress jeglicher Art aber auch Klimaeinflüsse wie Hitze können von einem Tag auf den anderen, innerhalb von wenigen Stunden zu dieser Dystonie-Entwicklung führen, die dann auch ein Leben lang bleibt. Also für bestimmte Formen gibt es einen ganz klaren Zusammenhang. Für andere Formen weiß man nur, dass es diese reduzierte Penetranz gibt; und wir postulieren, dass auch da ein Stressfaktor, ein Umweltfaktor, eine Rolle spielt. 

Um welche Art von Umweltfaktoren handelt es sich? 

Lisa Harder-Rauschenberger: In der Literatur werden zahlreiche Faktoren beschrieben, zum Teil in Einzelfallbeschreibungen, zum Teil in kleinere Studien. Diskutiert werden wie schon genannt unter anderem Nerventrauma und Infektionen. Ein relativ klarer Zusammenhang zur Dystonie-Entwicklung besteht auch für die Überbeanspruchung, also eine aufgabenspezifische Dystonie. Ein Beispiel hierfür ist die Musiker-Dystonie.  Denn einige professionelle Musiker, die ihr Leben lang ein Instrument intensiv spielen, entwickeln eine Dystonie, wie zum Beispiel Klavierspieler in bestimmten Fingern. 

Wie sieht Ihre aktuelle Forschung zu dem Thema aus? 

Lisa Harder-Rauschenberger: Wir machen primär Untersuchungen an Tiermodellen, Mäusen und Ratten mit einer genetischen Prädisposition. Hier untersuchen wir zum Beispiel, wie sich das Gehirn eines symptomatischen Nagers im Vergleich zu einem asymptomatischen unterscheidet. Dieses Verständnis könnte uns helfen beim Menschen einzugreifen bevor es zur Symptomenentwicklung kommt. 

Und wie lässt sich das auf die Patientinnen und Patienten übertragen? 

Lisa Harder-Rauschenberger: Das ist eine unserer Botschaften im Review. Wir benötigen in Zukunft viel größere klinische Studien, um den Zusammenhang zwischen einer peripheren Nervenschädigung und einer Dystonie-Entwicklung beim Menschen klarer zu zeigen. Die bisherigen Studien haben viel zu geringe Endzahlen. Des Weiteren ist das Nerventrauma in den meisten Fällen nicht genau beschrieben, und der zeitliche Zusammenhang bis zur Dystonie-Entwicklung nicht definiert. 

Würde man ein Nerventrauma bei Menschen mit einer genetischen Veranlagung zur Dystonie zum Beispiel anders behandeln oder prüfen, ob eine genetische Veranlagung vorliegt? 

Chi Wang Ip: Ich fürchte, so weit sind wir noch nicht, dass wir so etwas machen können. Und tatsächlich sprechen wir ja bei der monogenen Dystonie über eine seltene Erkrankung. Da würde es keinen Sinn machen, jeden, der so eine Verletzung hat, auf eine Genveränderung zu screenen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir diejenigen, von denen wir wissen, dass sie selbst oder in der Familie eine genetische Prädisposition haben aber noch asymptomatisch sind, empfehlen, bestimmte Risikofaktoren wie gewisse Sportarten zu meiden, von denen wir wissen, dass sie Symptome auslösen. Diese müssten wir aber eben noch genauer untersuchen. 

Lisa Harder-Rauschenberger: Wenn es dann doch passiert, könnte man überlegen, dass man die Inflammation, die nach so einer Nervenschädigung auftritt, früh behandelt und vielleicht die abnormalen plastischen Veränderungen über eine Neuromodulation beeinflusst. 

Bei einer hereditären Dystonie, die autosomal-dominant vererbt wird, besteht das Risiko immerhin bei 50 Prozent, die Mutation geerbt zu haben. Wie viele Mutationen sind denn bis jetzt bekannt? 

