Aktuelle Meldungen

Früh geboren – immunologisch anders programmiert

Würzburger Studie zeigt erstmals umfassend, wie sich adaptive Abwehrzellen abhängig vom Gestationsalter entwickeln - publiziert im Journal of Allergy and Clinical Immunology

Blick in den Inkubator auf die kleinen nackten Füße eines Frühgeborenen
Anhand des bisher größten Datensatzes zur Immunentwicklung von Frühgeborenen zeigt die Kinderklinik des UKW: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. Doch das Immunsystem von extrem Frühgeborenen ist nicht inaktiv oder schwach, sondern anders organisiert. Bei ihnen läuft die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ab. © Daniel Peter / UKW
Das Team steht in der Frühlingssonne vor einer bemalten Wand.
Verschiedene Arbeitsgruppen der Würzburger Universitäts-Kinderklinik untersuchen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und Infektionsanfälligkeiten sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt. Vorne v.l.n.r.: Christoph Härtel, Johannes Dirks, Janina Marißen, Henner Morbach © Ricarda Gertner / UKW
Grafik eines sehr kleinen Babys in rot und eines etwas reiferen Babys in blau sowie drei Koordinatensysteme, welche die Entwicklung von T-Helferzellen, B-Zellen und NK-Zellen zeigen (y-Achse zeigt Anzahl der Lymphozyten, x-Achse das postnatale Alter).
In der Studie wurden 1.533 Blutuntersuchungen aus den ersten 50 Lebenstagen von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Gestationsalter (GA) zwischen 22 und 36 Wochen und einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2820 Gramm an den Unikliniken Lübeck und Würzburg geboren. Die Grafik zeigt die Auswertung von 49 Frühgeborenen mit einem GA unter 26 Wochen und 288 Frühgeborenen mit einem GA von 30 Wochen und älter. Besonders unreif geborene Kinder zeigen dauerhaft niedrige Anteile von T-Helferzellen sowie erhöhte Anteile von B-Zellen und einen späteren Anstieg natürlicher Killerzellen (NK). © Details des Graphical Abstracts in Dirks et al, Journal of Allergy and Clinical Immunology (2026)

Die Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg veröffentlicht im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ in Kooperation mit dem Uniklinikum Lübeck den bisher größten Datensatz zur Immunentwicklung von Frühgeborenen. Die Auswertung von über 1.500 Blutproben zeigt, welchen Einfluss das Gestationsalter, Entzündungen und das Geschlecht auf die Reifung des adaptiven Immunsystems von Frühgeborenen haben und welche Immunbefunde bei Frühgeborenen „normal“ sind. Damit liefert die Studie wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden. Darüber hinaus trägt sie zum besseren Verständnis der Ursachen der besonderen Infektanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei.

Würzburg. Frühgeborene haben in den ersten Lebenswochen ein deutlich höheres Infektionsrisiko als termingeborene Kinder. Das hängt unter anderem mit ihrem Immunsystem zusammen. Bislang fehlten jedoch belastbare Daten darüber, wie sich die verschiedenen Zellarten des adaptiven Immunsystems nach der Geburt entwickeln. Wie sieht es speziell mit Lymphozyten, wie T- und B-Zellen, aus, die nach dem Kontakt mit Antigenen, wie Viren oder Bakterien, gezielte Abwehrmechanismen aktivieren? 

Welche Werte des Immunsystems sind angesichts der Frühgeburt normal? 

Der Grund für den Mangel an Daten ist unter anderem das geringe Blutvolumen* von Frühgeborenen und der damit einhergehende Mangel an Forschungsmaterial. Deshalb können in der Neonatologie frühgeborenen Säuglingen immer nur wenige Tropfen Blut abgenommen werden. „Bislang wussten wir gar nicht, wie das Immunsystem eines gesunden Frühgeborenen aussieht und welche Werte angesichts der Frühgeburt normal sind“, sagt Johannes Dirks, Kinderarzt am Uniklinikum Würzburg (UKW). Dirks hat sich auf die pädiatrische Immunologie spezialisiert und erforscht das Immunsystem von Frühgeborenen.

Bisher größter Datensatz zur postnatalen Entwicklung adaptiver Abwehrzellen bei Frühgeborenen im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“

Nun hat Johannes Dirks als Erstautor den bislang größten Datensatz zur postnatalen Entwicklung adaptiver Abwehrzellen bei Frühgeborenen im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlicht. Damit liefert er wichtige Referenzwerte für die klinische Einordnung von Immunbefunden. Darüber hinaus tragen die Studienergebnisse zu einem besseren Verständnis der Ursachen der besonderen Infektionsanfälligkeit dieser vulnerablen Patientengruppe bei. 

In der Studie wurden über 1.500 Blutuntersuchungen der ersten 50 Lebenstage von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Schwangerschaftsalter (Gestationsalter) zwischen 22 und 36 Wochen sowie einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2.820 Gramm an den Unikliniken Lübeck (UKSH) und Würzburg geboren. Die Blutabnahmen für die Immunphänotypisierung erfolgten im Rahmen der Routineversorgung auf der Neugeborenen-Intensivstation. Anschließend wurden die Ergebnisse mit verschiedenen Faktoren rund um die Geburt in Beziehung gesetzt. 

Entwicklung des Immunsystems bei Frühgeborenen wird stark vom Zeitpunkt der Geburt geprägt 

„Die Auswertung zeigte eindeutig: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener“, erläutert Johannes Dirks. „Wenn die Werte anders sind, heißt das aber nicht, dass sie nicht normal sind“, betont er. Bei Frühgeborenen gebe es ein anderes „normal“. So sind bei ihnen zum Beispiel die sogenannten CD4-T-Helferzellen, die eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Immunreaktionen spielen, dauerhaft in geringerer Zahl vorhanden. Gleichzeitig finden sich in den ersten Lebenswochen zunächst vermehrt B-Zellen, die für die Bildung von Antikörpern zuständig sind. Im weiteren Verlauf steigt dann die Zahl der natürlichen Killerzellen an, die virusinfizierte oder geschädigte Körperzellen direkt bekämpfen können. 

Dieses charakteristische Muster verdeutlicht, dass das Immunsystem nicht inaktiv oder schwach ist, sondern anders organisiert ist und sich noch in der Entwicklung befindet. Eine vertiefte Analyse bestätigte, dass sehr früh geborene Kinder weniger neu gebildete, sogenannte naive T-Zellen besitzen, während bereits aktivierte und regulierende T-Zellen häufiger vorkommen. Dies spricht dafür, dass die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ablaufen. 

„Es ist also nicht zwingend krankhaft im Sinne eines Immundefektes, wenn bestimmte Zellen bei Frühgeborenen noch unterrepräsentiert sind“, erklärt Johannes Dirks. Mit der Studie liefert er eine Tabelle zur genauen Einschätzung des Immunstatus**. 

Auch Entzündungen vor der Geburt sowie das Geschlecht beeinflussen die Entwicklung des Immunsystems

Neben dem Gestationsalter beeinflussten weitere Faktoren das Immunsystem. So verstärkte beispielsweise eine Entzündung kurz vor der Geburt, das sogenannte Amnioninfektionssyndrom, die immunologischen Veränderungen zusätzlich. Auch typische Komplikationen der Frühgeburtlichkeit gingen mit ähnlichen Immunprofilen einher. Auffällig war außerdem ein Geschlechtsunterschied: Frühgeborene Mädchen wiesen durchgehend höhere Anteile an T-Helferzellen auf. Dies könnte zu ihrem insgesamt besseren Überleben beitragen. „Es ist schon lange bekannt, dass frühgeborene Jungen im Vergleich zu frühgeborenen Mädchen eine schlechtere Prognose haben“, erklärt Dirks. 

