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Tabuthema Inkontinenz: Neues Zentrum am UKW bietet interdisziplinäre Hilfe

Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Unterfranken gegründet

Das interdisziplinäre Behandlungsteam freut sich über die Gründung des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums Unterfranken am Universitätsklinikum Würzburg. © Kirstin Linkamp / UKW
Das interdisziplinäre Behandlungsteam freut sich über die Gründung des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums Unterfranken am Universitätsklinikum Würzburg. © Kirstin Linkamp / UKW

Würzburg. Das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) hat sein Leistungsspektrum erweitert. Im Februar 2026 eröffnete die Klinik das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Unterfranken. In diesem zertifizierten Spezialzentrum der Komplexversorgung bündeln Ärztinnen und Ärzte der Urologie, Gynäkologie und Allgemeinchirurgie ihre Expertise, um Frauen, Männer und Kinder mit Harn- oder Stuhlinkontinenz, Blasen- und Darmentleerungsstörungen sowie Senkungen der Beckenorgane umfassend und individuell zu versorgen.

Wenn der Alltag zur Belastung wird

Maria M. plante ihren Alltag nach der nächstgelegenen Toilette. Spaziergänge, längere Autofahrten oder Theaterbesuche wurden für die 52-jährige Mutter von drei Kindern zur Herausforderung. Aus Scham sprach sie lange mit niemandem über ihre Harninkontinenz. Erst als die Einschränkungen zunahmen, suchte sie ärztliche Hilfe.

Solche Leidensgeschichten sind für Dr. Oliver Hahn, den Sprecher des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums, keine Seltenheit. „Inkontinenz ist weiterhin ein Tabuthema, viele Betroffene leiden lange im Stillen“, sagt Oliver Hahn. „Dabei gibt es keinen Grund, sich für diese Erkrankung zu schämen.“

Etwa die Hälfte aller Frauen ist in unterschiedlichem Ausmaß von Beckenbodenbeschwerden wie Inkontinenz oder einer Senkung betroffen. Meist sind Schwangerschaft und Geburt die Ursache. „Häufig treten die Beschwerden auch schon bei jungen Frauen auf und schränken die Lebensqualität massiv ein“, sagt Dr. Bettina Blau-Schneider, Bereichsleiterin der Urogynäkologie in der Frauenklinik des UKW. 

Auch neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Morbus Parkinson können ursächlich für Harn- oder Stuhlinkontinenz sowie für Störungen der Blasen- und Darmentleerung sein. Zusätzlich können Männer nach urologischen Eingriffen, etwa nach der Entfernung der Prostata, unter Beschwerden leiden. 

„Da es deutschlandweit nur wenige zertifizierte Kontinenz- und Beckenbodenzentren gibt, behandeln wir am UKW Betroffene aus ganz Süddeutschland“, sagt Bettina Blau-Schneider.

Gebündelte Expertise als zentraler Behandlungsvorteil

Der besondere Mehrwert des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums Unterfranken liegt in der engen räumlichen und organisatorischen Verzahnung der drei beteiligten Kliniken des UKW:

  • der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie,
  • der Frauenklinik und Poliklinik sowie
  • der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie.

Das Behandlungsteam bespricht alle Patientinnen und Patienten in einem gemeinsamen Austausch, dem interdisziplinären Patientenboard. So können Diagnostik und Therapie abgestimmt und ohne lange Wege erfolgen. 

„Blase, Gebärmutter und Darm hängen im Beckenboden räumlich und funktionell eng zusammen. Deshalb ist es bei Beschwerden wichtig, den gesamten Beckenboden zu betrachten und die Therapie interdisziplinär zu planen“, sagt PD Dr. Joachim Reibetanz, Geschäftsführender Oberarzt in der Allgemeinchirurgie des UKW. Gemeinsam mit seinem Team sowie den urologischen Kolleginnen und Kollegen operiert er beispielsweise Patienten, bei denen eine Beckenbodensenkung sowohl die Blase als auch den Darm beeinträchtigt. So können beide Probleme in einer Operation behandelt werden. 

Je nach Krankheitsbild werden zur Diagnosestellung und der Behandlung weitere Kliniken des UKW eingebunden, etwa die Neurologie, die Kinderklinik, die Radiologie oder die Psychosomatik. Darüber hinaus kooperiert das Zentrum mit einer niedergelassenen Physiotherapeutin. 

Individuelle Therapie – konservativ und operativ

Im Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Unterfranken stehen abhängig von der Diagnose, dem Schweregrad, Begleiterkrankungen sowie den persönlichen Wünschen der Patientinnen und Patienten unterschiedliche Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Neben konservativen Maßnahmen wie Kontinenzberatung, Beckenbodentraining, Elektrostimulation, Physiotherapie oder medikamentöser (Schmerz-)Therapie umfasst das Leistungsangebot sämtliche moderne operative Verfahren.

In der Urologie werden schonende Verfahren wie Band- und Schlingenoperationen eingesetzt, um die Harnröhre zu stützen. In ausgewählten Fällen kommen künstliche Schließmuskelsysteme zum Einsatz. Außerdem besteht die Möglichkeit einer Botox-Therapie der Harnblase zur Behandlung einer überaktiven Blase.

In der Gynäkologie werden Senkungen der Gebärmutter, der Scheide sowie anderer Beckenorgane, wie Blase und Enddarm, mit modernen Operationsmethoden behandelt. Das Gleiche gilt für Belastungsinkontinenz (ungewollter Urinverlust bei körperlicher Belastung) und Dranginkontinenz (plötzlicher, starker Harndrang und Urinverlust). Die Operation kann dabei vaginal oder minimalinvasiv über kleine Bauchschnitte, in vielen Fällen auch robotisch assistiert erfolgen. Für jede Patientin wird nach einer ausführlichen Beratung individuell die passende Methode ausgewählt.

Für Stuhlinkontinenz und Darmentleerungsstörungen steht die gesamte Bandbreite der Koloproktologie zur Verfügung, dem spezialisierten chirurgischen Fachgebiet für Erkrankungen des Dickdarms, Enddarms und Afters. Behandelt werden sowohl funktionelle Störungen des Beckenbodens als auch gut- und bösartige Erkrankungen. Viele Eingriffe können minimalinvasiv durchgeführt werden, was die Belastung für die Patientinnen und Patienten reduziert.

Zertifizierung bestätigt hohe Qualitätsstandards

Nach einer zweijähriger Aufbauzeit und entsprechender Praxiserfahrung durchlief das Zentrum im Februar 2026 erfolgreich das Zertifizierungsverfahren und wurde am 20. Februar offiziell als „Kontinenz- und Beckenbodenzentrum der Komplexversorgung“ anerkannt. 

Die Zertifizierung erfolgte auf Grundlage gemeinsamer Kriterien mehrerer Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die Deutsche Gesellschaft für Urologie, die Deutsche Kontinenz Gesellschaft sowie die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Sie bestätigt, dass am UKW die strukturellen, personellen und fachlichen Voraussetzungen für eine spezialisierte interdisziplinäre Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Beckenboden- und Kontinenzerkrankungen erfüllt sind.

Kontakt

Nähere Informationen zum Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Unterfranken sowie die Kontaktdaten zur Terminvereinbarung sind auf der Webseite des Zentrums zu finden. 

 

 

Text: Annika Wolf / UKW

Neuer Hybrid-Operationssaal erfolgreich im Einsatz

Mehr Sicherheit, kürzere Wege und präzisere Eingriffe: Hybrid-OP des UKW vereint Bildgebung und operative Therapie

Der 66 Quadratmeter große Hybrid-OP wird von verschiedenen Klinikbereichen des UKW genutzt. © Kim Sammet / UKW
Der 66 Quadratmeter große Hybrid-OP wird von verschiedenen Klinikbereichen des UKW genutzt. Auf dem Bild: Dr. Khaled Hamouda, Prof. Stefan Frantz, Privatdozent Frank Schönleben, Kristin Uhl. © Kim Sammet / UKW
OP-Pflegekraft Ayse Ceylan steuert die neue Röntgenanlage im Hybrid-OP des UKW. © Kim Sammet / UKW
OP-Pflegekraft Ayse Ceylan steuert die neue Röntgenanlage im Hybrid-OP des UKW. © Kim Sammet / UKW

Würzburg. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) wird nun in einem neuen Hybrid-Operationssaal operiert. Der 66 Quadratmeter große Raum vereint modernste hochauflösende radiologische Bildgebung und voll ausgestattete operative Infrastruktur.