Chi Wang Ip: Wir entdecken immer mehr Gene, die mit einer Dystonie assoziiert sind. Bei den monogenen Formen kennen wir inzwischen mehr als 50. Diese beinhalten Formen, bei denen die Dystonie das einzige Symptom darstellt und auch Formen, die kombiniert sind, zum Beispiel eine Dystonie mit Parkinson-Syndrom. Es gibt sicherlich auch noch viele Mutationen, von denen wir erst noch nachweisen müssen, ob sie pathogen relevant sind. Die häufigste Form ist die DYT-TOR1A-Dystonie. Bei dieser Form kann es zu sehr starken Symptomen kommen. 

Warum sollten Ärztinnen und Ärzte aus der Neurologie und gegebenenfalls Primärmedizin Ihre Übersichtsarbeit lesen? 

Lisa Harder-Rauschenberger: Zum einen dauert es oft noch sehr lange, bis Patientinnen und Patienten die Diagnose Dystonie erhalten, obwohl ihre Lebensqualität dann schon stark eingeschränkt ist. Wichtig wäre also eine frühe Diagnose und Anamnese, damit die Betroffenen schnell eine geeignete symptomatische Behandlung erhalten. Zum anderen ist Aufklärung sehr wichtig. Wenn jemand aus der Familie eine monogenetische Form wie DYT-TOR1A hat, dann sollten die Familienmitglieder über diese Prädisposition informiert und Auslösefaktoren informiert werden. 

Chi Wang Ip: In der Übersichtsarbeit beschreiben wir auch, was eine Dystonie ist. Da sie nicht jeder kennt, wird sie auch oft verkannt. Früher wurden zum Beispiel Dystonien häufig als psychogen eingestuft, obwohl es klare organische Veränderungen im Gehirn und teilweise auch im Rückenmark gibt. Auch die Muskeln können sich durch die dauerhafte massive Anspannung verändern. 

Noch einige Fragen zur Neurologie am UKW, die ja einen klaren Schwerpunkt auf Bewegungsstörungen hat – in Forschung, Lehre und Behandlung. Was ist das Besondere am Standort Würzburg? 

Chi Wang Ip: Wir betreiben eine spezialisierte Ambulanz für Botulinumtoxin-Behandlungen, die bei fokalen und segmentalen Dystonien zentral sind. Darüber hinaus gehören wir zu den deutschen Zentren, die die Tiefe Hirnstimulation bei Dystonien durchführen. Bei der Diagnostik und Behandlung legen wir besonderen Wert auf den interdisziplinären Ansatz: Wir arbeiten eng mit der Neurochirurgie, Neuroradiologie und Psychiatrie zusammen. Hervorzuheben ist unsere präklinische und klinisch-translationale Forschung zu Bewegungsstörungen, zur Pathophysiologie, Netzwerken der motorischen Kontrolle, Therapieansätzen und Tiermodellen. Wir sind einer der wenigen Standorte, die auf diesem Gebiet an Tiermodellen forschen. Dadurch sind wir international sichtbar und gut vernetzt. 

Frau Harder-Rauschenberger, Sie haben noch vor Ihrer Facharztausbildung angefangen, mit Dystonie-Mausmodellen zu arbeiten. Was machen Sie konkret? 

Lisa Harder-Rauschenberger: Zunächst einmal haben wir mehrere symptomatische Nager-Modelle für verschiedene Dystonie-Formen entwickelt. Die verschiedenen Mäuse mit Dystonie-Mutationen setzen wir unterschiedlichen äußeren Faktoren aus, beobachten die Entwicklung von Symptomen und vergleichen diese mit Symptomen beim Menschen. Dabei hilft mir meine klinische Erfahrung sehr. Wobei sich bei der Bewertung von dystonen Symptomen im Nagermodell auch viel getan hat. Während ich früher noch Videos der Nager manuell untersucht habe, können wir diese heute automatisiert auswerten. 

Können Sie ein Beispiel Ihrer Untersuchungen nennen.