Verbindung von Neonatologie und Immunologie ist ein Schwerpunkt der Würzburger Universitäts-Kinderklinik

Das Langzeitziel der Würzburger Universitäts-Kinderklinik ist es, immunologisch eine langfristige Nachsorge aufzubauen, von der die Kinder mit gezielten Interventionen profitieren. Denn wie zahlreiche große Kohortenstudien zeigen, zieht sich die Infektionsanfälligkeit von frühgeborenen Kindern bis ins hohe Erwachsenenalter. „Wir sehen auch immer wieder, dass die Impfantworten bei frühgeborenen Kindern schlechter ausfallen als bei termingeborenen Kindern“, berichtet Johannes Dirks. Der Kinderarzt, der selbst Vater von vier Kindern ist, kam nach seinem Studium der Humanmedizin in Würzburg über den Leiter des dortigen immunologischen Labors, Privatdozent Dr. Henner Morbach, zur immunologisch orientierten Forschung. Eineinhalb Jahre lang arbeitete er über eine Förderung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) in Lübeck. Klinisch spezialisierte er sich auf die pädiatrische Intensivmedizin und Neonatologie. Derzeit wird er über das Bridging-Programm des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) gefördert und arbeitet im Wechsel einen Monat in der Forschung und einen Monat in der Klinik. 

Die Verbindung von Neonatologie und Immunologie ist ein Schwerpunkt der Würzburger Universitäts-Kinderklinik und wird sukzessive ausgebaut, seitdem Professor Christoph Härtel im Mai 2020 von Lübeck noch Würzburg wechselte und die Leitung der Kinderklinik übernahm. Härtel erforscht die Entwicklung extrem frühgeborener Kinder, insbesondere im Rahmen überregionaler Forschungsnetzwerke. Ein spezieller Fokus liegt dabei auf der Entwicklung des Immunsystems. 

IRoN-Studie untersucht Reifung des Immunsystems bei Frühgeborenen, MIAI-Studie fokussiert sich auf reif geborene Kinder

In der IRoN-Studie (Immunoregulation of the Newborn) erforscht Härtel in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Lübeck die Reifung des Immunsystems bei Frühgeborenen. Das Team untersucht, wie spezielle Immunzellen das Langzeitoutcome von Frühgeborenen beeinflussen, beispielsweise in Bezug auf chronische Lungenerkrankungen. Auch das Mikrobiom spielt eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Prädisposition für ein ungünstiges Ergebnis bei einer Sepsis oder einer nekrotisierenden Enterokolitis (NEC), eine schwere Darmerkrankung, die vor allem Frühgeborene betrifft. Andererseits verändert die Gabe von Antibiotika, die bei Frühgeborenen oft aufgrund von (vermuteten) bakteriellen Infektionen unumgänglich ist, das Mikrobiom. Auch hier läuft die Forschung auf Hochtouren. Probiotika können zum Beispiel das Mikrobiom positiv beeinflussen und als Trainingspartner fürs Immunsystem dienen. 

Ein Pendant zur IRoN-Studie bei reifgeborenen ist die MIAI-Studie (Maturation of Immunity Against Influenza). Das MIAI-Studienteam untersucht unter der Federführung von Professorin Dorothee Viemann, Leiterin der Translationalen Pädiatrie, wie das Immunsystem am Lebensanfang auf Infektionen, Impfungen und Umwelteinflüsse, aber auch Antibiotika, reagiert, um frühe Abwehrmechanismen besser zu verstehen. Insbesondere in der frühen Kindheit muss das Immunsystem möglichst schnell ein energiesparendes Gleichgewicht zwischen Toleranz und Abwehr etablieren, um die Entwicklung von Gesundheit auf lange Sicht zu gewährleisten. Ziel ist, durch das bessere Verständnis dieser Prozesse neue Präventions- und Behandlungsstrategien identifizieren, die lebenslange Gesundheit für unsere Kinder sichern sollen. Darüber hinaus ermöglicht der Vergleich zwischen beiden Kohorten Einblicke darin, welche Entwicklungen bei Frühgeborenen für die langfristig erhöhte Infektionsanfälligkeit verantwortlich sind.

Dank an Eltern und Kinder, die mit ihren Daten die Forschung und das Wohl künftiger Generationen fördern

„All diese Daten helfen uns zu verstehen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und somit die Infektionsanfälligkeit von Frühgeborenen sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt“, resümiert Prof. Christoph Härtel. Der Klinikdirektor betont: „Deshalb sind wir allen Eltern und Kindern dankbar, die mit ihren Daten unsere Forschung unterstützen und so zu einer gesunden Entwicklung der nächsten Generationen beitragen.“ 

Publikation: Johannes Dirks, Ingmar Fortmann, Janina Marißen, Julia Pagel, Lilith Reichert, Henry Kipke, Marie-Theres Dammann, Wolfgang Göpel, Till Birkner, Kilian Dahm, Sofia Kirke Forslund-Startceva, Dorothee Viemann, Jan Rupp, Henner Morbach, Christoph Härtel. Effect of gestational age on lymphocyte phenotypes in hospitalized preterm infants, Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2025, Volume 157, Issue 2, 2026, Pages 506-516, ISSN 0091-6749, https://doi.org/10.1016/j.jaci.2025.09.030.

Weitere Informationen:

*Frühgeborene haben ein Blutvolumen von etwa 90 bis 100 Milliliter (ml) pro Kilogramm (kg) Körpergewicht, während es bei Erwachsenen rund 65 bis 75 ml pro kg sind. Ein Grund für das höhere Blutvolumen liegt im erhöhten Sauerstoffbedarf: Neugeborene, insbesondere sehr kleine Frühgeborene, haben einen höheren Grundumsatz. Bei einem 500 Gramm leichten Frühgeborenen mit einer Gesamtblutmenge von 45 bis 50 Millilitern sind 5 Milliliter Blut – das entspricht etwa einem gefüllten Teelöffel – bereits ein Zehntel des gesamten Blutes. 

** In Deutschland wird seit 2019 bei allen Neugeborenen ein Screening auf angeborene schwere T-Zell Defekte durchgeführt. Um die Neubildung von T-Zellen zu prüfen wird eine Fersenblutprobe auf einer sogenannten Trockenblutkarte untersucht. Bei Auffälligkeiten wird das Blut zur Bestätigungsdiagnostik an ein Zentrum für angeborene Immundefekte geschickt. Privatdozent Henner Morbach leitet an der Würzburger Universitäts-Kinderklinik eines der wenigen Zentren in Deutschland, das eine umfassende Diagnostik, Beratung und Therapie bei angeborenen Immundefekten und komplexen immunologischen Fragestellungen anbietet.

Blick in den Inkubator auf die kleinen nackten Füße eines Frühgeborenen
Anhand des bisher größten Datensatzes zur Immunentwicklung von Frühgeborenen zeigt die Kinderklinik des UKW: Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, desto stärker und länger unterscheiden sich seine Immunzellen von denen reiferer Frühgeborener. Doch das Immunsystem von extrem Frühgeborenen ist nicht inaktiv oder schwach, sondern anders organisiert. Bei ihnen läuft die Reifung und Neubildung der Immunzellen kurz nach der Geburt anders ab. © Daniel Peter / UKW
Das Team steht in der Frühlingssonne vor einer bemalten Wand.
Verschiedene Arbeitsgruppen der Würzburger Universitäts-Kinderklinik untersuchen, wie die Immunreifung unter den verschiedensten Bedingungen stattfindet und Infektionsanfälligkeiten sowohl am Lebensanfang als auch im späteren Leben erklärt. Vorne v.l.n.r.: Christoph Härtel, Johannes Dirks, Janina Marißen, Henner Morbach © Ricarda Gertner / UKW
Grafik eines sehr kleinen Babys in rot und eines etwas reiferen Babys in blau sowie drei Koordinatensysteme, welche die Entwicklung von T-Helferzellen, B-Zellen und NK-Zellen zeigen (y-Achse zeigt Anzahl der Lymphozyten, x-Achse das postnatale Alter).
In der Studie wurden 1.533 Blutuntersuchungen aus den ersten 50 Lebenstagen von 577 Frühgeborenen ausgewertet. Die Kinder wurden mit einem Gestationsalter (GA) zwischen 22 und 36 Wochen und einem Geburtsgewicht zwischen 305 und 2820 Gramm an den Unikliniken Lübeck und Würzburg geboren. Die Grafik zeigt die Auswertung von 49 Frühgeborenen mit einem GA unter 26 Wochen und 288 Frühgeborenen mit einem GA von 30 Wochen und älter. Besonders unreif geborene Kinder zeigen dauerhaft niedrige Anteile von T-Helferzellen sowie erhöhte Anteile von B-Zellen und einen späteren Anstieg natürlicher Killerzellen (NK). © Details des Graphical Abstracts in Dirks et al, Journal of Allergy and Clinical Immunology (2026)