Ein konkretes Beispiel: Bei einem Aortenaneurysma, einer potenziell lebensbedrohlichen Erweiterung der Hauptschlagader, ist die exakte und zügige Platzierung eines Stents zur Stabilisierung der Arterie und Ausschaltung des Aneurysmas entscheidend für den Behandlungserfolg. Gefäßchirurginnen und -chirurgen implantieren diesen Stent im Hybrid-OP. Dank integrierter Echtzeit-Bildgebung lassen sich dessen Platzierung und der Blutfluss unmittelbar kontrollieren – ohne Umlagerung des Patienten und ohne Zeitverlust zwischen Diagnostik und Therapie.

„Mit unserem neuen Hybrid-OP setzen wir Maßstäbe in der intraoperativen Diagnostik und Behandlung. Er stärkt die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ermöglicht hochkomplexe Eingriffe auf universitärem Spitzenniveau“, sagt Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKW.

Die parallele Durchführung von Diagnostik und Therapie hat spürbare Vorteile für Patientinnen und Patienten sowie für die Behandlungsteams, darunter kürzere Eingriffszeiten, maximale Präzision durch Echtzeit-Bildgebung, der größtmögliche Erhalt gesunden Gewebes und zusätzliche Sicherheit durch direkte intraoperative Kontrollmöglichkeiten. 

Umbau und Modernisierung in Eigenregie

Im April 2025 begann unter der Leitung des Geschäftsbereichs „Technik und Bau“ des UKW der Umbau des spezialisierten Operationsbereichs. Dabei wurde der Hybrid-OP in den zentralen OP-Bereich des Zentrums für Operative Medizin integriert. Zudem wurde auch ein großer Teil des Operationstrakts modernisiert und reorganisiert. Nach einer Bauzeit von neun Monaten ging der neue Hybrid-Operationssaal am 19. Januar 2026 erfolgreich in Betrieb.

Mit dem Umzug wurde die technische Ausstattung des Hybrid-OP‘s modernisiert und deutlich erweitert. Die Bildgebung erfolgt nun über einen flexibel steuerbaren, bodengebundene Roboterarm, während früher eine fest an der Decke montierte Anlage genutzt wurde. „Die neue Bauart ermöglicht eine optimale Flächennutzung, optisch ähnelt der Hybrid-OP einem konventionellen OP-Saal“, erläutert Dr. András K. Szabó, Leiter des OP-Managements am UKW. „Dadurch finden sich die unterschiedlichen chirurgischen Teams schnell zurecht und der Saal kann sehr flexibel für verschiedene Eingriffe genutzt werden.“ 

Flexible Nutzung für mehrere Fachdisziplinen 

Der Hybrid-OP wird für Eingriffe der Gefäßchirurgie sowie gemeinsame Eingriffe der Kardiologie und Herzchirurgie genutzt. Perspektivisch wird auch die Unfallchirurgie des UKW im Hybrid-OP operieren.

„Bei kathetergestützten Herzklappentherapien werden die Herzklappen in der Mehrzahl der Fälle über die Leistenarterie eingebracht. Wir haben also bei der Implantation keine direkte Sicht auf die zu ersetzende Klappe, sondern sind auf präzise Bildinformationen angewiesen. Gleichzeitig wird aber das komplette Arbeitsumfeld eines OP-Saals benötigt; in seltenen Fällen muss auch einmal auf einen offenen Eingriff gewechselt werden. Der Hybrid-OP ist also das ideale Arbeitsumfeld, um modernste Herzklappen exakt und sicher zu implantieren“, betont Prof. Dr. Stefan Frantz, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I.

„Mit dem neuen robotergestützten Angiografie-System im Hybrid-OP können wir unsere Patientinnen und Patienten noch gezielter und schonender behandeln. Insbesondere bei komplexen arteriellen Erkrankungen wie Aneurysmen unterstützt die Anlage wie ein Navigationssystem dabei, die notwendigen Prothesen punktgenau an den betroffenen Stellen einzusetzen. Die neu angeschaffte Röntgenanlage lässt sich sehr präzise steuern und liefert hervorragende Bilder. Diese exzellenten Rahmenbedingungen tragen wesentlich zu einer gesteigerten Patientensicherheit bei“, ergänzt Privatdozent Dr. Frank Schönleben, Leiter der Gefäßchirurgie in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie des UKW.

Verbesserte Arbeitsbedingungen für OP-Pflegekräfte

In der OP-Schleuse wurde im Zuge der Umbauarbeiten ein deckenmontierter Patientenlifter installiert. Dieser erleichtert das Umlagern narkotisierter Patientinnen und Patienten zwischen Klinikbett und OP-Tisch. „Der Lifter ermöglicht den Pflegekräften rückenschonendes und sicheres Arbeiten und gewährleistet zugleich ein hohes Maß an Patientensicherheit“, erklärt Kristin Uhl, Gesamtleitung der OP-Pflege im Zentral-OP.

Weitere Informationen zum Zentral-OP und weiteren OP-Bereichen des UKW

Im Zentral-OP des Zentrums für Operative Medizin operieren fünf Kliniken des UKW in 18 Operationssälen:

  • die Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie,
  • die Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie,
  • die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie,
  • die Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie und
  • die Medizinische Klinik I.

Weitere OP-Bereiche des UKW befinden sich in der Kopfklinik (Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Neurochirurgie und Augenklinik), der Frauenklinik, der Dermatologie sowie in der Mund-, Kiefer- und Plastischen Gesichtschirurgie.

Weitere Stimmen zum neuen Hybrid-OP 

  • „Wie der Name schon sagt, vereint der Hybrid-Saal die Vorteile einer chirurgischen Operation mit denen einer röntgengeführten Intervention. Dadurch können unsere Patientinnen und Patienten noch schonender und effizienter behandelt werden.“ – Dr. Khaled Hamouda, Stellvertretender Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie
  • „Aus anästhesiologischer Sicht ist der Hybrid-OP ein zentraler Baustein moderner Hochleistungsmedizin. Die Kombination aus Raum, Technologie und interdisziplinärer Zusammenarbeit schafft die Grundlage für eine individualisierte, hochpräzise Patientenversorgung.“ - Privatdozent Dr. Maximilan Kippnich, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie
  • „Da der OP-Betrieb uneingeschränkt weiterlaufen musste, wurden die Bauarbeiten für den neuen Hybrid-Operationssaal während des laufenden Betriebs realisiert. Das erforderte eine präzise Abstimmung aller Beteiligten sowie ein hohes Maß an Flexibilität. Zusätzlich zu den ausführenden Gewerken waren phasenweise mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden unserer Bauabteilung parallel im Projekt eingebunden.“ – Bertram Bräutigam, Leiter der Abteilung „Bau“ im Geschäftsbereich Technik und Bau
  • „Für die erfolgreiche Neugestaltung des Hybrid-OP‘s war vor allem das fachübergreifende Miteinander während der gesamten Projektdauer entscheidend. Nur durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Vorstand, Ärzteschaft, Pflege, Einkauf, Planern und Technikern konnte das Projekt im vorgesehenen Zeitplan umgesetzt werden.“ – Jörn Braungardt, Leiter des Geschäftsbereichs Technik und Bau
  • „Die minimalinvasive, Katheter-basierte Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Herzklappenerkrankungen gehört zu den großen medizinischen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre. Gerade ältere, aber zunehmend auch jüngere Erkrankte profitieren maximal von einer stetig wachsenden Anzahl hocheffektiver, schonender Therapieverfahren. Der neue Hybrid-OP setzt hier neue Maßstäbe, um in diesem wichtigen Behandlungsfeld auch für die Zukunft die bestmögliche Therapie für unsere Patientinnen und Patienten am UKW zu ermöglichen.“ – Privatdozent Dr. Peter Nordbeck, Leiter der Kardiologie und des Herzkatheterlabors in der Medizinischen Klinik I

 

Text: Annika Wolf / UKW

Premiere am UKW: Interprofessionelle Ausbildungsstation „WIPSTA“ stärkt Zusammenarbeit von Pflege und Medizin

UNIVERSITÄTSKLINIKUM SETZT DEUTLICHES ZEICHEN FÜR INTERPROFESSIONELLES LEHREN UND LERNEN

Pflegeazubis und Medizinstudierende sprechen an einem Visitenwagen
Vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 versorgen Pflegeauszubildende und Medizinstudierende erstmals gemeinsam und weitgehend eigenständig Patientinnen und Patienten auf der Würzburger Interprofessionellen Ausbildungsstation (WIPSTA). © Marc Abraham, UKW

Gemeinsam Verantwortung übernehmen, das Gelernte in einem realistischen Umfeld umsetzen und voneinander profitieren, das sind die Ziele von „WIPSTA“, der neuen interprofessionellen Ausbildungsstation am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 werden erstmals Pflegeauszubildende und Medizinstudierende gemeinsam und weitgehend eigenständig Patientinnen und Patienten auf einer viszeralchirurgischen Station versorgen.