Lisa Harder-Rauschenberger: In einem aktuellen Projekt untersuchen wir die Dystonie, die durch Überbeanspruchung ausgelöst wird. Wir charakterisieren Ratten, die wiederholt einen Hebel drücken sollen und sehen ganz deutliche, abnormale, Dystonie-ähnliche Bewegungen. In einem translationalen Ansatz vergleichen beziehungsweise belegen wir diese Ergebnisse mit Dystonie-Patienten. Dann untersuchen wir das Gehirn der Nagetiere. Wir machen ein FDG-PET - ein bildgebendes Verfahren aus der Nuklearmedizin, bei dem eine leicht radioaktiv markierte Zuckerform gespritzt wird – und untersuchen, wie unterschiedliche Regionen des Gehirns Glukose aufnehmen und mehr oder weniger aktiv bei der Dystonie sind. Das können wir mit dem FDG-PET beim Menschen vergleichen. Darüber hinaus können wir prüfen, ob Botenstoffe wie Dopamin verändert sind und strukturelle Veränderungen analysieren. 

Kann man das Gehirn eines Nagetiers gut mit dem menschlichen Gehirn vergleichen? 

Chi Wang Ip: Was die Bodenstoffe und Zellbestandteile angeht, ja. Die grobe Struktur ist auch vergleichbar, aber nicht eins zu Eins. Menschen haben ein sehr viel höhere entwickeltes Gehirn als Nager. Aber zur Aufgabe des Hebeldrückens: Der Vorteil ist, dass die Hand oder Vorderpfote der Nagetiere ziemlich gut vergleichbar ist mit der Hand vom Menschen. Nur der Daumen, der ist bei den Nagern viel kleiner.

Was waren Ihre persönlichen Highlights oder bahnbrechenden Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Dystonie? 

Chi Wang Ip: Uns ist über die Jahre immer besser gelungen, Tiermodelle zu entwickeln, an denen wir die Pathophysiologie der Dystonie und unsere Second-Hit-Idee detaillierter untersuchen können und die sehr viel näher an der menschlichen Erkrankung sind als die Modelle, die bislang auf dem Markt existieren. Gerade bei der fokalen Dystonie, die nur einen Bereich des Körpers betrifft, wie den Arm oder die Hand, gibt es meiner Meinung nach kein vergleichbares Modell. Die Veränderungen der Rattenpfote ist zum Beispiel dem Menschen sehr ähnlich. 

Und dann haben wir über die Jahre hinweg herausragende Techniken zur Untersuchung entwickelt. Mit künstlicher Intelligenz können wir zum Beispiel die Bewegungen der Tiere viel besser und objektiv analysieren und auf den Menschen übertragen (Link zum Paper).

Lisa Harder-Rauschenberger: Das ist ein absoluter Gewinn. Durch die computerisierte Auswertung der Videos erhalten wir viel genauere und beobachterunabhängige Informationen über dystonieähnliche Bewegungen. Das hat unsere Forschung in den letzten Jahren noch viel besser gemacht. 

Chi Wang Ip: Und die Glukose-PET-Untersuchungen, die wir beim Menschen schon lange durchführen, konnten wir jetzt auch beim winzigen Gehirn von Nagern etablieren.

Lisa Harder-Rauschenberger:  Herausragend sind sicherlich auch unsere Kooperationen im Rahmen der Dystonieforschung, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt entwickelt haben und unsere Forschung vorantreiben, indem sie sehr viel Neues ermöglichen. Im Sonderforschungsbereich / Transregio 295 RETUNE arbeiten wir eng mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin zusammen, ferner bestehen intensive Kooperationen mit dem Champalimaud-Centre in Lissabon und Professor Antonio Pisani aus Italien.

Tauschen Sie Modelle und Techniken eigentlich aus oder geben Sie Ihre weiter? 

Chi Wang Ip: Das haben wir im Rahmen des EU-Konsortiums „EurDyscover“, das wir koordiniert haben, stark betrieben.

Welche Ziele verfolgen Sie konkret? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Chi Wang Ip: Am Ziel steht immer der Patient, für den wir eine Therapie finden wollen, welche die Symptome lindert oder noch besser kausal etwas verändert. Dazu müssen wir besser verstehen, wie Nerven- und Rückenmarksverletzungen, Entzündungen im Nervensystem und Dystonie zusammenhängen, also Mechanismen von Dystonie auf molekularer, zellulärer und Netzwerk-Ebene untersuchen. 

