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Neue Ära der Immunzelltherapie: CAR-T-Zellen könnten künftig das Herz schützen

Internationales Forschungskonsortium unter Leitung des UKW erhält 7 Millionen Euro aus Horizon Europe für Projekt CARDIO

Illustration - links CAR-Tregs, oberer Teil zeigt wie sie chronische Entzündungen im Gefäß bekämpfen und zur Plaque-Stabilisierung beitragen, unterer Teil, wie sie das Gewebe im Herz nach Infarkt schützen bzw. zur Heilung beitragen. Zu sehen ist eine regulatorische Zelle mit CAR, Gefäße mit Plaque und Herz nach Infarkt.
Im Projekt CARDIO werden CAR-Tregs entwickelt, um akute und chronische Entzündungen bei Herzinfarkt und Atherosklerose zu bekämpfen. © Maik Luu / UKW
Die Collage zeigt die freigestellten Personen Hudecek, Luu, Zernecke-Madsen und Ramos in weißen Kitteln vor blauem Hintergrund.
Das Projekt CARDIO wurde am Universitätsklinikum Würzburg initiiert, v.l.n.r.: Michael Hudecek, Maik Luu (Leitung), Alma Zernecke-Madsen und Gustavo Ramos. © UKW / Collage mit Canva

Würzburg. Was bislang vor allem als hochwirksame Therapie gegen bestimmte Blutkrebserkrankungen bekannt ist, könnte künftig auch Menschen nach einem Herzinfarkt helfen oder sie langfristig sogar davor schützen. Ein internationales Forschungskonsortium unter der Leitung des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) entwickelt erstmals CAR-T-Zelltherapien, die Entzündungsreaktionen nach einem Herzinfarkt gezielt bremsen und die Heilung des Herzmuskels fördern sollen. Darüber hinaus wollen die Forschenden einen zweiten Therapieansatz entwickeln, der chronische Entzündungen in atherosklerotischen Plaques reguliert und somit langfristig Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen könnte. Atherosklerotische Plaques sind Ablagerungen in den Gefäßwänden, welche die Herzkranzgefäße verengen können. Wenn eine solche Plaque aufreißt, kann sich ein Blutgerinnsel bilden, das das Gefäß plötzlich verschließt und somit einen Herzinfarkt auslöst. Für das Projekt CARDIO stehen rund sieben Millionen Euro aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe der Europäischen Union zur Verfügung. Davon fließen rund 2,8 Millionen Euro an den Standort Würzburg.

CAR-T-Zellen zerstören Krebszellen, CAR-Tregs regulieren fehlgeleitete Immunreaktionen

CAR-T-Zellen gelten als Meilenstein in der Krebsmedizin. Dabei werden bestimmte Immunzellen, die T-Zellen, gentechnisch so verändert, dass sie an ihrer Oberfläche sogenannte Chimäre Antigen-Rezeptoren (CAR) bilden. Mithilfe dieser Rezeptoren können die Immunzellen die Krebszellen anhand ihrer charakteristischen Oberflächenmoleküle gezielt erkennen und zerstören. „Dieses Grundprinzip übertragen wir nun erstmals konsequent auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Unsere CAR-T-Zellen sollen nicht töten, sondern schützen. Anstelle aggressiver Killerzellen entstehen regulatorische CAR-T-Zellen, sogenannte CAR-Tregs. Diese wandern gezielt in geschädigtes Herzgewebe ein und dämpfen dort überschießende Entzündungsreaktionen“, erklärt Dr. Maik Luu das Prinzip. Der Juniorprofessor für Translationale Medizin am Lehrstuhl für Zelluläre Immuntherapie koordiniert das innovative Projekt.

Würzburger Expertise

Dass das Projekt am UKW initiiert wurde, ist kein Zufall: Es vereint langjährige Expertise aus den Bereichen Immunkardiologie, Gefäßbiologie und Zelltherapie. Forschende aus mehreren Instituten bringen ihre komplementären Stärken ein – von den immunologischen Grundlagen der Gefäßentzündungen und Herzheilung über die Identifizierung geeigneter Zielstrukturen bis hin zur Entwicklung und präklinischen Erprobung neuer Zelltherapien.