Würzburg. Sieht die OP-Naht reizlos aus? Sollte vor der Entlassung noch ein Kontroll-Röntgen erfolgen? Ist die nachstationäre Versorgung gesichert, der Medikamentenschrank ausreichend gefüllt – und reicht das Personal für den nächsten Spätdienst? 20 Pflegeauszubildende im dritten Ausbildungsjahr und vier Medizinstudierende im Praktischen Jahr werden bald Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden. 

Auf der Würzburger Interprofessionellen Ausbildungsstation (WIPSTA) übernehmen die angehenden Fachkräfte vom 23. Februar bis zum 5. März 2026 erstmals gemeinsam und weitgehend eigenständig die Verantwortung für die Versorgung von 26 viszeralchirurgischen Patientinnen und Patienten sowie für alle organisatorischen Aufgaben, die den Stationsalltag prägen.

WIPSTA ist ein Gemeinschaftsprojekt der Pflegedirektion, des Zentrums für Studiengangsmanagement und -entwicklung sowie der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie am UKW. Das realistische Lernumfeld fördert gemeinsames Lernen auf Augenhöhe, stärkt das Verantwortungsbewusstsein sowie die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen und verbessert die interprofessionelle Entscheidungsfähigkeit. Dadurch werden die angehenden Gesundheitsfachkräfte auf die zunehmend vernetzte Versorgungspraxis vorbereitet. „Wenn die Berufsgruppen später selbstverständlich zusammenarbeiten sollen, ist es nur folgerichtig, dass sie auch gemeinsam ausgebildet werden, also miteinander und voneinander lernen,“ betont Prof. Sarah König, Studiendekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg.

Die Lernenden erleben, wie sich interprofessionelles Handeln positiv auf die Versorgungsqualität sowie die Zufriedenheit im Team und bei den Patientinnen und Patienten auswirkt. „Für unsere Pflegeauszubildenden ist es etwas ganz Besonderes, eine Station eigenverantwortlich zu führen. Gemeinsam mit den Medizinstudierenden erleben sie hautnah, wie wichtig gute Abstimmung und gegenseitiges Vertrauen im Alltag sind,“ sagt Rainer Janotta, Klinikpflegedienstleitung am UKW. 

Intensive Vorbereitung auf den Praxiseinsatz

Bevor die Pflegeauszubildenden und Medizinstudierenden die Station in der Viszeralchirurgie übernehmen, durchlaufen sie gemeinsam eine dreitägige Vorbereitungsphase. Dabei trainieren sie zentrale Aufgaben wie Wund- und Stomaversorgung, klinische Dokumentation, Medikationsmanagement, Visitenführung sowie strukturierte Übergaben. Praktische Fertigkeiten werden an Simulatoren und Modellen eingeübt, während die Teamkoordination und Kommunikation in Rollenspielen trainiert wird.

Eine anschließende Einarbeitungswoche dient dem Kennenlernen der Stationsabläufe. Danach tragen die Teilnehmenden zwei Wochen lang Verantwortung für die gesamte Organisation, Dokumentation und Patientenversorgung. Dabei gibt es eng geknüpfte Sicherheitsnetze.

Höchste Patientensicherheit ist gewährleistet

Dem neuen Stationsteam steht während des gesamten Projekts fachkundige Unterstützung zur Seite. Erfahrene Pflegefachpersonen, Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter, Lehrbeauftragte sowie Ärztinnen und Ärzte unterstützen das Team im Hintergrund. Sie begleiten die Arbeit kontinuierlich, greifen bei Bedarf unterstützend ein, fördern Reflexion und geben gezielte Rückmeldungen. 

Zum Abschluss des Projekts ziehen alle Beteiligten gemeinsam Bilanz, identifizieren Herausforderungen und entwickeln Impulse für die Weiterentwicklung von WIPSTA.

Von Anfang an gemeinsam arbeiten

Mit WIPSTA setzt das UKW ein deutliches Zeichen für eine zukunftsorientierte und teamorientierte Ausbildung. Das Projekt knüpft an das am UKW etablierte Format „Pflegeauszubildende leiten eine Station“ an und erweitert es gezielt um die ärztliche Perspektive. Die interprofessionelle Ausbildungsstation schließt somit eine wichtige Lücke zwischen pflegerischer und ärztlicher Ausbildung und leistet einen Beitrag zur Entwicklung einer modernen, patientenzentrierten Gesundheitsversorgung. 

Faszination der Chirurgie hautnah erleben

Erste Würzburger „Winter School for Surgery“ für Studierende der Humanmedizin vom 2. bis 5. März 2026

4 Fachkräfte in OP-Kluft mit Kittel, Haube und Mundschutz stehen am Operationstisch und behandeln einen Patienten
Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery bietet vom 2. bis 6. März am Uniklinikum Würzburg (UKW) Studierenden der Humanmedizin die Möglichkeit, die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben. Foto: Pastyrik / UKW

Teamarbeit unter Hochspannung, High-Tech-Medizin trifft auf menschliche Grenzsituationen – kein Operationstag ist wie der andere, selbst Routineeingriffe bleiben anspruchsvoll und man sieht sofort, was man bewirkt hat. Solche Aussagen fallen immer wieder, wenn Chirurginnen und Chirurgen ihre Fachrichtung begründen. Chirurgie bedeutet entscheiden, handeln und Verantwortung übernehmen – oft innerhalb weniger Sekunden. Genau diese Unmittelbarkeit, die Verbindung von medizinischem Wissen, handwerklicher Präzision und intensiver Teamarbeit, macht die Chirurgie für viele Ärztinnen und Ärzte so faszinierend. 

„Cutting Edge“ Winter School for Surgery mit spannenden Vorträgen und praxisnahen Workshops  

Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery am Uniklinikum Würzburg (UKW) bietet Studierenden der Humanmedizin aus ganz Deutschland erstmals die Möglichkeit, dieses besondere Fachgebiet nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern auch die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben sowie mit erfahrenen Chirurginnen und Chirurgen ins Gespräch zu kommen.

Vom 2. bis 5. März 2026 gibt es auf dem Campus und in den Kliniken neben spannenden Vorträgen und praxisnahen Workshops auch intensive Hands-on-Übungen unter Anleitung erfahrener Expertinnen und Experten. Auf dem Programm stehen unter anderem Nahttechniken und Knotenkunde, praktische Übungen an Modellen zur minimalinvasiven Chirurgie und Robotik. In Impulsvorträgen werden renommierte Chirurginnen und Chirurgen aus dem gesamten Bundesgebiet von ihren Erfahrungen berichten und Wege in die Chirurgie aufzeigen. Neben den Expertinnen und Experten stehen auch Fachkräfte in verschiedenen Ausbildungsstadien für einen Austausch zur Verfügung. 

Bewerbung um eine Teilnahme 

Interessierte vor dem Praktischen Jahr sollten bis zum 15.02.2026 - am besten so schnell wie möglich - einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben an folgende E-Mail-Adresse senden: CuttingEdge@ ukw.de. Es stehen 20 Plätze zur Verfügung.