175 Jahre Kinderklinik Würzburg: Es begann mit zwei Zimmern

Jubiläumsfeier am UKW im Zeichen von „Verantwortung und Stolz“ / Interdisziplinarität und Spezialisierung für Spitzenmedizin

Auf dem Personen die sich zu einem Gruppenbild zusammengestellt haben. Im Hintergrund sind drei goldene Luftballons als Zahl 175 zu erkennen.
Bei einer Jubiläumsfeier blickte die UKW-Kinderklinik mit Direktor Prof. Dr. Christoph Härtel (4.v.r.) auf ihre 175-jährige Geschichte zurück – und auf die aktuellen Herausforderungen der Kinder- und Jugendmedizin. Foto: UKW / Stefan Dreising
Schwarz weiß Bild der Kinderklinik im Winter - hinten links ist die HNO-Klinik noch im Bau
Kinderklinik: Die Säuglinge waren bereits 1921 in die Chirurgie und Innere des Luitpoldkrankenhauses gezogen. Nachdem im Jahr 1923 die Kinder-, HNO- und Hautklinik offiziell auf dem Campus in Grombühl eröffnet wurden, zogen auch die Kinder ins Luitpoldkrankenhaus - ins heutige Gebäude D4. Auf dem Bild ist die HNO-Klinik noch im Bau. Quelle unbekannt.

Würzburg. Es begann vor 175 Jahren mit zwei Zimmern und 15 Betten: Heute ist die Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) eines der wichtigsten Versorgungszentren mit 115 Betten, tagesklinischen Angeboten und mehreren Spezialambulanzen der Kinder- und Jugendmedizin in Nordbayern. 

Bei einer Jubiläumsfeier mit zahlreichen Gästen am 5. November blickte die Kinderklinik auf die bewegte Geschichte – und auf die aktuellen Perspektiven der Kinder- und Jugendmedizin. Das Altersspektrum der jungen Patienten der UKW-Kinderklinik reicht vom Hochrisikofrühgeborenen mit weniger als 500 Gramm Geburtsgewicht bis zum Jugendlichen mit akuten oder chronischen Erkrankungen.

Start am 1. November 1850

Am 1. November 1850 wurde in der heutigen Klinikstraße 3 in Würzburg die erste eigenständige Universitäts-Kinderklinik eröffnet. Der damaliger Leiter Franz von Rinecker (1811–1883) hatte sich bereits Jahre zuvor intensiv für die „Ars paediatrica“, die Kunst des Kinderheilens, eingesetzt. Dank der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden Kinder nicht mehr als kleine, unvollkommene Erwachsene betrachtet, sondern als eigenständige Wesen mit spezifischen Bedürfnissen, Erkrankungen und Behandlungsmethoden. Zwar gab es in Würzburg bereits im Wintersemester 1818/1819 erste Vorlesungen zum Thema „Therapie von Kinderkrankheiten”, doch wurde die Kinderheilkunde erst im Jahr 1844 als eigenständiges Fach an der Universität anerkannt, als Franz von Rinecker die erste formale Professur speziell für Kinderheilkunde erhielt. Im November 1850 konnte dann die erste Universitäts-Kinderklinik eröffnet werden. Damit gab es eigene Räume und einen eigenen Lehrstuhl: Die Würzburger Kinderklinik kann damit als erste Universitäts-Kinderklinik der Welt bezeichnet werden.
Allerdings: 1854 zog die Klinik wieder in das Hauptgebäude des Juliusspital. Im Jahr 1872 wurde die Kinderheilkunde sogar wieder zwischen der Inneren Medizin und Allgemeinen Poliklinik aufgeteilt. Erst im Jahr 1915 wurde die Kinderheilkunde in Würzburg endgültig von der Inneren Medizin getrennt. Im Januar 1923 zog sie in das neu erbaute Luitpoldkrankenhaus, dem Vorläufer der heutigen Uniklinik, auf den Medizincampus nach Grombühl. 1962 konnte Klinikneubau und jetzige Hauptstandort der Kinderklinik bezogen werden. 2020 öffnete die neue Notaufnahme der Kinderklinik ihre Türen. Direkt neben dem Hauptgebäude entstand damit ein neues Gebäude mit funktionalen Räumen und erweiterten Diagnosemöglichkeiten. Die Notaufnahme der Kinderklinik betreut im Jahr ca. 10.000 Kinder und Jugendliche.

Dank an Elterninitiativen / Verantwortung für die Region

Prof. Dr. Christoph Härtel, seit 2020 Direktor der Kinderklinik am UKW, dankte bei der Jubiläumsfeier auch den Vertretern der Elterninitiativen, die seit vielen Jahrzehnten die Arbeit der Kinderklinik mit großem Engagement unterstützen. So können z.B. sporttherapeutische Angebote, Elternwohnungen in Nähe der Klinik oder Freizeitangebote für die Kinder- und Jugendlichen realisiert werden.

Als einzige Einrichtung der Maximalversorgung trage die UKW-Kinderklinik zudem eine „enorme Verantwortung für die Region“, betonte Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKW. Das Jubiläum sei ein Anlass, zurecht Stolz auf die tägliche Arbeit zu sein. Auch durch die Forschungsstärke, sei die UKW-Kinderklinik ein „nationaler und internationaler Leuchtturm“, geprägt von Interdisziplinarität und Spezialisierung für moderne Spitzenmedizin.

Historischer Rückblick und Podiumsdiskussion

Medizinhistoriker Dr. Andreas Mettenleiter zeichnete bei der Jubiläumsfeier nochmals die anfängliche Entwicklung und die großen Herausforderungen der Kinderklinik nach. Prof. Dr. Helge Hebestreit, stellvertretender Direktor der Kinderklinik, Leiter des Zentrums für Seltene Erkrankungen und seit 1981 am UKW, blickte auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. U.a. die Gründung des Perinatalzentrums sowie der Bau des Zentrums für Stammzelltransplantation 2005 direkt neben dem Hauptgebäude der Kinderklinik seien wichtige Meilenstein gewesen.
Bei einer abschließenden Podiumsdiskussion blickte Prof. Härtel mit mehreren Gästen, u.a. Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig, auf die Perspektiven der Kinder -und Jugendmedizin im Kontext der geplanten Krankenhausreform. Für Prof. Härtel, der aktuell auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) ist, steht fest: „Als Pädiater müssen wir auch die Interessen von Kindern und Jugendlichen in Politik und Gesellschaft vertreten.“

Überblick zu den „Meilensteinen der Kinderklinik“

Einen Überblick über die Meilensteine der UKW-Kinderklinik gibt es auf dieser Themen-Website des UKW.
Auch diese aktuelle Pressemitteilung zeichnet die Ursprünge und die Entwicklung der Kinderklinik am UKW nach.

 

Auf dem Personen die sich zu einem Gruppenbild zusammengestellt haben. Im Hintergrund sind drei goldene Luftballons als Zahl 175 zu erkennen.
Bei einer Jubiläumsfeier blickte die UKW-Kinderklinik mit Direktor Prof. Dr. Christoph Härtel (4.v.r.) auf ihre 175-jährige Geschichte zurück – und auf die aktuellen Herausforderungen der Kinder- und Jugendmedizin. Foto: UKW / Stefan Dreising
Schwarz weiß Bild der Kinderklinik im Winter - hinten links ist die HNO-Klinik noch im Bau
Kinderklinik: Die Säuglinge waren bereits 1921 in die Chirurgie und Innere des Luitpoldkrankenhauses gezogen. Nachdem im Jahr 1923 die Kinder-, HNO- und Hautklinik offiziell auf dem Campus in Grombühl eröffnet wurden, zogen auch die Kinder ins Luitpoldkrankenhaus - ins heutige Gebäude D4. Auf dem Bild ist die HNO-Klinik noch im Bau. Quelle unbekannt.