„Nach einem Herzinfarkt muss das Immunsystem eine Balance finden: Einerseits sind Entzündungsreaktionen notwendig, um geschädigtes Gewebe zu beseitigen und die Reparatur einzuleiten. Andererseits kann eine überschießende Immunaktivierung die Herzfunktion weiter beeinträchtigen“, erläutert Prof. Dr. Ulrich Hofmann. Der Oberarzt der Medizinischen Klinik I fand bereits 2012 heraus, dass T-Zellen eine zentrale Rolle bei der Heilung nach einem Herzinfarkt spielen. Der Biologe Prof. Dr. Gustavo Ramos knüpfte daran an. Er identifizierte gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) in Würzburg das Strukturprotein der Herzmuskelzellen, Myosin, als entscheidende Zielstruktur der Immunantwort. 

Myosinspezifische regulatorische T-Zellen begrenzen Entzündungsprozesse im geschädigten Herzen

„Nach einem Herzinfarkt wird Myosin aus zerstörten Herzmuskelzellen freigesetzt. Während bestimmte T-Zellen dadurch Entzündungen verstärken können, erkennen regulatorische T-Zellen dieselben Strukturen und helfen dabei, die Immunreaktion zu begrenzen und die Heilung einzuleiten“, erläutert Gustavo Ramos. Für seine wegweisenden Erkenntnisse in der Immunkardiologie wurde er gerade von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) mit dem bedeutenden Arthur-Weber-Preis ausgezeichnet. 

Im EU-Projekt CARDIO werden nun erstmals T-Zellen mit einem CAR ausgestattet, der gegen das Myosin-Protein im Herzen greift. Zusätzlich erhalten sie den Transkriptionsfaktor FOXP3, der ihnen ihre entzündungshemmenden Eigenschaften verleiht. 

CAR-T-Zellen als akute Therapie beim Herzinfarkt und zur Prävention von Atherosklerose 

„Während wir in der Krebsbehandlung die T-Zellen dazu anregen, inflammatorische Botenstoffe zu entwickeln, damit der Tumor besser erkannt wird, wollen wir hier das Gegenteil erreichen. Wir möchten, dass die T-Zellen blockierende Substanzen produzieren“, schildert Maik Luu das Konzept. Seine ehemalige Doktorandin und nun Postdoktorandin Dr. Sarah Staudt hat für den Antrag wesentliche Vorarbeiten geleistet. Luus Expertise liegt vor allem in der metabolischen Optimierung und funktionellen Verstärkung der therapeutischen T-Zellen. Bislang zielten seine Arbeiten darauf ab, zelluläre Immuntherapien so weiterzuentwickeln, dass sie bei guter Verträglichkeit länger wirksam bleiben und künftig auch gegen solide Tumoren erfolgreich eingesetzt werden können. Das Projekt CARDIO erweitert das Portfolio der Anwendungsgebiete: nicht nur in der Behandlung von Herzinfarkten, sondern auch in der Prävention, die hier in den Blutgefäßen beginnt, nämlich bei der Behandlung von Atherosklerose. 

Schädliche Entzündungsprozesse in Blutgefäßen stoppen

Mit regulatorischen T-Zellen im Herzen, aber auch in der Gefäßimmunologie und Atherosklerose beschäftigt sich Prof. Dr. Alma Zernecke-Madsen. Die Leiterin des Instituts für Experimentelle Biomedizin II und stellvertretende Sprecherin des Würzburger Sonderforschungsbereichs SFB 1525 „Kardiovaskuläre Schnittstellen“ hat mit ihrer Forschung wesentlich zu dem heutigen Verständnis beigetragen, dass Atherosklerose keine reine Fettstoffwechselerkrankung, sondern eine chronische Entzündung der Gefäßwand ist. Dabei hat sie vor allem untersucht, wie Immunzellen in die Gefäßwand gelangen, wie sie dort miteinander kommunizieren und ob sie die Entzündung anheizen oder bremsen. 

„Das Immunsystem wirkt auch bei Atherosklerose wie ein zweischneidiges Schwert. Manche Zelltypen fördern die Entzündung, andere – etwa T-Zellen oder bestimmte Makrophagen – können sie begrenzen und damit Gefäßschäden eindämmen. Das Ziel unserer neuen CAR-T-Zell-Therapie besteht deshalb nicht darin, das Immunsystem vollständig zu unterdrücken, sondern die schädlichen Entzündungsprozesse gezielt zu bremsen und die schützenden zu fördern“, sagt Alma Zernecke-Madsen. „Indem wir die Entzündungsprozesse in den Gefäßwänden beeinflussen, könnten wir langfristig vor den Folgen chronischer Gefäßentzündungen schützen und damit möglicherweise Herzinfarkten vorbeugen.“

Antikörper gegen relevante Zielstrukturen in Plaques

Das Würzburger Team erhält hierbei Unterstützung von Professorin Almudena Ramiro. Sie erforscht am Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares Carlos III (CNIC) in Madrid unter anderem krankheitsspezifische Zielmoleküle in atherosklerotischen Plaques. Die von ihrer Arbeitsgruppe entwickelten Antikörper dienen als Vorlage für neuartige CARs, mit denen sich Immunzellen gezielt gegen krankhafte Zellen in atherosklerotischen Plaques richten lassen.