Lisa Harder-Rauschenberger: Wir haben jetzt diese symptomatischen Mausmodelle etabliert und charakterisiert. Nun möchte ich die Mechanismen im Gehirn, welche zur Dystonie führen, näher verstehen und dazu verschiedene Methoden anwenden. Mit der In-vivo-Kalzium-Bildgebung können wir zum Beispiel prüfen, welche Zellpopulationen aktiv sind. Was passiert auf der zellulären und molekularen Ebene. Unsere Forschung soll am Ende einen Unterschied für den Patienten machen. 

Chi Wang Ip: In den PET-Untersuchungen leuchten zum Beispiel bestimmte Zentren im Gehirn auf, die krankhaft verändert sind. Hier müssten wir genau schauen, welche Zellpopulationen diese Veränderungen verursachen und ob wir da eingreifen können. Mit Multi-omics-Untersuchungen analysieren wir verschiedene Moleküle gleichzeitig und können sehen, wo in der biologischen Kette – von Gendefekt über RNA und Proteine bis zu Symptom – Fehler auftreten. So könnten wir molekulare Angriffspunkte für neue Medikamente finden. 

Lisa Harder-Rauschenberger: Ich etabliere gerade auch zusammen mit Prof. Wessel an unserer Klinik eine neue, nichtinvasive Art der Stimulation in den Tieren. Mit dieser temporalen Interferenzstimulation können wir gegebenenfalls diese abnormalen plastischen Veränderungen die man ja bei der Dystonie vermutet, beeinflussen und gegebenenfalls lindern.

Läuft also auch die Behandlung der Dystonie auf Präzisionsmedizin bzw. personalisierte Medizin hinaus? 

Chi Wang Ip: Ja, durch das Gesamtprofil des Patienten können wir die Therapie besser personalisieren. Das ist natürlich gigantisch, aber das ist tatsächlich das Ziel. Aber schon jetzt können wir durch die KI-gesteuerten Auswertungen der Bewegungsstörungen die Therapien, die es bereits gibt, verbessert einsetzen. Denn nicht jeder Patient ist gleich, die Muskeln bewegen sich frei. Alle Patienten sind unterschiedlich von der krankhaften Ausprägung her. 

Das Interview führte Kirstin Linkamp / Wissenschaftsredaktion 

Publikation: Lisa Harder-Rauschenberger, Chi Wang Ip. The Second Hit Hypothesis in Animal and Human Dystonia: The Role of Peripheral Nerve Trauma and Spinal Cord Injury. Movement Disorders. October 2025. https://doi.org/10.1002/mds.70087

 

Prof. Dr. Chi Wang Ip ist Universitätsprofessor für Translationale Neurologie am UKW und stellvertretender Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik. Er begann bereits in jungen Jahren mit der Erforschung des Einflusses des Immunsystems auf erbliche Neuropathien und erweiterte seine Untersuchungen anschließend auf das zentrale Nervensystem und seine entzündlichen Erkrankungen. Während seiner Facharztausbildung entdeckte er seine Leidenschaft für Bewegungsstörungen, was zu einer Spezialisierung auf Parkinson und Dystonie führte. Der Fokus seiner Forschung liegt nun auf diesen Erkrankungen, einschließlich der Entwicklung präklinischer Modelle und der Untersuchung der Wirkung der Immunmodulation auf die Neurodegeneration in diesen Modellen. Darüber hinaus führt er klinische Studien durch, um Forschungsergebnisse in therapeutische Strategien umzusetzen. Er ist federführend bei der Leitlinie Dystonie, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, publiziert bei AWMF, dem Portal der wissenschaftlichen Medizin. 

Dr. Lisa Harder-Rauschenberger studierte in Greifswald Humanmedizin und promovierte zu Prostatakarzinomzelle. Bevor sie mit ihrer Facharztausbildung zur Neurologin begann, nahm sie im Jahr 2016 am UKW die Gelegenheit eines Forschungsjahres wahr. Seitdem arbeitet sie in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Chi Wang Ip. Das Clinician Scientist Programm sowie das Habilitationsstipendium des IZKF verschaffte ihr in ihrer klinischen Ausbildung immer wieder Freiräume, in denen sie sich voll und ganz ihrem Forschungsschwerpunkt, der Dystonie, widmen konnte. Ihr Fokus liegt dabei auf der Etablierung von symptomatischen Maus- und Rattenmodellen für die Dystonie, anhand der wir dann versuchen, die Pathophysiologie dieser Erkrankung zu verstehen. 