Mit Pioniergeist und Weitsicht - Universitäts-Kinderklinik Würzburg feiert Geburtstag

Wie Regierung und Universitätsmedizin Würzburg vor 175 Jahren den Grundstein in der „Kunst des Kinderheilens“ setzten

Schwarz weiß Bild der Kinderklinik im Winter - hinten links ist die HNO-Klinik noch im Bau
Kinderklinik: Die Säuglinge waren bereits 1921 in die Chirurgie und Innere des Luitpoldkrankenhauses gezogen. Nachdem im Jahr 1923 die Kinder-, HNO- und Hautklinik offiziell auf dem Campus in Grombühl eröffnet wurden, zogen auch die Kinder ins Luitpoldkrankenhaus - ins heutige Gebäude D4. Auf dem Bild ist die HNO-Klinik noch im Bau. Quelle unbekannt.
Das Bild zeigt Hans Rietschel, der im weißen Kittel einen Säugling untersucht, daneben eine SChwester in Schwestertracht, links schauen drei Studierende in dunklen Anzügen zu.
Lehrszene aus der Kinderklinik. Prof. Dr. Hans Rietschel, der 1927 als Extraordinarius für Kinderheilkunde an die Universität Würzburg berufen wurde, untersucht im Beisein einer Kinderkrankenschwester und Studenten einen Säugling. Das Bild stammt aus einer Festschrift und wurde dem UKW vom Enkel von Hans Rietschel, Dr. Ernst Rietschel, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Würzburg. Am 1. November 1850 wurde in der heutigen Klinikstraße 3 in Würzburg die erste eigenständige Universitäts-Kinderklinik eröffnet. Während einige behaupten, es sei die erste Universitäts-Kinderklinik der Welt gewesen, halten andere dagegen, dass sie zunächst nur wenige Jahre Bestand hatte. Fest steht, dass sich ihr damaliger Leiter Franz von Rinecker (1811–1883) bereits Jahre zuvor intensiv für die Ars paediatrica, die Kunst des Kinderheilens, eingesetzt hatte. Dank der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden Kinder nicht mehr als kleine, unvollkommene Erwachsene betrachtet, sondern als eigenständige Wesen mit spezifischen Bedürfnissen, Erkrankungen und Behandlungsmethoden. Zwar gab es in Würzburg bereits im Wintersemester 1818/1819 erste Vorlesungen zum Thema „Therapie von Kinderkrankheiten” durch den damaligen Leiter der Medizinischen Klinik der Universität Würzburg, Johann Lucas Schönlein, doch wurde die Kinderheilkunde erst im Jahr 1844 als eigenständiges Fach an der Universität anerkannt, als Franz von Rinecker die erste formale Professur speziell für Kinderheilkunde erhielt.

Königliches Dekret zur Prüfung von Vorlesungen über Kinderkrankheiten und Einrichtung einer Separatanstalt für Kinder

Die Einrichtung der Pädiatrie als eigenes Lehrfach und die Gründung einer „Separatanstalt für Kinder“ sind vor allem einem für diese Zeit überaus fortschrittlichen und weitsichtigen Vorhaben der Bayerischen Regierung zu verdanken. Am 7. Juli 1841 erreichte den akademischen Senat der Universität Würzburg nämlich ein Dekret des Ministeriums des Innern in München unter König Ludwig I., in dem es hieß, dass es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig sei, an den medizinischen Fakultäten Vorlesungen über Kinderkrankheiten zu halten. „Der Grund, warum dergleichen Vorlesungen bisher nicht von größeren Erfolgen begleitet gewesen sind, lag hauptsächlich in dem Mangel einer eigenen klinischen oder poliklinischen Anstalt für kranke Kinder, wodurch allein ein lebhafteres Interesse für diesen speciellen Gegenstand erwirkt, und dem Studierenden das Eigenthümliche des Krankheits-Verlaufes im kindlichen Alter, sowie der ärztlichen Behandlung anschaulich gemacht werden kann.“ Und weiter: „Nachdem seine Majestät der König in Anerkennung der hohen Wichtigkeit dieses Gegenstandes allergnädigst zu befehlen geruht haben, daß allerhöchstdenselben bezüglich der Herstellung von dergleichen klinischen oder poliklinischen Anstalten für kranke Kinder, sowie der hiermit in Verbindung zu setzenden Vorträge über Kinderkrankheiten an den Hochschulen allerunterthänigst Vorschläge gemacht werden, so erhält der königlichen Majestät Senat hiermit den Auftrag, sich in thunlicher Bälde unter näherer Angabe der desfalls etwa teilweise bereits bestehenden Anordnungen darüber zu äußern.“

In ihrer Stellungnahme begrüßte die medizinische Fakultät das Vorhaben und listete die erforderlichen Mittel zur Einrichtung einer stabilen Kinderklinik auf. Es mangelte sowohl an Geldern als auch an Räumen. Gleichzeitig stieg in der Allgemeinen Medizinischen Poliklinik der Anteil der Kinder - 1846/47 lag dieser bereits bei 45 Prozent. Endlich konnte im November 1850 die erste Universitäts-Kinderklinik eröffnet werden. Kurz danach zog auch die ambulante Kinderklinik in das Gebäude des Juliusspitals in der Klinikstraße. Allerdings führten Interessenskonflikte und Machtkämpfe zwischen Juliusspital und Universität dazu, dass Rinecker nur einen geringen Einfluss hatte und die stabile Kinderklinik 1854 wieder ins Hauptgebäude des Juliusspitals zog. Im Jahr 1872 wurde die Kinderheilkunde sogar wieder zwischen der Inneren Medizin und Allgemeinen Poliklinik aufgeteilt. Rinecker wurde schließlich angewiesen, Vorträge über Syphilis und Hautkrankheiten abzuhalten und das Lehrfach für Kinderkrankheiten an seinen ehemaligen Studenten Carl Gerhardt abzugeben. Gerhardt hatte bereits 1861 ein Lehrbuch für Kinderkrankheiten herausgegeben, das er seinem Lehrer, dem „Geheimen Rat Prof. Franz von Rinecker, als Zeichen bleibender Dankbarkeit und Verehrung“ widmete. Gerhardt war Gründungsmitglied der „Section für Pädiatrik“ und Mitherausgeber des ersten deutschen Handbuchs der Kinderkrankheiten im Jahr 1877. 

Einzug ins Luitpoldkrankenhaus und Entwicklung zu einem führenden Zentrum für pädiatrische Versorgung, Forschung und Lehre 

Erst im Jahr 1915 wurde die Kinderheilkunde in Würzburg endgültig von der Inneren Medizin getrennt und Jussuf Ibrahim wurde der erste Extraordinarius für Kinderheilkunde in Würzburg. Weitere acht Jahre später, 82 Jahre nach dem Königlich Bayerischen Dekret, erhielt die Universitäts-Kinderklinik schließlich eigene Räumlichkeiten. Im Januar 1923 zog sie unter der Leitung von Hans Rietschel ins neu erbaute Luitpoldkrankenhaus; die Säuglinge waren schon zwei Jahre zuvor ins Luitpoldkrankenhaus umgezogen. Auf dem Campus in Grombühl entwickelte sich die Kinderklinik im Laufe der Jahre zu einem führenden Zentrum für klinische Versorgung, Forschung und Lehre in der Kinder- und Jugendmedizin. Heute steht sie für moderne, interdisziplinäre Pädiatrie auf höchstem Niveau – mit internationaler Forschung, neuer Infrastruktur und einem breiten medizinischen Angebot. 