Genetische Analyse und Optimierung einzelner Zellprodukte und Bindemoleküle durch Protein-Engineering

Weitere wichtige Projektpartner forschen in Wien. So nutzt das Team um Prof. Dr. Christoph Bock am CeMM – Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – zum Beispiel modernste CRISPR- und Einzelzelltechnologien, um weitere Rezeptoren und genetische Schalter zu identifizieren, die regulatorische T-Zellen noch wirksamer machen könnten. Die Verfahren erlauben es, die Auswirkungen einzelner genetischer Veränderungen auf die Funktion und das Verhalten der Immunzellen mit bisher unerreichter Präzision zu untersuchen. Prof. Dr. Michael Traxlmayr, ausgewiesener Experte für Protein Engineering an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), wird mit seiner Expertise dazu beitragen, eine neue Generation von Bindemolekülen zu erzeugen und Proteine zu entwickeln, die entzündungsfördernde Signale gezielt ausschalten. 

Off-the-Shelf-CAR-T-Zellen

Ein wichtiger Partner im CARDIO-Konsortium ist außerdem die DKMS. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei verfügt über eine der größten und am besten charakterisierten Spenderdatenbanken weltweit. Davon profitieren nicht nur Patientinnen und Patienten mit Blutkrebs. Die umfassende genetische Charakterisierung eröffnet auch für neue Zelltherapien wertvolle Möglichkeiten.

Denn im Gegensatz zu den in der Onkologie zugelassenen CAR-T-Therapien, die individuell für jede Patientin und jeden Patienten hergestellt werden, müssen die CAR-T-Zellen bei der Behandlung von Herzinfarkten sofort verfügbar sein. „Deshalb arbeiten wir an einer allogenen Therapie. Das heißt, die Zellen stammen dann von gesunden Spenderinnen und Spendern, sind bereits vorproduziert und werden tiefgefroren gelagert – sogenannte Off-the-Shelf-CAR-T-Zellen. Oder anders ausgedrückt: CAR-T-Zellen von der Stange“, berichtet Maik Luu. Mithilfe des DKMS-Registers sollen Spenderinnen und Spender mit möglichst häufig vorkommenden HLA-Merkmalen ausgewählt werden. HLA steht für humanes Leukozyten-Antigen. Je ähnlicher die HLA-Merkmale von Spender und Empfänger sind, desto geringer ist das Risiko einer Abstoßungsreaktion oder – bei Stammzelltransplantationen – einer Graft-versus-Host-Erkrankung. Auf dieser Grundlage können CAR-T-Zellen entwickelt werden, die für einen möglichst großen Teil der Bevölkerung geeignet sind. „Wenn die körperfremden Zellen nach kurzer Zeit wieder abgestoßen werden, ist das nicht so tragisch wie bei der Krebsbehandlung, bei der die Zellen möglichst lange persistieren und wirken sollen“, so Luu. 

Translation von Beginn an mitgedacht 

Die neuen Zellprodukte werden zunächst in Zellkulturen und Tiermodellen untersucht und anschließend an menschlichem Gewebe getestet. Das Ziel besteht darin, bis zum Ende des vierjährigen Projekts ausreichend Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten zu generieren, um diese Innovation möglichst schnell in die klinische Anwendung zu überführen. Für die Translation arbeitet das Projektteam mit dem Biotech-Unternehmen T-Curx zusammen, eine Ausgründung der Universitätsmedizin Würzburg von Prof. Dr. Michael Hudecek, Inhaber des Lehrstuhls für Zelluläre Immuntherapie. T-Curx entwickelt unter anderem neue Verfahren, mit denen sich CAR-T-Zelltherapien einfacher, schneller und kostengünstiger herstellen lassen – im Idealfall direkt in der Klinik.