Zur Webseite: https://www.ukw.de/chirurgie-i/winter-school/

4 Fachkräfte in OP-Kluft mit Kittel, Haube und Mundschutz stehen am Operationstisch und behandeln einen Patienten
Die „Cutting Edge“ Winter School for Surgery bietet vom 2. bis 6. März am Uniklinikum Würzburg (UKW) Studierenden der Humanmedizin die Möglichkeit, die faszinierende Welt der Chirurgie und modernste Operationstechniken hautnah zu erleben. Foto: Pastyrik / UKW

Strahlkraft für die Krebsforschung: BZKF stärkt Würzburger Leuchtturm „Präklinische Modelle“

KNAPP EINE MILLION EURO FÜR DIE ZWEITE FÖRDERPHASE UND DEN AUSBAU STANDORTÜBERGREIFENDER TUMORMODELL-DATENBANKEN

Das Leuchtturmprojekt „Präklinische Modelle“ wird seit zwei Jahren vom Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF) gefördert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Nicolas Schlegel, Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg, wurden in dieser Zeit zwei standortübergreifende Datenbanken mit Organoid-Modellen und Tiermodellen verschiedener Tumorentitäten aufgebaut. Das Ergebnis hat das BZKF überzeugt, sodass es den Leuchtturm in der zweiten Förderphase mit weiteren 980.000 Euro fördert. In den nächsten zwei Jahren sollen die Datenbanken auf einer Plattform zusammengeführt werden, um die Verfügbarkeit präklinischer Modelle an allen sechs BZKF-Standorten noch sichtbarer zu machen. Darüber hinaus sollen die bürokratische Genehmigungsprozesse verbessert und Testmodelle für die Validierung von Zielstrukturen etabliert werden.

 

Schwarz-weiß-Aufnahmen von drei verschiedenen Organoiden
Organoid aus gesundem Gewebe (links), aus einem Darmpolypen (Mitte) sowie rechts ein Tumor-Organoid aus dem Gewebe eines Patienten mit kolorektalem Karzinom. © UKW
Die vier Forschenden stehen in weißen Laborkitteln an einem gläsernen Geländer und stützen sich ab.
Das Team des BZKF-Leuchtturms Präklinische Modelle am UKW v.l.n.r. Sprecher Prof. Dr. Nicolas Schlegel (Sprecher), Anne Rech (Organoid-Datenbank), Dr. Mahasen Saati (Präklinische Tiermodelle), Prof. Dr. Christoph Otto (stellvertretender Sprecher). Nicht auf dem Bild ist Prof. Gabriele Büchel © Ulrich Bender
Der Mediziner steht in weißem Kittel mit verschränkten Armen im Flur des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel, Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am UKW, ist Sprecher des BZKF-Leuchtturms „Präklinische Modelle“. © Ulrich Bender

Würzburg. Leuchttürme dienen der Orientierung und Sicherheit, sie haben Strahlkraft und stehen für Zuversicht. All dies trifft auch auf die Leuchtturmprojekte des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung (BZKF) zu. Sie setzen sichtbare Impulse und weisen der innovativen Krebsforschung in Bayern den Weg nach vorn. An jedem der sechs BZKF-Standorte gibt es einen solchen Leuchtturm, der sich auf die spezifischen Stärken des jeweiligen Standorts fokussiert. Dadurch wird vorhandene Expertise genutzt, gebündelt und gezielt ausgebaut. 

Datenbanken umfassen inzwischen rund 150 humane Organoid-Modelle verschiedener Tumorentitäten sowie knapp 40 Tierversuchsmodelle

Am Uniklinikum Würzburg (UKW), in der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie (Chirurgie I), liegt die Expertise unter anderem auf der Organoid-Technologie. Mithilfe von Organoiden können Krankheitsmechanismen verstanden und neuartige Therapieansätze getestet werden.

Daher wurde vor zwei Jahren hier der BZKF-Leuchtturm „Präklinische Modelle“ unter der Planung von Prof. Dr. Armin Wiegering aufgestellt. Nach dessen Wechsel nach Frankfurt am Main übernahm Prof. Dr. Nicolas Schlegel, Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am UKW, die Sprecherfunktion. Gemeinsam mit seinem Team bestehend aus Prof. Dr. Christoph Otto, Anne Rech, Dr. Mahasen Saati sowie Prof. Dr. Gabriele Büchel von der Universität Würzburg, konnte er in der ersten Förderperiode zwei standortübergreifende Datenbanken aufbauen: die Organoid-Datenbank mit inzwischen rund 150 Ex-Vivo-Modellen verschiedener Tumorentitäten sowie die Datenbank für In-Vivo-Modelle mit derzeit knapp 40 onkologischen Tierversuchsmodellen.

BZKF bewilligt 980.000 Euro für die zweite Förderperiode

Der intensive Arbeitsaufwand in dieser kurzen Zeit hat das BZKF überzeugt. Die zweite Förderphase wurde bewilligt. „Ein enormer Erfolg!“, freut sich Nicolas Schlegel. Mit der maximal möglichen Fördersumme von insgesamt 980.000 Euro will das Team in den nächsten zwei Jahren die Verfügbarkeit präklinischer Modelle an allen sechs BZKF-Standorten sichtbarer machen. Hierzu sollen die Datenbanken optimiert und auf einer Plattform zusammengeführt werden. Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, die Einheit zur Validierung vielversprechender therapeutischer Zielstrukturen so weiter auszubauen, dass eine schnellere Übersetzung von Grundlagenforschung in die klinische Anwendung erreicht wird. 

Doppelstrukturen vermeiden und Synergieeffekte schaffen

„Präklinische Modelle sind für die medizinische Forschung unverzichtbar – sowohl für den Weg aus der Grundlagenforschung in die Klinik als auch zurück, also Translation Forward und Reverse“, sagt Nicolas Schlegel. Doch es ist sehr aufwändig, solche Modelle zu entwickeln. Damit nicht jede Gruppe alles immer wieder neu etablieren muss, informieren Datenbanken darüber, welche Modelle wo vorgehalten werden und wer für die Durchführung der Experimente kontaktiert werden kann. Dadurch sollen Doppelstrukturen vermieden und Synergieeffekte geschaffen werden. Ein wichtiges Ziel hierbei ist, die Zahl der Tierversuche im Sinne des 3R-Prinzips zu reduzieren (reduce), zu ersetzen (replace) und zu verbessern (refine). Dies kann nur durch eine optimale Planung erreicht werden.

Datenbanken miteinander verknüpfen, um die gesamte Translation abzubilden

„Nachdem wir die beiden Datenbanken auf der webbasierten Plattform REDCap aufgebaut und für jede Tumorentität eine eigene Eingabemaske entwickelt haben, wollen wir im nächsten Schritt die Dateneingabe und Abfrage noch intuitiver gestalten und alle Modelle zusammenführen. Damit soll die gesamte Translation auf einer Plattform in logischem Zusammenhang abgebildet werden“, berichtet Nicolas Schlegel und nennt zwei Beispiele. „Wir haben ein Organoid aus Gewebespenden eines Patienten, das bestimmte Mutationen aufweist. Über die Datenbank könnten wir ein passendes Tiermodell mit der humanen Veränderung assoziieren. Aus diesem Tiermodell könnten wir auch murine Organoid-Modelle entwickeln. Dieses passt zum humanen Modell und reduziert Tierversuche. Ähnlich verfahren wir, wenn wir in Zellkulturexperimenten eine interessante Zielstruktur entdecken: Zunächst wird diese in einem Organoid auf ihre Wirksamkeit getestet und im nächsten Schritt gegebenenfalls im Tiermodell angewandt, bevor sie für die Anwendung am Menschen weiterentwickelt werden kann. Diese komplexen Schritte zu vereinfachen, ist das Ziel der Datenbank."

Abbau von bürokratischen Hürden in der Versuchsplanung

Leider kann noch nicht gänzlich auf Tierversuche verzichtet werden, vor allem, wenn es darum geht, die Komplexität eines gesamten Organismus im Zusammenhang zwischen immunologischen Prozessen und Tumorentstehung abzubilden. Doch trotz des hohen Niveaus der Versuche sind die bürokratischen Hürden, neue Dinge weiterzuentwickeln, häufig noch höher. Das erschwert den internationalen Wettbewerb, gefährdet Karrieren und treibt junge Talente aus der akademischen Forschung in die Industrie, gibt Nicolas Schlegel zu bedenken. „Ein Ziel ist deshalb, die Genehmigungsprozesse zu verbessern, indem wir Protokolle detailliert abbilden, Anträge standardisieren und Tierversuchsvorhaben harmonisieren“, erklärt er und verweist auf andere Bundesländer, in denen die Standardisierung gut gelinge. 

Vereinfachung der Target-Validierung 

Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt im Leuchtturmprojekt verfolgt Prof. Dr. Gabriele Büchel vom Lehrstuhl für Biochemie und Molekularbiologie. Die Professorin für Dynamik zellulärer Proteinkomplexe versucht, bisher unzugängliche Zielstrukturen in Tumorzellen mit einer neuen Klasse von Arzneistoffen zu adressieren. Diese können krankmachende Proteine im Körper gezielt abbauen. 