Hervorzuheben ist die Aufbauarbeit von Josef Ströder, der 1948 den Lehrstuhl für Kinderheilkunde übernahm und die Leitung der Klinik innehatte. Er organisierte den Wiederaufbau der Klinik, die in der Bombennacht von 1945 komplett zerstört worden war, stockte das Personal auf und initiierte eine Schule für kranke Kinder sowie verschiedene Arbeitsgruppen für die einzelnen Bereiche der modernen Pädiatrie. Sein Nachfolger Helmut Bartels (Direktor von 1981 bis 1999) setzte sich unter anderem für die fächerübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen am Uniklinikum sowie für den Bau einer modernen Intensivstation und die Gründung eines Perinatalzentrums (PNZ) ein. Letzteres ist heute eines der größten und leistungsstärksten in Bayern. Auch Christian P. Speer, der von 1999 bis 2020 Direktor war, lag das Wohl von Früh- und Neugeborenen besonders am Herzen. Für sie richtete er eine Intensivstation und eine Intermediate-Care-Station zwischen Intensivpflege und normaler Station zur Versorgung der Früh- und Neugeborenen in der Frauenklinik ein. Darüber hinaus gründete er ein Stammzelltransplantationszentrum und entwickelte neben einer hochqualifizierten Allgemeinpädiatrie die Schwerpunktbildung einzelner Spezialbereiche in der Kinderheilkunde weiter. 

Im Mai 2020 wurde Prof. Dr. Christoph Härtel zum Direktor der Universitätskinderklinik ernannt. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der Erforschung optimaler Bedingungen für die Entwicklung extrem frühgeborener Kinder, insbesondere im Rahmen überregionaler Forschungsnetzwerke. Ein spezieller Fokus bildet dabei die Entwicklung des Immunsystems. Er sei aber kein reiner Neonatologe, sondern in der Kinderheilkunde breit interessiert, betont er. Er arbeitet nicht nur am Erhalt der Weiterentwicklung der bereits vorhandenen Kompetenzen, sondern auch an der Stärkung der Neuropädiatrie und Sozialpädiatrie, und intensiviert die Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben dem klassischen Dreiklang der Universitätsmedizin aus Klinik, Forschung und Lehre betrachtet Härtel die Gremienarbeit als sein viertes wichtiges Aufgabenfeld: „Als Pädiater müssen wir auch die Interessen von Kindern und Jugendlichen in Politik und Gesellschaft vertreten.“ 

Podiumsdiskussion zu den Perspektiven der Kinder -und Jugendmedizin und zur Krankenhausreform: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

Deshalb möchte Christoph Härtel, der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) ist, bei der Jubiläumsfeier der Universitäts-Kinderklinik Würzburg am 5. November nicht nur zurückblicken, sondern auch nach vorne schauen. Nach einem historischen Rückblick wird es eine Podiumsdiskussion zu den Perspektiven der Kinder- und Jugendgesundheit mit Beteiligung der Politik, Eltern und Medizin geben. Ein wichtiges Thema wird sein, was wir gemeinsam für ein gutes Aufwachsen von Kindern in Zeiten knapper Ressourcen tun können. Welchen Stellenwert hat Prävention in der Kindheit? Wie können wir eine zukunftssichere Kinder- und Jugendmedizin gewährleisten? Die aktuelle Krankenhausreform plant an den Bedürfnissen von Kindern vorbei. Wenn sie so umgesetzt wird, dann ist eine spezielle Kinder- und Jugendmedizin, wie sie für viele seltene akute und chronische Erkrankungen des Kindesalters erforderlich ist, in der Finanzierung nicht berücksichtigt. Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Sie haben ein Anrecht auf eine kindgerechte, spezialärztliche Behandlung. Das wusste schon König Ludwig I. 

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftsredaktion

Schwarz weiß Bild der Kinderklinik im Winter - hinten links ist die HNO-Klinik noch im Bau
Kinderklinik: Die Säuglinge waren bereits 1921 in die Chirurgie und Innere des Luitpoldkrankenhauses gezogen. Nachdem im Jahr 1923 die Kinder-, HNO- und Hautklinik offiziell auf dem Campus in Grombühl eröffnet wurden, zogen auch die Kinder ins Luitpoldkrankenhaus - ins heutige Gebäude D4. Auf dem Bild ist die HNO-Klinik noch im Bau. Quelle unbekannt.
Das Bild zeigt Hans Rietschel, der im weißen Kittel einen Säugling untersucht, daneben eine SChwester in Schwestertracht, links schauen drei Studierende in dunklen Anzügen zu.
Lehrszene aus der Kinderklinik. Prof. Dr. Hans Rietschel, der 1927 als Extraordinarius für Kinderheilkunde an die Universität Würzburg berufen wurde, untersucht im Beisein einer Kinderkrankenschwester und Studenten einen Säugling. Das Bild stammt aus einer Festschrift und wurde dem UKW vom Enkel von Hans Rietschel, Dr. Ernst Rietschel, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Für eine optimale Versorgung krebskranker Kinder: Auftakt der KioNet-Roadshow am Uniklinikum Würzburg

Mit einer bunten Informations- und Mitmachveranstaltung startete gestern an der Würzburger Universitäts-Kinderklinik eine dreitägige Roadshow des Kinderonkologischen Netzwerks Bayern (KioNet). Ziel ist es, auf ausgewählte Aspekte aufmerksam zu machen, die für eine bestmögliche Versorgung von krebskranken Kindern und ihren Familien nötig sind.

Gruppenbild Thomas Eberth (Landrat des Landkreis Würzburg), Prof. Dr. Matthias Eyrich (Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am Uniklinikum Würzburg) und Prof. Dr. Markus Metzler
Bei der Begrüßung zur Auftaktveranstaltung zur KioNet-Roadshow sprachen (von links): Thomas Eberth (Landrat des Landkreis Würzburg), Prof. Dr. Matthias Eyrich (Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am Uniklinikum Würzburg) und Prof. Dr. Markus Metzler (Sprecher des Kinderonkologischen Netzwerks Bayern). Bild: Helmuth Ziegler / UKW
Infostände
Die Würzburger Universitäts-Kinderklinik stellte bei ihrer KioNet-Veranstaltung mit Infoangeboten und Mitmachaktionen das Thema „Psychosoziale Betreuung“ in den Mittelpunkt. Bild: Helmuth Ziegler / UKW
Akteure des Infotags
Für die Auftaktveranstaltung zur KioNet-Roadshow am Uniklinikum Würzburg kamen Engagierte aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. Bild: Helmuth Ziegler / UKW

Würzburg. Im Kinderonkologischen Netzwerk Bayern (KioNet, www.kionet-bayern.de) haben sich die kinderonkologischen Abteilungen der Universitätsklinika Augsburg, Erlangen, Regensburg, Würzburg sowie der LMU und TU München zusammengeschlossen. Ihr gemeinsames Ziel ist es, krebskranken Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien im Freistaat heimatnah eine optimale Versorgung zu ermöglichen. Seit seiner Gründung im Jahr 2018 fördert KioNet den standortübergreifenden Austausch sowie die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen. Mit einer Roadshow wollen die sechs Partnereinrichtungen vom 15. bis 17. Juli 2025 zeitlich gestaffelt Einblicke in verschiedene Aspekte aus der Arbeit des Netzwerks geben. 

Psychosoziale Betreuung als Veranstaltungsschwerpunkt in Würzburg

Zum Auftakt am 15. Juli – dem 2. Bayerischen Kinderkrebstag – lud das von Dr. Lisa Schubert geleitete Psychosoziale Team der Würzburger Universitäts-Kinderklinik Familien mit einem krebskranken Kind sowie alle sonstigen Interessierten zu einer praxisnahen Informationsveranstaltung ein. An Ständen vor und in der Klinik erwartete die Teilnehmenden zwischen 11:00 und 13:30 Uhr zum einen ein buntes, familiengerechtes Mitmachprogramm, unter anderem mit Elementen aus der Bewegungs- und Kreativtherapie. Zum anderen gab es Informationen zum Themenkreis „Psychosoziale Betreuung“. Mit dabei war auch die Elterninitiative Regenbogen für leukämie- und tumorkranke Kinder Würzburg e.V., die seit Jahren das psychosoziale Angebot an der Kinderklinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) finanziell unterstützt.