CAR-T-Technologie erobert neue Krankheitsfelder

Das Projekt CARDIO zeigt, dass die in Würzburg aufgebaute Expertise in der Entwicklung von CAR-T-Zelltherapien zunehmend auch auf neue Krankheitsfelder übertragen wird. „Wir sehen großes Potenzial für Zelltherapien auch außerhalb der Onkologie“, sagt Michael Hudecek. „Insofern ist die Förderung im Rahmen von Horizon Europe ein toller Erfolg. Sie zeigt die hohe wissenschaftliche Relevanz des Projekts und eröffnet für uns die Chance, mit starken Partnerinnen und Partnern die Möglichkeiten der CAR-Technologie für völlig neue medizinische Anwendungen zu erschließen.“

Text: KL/Wissenschaftskommunikation

Illustration - links CAR-Tregs, oberer Teil zeigt wie sie chronische Entzündungen im Gefäß bekämpfen und zur Plaque-Stabilisierung beitragen, unterer Teil, wie sie das Gewebe im Herz nach Infarkt schützen bzw. zur Heilung beitragen. Zu sehen ist eine regulatorische Zelle mit CAR, Gefäße mit Plaque und Herz nach Infarkt.
Im Projekt CARDIO werden CAR-Tregs entwickelt, um akute und chronische Entzündungen bei Herzinfarkt und Atherosklerose zu bekämpfen. © Maik Luu / UKW
Die Collage zeigt die freigestellten Personen Hudecek, Luu, Zernecke-Madsen und Ramos in weißen Kitteln vor blauem Hintergrund.
Das Projekt CARDIO wurde am Universitätsklinikum Würzburg initiiert, v.l.n.r.: Michael Hudecek, Maik Luu (Leitung), Alma Zernecke-Madsen und Gustavo Ramos. © UKW / Collage mit Canva

Auszeichnungen für Würzburger Nachwuchsforscher beim internationalen Myelomkongress

Sven Neubert und Umair Munawar vom UKW erhielten Young Investigator Awards der International Myeloma Society

Die Preisträger sind eingerahmt von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und posieren fürs Foto.
Das Würzburger Forschungsteam feiert beim 23. internationalen Jahreskongress der International Myeloma Society (IMS) im schottischen Glasgow seine Erfolge. Im Bild v.l.n.r.: Prof. Johannes Waldschmidt, Dr. Sven Neubert, Prof. Martin Kortüm, Dr. Umair Munawar, Tjark Buchwald, Dr. Christina Verbruggen, Ann-Sophie Hainold. © Johannes Waldschmidt
Die beiden Preisträger posieren mit ihren Urkunden auf der Tagung.
Sven Neubert (links) und Umair Munawar freuen sich in Glasgow über die Young Investigator Awards der International Myeloma Society. © Johannes Waldschmidt

Würzburg. Wie lassen sich Immuntherapien gegen das Multiple Myelom – eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks - noch wirksamer einsetzen? Und warum gelingt es manchen Krebszellen, den Angriff des Immunsystems zu überstehen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei Würzburger Nachwuchsforscher – und wurden dafür beim 23. internationalen Jahreskongress der International Myeloma Society (IMS) im schottischen Glasgow ausgezeichnet. Dr. med. Sven Neubert und Dr. rer. nat. Umair Munawar aus der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) erhielten jeweils einen „IMS Young Investigator Award for Exemplary Abstract“. Sven Neubert, Assistenzarzt der Hämato-Onkologie, wurde für seine herausragende Forschung zu CAR-T-Zellen bei ZNS-Myelomen gewürdigt. Umair Munawar, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Prof. Martin Kortüm, beeindruckte die Jury mit seiner Entdeckung, wie erworbene Mutationen im FCRL5-Gen Myelomzellen bei der Immunflucht helfen.

Funktionelle Auswirkungen von FCRL5-Mutationen auf die Immunflucht unter Cevostamab bei multiplem Myelom

Cevostamab ist eine neue Immuntherapie, die derzeit in klinischen Studien untersucht wird. Der so genannte bispezifische Antikörper verbindet die körpereigenen T-Zellen der Patientinnen und Patienten mit ihren Myelomzellen, indem er gleichzeitig an ein Protein auf den T-Zellen und an ein Protein auf der Oberfläche der Krebszelle namens FCRL5 bindet. Bei stark vorbehandelten Patientinnen und Patienten hat die Therapie vielversprechende Ergebnisse gezeigt, bei einigen von ihnen kehrt die Erkrankung jedoch zurück.