 

Die Wissenschaftlerin Lisa Harder-Rauschenberger steht mit hochgesteckten Haaren, in heller Schleifenbluse und heller Strickjacke neben Chi Wang Ip im hellblauen Hemd vor dem Bücherregal in der Bibliothek der Neurologie.
Dr. Lisa Harder-Rauschenberger und Prof. Chi Wang Ip von der Neurologischen Klinik und Poliklinik haben im Journal „Movement Disorders“ einen Übersichtsartikel über die Rolle peripherer Nerventraumen und Rückenmarksverletzungen als Auslöser einer Dystonie veröffentlicht.

Ausgezeichneter Vortrag zur Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf

Doktorandin Franka Kunik vom Uniklinikum Würzburg erhält beim Deutschen Schmerzkongress den Vortragspreis „Top Young Science“ / Prädiabetes beeinflusst Entwicklung und Fortschreiten von Nervenschäden

Fanka Kunik steht vor der Bühne des Deutschen Schmerzkongresses und hält die Urkunde in den Händen, im Hintergrund die Leinwand mit einer Folie, auf der Neuland steht.
Die Doktorandin Franka Kunik erhielt auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis zum 25. Oktober in Mannheim stattfand, für die Präsentation ihrer Untersuchung der Small Fiber Neuropathie (SFN) im Langzeitverlauf den Vortragspreis Top Young Science. © Luisa Kreß / UKW

Würzburg / Mannheim. Bei der Small Fiber Neuropathie (SFN) sind die sehr feinen Nervenfasern geschädigt, die vor allem für die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung zuständig sind. Typischerweise äußert sich die SFN durch brennende Schmerzen, die meist an Füßen oder Händen auftreten, sowie durch Missempfindungen wie Kribbeln.

Franka Kunik aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Nurcan Üçeyler an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg schaute sich die Langzeitentwicklung der SFN genauer an. Die Arbeitsgruppe untersuchte 42 Patientinnen und Patienten zu Beginn der Studie und nach durchschnittlich vier Jahren erneut. Neben ausführlichen Befragungen und neurologischen Untersuchungen kamen verschiedene Messmethoden zum Einsatz, um die klein- und großkalibrigen Nervenfasern zu beurteilen. Dazu zählen elektrische Nervenmessungen, spezielle Schmerz- und Temperaturempfindungstests (quantitative sensorische Testung), Untersuchungen der Hornhautnerven im Auge (korneale konfokale Mikroskopie) sowie die elektrische Leitung der kleinen Fasern. Außerdem wurden kleine Hautproben an den Beinen entnommen, um die Hautinnervation zu untersuchen.  

In den vergangenen vier Jahren kam es zu keiner wesentlichen Verschlechterung der Nervenschäden 

Im Verlauf berichteten knapp die Hälfte der Teilnehmenden über stärkere oder weiter ausgedehnte Schmerzen, während gut die Hälfte keine Veränderung bemerkte. Auch Missempfindungen wie Kribbeln traten im Laufe der Zeit häufiger auf. In den Testungen der kleinen Nervenfasern blieben die Befunde hingegen überwiegend stabil. Es zeigte sich lediglich eine leichte Verschlechterung in der sensiblen Testung im Sinn einer Anhebung der Wahrnehmungsschwellen für Wärme und Kälte. Insgesamt deuten die Ergebnisse also darauf hin, dass viele Betroffene zwar mit der Zeit mehr Schmerzen und Missempfindungen entwickeln, sich diese Verschlechterung jedoch nicht in einer Progression der Kleinfaserschädigung in den objektiven Testungen widerspiegelt. Bei den Patienten, die von Beginn an ausschließlich Symptome einer Kleinfaserschädigung aufwiesen, zeigten sich in den elektrophysiologischen Untersuchungen der großkalibrigen Nervenfasern auch im Verlauf keine Hinweise auf eine Beteiligung dieser Fasern. Innerhalb der durchschnittlich vier Jahre kam es somit nicht zu einer Ausweitung auf eine Polyneuropathie.

„Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf – klinische Entwicklung und TRPV1-Expression auf intraepidermalen Nervenfasern“

„Auch der Proteinbesatz der Nervenendigungen in der Haut zeigte sich bei den Patienten mit klinischer Verschlechterung im Verlauf unverändert im Vergleich zum Ausgangsbefund“, berichtet Franka Kunik. Auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis 25. Oktober in Mannheim stattfand, gab die Doktorandin Einblicke in die immunhistochemische Analyse von Hautbiopsien betroffener Patientinnen und Patienten. Sowohl die Ergebnisse zur „Small Fiber Neuropathie im Langzeitverlauf – klinische Entwicklung und TRPV1-Expression auf intraepidermalen Nervenfasern“ als auch die Art der Präsentation überzeugte die Jury, sodass sie den mit 400 Euro dotierten Vortragspreis des „Top Young Science Symposiums“ erhielt. 

Damit bleibt unklar, welche pathophysiologische Rolle Ionenkanäle der Transient-Receptor-Potential-Familie bei Schmerzen im Rahmen einer SFN spielen.

Prädiabetes beeinflusst Entwicklung und Fortschreiten von Nervenschäden

Klarer wurde hingegen der Einfluss eines Prädiabetes, also einer Vorstufe des Diabetes mellitus Typ 2, auf die SFN. Während sich die Nervenschäden bei Patientinnen und Patienten mit idiopathischer SFN (also ohne erkennbare Ursache) über einen Zeitraum von vier Jahren nicht verschlechterten, zeigte sich bei den Patientinnen und Patienten, deren SFN im Zusammenhang mit Prädiabetes stand, im Verlauf eine weitere Verschlechterung der Nervenfunktion. Zudem berichteten sie häufiger über Schmerzattacken.

Mit Ernährung und Bewegung Fortschreiten zu manifestem Diabetes und Verschlimmerung der Neuropathie verhindern

„Diese Ergebnisse sind für die ärztliche Praxis von großer Bedeutung. Sie verdeutlichen den Einfluss von Prädiabetes auf die Entwicklung und das Fortschreiten von Nervenschäden“, sagt Prof. Dr. Nurcan Üçeyler. „Patientinnen und Patienten mit Prädiabetes sollten gezielt über diese Risiken informiert werden. Ärztinnen und Ärzte empfehlen in solchen Fällen eine Veränderung des Lebensstils, insbesondere eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung, sowie eine professionelle Ernährungsberatung, um das Fortschreiten zu einem manifesten Diabetes und damit auch die Verschlimmerung der Neuropathie zu verhindern.“

Franka Kunik möchte nun überprüfen, ob sich ein Zusammenhang zwischen der Verschlechterung oder dem Neuauftreten eines Prädiabetes und der Verschlimmerung des klinischen Erscheinungsbildes bei SFN zeigt. Im Rahmen des übergeordneten Projekts wird die Arbeitsgruppe die Charakterisierung der Nervenfaserendigungen in der Haut mithilfe erweiterter Analysetechniken vorantreiben und die Suche nach möglichen Ansatzpunkten für eine effektivere Sekundärprophylaxe fortsetzen.

Die Studie ist Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts zur translationalen und multidimensionalen Analyse der Mechanismen der Nozizeptor-Sensibilisierung bei SFN. In diesem Projekt werden die klinische Langzeitentwicklung sowie zelluläre und molekulare Mechanismen der Kleinfaserstörung untersucht.

Text: KL / Wissenschaftskommunikation

Fanka Kunik steht vor der Bühne des Deutschen Schmerzkongresses und hält die Urkunde in den Händen, im Hintergrund die Leinwand mit einer Folie, auf der Neuland steht.
Die Doktorandin Franka Kunik erhielt auf dem Deutschen Schmerzkongress, der vom 22. bis zum 25. Oktober in Mannheim stattfand, für die Präsentation ihrer Untersuchung der Small Fiber Neuropathie (SFN) im Langzeitverlauf den Vortragspreis Top Young Science. © Luisa Kreß / UKW

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