Wünsche an die Politik

Prof. Dr. Matthias Eyrich, der Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am UKW, nutzte seine Begrüßungsansprache zu zwei Wünschen an die Politik. Zum einen sollte die psychosoziale Versorgung in die Regelversorgung überführt werden, um nicht mehr von Spendengeldern abhängig zu sein. Zum anderen müsse eine Kinderpflegezeit eingeführt werden, die es den Eltern ermöglicht, finanziell abgesichert bei ihrem schwer erkrankten Kind zu sein.

Netzwerkarbeit: Das Ganze ist viel mehr als die Summe seiner Teile

Als Vertreter der lokalen Politik dankte Thomas Eberth allen Beteiligten für ihr großes Engagement. Der Landrat des Landkreises Würzburg unterstrich:  „Es braucht genau diesen ganzheitlichen Ansatz, diese Vernetzung, um Halt und Heilung zu geben.“ Auch Prof. Dr. Markus Metzler, Stellvertretender Direktor der Kinderklinik des Uniklinikums Erlangen und Sprecher von KioNet, betonte den Wert der kollegialen, effektiven Zusammenarbeit im bayernweiten Netzwerk: „Als Quintessenz der sieben Jahre seit der Gründung von KioNet lässt sich sagen: Das Ganze ist viel mehr als die Summe seiner Teile.“

Zu den Partnern der Roadshow gehört auch das Bayerische Zentrum für Krebsforschung (BZKF, https://bzkf.de). Der Zusammenschluss der sechs bayerischen Universitätsstandorte feiert am 17. Juli 2025 sein fünfjähriges Bestehen. Das BZKF setzt sich dafür ein, allen an Krebs erkrankten Menschen – unabhängig vom Alter – eine optimale Versorgung sowie den Zugang zu topmodernen Therapien zu ermöglichen. 

Die KioNet-Roadshow endet am Donnerstag dieser Woche mit einer zusammenfassenden Präsentation im Bayerischen Landtag. 

Das gesamte Programm gibt es unter https://bzkf.de/aktuelles/news-detail-pressemitteilungen-1/kionet-roadshow-177.

 

Text: Pressestelle / UKW

Gruppenbild Thomas Eberth (Landrat des Landkreis Würzburg), Prof. Dr. Matthias Eyrich (Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am Uniklinikum Würzburg) und Prof. Dr. Markus Metzler
Bei der Begrüßung zur Auftaktveranstaltung zur KioNet-Roadshow sprachen (von links): Thomas Eberth (Landrat des Landkreis Würzburg), Prof. Dr. Matthias Eyrich (Leiter des Kinderonkologischen Zentrums am Uniklinikum Würzburg) und Prof. Dr. Markus Metzler (Sprecher des Kinderonkologischen Netzwerks Bayern). Bild: Helmuth Ziegler / UKW
Infostände
Die Würzburger Universitäts-Kinderklinik stellte bei ihrer KioNet-Veranstaltung mit Infoangeboten und Mitmachaktionen das Thema „Psychosoziale Betreuung“ in den Mittelpunkt. Bild: Helmuth Ziegler / UKW
Akteure des Infotags
Für die Auftaktveranstaltung zur KioNet-Roadshow am Uniklinikum Würzburg kamen Engagierte aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. Bild: Helmuth Ziegler / UKW

„Neue Horizonte“: Kinderkliniken aus Würzburg und Lübeck richteten Jahreskongress zusammen aus

Podiumsdiskussion: „Nicht über, sondern mit Kindern reden"

Über 2000 Teilnehmende kamen zur 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). Foto: UKW / privat
Über 2000 Teilnehmende kamen zur 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). Foto: UKW / privat

Würzburg/Lübeck. Über 2000 Teilnehmende kamen zur 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI) nach Lübeck. Organisiert wurde die Tagung vom 22. bis 24. Mai gemeinsam von Teams aus Ärzten und Pflegenden der beiden Universitäts-Kinderkliniken in Würzburg und Lübeck.

„Die Pflege war in allen Kongress-Symposien aktiv vertreten, was die verschiedenen Perspektiven zu einem gemeinsamen Ganzen vereint“, so Prof. Dr. Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Auch weitere Berufsgruppen waren neben der Neugeborenen- und Kinderintensivmedizin breit vertreten, etwa aus den Bereichen Grundlagenwissenschaften, Medizintechnik/-informatik, Seelsorge und Eltern- bzw. Patientenvertretungen.

„Nicht über, sondern mit Kindern reden"

Zu den zentralen Themen der Tagung zählten u.a. intensivmedizinisch betreute akute und chronische Erkrankungen, deren Prävention, Diagnostik und bestmögliche Therapien, interprofessionelle und multidisziplinäre Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Familien als Teil des Teams, neue Fortbildungsformate (, z.B. „Simulationsszenarien auf der Bühne“ oder Podcasts) oder die zukünftigen Einsatzgebiete von künstlicher Intelligenz.

Die Podiumsdiskussion zur Eröffnung war ein besonderes Highlight und bewusst anders gestaltet: Ganz nach dem Motto „Nicht über, sondern mit Kindern reden“, diskutierte Moderatorin Linda Zervakis mit Kindern und jungen Erwachsenen, die teilweise intensivmedizinisch behandelt wurden, die Schwerpunktthemen des diesjährigen Kongresses, die Sorgen und die Zukunftsvisionen der Kinder und Jugendlichen.

Über 2000 Teilnehmende kamen zur 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). Foto: UKW / privat
Über 2000 Teilnehmende kamen zur 51. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI). Foto: UKW / privat

Dem Immunsystem von Neugeborenen auf der Spur

Eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Dorothee Viemann vom Uniklinikum Würzburg (UKW) charakterisiert erstmals die immunmetabolischen Anpassungsprozesse von Blutmonozyten nach der Geburt und löst damit das alte Paradigma auf, dass die verminderte Fähigkeit von Neugeborenen zur Energiegewinnung durch Glykolyse die Ursache ihrer Infektanfälligkeit ist. Die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, dass Neugeborene einen anderen Stoffwechselmechanismus als Erwachsene nutzen, um ihr Immunsystem zu entwickeln. Blutmonozyten von Neugeborenen gewinnen ihre Energie hauptsächlich durch oxidative Phosphorylierung, die für die weitere Differenzierung der Zellfunktionen nach der Geburt notwendig ist. Erst durch die Umweltexposition des Immunsystems wird der Stoffwechsel neonataler Monozyten mit zunehmendem Alter auf den erwachsenen Stoffwechseltyp, die Glykolyse umprogrammiert. Eine vorzeitige Umstellung könnte negative Folgen haben.

Die Illustration zeigt links ein Neugeborenes mit Nabelschnur, rechts eine erwachsene Person, dazwischen Elemente um den Stoffwechsel zu illustrieren: blaues Dreieck oben steht für oxidative Phosphorylierung, das nach rechts immer spitzer wird, rotes Dreieck unten steht für Glykolyse, das nach nach rechts immer breiter wird.
Neugeborene nutzen einen anderen Stoffwechselmechanismus als Erwachsene, um ihr Immunsystem zu entwickeln. Ihre Blutmonozyten gewinnen die Energie hauptsächlich durch oxidative Phosphorylierung, die für die weitere Differenzierung der Zellfunktionen nach der Geburt notwendig ist. Erst durch die Umweltexposition des Immunsystems wird der Stoffwechsel neonataler Monozyten mit zunehmendem Alter auf den erwachsenen Stoffwechseltyp, die Glykolyse umprogrammiert. © UKW mit Canva

Würzburg. Das Immunsystem eines Neugeborenen unterscheidet sich deutlich von dem eines Erwachsenen. Während Erwachsene über ein ausgereiftes, hoch spezialisiertes Immunsystem verfügen, ist das Immunsystem von Neugeborenen vor allem auf die angeborene Immunabwehr angewiesen, die noch nicht die Fähigkeit hat, starke Entzündungsreaktionen einzuleiten. Ob dies ein Nachteil ist oder eine sinnvolle Schutzmaßnahme und beispielsweise das Risiko einer Neugeborenen-Sepsis senkt, ist bislang ungeklärt. Die Sepsis ist weltweit immer noch eine der häufigsten Todesursachen bei Neugeborenen. 