Um zu verstehen, warum dies geschieht, analysierte Umair Munawar aus der AG Kortüm Knochenmarkproben, die im Verlauf von Patientinnen und Patienten unter der Behandlung mit Cevostamab entnommen wurden. Bei einem Patienten, der nicht mehr auf Cevostamab ansprach, hatten die Krebszellen Mutationen im FCRL5-Gen erworben.  Die Forschenden stellten diese Mutationen in Myelomzellmodellen nach und verwendeten dabei in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Prof. Markus Sauer der Uni Würzburg moderne hochauflösende und Lebendzellmikroskopie, um zu beobachten, wie das Medikament mit seinem veränderten Ziel interagiert.

„Wir identifizierten zwei unterschiedliche Mechanismen, durch die die Myelomzellen Cevostamab entkommen konnten“, erklärt Umair Munawar. Beim ersten erreicht das mutierte Protein nie die Zelloberfläche, sodass der Antikörper keine Möglichkeit hat, daran zu binden. Beim zweiten erreicht das Protein zwar die Zelloberfläche und Cevostamab bindet weiterhin daran, aber der Cevostamab-FCRL5-Komplex wird schnell in die Zelle aufgenommen. Dadurch werden T-Zellen nicht in einen wirksamen Kontakt mit der Krebszelle gebracht und der Immunangriff bleibt aus.“

Diese Erkenntnisse darüber, wie diese Resistenzen entstehen, können dabei helfen, Patientinnen und Patienten gezielter zu überwachen und Behandlungsstrategien zu entwickeln, die länger wirksam bleiben. Im nächsten Schritt sollen nun die Mechanismen verstanden werden, durch den der Wirkstoff-Ziel-Komplex in die Zelle aufgenommen wird, um herauszufinden, wie die Resistenz überwinden oder vollständig verhindern können. Neben dem Sauer Lab des Lehrstuhls für Biotechnologie und Biophysik war auch das Princess Margaret Cancer Center aus Toronto an dem Projekt beteiligt. Unterstützt wurde das Projekt vom Stifterverband und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG-TRR387). 

CAR-T-Zellen eröffnen neue Perspektive bei seltenem ZNS-Befall des Multiplen Myeloms

Im Projekt von Sven Neubert, an dem auch Umair Munawar und weitere Forschende aus den Arbeitsgruppen von Prof. Martin Kortüm und Prof. Johannes Waldschmidt mitgearbeitet haben, ging es um eine andere Art von Immuntherapie – der CAR-T-Zelltherapie. Die Ergebnisse bieten neue Perspektiven für Patientinnen und Patienten, bei denen sich die malignen Plasmazellen auch auf das zentrale Nervensystem (ZNS) ausgebreitet und dabei das Gehirn oder die Hirnhäute befallen haben. Diese sogenannte ZNS-Beteiligung ist zwar selten, geht jedoch mit einer besonders ungünstigen Prognose einher. Da Betroffene häufig von großen klinischen Studien zu neuen Therapien ausgeschlossen sind, gab es bislang nur wenige Daten dazu, wie gut moderne CAR-T-Zelltherapien in dieser Situation wirken.

Hier leisten die Ergebnisse einer multizentrischen Studie unter der Leitung des UKW einen ersten wichtigen Beitrag, um dies zu ändern. In der Studie wurden 25 Patientinnen und Patienten mit rückfälligem (rezidiviertem) oder trotz Behandlung weiter voranschreitendem (progredientem) Multiplen Myelom und ZNS-Beteiligung untersucht. Alle erhielten eine gegen das Oberflächenprotein BCMA gerichtete CAR-T-Zelltherapie. Dabei wurden die beiden für das Multiple Myelom zugelassenen BCMA-gerichteten CAR-T-Zell-Produkte Idecabtagene vicleucel (Ide-cel) und Ciltacabtagene autoleucel (Cilta-cel) erstmals miteinander verglichen.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden den Patientinnen und Patienten zunächst körpereigene T-Zellen entnommen. Diese werden im Labor gentechnisch so verändert, dass sie das B-Zell-Reifungsantigen BCMA auf Myelomzellen erkennen und es später gezielt angreifen können. Anschließend werden die veränderten Immunzellen wieder in den Körper übertragen. 