In der Onkologie versucht man normalerweise, diese krankheitsauslösenden Proteine zu hemmen, beispielsweise indem ihre enzymatische Aktivität blockiert wird. Im neuen Ansatz werden die Proteine jedoch komplett aus der Zelle entfernt, indem man ihren Abbau einleitet. Dies erfolgt mithilfe des zellulären Mülleimersystems, dem Proteasom. Damit die Proteine gezielt zum Proteasom gelangen, werden sie mit sogenannten PROTACs (Proteolysis Targeting Chimeras) markiert. Allerdings müssen die PROTACs für jedes Zielprotein individuell hergestellt werden, was sehr aufwendig und zeitintensiv ist. Deshalb entwickelt Gabriele Büchel derzeit ein Modellsystem, mit dem geprüft werden kann, ob ein Protein tatsächlich therapeutisch vielversprechend ist und es sich lohnt, im nächsten Schritt ein teures PROTAC zu entwickeln. „Mithilfe dieses vereinfachten und effizienten Forschungsmodells können neue Therapie-Zielstrukturen getestet werden, ohne dass sofort komplexe Wirkstoffe hergestellt werden müssen“, fasst Nicolas Schlegel zusammen.

Je mehr sich registrieren, desto besser wird das Netzwerk und letztlich die Forschung

„Je mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich registrieren und ihre Modelle verfügbar machen, desto besser wird natürlich das Netzwerk und letztlich auch die Forschung im gesamten BZKF“, sagt Schlegel und nimmt Skeptikerinnen und Skeptikern gleich eine Sorge: „Es gibt Transfer-Agreement-Sheets, in denen vertraglich geregelt wird, was genau mit dem Organoid gemacht werden darf.“ Die Datenbank soll andererseits auch bei der Recherche helfen. Schlegels Wunsch ist es, dass Personen innerhalb und außerhalb des BZKF-Netzwerks, die zu einer Tumorentität Fragestellungen beantworten möchten, zuerst die Datenbank nutzen, um sich einen Überblick über die Verfügbarkeit humaner Organoid- und Tiermodelle zu verschaffen. Dadurch würde erheblich Zeit und Geld gespart, da nicht alles immer selbst entwickelt werden müsste.

Ein Kontaktformular für die Registrierung gibt es auf der Webseite des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie.

Über die Leuchtturmstrukturen des BZKF
Die Leuchtturmstrukturen sind die Grundlage für komplexe Weiterentwicklungen in den jeweiligen Bereichen. Sie übernehmen Servicefunktionen für das gesamte BZKF. Durch den Austausch von Proben und die Zuweisung von Patientinnen und Patienten mit besonderen Fragestellungen an die jeweils hochspezialisierte Stelle wird eine optimale Diagnostik und Therapie ermöglicht und es werden schnellere Fortschritte in den jeweiligen Bereichen erzielt. Diese Fortschritte kommen wiederum allen zugute. Die Leuchtturmstrukturen und die standortübergreifende Nutzung ihrer Expertise sichern die internationale Exzellenz und die bayernweite Teilhabe sowie die Verbesserung der Versorgung der Patientinnen und Patienten im BZKF. Weitere Informationen finden Sie unter: bzkf.de/standortspezifische-leuchttuerme

Text: Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation UKW

Schwarz-weiß-Aufnahmen von drei verschiedenen Organoiden
Organoid aus gesundem Gewebe (links), aus einem Darmpolypen (Mitte) sowie rechts ein Tumor-Organoid aus dem Gewebe eines Patienten mit kolorektalem Karzinom. © UKW
Die vier Forschenden stehen in weißen Laborkitteln an einem gläsernen Geländer und stützen sich ab.
Das Team des BZKF-Leuchtturms Präklinische Modelle am UKW v.l.n.r. Sprecher Prof. Dr. Nicolas Schlegel (Sprecher), Anne Rech (Organoid-Datenbank), Dr. Mahasen Saati (Präklinische Tiermodelle), Prof. Dr. Christoph Otto (stellvertretender Sprecher). Nicht auf dem Bild ist Prof. Gabriele Büchel © Ulrich Bender
Der Mediziner steht in weißem Kittel mit verschränkten Armen im Flur des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel, Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am UKW, ist Sprecher des BZKF-Leuchtturms „Präklinische Modelle“. © Ulrich Bender

Vom Schmierzettel im Würzburger Steakhaus zur Millionenförderung

Nicolas Schlegel über den neuen Sonderforschungsbereich, der aufdecken will, wie Desmosomen wichtige Epithelfunktionen sowohl bei Gesundheit als auch bei Krankheit regulieren / Würzburger Fokus liegt auf entzündlichen Darmerkrankungen

Porträt von Nicolas Schlegel im weißen Kittel mit verschränkten Armen im Flur des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel ist Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg und Standortsprecher des SFB/Transregio DEFINE © Ulrich Bender
Collage mit 37 Porträts der Personen, die im SFB/TRR forschen, in der Mitte sind die drei Standortsprecher etwas größer abgebildet.
Der neue SFB/Transregio DEFINE ist eine Kooperation der Universitäten Marburg, LMU München und Würzburg und wird geleitet von Nicolas Schlegel, Michael Hertl und Jens Waschke (größere Porträts in der Mitte von links nach rechts). © SFB/TRR DEFINE
Im Zentrum von DEFINE stehen Erkrankungen, die mit einer Fehlfunktion von Desmosomen in Verbindung stehen. Links sind die blasenbildende Hauterkrankung Pemphigus (oben) und die entzündete Schleimhaut bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (unten) zu sehen. Diese Erkrankungen dienen als Modell, um die Funktionen des Desmosoms in den verschiedenen Geweben zu verstehen. Desmosomen sind generell für die Zell-Zell-Adhäsion, die Barriere-Regulation, die Interaktion mit dem Immunsystem und die Regeneration von Geweben von Bedeutung. Das Fernziel besteht darin, neue Zielstrukturen zur spezifischen Stabilisierung der epithelialen Integrität als neue Therapieansätze zu identifizieren. Das Schema in der Mitte zeigt, wie die Membranproteine Desmoglein und Desmocollin, die hier wie grüne und dunkelrote „Perlenketten“ dargestellt sind, die Zellen außen zusammenhalten. Die in hell- und dunkelgrün abgebildeten „Kügelchen“ stellen die Plakoglobin- und Plakophilin-Koppelung im Innern der Zelle dar. Das blau gefärbte Desmoplakin verankert den Komplex schließlich an den dunkelblau abgebildeten Filamenten des Zellskeletts. © SFB/TRR DEFINE

Die Universitätsmedizin Würzburg darf sich gemeinsam mit der Universität Marburg und der LMU München über die Bewilligung des neuen Sonderforschungsgereich Transregio „Desmosomal dysfunction in epithelial barriers” (DEFINE) freuen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG fördert den SFB TRR von 2026 bis 2029 mit voraussichtlich rund 14 Millionen Euro. Im Mittelpunkt stehen Desmosomen. Diese Proteinstrukturen vernetzen Zellen an den Grenzflächen des Körpers miteinander und tragen so zur Bildung von Barrieren im Körper bei. Funktionierende Barrieren in der Haut und im Darm sind lebenswichtig, sodass bei deren Fehlfunktionen schwerwiegende Erkrankungen wie die lebensgefährliche Autoimmunkrankheit der Haut Pemphigus vulgaris, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie Entzündungen der Speiseröhre (eosinophile Ösophagitis) entstehen. Die Forschenden haben mit dem SFB nun die Möglichkeit, das noch sehr begrenzte Wissen über die Regulation von Epithelbarrieren bei Gesundheit und Krankheit deutlich zu erweitern und neuartige therapeutische Strategien gegen die drei genannten Krankheiten zu entwickeln.

Ein Interview mit dem Standortsprecher in Würzburg, Professor Nicolas Schlegel, Lehrstuhlinhaber für Experimentelle Viszeralchirurgie und Sektionsleiter Endokrine Chirurgie an der Klinik für Chirurgie I des Universitätsklinikums.

Herr Schlegel, herzlichen Glückwunsch zum neuen SFB/TRR DEFINE. Beteiligt sind die Universitätsstandorte Marburg, München und Würzburg. Wer hatte denn die Idee zu diesem Verbundprojekt? 