Einen wichtigen Beitrag, um das Sepsisrisiko besser zu verstehen und möglicherweise neue Schutzmaßnahmen für Neugeborene zu entwickeln, hat jetzt Prof. Dr. Dorothee Viemann, Leiterin der Translationalen Pädiatrie am Universitätsklinikum Würzburg (UKW), gemeinsam mit Forschenden der Universitätsmedizin Würzburg, Hannover, Bonn, Braunschweig und Lübeck veröffentlicht. Ihre Studie charakterisiert erstmals die immunmetabolischen Anpassungsprozesse von Blutmonozyten bei gesunden Neugeborenen, Säuglingen und Kindern. Blutmonozyten sind Teil des angeborenen Immunsystems und bilden damit die erste Verteidigungslinie gegen Infektionen.

Stoffwechsel von Immunzellen verändert sich mit dem Alter - von der oxidativen Phosphorylierung zur Glykolyse

In der Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications publiziert wurde, zeigte das Team, dass sich die Stoffwechselaktivität von neugeborenen und erwachsenen angeborenen Immunzellen stark unterscheidet. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass die Blutmonozyten von Neugeborenen mehr Energie produzieren als die von Erwachsenen. Blutmonozyten machen bis zu acht Prozent der weißen Blutzellen (Leukozyten) aus und zirkulieren ein bis drei Tage im Blut, bevor sie ins Gewebe einwandern und sich dort weiterentwickeln. 

Um ihre Immunzellen reifen zu lassen nutzen Neugeborene verstärkt die oxidative Phosphorylierung. Dabei wird in den Mitochondrien, den "Kraftwerken" der Zellen, aus Nährstoffen Energie gewonnen und das Molekül ATP (Adenosintriphosphat) produziert, das die Zellen für alle wichtigen Funktionen benötigen. Mit zunehmendem Alter wechselt dieser Stoffwechsel allmählich auf die Glykolyse um, eine andere Art der Energiegewinnung, die stärkere Entzündungsreaktionen ermöglicht. 

Stoffwechsel wird durch Umwelt beeinflusst und kann durch ketogene Ernährung nicht zurückgesetzt werden

Die Forschenden entdeckten, dass erst durch den Kontakt mit der Umwelt, insbesondere mit Mikroben wie Bakterien und Viren, das Immunsystem von Neugeborenen trainiert wird. Die Umweltexposition führt dazu, dass sich der Stoffwechsel neonataler Monozyten allmählich verändert und sich dem von Erwachsenen annähert. Interessanterweise konnte eine ketogene Diät, also eine fettreiche, kohlenhydratarme Ernährung, die den natürlichen Stoffwechselzustand von Neugeborenen nachahmt, den ursprünglichen Stoffwechsel dieser Immunzellen nicht wiederherstellen. Das bedeutet, dass der Stoffwechsel von Monozyten durch die Umwelt beeinflusst wird und nicht einfach durch eine spezielle Ernährung zurückgesetzt werden kann. 

Verminderte glykolytische Aktivität ist nicht für Infektanfälligkeit verantwortlich

Mit ihrer Arbeit lösen die Forschenden ein altes Paradigma ab. Denn bisher wurde postuliert, dass die reduzierte Fähigkeit von Neugeborenen, durch Glykolyse Energie zu gewinnen, die Ursache für verminderte Entzündungsreaktionen und damit verantwortlich für die Infektanfälligkeit von Neugeborenen sei. Die umfassend charakterisierten und identifizierten immunmetabolischen Eigenschaften des angeborenen Immunsystems deuten dagegen darauf hin, dass eine vorzeitige Aktivierung der Glykolyse bei Neugeborenen das Risiko für schwere Sepsisverläufe erhöhen würde, da es inflammatorische Reaktionen schürt aber nicht die notwendige Energie für weitere erforderliche Zelldifferenzierungsvorgänge liefert. Viemann appelliert: „Die Behandlung von Neugeborenen im Sinne einer Förderung glykolytischer Stoffwechselprozesse sollte vermieden werden, um überschießende Entzündungsreaktionen zu verhindern und immunologische Reifungsprozesse nicht zu stören.“

Der nächste Schritt wäre, die Analysemethoden in Geburtskohortenstudien zu integrieren. Auf diese Weise könnte es gelingen, klinische und demographische Faktoren zu ermitteln, die die Stoffwechselaktivität von Neugeborenen signifikant beeinflussen. Spannend wäre es auch, so Viemann, die Untersuchungen auf andere Zelltypen des Immunsystems auszudehnen.

Unterstützung durch Eltern, Technologien und Fördermittel 

„Die umfassende Identifizierung und Charakterisierung immunmetabolischer Eigenschaften des angeborenen Immunsystems war durch die Anwendung neuester Technologien möglich, vor allem aber durch die Bereitschaft der Eltern gesunder Neugeborener, Säuglinge und Kleinkinder, an der Studie teilzunehmen“, sagt Dorothee Viemann. 

Ferner wurde die Arbeit maßgeblich durch Stipendien des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt sowie im Rahmen des SFB 1583/1 (DECIDE), TRR 359 (PILOT) und der Exzellenzstrategie der DFG Deutschland - EXC 2155 (RESIST) gefördert.

Publikation: 
Greta Ehlers, Annika Marie Tödtmann, Lisa Holsten, Maike Willers, Julia Heckmann, Jennifer Schöning, Maximilian Richter, Anna Sophie Heinemann, Sabine Pirr, Alexander Heinz, Christian Dopfer, Kristian Händler, Matthias Becker, Johanna Büchel, Achim Wöckel, Constantin von Kaisenberg, Gesine Hansen, Karsten Hiller, Joachim L. Schultze, Christoph Härtel, Wolfgang Kastenmüller, Martin Vaeth, Thomas Ulas & Dorothee Viemann. Oxidative phosphorylation is a key feature of neonatal monocyte immunometabolism promoting myeloid differentiation after birth. Nat Commun 16, 2239 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-57357-w

Text: KL / Wissenschaftskommunikation

 

Die Illustration zeigt links ein Neugeborenes mit Nabelschnur, rechts eine erwachsene Person, dazwischen Elemente um den Stoffwechsel zu illustrieren: blaues Dreieck oben steht für oxidative Phosphorylierung, das nach rechts immer spitzer wird, rotes Dreieck unten steht für Glykolyse, das nach nach rechts immer breiter wird.
Neugeborene nutzen einen anderen Stoffwechselmechanismus als Erwachsene, um ihr Immunsystem zu entwickeln. Ihre Blutmonozyten gewinnen die Energie hauptsächlich durch oxidative Phosphorylierung, die für die weitere Differenzierung der Zellfunktionen nach der Geburt notwendig ist. Erst durch die Umweltexposition des Immunsystems wird der Stoffwechsel neonataler Monozyten mit zunehmendem Alter auf den erwachsenen Stoffwechseltyp, die Glykolyse umprogrammiert. © UKW mit Canva

Schon zweihundert MIAI-Babys

Studienprotokoll in Frontiers in Immunology veröffentlicht

Der Datenschatz der MIAI-Geburtskohorte soll Aufschluss darüber geben, wie sich das Immunsystem von Kindern im ersten Lebensjahr entwickelt und warum manche Kinder anfälliger für schwere Virusinfektionen sind als andere.