CAR-T-Zellen können offenbar auch im Nervensystem Tumorzellen bekämpfen 

Die unter der Leitung von Johannes Waldschmidt erhobenen real-world Daten aus dem klinischen Alltag zeigen, dass die moderne Immuntherapie auch bei dieser Hochrisikogruppe zu tiefen und teilweise langanhaltenden Remissionen führen kann. „Es war lange unklar, ob CAR-T-Zellen im zentralen Nervensystem ausreichend wirken und ob diese Behandlungsform bei dieser besonderen Gruppe von Patientinnen und Patienten ausreichend sicher ist. Doch unsere Ergebnisse sind ermutigend“, sagt Sven Neubert, Erstautor der Studie. Bei vielen Patientinnen und Patienten bildeten sich die Tumorherde sowohl im Knochenmark als auch im zentralen Nervensystem vollständig oder weitgehend zurück.

Gute erste Erfolge, aber weiterhin hohe Rückfallgefahr

Die Behandlung erwies sich dabei grundsätzlich als sicher. Schwerwiegende neurologische Nebenwirkungen traten nur selten auf und entsprachen dem bekannten Sicherheitsprofil der CAR-T-Zelltherapie. Trotz der hohen Ansprechraten bleibt die Behandlung dieser Patientengruppe jedoch eine große Herausforderung. Bei einigen Patientinnen und Patienten schritt die Erkrankung im weiteren Verlauf bereits nach kurzer Zeit erneut fort. Insgesamt war die Prognose schlechter als bei Menschen mit Multiplem Myelom ohne ZNS-Beteiligung. „Um die langfristige Prognose dieser Patientinnen und Patienten noch weiter zu verbessern, bedarf es noch zusätzlicher Behandlungsstrategien“, meint Sven Neubert. 

Der angehende Hämato-Onkologe teilt sich die Erstautorenschaft der Studie mit Dr. Markus Maulhardt, Assistenzarzt in der Klinik für Hämatologie & Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Letztautor ist Prof. Dr. Johannes Waldschmidt, Oberarzt in der Hämatologie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Maßgeblich beteiligt war außerdem Privatdozent Dr. Evgenii Shumilov, Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Münster (UKM). Ein großer Dank gilt zudem Prof. Dr. Hermann Einsele. Der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW schuf die notwendigen Rahmenbedingungen für das Projekt. 

Nach Einschätzung der Forschenden sprechen die Ergebnisse dafür, eine ZNS-Beteiligung nicht als Ausschlussgrund für eine BCMA-gerichtete CAR-T-Zelltherapie zu betrachten. Gerade weil diese Patientinnen und Patienten bislang nur sehr begrenzte Behandlungsmöglichkeiten haben, können die multizentrischen Real-World-Daten eine wichtige Orientierung für Therapieentscheidungen im klinischen Alltag bieten. Beide BCMA-CAR-T-Zell-Produkte waren wirksam, insbesondere unter Cilta-cel konnten teilweise langanhaltende Remissionen erreicht werden. 

Warum manche Patientinnen und Patienten besser ansprechen

In seinem nächsten Forschungsprojekt, das im Rahmen des Clinician-Scientist-Programms des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) am UKW gefördert wird, will Sven Neubert an die Ergebnisse der Studie anknüpfen. 

Im Mittelpunkt steht die Frage, warum moderne Immuntherapien wie die CAR-T-Zell-Therapie bei manchen Patientinnen und Patienten besonders gut wirken, während andere gar nicht oder nur vorübergehend darauf ansprechen. Welche Mechanismen stecken dahinter und wie lassen sich diese beeinflussen? 

Ein Forschungsschwerpunkt ist das sogenannte lösliche BCMA (sBCMA). Dabei handelt es sich um einen löslichen Bestandteil des Proteins BCMA, das auch auf den Tumorzellen des Multiplen Myeloms vorkommt. Neubert möchte unter anderem untersuchen, ob sBCMA Aufschluss darüber geben kann, wie wirksam eine Behandlung ist, ob sich eine Resistenz entwickelt und wie die Erkrankung weiterverläuft. Langfristig könnte dieses Wissen dazu beitragen, Therapien gezielter auf einzelne Patientinnen und Patienten abzustimmen und ihre Erfolgschancen zu erhöhen.