Die Idee kam um die Weihnachtszeit 2021 in einem Steak-Restaurant in Würzburg, als ich mich mit Jens Waschke zu unserem regelmäßigen Austausch traf. Jens hatte in Würzburg den Lehrstuhl für Anatomie und Zellbiologie inne, bevor er 2011 den Ruf der LMU München auf den Lehrstuhl für vegetative Anatomie annahm. Wir arbeiten schon sehr lange zusammen und hatten ein Projekt im von der DFG geförderten Schwerpunktprogramm SPP 1782. Dabei hatten wir uns bereits eingehend damit beschäftigt, wie Zellen in Geweben über Desmosomen miteinander kommunizieren und auf Belastungen reagieren und wie Veränderungen dieser Desmosomen die Stabilität und Barrierefunktion des Gewebes beeinflussen. Wir überlegten, wie wir unsere Forschung nach dem Auslaufen des Programms fortsetzen und einen Schritt weiterkommen könnten.

Und da dachten Sie sich, wenn es jemals einen Sonderforschungsbereich zu diesem Thema geben kann, dann jetzt. Wie kam Michael Hertl, Direktor der Hautklinik des Universitätsklinikums Gießen und Marburg dazu?

Jens Waschke und Michael Hertl leiteten gemeinsam die DFG-Forschungsgruppe Pegasus, in dem sie das Krankheitsbild Pemphigus vulgaris untersuchten. Dabei handelt es sich um eine seltene, potenziell lebensbedrohliche Autoimmunerkrankung von Haut und Schleimhäuten. Bei ihrer Entstehung spielen Desmosomen in der Haut eine entscheidende Rolle. Diese werden nämlich fälschlicherweise von Antikörpern der eigenen Immunzellen angegriffen. 

Sie konzentrieren sich jedoch auf die Desmosomen, die bei entzündlichen Darmerkrankungen eine Rolle spielen. Sie haben maßgeblich zur Entdeckung beigetragen. Wie passt das zusammen? 

Wir fanden die Idee interessant, die Erkrankung der Haut, über die man bereits viel weiß, den Desmosomenveränderungen im Darm, über die noch nicht so viel bekannt ist, gegenüberzustellen. Was ist im Darm anders als in der Haut? Gibt es gemeinsame Nenner? Was sind gewebespezifische und was sind allgemeine Eigenschaften? Noch im Steakhaus haben wir einen Schmierzettel erstellt, Arbeitsgruppenleiter überlegt und die Idee an Michael Hertl herangetragen. Der war sofort Feuer und Flamme.

Wie ging es mit dem Projektantrag weiter – von der Idee bis zur Umsetzung? 

Wir lernten uns kennen, erstellten ein Konzept und luden im Juli 2022 alle potenziellen Projektleiter zu einem zweitägigen Treffen ein. Im Herbst reichten wir die erste Skizze ein. Nach der Begutachtung fand im Juli 2023 das erste Beratungsgespräch statt, in dem wir positives Feedback zur wissenschaftlichen Fragestellung erhielten. Wir mussten jedoch noch einige strukturelle Aspekte nachschärfen, zum Beispiel die Nachwuchsförderung, sowie wissenschaftliche Details zur Qualitätssicherung. Im Herbst 2023 gaben wir die überarbeitete Skizze ab. Im Juli 2024 fand das zweite Beratungsgespräch statt, bei dem die Gutachter uns mit einem sehr positiven Feedback bedachten. Nachdem unser Projekt im November 2024 durch den Senat gegangen war, wurden wir zur Einreichung des Vollantrags aufgefordert. Das heißt, wir hatten bis Juni 2025 Zeit, einen 400 Seiten starken Projektantrag zu erstellen und einzureichen. Im September 2025 erfolgte in Marburg zunächst die Begutachtung des allgemeinen Konzepts, dann der Zentralprojekte und schließlich der Einzelprojekte. Das war mit großer Anspannung und extrem viel Vorbereitung verbunden. Aber wir sind sehr gut bewertet worden. Im November kam schließlich und zur großen Freude die offizielle Bewilligung durch die DFG.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist, dass dieser SFB derzeit der einzige in Deutschland ist, der maßgeblich unter chirurgischer Federführung entstand. 

Das Besondere ist, dass wir nicht nur ein solches grundlagenwissenschaftliches Projekt zu diesem speziellen Thema unter chirurgischer Federführung entwickelt haben, sondern dass auch sechs Projektleiter aus der Würzburger Chirurgie involviert sind. Sie sind alle in der Klinik aktiv und arbeiten als Clinician Scientists.

Die Interdisziplinarität des Projekts wurde besonders betont und gelobt. Es wurden viele unterschiedliche Fächer zusammengebracht. Welche Disziplinen sind denn konkret involviert? 

Das ist es, was aus unserer Sicht den SFB ausmacht. Wir haben Expertinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Fächern zusammengebracht, die sonst nicht so eng miteinander arbeiten. Neben der Chirurgie und Dermatologie sind beispielsweise auch die Pädiatrie, Gastroenterologie und Kardiologie vertreten. Die klinische Expertise wird durch Zellbiologie und Immunologie ergänzt. Auch Biophysiker sind dabei, die uns dabei helfen, grundlegende Aspekte von Epithelzellen zu verstehen. Unser Ziel ist es, diese Riesenbrücke vom Einzelmolekül in die Klinik zu schlagen. Das ist unsere Perspektive für die nächsten zwölf Jahre.

Der SFB kann maximal zweimal um jeweils vier Jahre verlängert werden. Bei jeder Verlängerung soll die Projektleitung wechseln. Sind damit alle drei Standorte gleichberechtigt?

Ja, wir verstehen uns als Team und arbeiten auf Augenhöhe. Die Leitung haben wir nach Alter bestimmt. Michael ist der älteste von uns drei Sprechern und hat deshalb in der ersten Förderperiode den Lead. In der zweiten Phase, die hoffentlich gefördert wird, soll Jens Waschke als Zweitältester die Leitung übernehmen. Ich als Jüngster würde dann in der dritten Periode den Lead haben.

Kommen wir nun zum Würzburger Schwerpunkt, den chronischen Darmentzündungen. Welche klinischen Symptome haben die Betroffenen?

Die Patienten haben schwere Durchfälle, bis zu zehn am Tag, die teilweise blutig sein können. Sie leiden unter Bauchkrämpfen und Gewichtsabnahme, betroffene Kinder zudem unter Gedeihstörungen. Eine langjährige Entzündung kann sich zudem zu Darmkrebs entwickeln. Von der Krankheit sind etwa 10 bis 15 von 100.000 Personen betroffen, wobei chronische Darmentzündungen vor allem in der westlichen Welt stetig zunehmen. Man geht davon aus, dass das Epithel durch Umweltfaktoren und den westlichen Lebensstil, insbesondere das Ernährungsverhalten und die damit einhergehenden Veränderungen des Darmmikrobioms, beeinflusst wird.

Laien stellen sich vor, dass ein Viszeralchirurg den entzündeten Abschnitt des Darms entfernt. Im Projekt geht es jedoch nicht nur um die chirurgische Therapie. Worum geht es konkret?

Eine Störung der Darmepithelbarriere ist ein zentraler Grund dafür, dass Patienten überhaupt erst krank werden. Dies ist ein Problem, das wir bisher nicht therapeutisch adressieren können. Wir können zwar den entzündeten Darmabschnitt herausoperieren und Medikamente geben, die das Immunsystem unterdrücken. Diese Medikamente wirken jedoch nur bei 50 bis 60 Prozent der Betroffenen und haben darüber hinaus starke Nebenwirkungen. Wenn wir aber in der Lage sind, das Darmepithel über das Verständnis der Funktion von Desmosomen und allem, was damit zusammenhängt, zu stabilisieren und die Entzündung einzudämmen, könnten wir diese möglicherweise durch eine zusätzliche Therapie in den Griff bekommen.

Kurz zur Begriffserklärung. Was ist die Darmepithelbarriere?

Die Darmepithelbarriere ist eine Zellschicht, die die Innenseite des Darms auskleidet. Sie verhindert, dass die zahlreichen Bakterien, die normalerweise im Darm leben, in den Körper gelangen. Dieser Vorgang wird als Translokation bezeichnet. Verändert sich die Darmflora oder gewinnen krankheitserregende Keime überhand, kann es zu einer Störung des Darmepithels kommen. Dies kann wiederum dazu führen, dass solche Translokationen stattfinden und schwerwiegende Entzündungen im Darm ausgelöst werden. Die Dichtigkeit des Darmepithels ist also von entscheidender Bedeutung. Sie wird durch zwei Komponenten gewährleistet: die Epithelzelle selbst und die Zell-Zell-Kontakte. Und daran arbeiten wir.