 

Baby Fabian liegt zufrieden auf dem Wickeltisch, während die Studienärztin einen Hautabstrich macht.
Fabian ist das zweihundertste MIAI-Baby. Die Geburtskohorte MIAI des Uniklinikums Würzburg untersucht die Entwicklung des Immunsystems gegen Virusinfektionen der Atemwege. MIAI steht für Maturation of Immunity Against Influenza. © Kirstin Linkamp / UKW
Fabian, das 200ste MIAI-Baby wird von der Studienärztin mit dem Stethoskop abhört.
Studienärztin Dr. Janina Marißen untersucht Fabian vier Wochen nach seiner Geburt in der MIAI-Studienambulanz der Kinderklinik. Sie hört Herz und Lunge ab, überprüft den Muskeltonus und sammelt biologische Proben wie zum Beispiel Hautabstriche. © Kirstin Linkamp / UKW
Die Mutter hält den vier Wochen alten Fabian im Arm, sein Vater steht daneben.
Fabians Eltern freuen sich, dass sie mit ihren und Fabians Daten einen wertvollen Beitrag für die Wissenschaft leisten können. Die Ergebnisse von MIAI könnten helfen, die Immunität gegen Atemwegsviren besser zu verstehen und Empfehlungen zu geben, wie Eltern die Entwicklung des Immunsystems frühzeitig fördern können, um schwere Krankheitsverläufe zu vermeiden. © Kirstin Linkamp / UKW

Würzburg. Fabian ist das zweihundertste MIAI-Baby. Mit ihm hat die MIAI-Studienambulanz des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) einen wichtigen Meilenstein erreicht, um schon einige der Fragestellungen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes anzugehen. Mit den in der MIAI-Geburtskohorte gesammelten Daten, Untersuchungsergebnissen und Bioproben will das Studienteam um Prof. Dr. Dorothee Viemann verstehen, wie Babys im ersten Lebensjahr lernen, sich gegen Viren wie Influenza, RSV oder SARS-CoV-2 zu verteidigen. MIAI steht für Maturation of Immunity Against Influenza - die Entwicklung des Immunsystems gegen Virusinfektionen der Atemwege. Virale Atemwegsinfektionen sind nach wie vor weltweit ein großes Problem und verursachen zahlreiche Erkrankungen und Todesfälle. 

Welche Einflüsse prägen das Immunsystem? 

Nach der Geburt reift das Immunsystem und passt sich der neuen Umwelt an. Wie gut sich unser Immunsystem zur Abwehr solche Virusinfektionen entwickelt, hängt neben genetischen Faktoren vor allem von Umwelteinflüssen ab. Welche Umweltfaktoren die Immunreifung fördern und welche sie stören, ist allerdings bis heute nicht ganz klar. Zudem gilt es zu verstehen, welche Komponenten und Zellen des Immunsystems bei Neugeborenen und Kindern wichtig sind, um schwere Atemwegsinfektionen zu verhindern. Diese Unklarheiten nimmt der Lehrstuhl für Translationale Pädiatrie der Kinderklinik gemeinsam mit der Frauenklinik in der MIAI-Studie genauer unter die Lupe. 

Das MIAI-Team untersucht zum Beispiel, welche Rolle der sozioökonomische Hintergrund, die Anzahl von Familienmitgliedern, Kinderkrippenbesuche, Impfungen, Infektionen und Ernährung bei der frühen Entwicklung von Immunantworten spielen. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Bildung des Mikrobioms, also der Gesamtheit der Mikroorganismen im Körper, und der Entwicklung der Immunität gegen diese Virusinfektionen nach der Geburt gibt.

Dazu werden die Kinder direkt nach der Geburt in der Würzburger Frauenklinik sowie nach einem, sechs und zwölf Monaten in der MIAI-Studienambulanz der benachbarten Kinderklinik untersucht. Dabei werden der Gesundheitszustand der Kinder erfragt, verschiedene biologische Proben wie Hautabstriche und Stuhlproben gesammelt, die Babys gemessen und gewogen, Herz und Lunge abgehört und der Muskeltonus überprüft.

MIAI-Kinder liefern wichtigen Beitrag für die Wissenschaft 

Die Pläne und das Design der MIAI-Studie sowie die Charakteristika der ersten 171 MIAI-Babys hat Dorothee Viemann jetzt mit ihrem Team in der Fachzeitschrift Frontiers in Immunology veröffentlicht. Besonders hervorzuheben sei die Akzeptanz des Studiendesigns. „Wir haben eine relativ geringe Abbruchquote von etwa 8 Prozent“, berichtet Studienkoordinatorin Dr. Carina Hartmann, die gerade selbst Mutter eines Sohnes geworden ist. Dazu zählen auch Familien, die aus Würzburg weggezogen sind. „Ohne die Eltern könnten wir die MIAI-Studie nicht durchführen. Und die Eltern sind wirklich sehr engagiert, sie kommen gerne zu uns, jetzt auch schon mit den ersten Geschwisterkindern. Das spricht für die Studie und das Studienteam. Unser Studienteam hat zu jedem Kind ein Gesicht und verfolgt seine Entwicklung mit Spannung und Freude.“

Viele Eltern schätzen den zusätzlichen Blick auf ihr Kind neben den U-Untersuchungen beim niedergelassenen Kinderarzt, die Motive für die Teilnahme an der Studie sind aber vor allem altruistischer Natur. Auch Fabians Eltern machen gerne bei MIAI mit, „weil wir mit unseren und Fabians Daten einen wertvollen Beitrag für die Wissenschaft leisten können“. Denn die Ergebnisse könnten helfen, die Immunität gegen Atemwegsviren besser zu verstehen und Empfehlungen zu geben, wie Eltern die Entwicklung des Immunsystems frühzeitig fördern können, um schwere Krankheitsverläufe zu vermeiden. 

MIAI-Studie geht weiter – Dank des großen Engagements der Eltern und weiterer Fragestellungen

Viele Erkrankungen werden erst nach der Säuglingszeit sichtbar. Ein frühkindliches Asthma bronchiale ist dafür ein klassisches Beispiel. Häufige Bronchitiden im Laufe des ersten Lebensjahrs können ein Vorläufersymptom für ein Asthma sein, aber nicht bei jedem Kind manifestiert sich tatsächlich diese chronische Atemwegserkrankung. Um solche Zusammenhänge zu verstehen und Faktoren zu identifizieren, die die Entstehung chronisch immunologischer Erkrankungen begünstigen, ist die Nachverfolgung der MIAI-Kinder über das erste Lebensjahr hinaus nun unerlässlich.

Wenn es die finanziellen Möglichkeiten erlauben, würden Prof. Dorothee Viemann und Prof. Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik, gesundheitsrelevante Daten gerne bis über das 16. Lebensjahr hinaus sammeln. „In der Pubertät wird im Immunsystems nochmals vieles neugeordnet und reprogrammiert“ erklärt Dorothee Viemann. „Mit diesem Projekt würden wir den Grundstein für wichtige zukünftige Erkenntnisse legen - eine solche Kohorte wäre gerade für die kommende Generation an Forscherinnen und Forschern ein unglaublicher Schatz!“

Studienwebseite mit weiteren Informationen: www.ukw.de/miai.

Publikation:
Carina R. Hartmann, Robin Khan, Jennifer Schöning, Maximilian Richter, Maike Willers, Sabine Pirr, Julia Heckmann, Johannes Dirks, Henner Morbach, Monika Konrad, Elena Fries, Magdalene Winkler, Johanna Büchel, Silvia Seidenspinner, Jonas Fischer, Claudia Vollmuth, Martin Meinhardt, Janina Marissen, Mirco Schmolke, Sibylle Haid, Thomas Pietschmann, Simona Backes, Lars Dölken, Ulrike Löber, Thomas Keil, Peter U. Heuschmann, Achim Wöckel, Sagar, Thomas Ulas, Sofia K. Forslund-Startceva, Christoph Härtel, Dorothee Viemann. A clinical protocol for a German birth cohort study of the Maturation of Immunity Against respiratory viral Infections (MIAI). Frontiers in Immunology, Volume 15 - 2024, https://doi.org/10.3389/fimmu.2024.1443665

Text: Kirstin Linkamp / UKW 

Kontakt, Öffnungszeiten, Sprechzeiten

Terminvereinbarung

nur für ambulante Termine
+49 931 201-27855

Montag bis Donnerstag
08:00 bis 12:00 Uhr

ki_ambtermin@ ukw.de

Telefon

Kinderklinik-Pforte
+49 931 201-27728 oder
+49 931 201-27915

Notfälle
+49 931 201-27728

Intensivstation
+49 931 201-27726

Direktions-Sekretariat
+49 931 201-27831 oder
+49 931 201-27832

Fax

+49 931 201-27798


Anschrift

Kinderklinik und Poliklinik des Universitätsklinikums und der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität
Josef-Schneider-Straße 2 | Haus D31 | 97080 Würzburg | Deutschland