Darüber hinaus ist geplant, die Krebszellen im Nervenwasser von Patientinnen und Patienten zu untersuchen, bei denen sich das Multiple Myelom auf das Zentralnervensystem (ZNS) ausgebreitet hat. Mithilfe moderner molekularbiologischer Verfahren soll untersucht werden, wodurch diese Zellen besonders aggressiv oder widerstandsfähig gegenüber Therapien werden. Das Ziel besteht darin, neue Angriffspunkte für zukünftige Behandlungen zu identifizieren und die Behandlungsmöglichkeiten für diese Hochrisikopatientinnen und -patienten zu erweitern.

Die Preisträger sind eingerahmt von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und posieren fürs Foto.
Das Würzburger Forschungsteam feiert beim 23. internationalen Jahreskongress der International Myeloma Society (IMS) im schottischen Glasgow seine Erfolge. Im Bild v.l.n.r.: Prof. Johannes Waldschmidt, Dr. Sven Neubert, Prof. Martin Kortüm, Dr. Umair Munawar, Tjark Buchwald, Dr. Christina Verbruggen, Ann-Sophie Hainold. © Johannes Waldschmidt
Die beiden Preisträger posieren mit ihren Urkunden auf der Tagung.
Sven Neubert (links) und Umair Munawar freuen sich in Glasgow über die Young Investigator Awards der International Myeloma Society. © Johannes Waldschmidt

Mechanische Reize gegen Myelom-Knochenschäden

Internationales Forschungsteam unter Würzburger Leitung entschlüsselt molekulare Reparaturprogramme beim Multiplen Myelom

Die drei Wissenschaftlerinnen stehen vor ihrem Poster im Hochformat an einer blauen Posterwand.
Die Wissenschaftlerinnen Franziska Jundt (links), Poonam Kumari und Wen-Hui Cheng (rechts) vom Universitätsklinikum Würzburg präsentieren eins ihrer Forschungsprojekte auf der 23. Jahrestagung der International Myeloma Society in Glasgow (Schottland). © Poonam Kumari

Würzburg. Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks, bei der sich entartete Plasmazellen unkontrolliert vermehren. Besonders häufig betroffen sind die Knochen. Denn die Erkrankung kann den natürlichen Knochenstoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen, sodass mehr Knochen abgebaut als aufgebaut wird. Die Folge können sogenannte osteolytische Läsionen, Schmerzen und eine erhöhte Bruchgefahr sein. Wie genau die Myelomzellen dabei mit verschiedenen Knochenzellen zusammenspielen, ist noch nicht vollständig verstanden.

Prof. Dr. Franziska Jundt aus der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und Prof. Bettina M. Willie von der McGill University und dem Research Centre des Shriners Hospital for Children-Canada aus Montreal haben nun mit ihren Forschungsteams eine weitere Facette dieses Zusammenspiels untersucht: die Rolle der Osteozyten. Diese Zellen sitzen im mineralisierten Knochengewebe und sind unter anderem daran beteiligt, Belastungen wahrzunehmen und den Knochenstoffwechsel zu steuern. 

Myelomzellen können ein Reparaturprogramm in Knochenzellen unterdrücken

Auf der 23. Jahrestagung der International Myeloma Society, die vom 23. bis 26. September 2026 in Glasgow (Schottland) stattfand, stellte die Forschungsgruppe ihre Ergebnisse vor. Ihre Studie zeigt, dass Myelomzellen ein mechanosensitives Reparaturprogramm der Osteozyten unterdrücken können. Wird der Knochen dagegen mechanisch belastet, lässt sich dieses Programm zumindest im experimentellen Modell wieder aktivieren. 

Bereits 2021 gelang dem Forschungsteam um Franziska Jundt und Bettina Willie ein entscheidender Nachweis: Gezielte mechanische Belastung förderte im Myelom-Mausmodell die Knochenbildung, verringerte die Knochenzerstörung und bremste zugleich das Wachstum und die Ausbreitung der Tumorzellen. Die in Acta Biomaterialia veröffentlichten Ergebnisse warfen eine grundlegende Frage auf: Welche molekularen Vorgänge ermöglichen diese Wirkung?

Die jetzt in Bone erschienene Arbeit verbindet die biophysikalische Stimulation des Knochens mit molekularen Prozessen, die für die Myelomerkrankung relevant sind. 

Osteozyten als Sensoren des Knochens
Osteozyten entstehen aus Osteoblasten, den knochenbildenden Zellen, und machen den überwiegenden Teil der Zellen im Knochengewebe aus. Über ein weit verzweigtes Netzwerk von Zellfortsätzen stehen sie miteinander und mit anderen Knochenzellen in Verbindung. Sie können mechanische Reize wahrnehmen und darauf reagieren – beispielsweise auf die Belastung, die beim Gehen oder bei körperlicher Aktivität auf den Knochen wirkt. Bei einem Multiplen Myelom gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht.