Welche Rolle spielen hier die Desmosomen? 

Die Desmosomen gehören zu den Verbindungen, mit denen sich die Epithelzellen gegenseitig festhalten und somit für eine gewisse Stabilität sorgen. Daneben gibt es noch die Tight Junctions, die vor allem dafür zuständig sind, den schmalen Raum zwischen den Zellen abzudichten, sodass nichts hindurchgelangen kann. 

Den Desmosomen schrieb man viele Jahre lang eine Art Kleberfunktion zu. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass sie neben dieser Funktion viele Prozesse im Epithel regulieren und die Regeneration des Darmepithels sowie die Differenzierung von Zellen beeinflussen. Sie ermöglichen überhaupt erst, dass Tight Junctions das Darmepithel abdichten.

Die Desmosomen scheinen also eine Art Schlüsselfunktion für die Aufrechterhaltung der Darmbarriere zu haben. 

Richtig. Wenn wir diese Schlüsselfunktion genau verstehen, können wir hoffentlich spezifische Therapien entwickeln, die die Darmepithelbarriere stabilisieren. Bislang wissen wir, dass dies über Transmembranproteine, die sogenannten Desmogleine, calciumabhängig im Zwischenzellraum geschieht. Diese Proteine greifen wie kleine Ärmchen zwischen den Zellmembranen ineinander und verbinden die Zellen. Innen in der Zelle sind diese Verbindungen an Plaque-Proteine gekoppelt. Diese leiten einerseits Signale weiter und koppeln andererseits die Verbindung an das innere Zellskelett, wodurch die Zelle besonders stabil wird und das Gewebe widerstandsfähig ist. 

Bei Entzündungen sind diese Desmosomen wesentlich herunterreguliert. Wir wollen herausfinden, aus welchen Gründen sie verschwinden und welchen Krankheitswert es tatsächlich hat, wenn Desmosomen nicht mehr vorhanden sind. Unsere Ergebnisse können wir dann gegebenenfalls auch auf andere Erkrankungen übertragen, bei denen Desmosomen eine Rolle spielen. 

Können Sie Beispiel nennen, wie und mit wem sie das herausfinden wollen? 

Unsere Projektleiter haben sich auf verschiedene Untereinheiten dieser Desmosomen fokussiert und untersuchen zellbiologische Aspekte mit verschiedenen Modellen - an Organoiden, Tiermodellen und Knock-out-Modellen. Mit Benjamin Misselwitz aus München haben wir beispielsweise einen weiteren Darmexperten an Bord. Er ist Professor für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen in der Gastroenterologie und unter anderem in einem Zentralprojekt dafür zuständig, Proben aus Patientenmaterial für uns untersuchbar zu machen. Im Gegenzug bringt zum Beispiel Professor Goebeler, Direktor der Würzburger Hautklinik, seine dermatologische Expertise ein. 

Was bedeutet der SFB speziell für Würzburg – abgesehen von den Fördergeldern? 

Für mich geht es nicht nur um Gelder, sondern auch um Strukturen. Wir haben hier in Würzburg einen sehr starken immunologischen Schwerpunkt. Zur Immunologie gehört nicht nur das Immunsystem, sondern auch die Barrieren, die der Körper physiologisch aufrechterhalten muss. Diese müssen wir verstehen, adressieren und in den Kontext setzen. Warum entstehen entzündliche Erkrankungen? Wie beeinflussen sie Tumorerkrankungen, die ja auch hier am Standort intensiv untersucht werden? Unser SFB geht and dieser Stelle noch mehr in die Grundlagenwissenschaft und kann eine wichtige Lücke am Standort schließen.

Sie hatten bereits die Nachwuchsförderung angesprochen. Ein Teil des Zentralprojekts, das sich speziell mit diesem Thema beschäftigt, ist in Würzburg angesiedelt. Die Sprecherin ist Stefanie Hahner. Als langjährige Prodekanin der Medizinischen Fakultät kümmert sich die stellvertretende Leiterin der Endokrinologie um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. 

Die Nachwuchsförderung in Würzburg ist bereits sehr stark und wird durch den SFB sowie die sogenannte „Integrated Research Training Group“ (IRTG) weiter ausgebaut. Dieses Programm ist mir persönlich sehr wichtig. Denn hier bringen wir Mediziner und Naturwissenschaftler bereits auf der frühesten Karrierestufe zusammen. Eine frühe Verbindung der verschiedenen Sichtweisen – Klinik und Naturwissenschaften – kann sehr erfolgreich sein, wurde im Alltag jedoch lange vernachlässigt. 

Die Grundlagenforscher haben oft tolle Tools, ihnen fehlt jedoch der direkte Link in die Klinik und umgekehrt. Das wollen wir mit einer frühen Verknüpfung untereinander ändern. Die IRTG ist aber auch an den anderen Standorten mit aktiven Leitern vertreten, so dass über alle 3 Standorte hinweg die gleichen Ideen gelebt werden. 

Das Interview führte Kirstin Linkamp von der Wissenschaftskommunikation am UKW. 

Porträt von Nicolas Schlegel im weißen Kittel mit verschränkten Armen im Flur des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel ist Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg und Standortsprecher des SFB/Transregio DEFINE © Ulrich Bender
Collage mit 37 Porträts der Personen, die im SFB/TRR forschen, in der Mitte sind die drei Standortsprecher etwas größer abgebildet.
Der neue SFB/Transregio DEFINE ist eine Kooperation der Universitäten Marburg, LMU München und Würzburg und wird geleitet von Nicolas Schlegel, Michael Hertl und Jens Waschke (größere Porträts in der Mitte von links nach rechts). © SFB/TRR DEFINE
Im Zentrum von DEFINE stehen Erkrankungen, die mit einer Fehlfunktion von Desmosomen in Verbindung stehen. Links sind die blasenbildende Hauterkrankung Pemphigus (oben) und die entzündete Schleimhaut bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (unten) zu sehen. Diese Erkrankungen dienen als Modell, um die Funktionen des Desmosoms in den verschiedenen Geweben zu verstehen. Desmosomen sind generell für die Zell-Zell-Adhäsion, die Barriere-Regulation, die Interaktion mit dem Immunsystem und die Regeneration von Geweben von Bedeutung. Das Fernziel besteht darin, neue Zielstrukturen zur spezifischen Stabilisierung der epithelialen Integrität als neue Therapieansätze zu identifizieren. Das Schema in der Mitte zeigt, wie die Membranproteine Desmoglein und Desmocollin, die hier wie grüne und dunkelrote „Perlenketten“ dargestellt sind, die Zellen außen zusammenhalten. Die in hell- und dunkelgrün abgebildeten „Kügelchen“ stellen die Plakoglobin- und Plakophilin-Koppelung im Innern der Zelle dar. Das blau gefärbte Desmoplakin verankert den Komplex schließlich an den dunkelblau abgebildeten Filamenten des Zellskeletts. © SFB/TRR DEFINE

Akademischer Chirurg mit Vorbildfunktion

Prof. Dr. Nicolas Schlegel erhält neu geschaffenen Lehrstuhl für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg

Nicolas Schlegel steht im weißen Arztkittel mit verschränkten Armen in der Magistrale des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel ist Inhaber des neu geschaffenen Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg © Ulrich Bender

Würzburg. Die Viszeralchirurgie begeisterte Prof. Dr. Nicolas Schlegel von Anfang an. „Die Vielfalt und Komplexität der Chirurgie zwischen Hals und Enddarm ist absolut faszinierend. Die größte Motivation war aber die Möglichkeit, den Patientinnen und Patienten mit einem einzigen Eingriff in kurzer Zeit zu helfen“, schwärmt Nicolas Schlegel. Seine Leidenschaft gilt aber nicht nur der Patientenversorgung. Auch die Forschung liegt dem 45-jährigen Oberarzt am Herzen: „Ich möchte als Kliniker die Forschung aktiv mitgestalten, also ein akademischer Chirurg sein!“ Professor Christoph-Thomas Germer, Direktor der Klinik für Chirurgie I, unterstützte diesen Wunsch von Anfang an. Und somit wurde im Jahr 2019 am Uniklinikum Würzburg (UKW) eine deutschlandweit einmalige W3-Professur für Experimentelle Viszeralchirurgie eingerichtet, die Schlegel als Clinician Scientist im Tenure-Track-Verfahren besetzte. Der Brückenbauer zwischen Chirurgie und translationaler Forschung hat sich bewährt. Die Universitätsmedizin Würzburg hat nun einen Lehrstuhl für Experimentelle Viszeralchirurgie eingerichtet, den Nicolas Schlegel seit Dezember 2024 leitet.

Zweitgrößtes Chirurgisches Studienzentrum in Deutschland

Eine der wichtigsten Einrichtungen im Rahmen seiner Tenure-Track-Professur war sicherlich die Gründung des Chirurgische Studienzentrums. „Damit haben wir eine Struktur geschaffen, die es uns ermöglicht, mit einem eigenen Studienteam systematisch Patientinnen und Patienten in große überregionale klinische Studien einzuschließen, aber auch eigene Studien durchzuführen“, sagt Nicolas Schlegel. „Vor fünf Jahren haben wir nur 22 Patientinnen und Patienten für chirurgische Studien rekrutiert, im vergangenen Jahr waren es bereits 360. Damit sind wir das nach Heidelberg das zweitgrößte chirurgische Studienzentrum in Deutschland.“ Das Rückgrat des Studienzentrums, das von Oberarzt PD Dr. Matthias Kelm geleitet wird, bilden zwei Study Nurses und drei Studienärztinnen, die sich eine Stelle teilen. Viele der Studien sind klassisch technisch orientiert, etwa ob man beim Verschluss der Bauchnaht ein Netz einlegen sollte, um einen Narbenbruch zu verhindern. „Traditionsgemäß wurden in der Chirurgie immer nur Erfahrungen weitergegeben, aber wenig systematisch überprüft, weil auch die Infrastruktur fehlte. Die haben wir jetzt“, so Schlegel, der für die übergeordnete Koordination des Studienzentrums zuständig ist.

Zwei Tage Forschung, drei Tage Klinik und allgegenwärtig Lehre

Wie sieht der Alltag eines Experimentellen Viszeralchirurgen aus? „Zwei Tage pro Woche widme ich mich der Forschung, drei Tage pro Woche stehe ich im OP, und die Lehre ist natürlich allgegenwärtig“, berichtet Schlegel. „Allerdings musste ich zugunsten der Forschung mein chirurgisches Spektrum einschränken und mich auf das konzentrieren, worin ich spezialisiert bin und was ich in höchster Qualität leisten kann: die endokrinologische Chirurgie. Das heißt, ich operiere vor allem Schilddrüsen und Nebenschilddrüsen.“ In der Grundlagenforschung ist Nicolas Schlegel mit insgesamt drei persönlichen Schwerpunkten breiter aufgestellt: chronisch entzündliche Darmerkrankungen, kolorektale Karzinome sowie Veränderungen nach bariatrischer Chirurgie. In der klinischen Forschung beschäftigt er sich mit der Endokrinen Chirurgie und Aspekten aus der perioperativen Medizin.

Stabilisierung der Darmbarriere als wichtiges Ziel

Im größten Projekt wird die Fehlregulation der Darmbarriere bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen untersucht. Dies geschieht unter anderem an Organoid-Modellen. „Wir sammeln hierfür bei Operationen anfallendes Restgewebe, das uns Patientinnen und Patienten spenden und züchten daraus Darmepithelstrukturen“, erklärt Nicolas Schlegel. „Viele Aspekte der Darmbarriere sind bereits verstanden, aber wir müssen noch Angriffspunkte validieren, damit schädliche Bakterien und Krankheitserreger nicht durch die Zellschicht des Darms ins Körperinnere eindringen und Entzündungen auslösen.“
Die Organoid-Technologie kommt auch in der Tumorforschung zum Einsatz. Nicolas Schlegel leitet den vom Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF) geförderten Leuchtturm „Präklinische Modelle“, um Proof-of-Concept-Studien für alle Forschenden im BZKF-Netzwerk zu beschleunigen. Organoidmodelle reduzieren Tierversuche. Doch ganz ohne Tierversuche geht es nicht. So hält das UKW verschiedene chirurgische Tiermodelle vor, zum Beispiel für die Adipositaschirurgie. Hier wird seit Jahren erfolgreich ein Roux-en-Magen-Bypass zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Die Prozesse, die nach der Veränderung der Magen-Darm-Passage ablaufen, wie Appetitregulation, metabolische Verbesserung des Stoffwechsels, Veränderung des Mikrobioms etc. sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. „Wenn wir aber verstehen, was nach dem chirurgischen Eingriff passiert, können wir vielleicht auch molekulare Ziele entwickeln und diese in eine medikamentöse Therapie umsetzen, um die Patientinnen und Patienten auf die Operation vorzubereiten“, sagt Nicolas Schlegel.

Präkonditionierung sei das Stichwort, was Nicolas Schlegel zur Prähabilitation führt. Auch das gehört zur Viszeralchirurgie: den Körper optimal auf die Operation vorbereiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, Schäden zu minimieren und die Genesung zu fördern. Hier zeigen die so genannten Fast-Track-Programme bereits Erfolge: Die Operierten sind schneller wieder fit, früher zu Hause, und es gibt weniger Komplikationen.

Den Patienten von der Zelle bis zur Naht verstehen

Als Brückenbauer müsse er von jedem Bereich mindestens so viel verstehen, dass er die Kolleginnen und Kollegen aus der Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der Chirurgie zusammenbringen, ihre Fragen verstehen oder formulieren helfen kann, um das Fach weiterzuentwickeln. Denn die Forschung des Lehrstuhls ist so vielfältig wie die Viszeralchirurgie selbst: Sie reicht von molekularen Zusammenhängen über technische Aspekte bis hin zu der Frage, wie der Körper auf den chirurgischen Eingriff reagiert und wie das Zugangstrauma minimalisiert werden kann. „Chirurgie bedeutet nicht einfach, zwei Enden zusammenzunähen und zu hoffen, dass es heilt“, sagt Schlegel, der die Forschungsprojekte supervidiert. „Wir müssen den Patienten von der Zelle bis zur Naht verstehen. Wir müssen verstehen, wie die Zelle und das Gewebe auf unsere Eingriffe reagiert. Erst dann können wir präventiv oder therapeutisch eingreifen.“

Diese Denkweise möchte er auch dem Nachwuchs vermitteln. Hier habe er eine Vorbildfunktion. „Die Chirurginnen und Chirurginnen von morgen sollen molekulare Grundlagen verstehen, Studien beurteilen können, und lernen, dass sich Forschung und Chirurgie durchaus miteinander verbinden lassen“, bemerkt Schlegel, der derzeit vier naturwissenschaftliche und zwölf medizinische Doktorandinnen und Doktoranden betreut. Generell habe das UKW eine ideale Größe, in der sich die grundlagenwissenschaftlichen und klinischen Fächer und Bereiche begegnen und zusammenarbeiten können. Damit das so bleibt und gegebenenfalls noch besser wird, engagiert sich Nicolas Schlegel in verschiedenen Gremien.

Werdegang von Nicolas Schlegel

Nicolas Schlegel wurde 1979 in Lörrach geboren, wuchs in Donaueschingen auf und kam im Sommersemester 2000 zum Medizinstudium nach Würzburg. Nach dem Physikum begann er seine Doktorarbeit in der Neuroanatomie und gab als Tutor Präparierkurse am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Würzburg. Nach dem Staatsexamen im Jahr 2006 arbeitete Nicolas Schlegel zunächst als wissenschaftlicher Assistent in der Grundlagenforschung, unterrichtete Studierende in Anatomie und schuf so den Grundstein für seine heutige Tätigkeit. Im Jahr 2009 wurde er Assistenzarzt an der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie des UKW, wo er 2015 die Facharztprüfung ablegte. Ein Jahr später übernahm er die Leitung des Schwerpunktes Endokrine Chirurgie, 2018 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt, im Jahr darauf erhielt er den Ruf auf die W3-Professur für Experimentelle Viszeralchirurgie und im Dezember 2024 auf den gleichnamigen Lehrstuhl. Nicolas Schlegel ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie bei Kitzingen.

Details zum Lehrstuhl Experimentelle Viszeralchirurgie und zum Team finden Sie hier

Text: KL /Wissenschaftsredaktion

Nicolas Schlegel steht im weißen Arztkittel mit verschränkten Armen in der Magistrale des Zentrums für Operative Medizin
Prof. Dr. Nicolas Schlegel ist Inhaber des neu geschaffenen Lehrstuhls für Experimentelle Viszeralchirurgie am Uniklinikum Würzburg © Ulrich Bender

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