Um die Rolle der Osteozyten beim Multiplen Myelom besser zu verstehen, untersuchte das Forschungsteam in einem Mausmodell des Multiplen Myeloms die Aktivität von Genen in einer mit Osteozyten angereicherten Zellpopulation. Dabei zeigte sich eine charakteristische Signatur von Genen, die an der extrazellulären Matrix beteiligt sind. Die extrazelluläre Matrix ist das Gerüst, das die Zellen im Gewebe umgibt und ihnen Halt gibt. Viele dieser Gene reagieren normalerweise auf mechanische Belastung. Durch das Anwachsen der Myelomzellen war dieses Programm jedoch gestört.

Mechanische Belastung aktiviert Reparaturprogramm

Anschließend belasteten die Forschenden die Schienbeinknochen der Mäuse nicht-invasiv mechanisch. Bemerkenswert war, dass bereits eine kurze einmalige Belastung die Aktivität zahlreicher zuvor unterdrückter Gene wiederherstellen konnte. Insgesamt betraf dies 94 Gene, die mit der extrazellulären Matrix in Verbindung stehen, darunter Gene für Kollagene, Fibronektin und Aggrecan.

Hinweise auch aus Patientendaten

Ob diese Veränderungen auch für Menschen mit Multiplem Myelom relevant sein könnten, untersuchten die Forschenden anschließend anhand von RNA-Sequenzierungsdaten von 387 Patientinnen und Patienten. Dabei identifizierten sie acht Gene, deren Aktivität mit dem Gesamtüberleben der Betroffenen zusammenhing: VEGFA, BCAN, FGF13, TNFSF8, SDC1, LAMC1, SEMA3A und CCL2.

Vier dieser Gene – VEGFA, SDC1, SEMA3A und CCL2 – reagierten auch in einem weiteren experimentellen Modell auf mechanische Belastung. Dafür nutzte das Forschungsteam kultivierte murine Osteozyten, die in einem speziellen Bioreaktor mechanisch stimuliert werden konnten.

„Die Ergebnisse aus Mausmodell, Zellkultur und Patientendaten ergeben damit ein konsistentes Bild: Die mechanische Kommunikation der Osteozyten mit ihrer Umgebung könnte beim Multiplen Myelom eine bislang unterschätzte Rolle spielen“, resümiert Franziska Jundt.

NFIL3 als möglicher prognostischer Biomarker

Auf der IMS-Tagung präsentierte das Forschungsteam von Franziska Jundt außerdem eine Arbeit zur NFIL3–MYC-Achse, die NFIL3 als möglichen prognostischen Biomarker und die Achse als therapeutischen Angriffspunkt bei schwer behandelbarem Multiplem Myelom mit Hochrisikoprofil untersucht. Beide Forschungsprojekte verfolgen ein gemeinsames Ziel: die biologischen Grundlagen der Erkrankung besser zu verstehen und daraus neue Behandlungsansätze zu entwickeln.

Publikationen

Grundlagenarbeit – Acta Biomaterialia, 2021
Maximilian Rummler, Fani Ziouti, Alice L. Bouchard, Andreas Brandl, Georg N. Duda, Bjarne Bogen, Andreas Beilhack, Maureen E. Lynch, Franziska Jundt, Bettina M. Willie, Mechanical loading prevents bone destruction and exerts anti-tumor effects in the MOPC315.BM.Luc model of myeloma bone disease, Acta Biomaterialia, Volume 119, 2021, Pages 247-258, ISSN 1742-7061, https://doi.org/10.1016/j.actbio.2020.10.041.

Neue molekulare Befunde – Bone, 2026
Fani Ziouti, Muhammad Azeem, Maximilian Rummler, Maciej Rosolowski, Gerardo Zapata, Wyonna Rindt, Catherine Julien, Josephine T. Tauer, Wen-Hui Cheng, Susanne Beck, Anja Seckinger, Dirk Hose, Ellen Leich, Bjarne Bogen, Maureen E. Lynch, Martin Kuric, Melanie Krug, Regina Ebert, Frank Zaucke, Franz Jakob, Bettina M. Willie, Franziska Jundt, Myeloma engraftment suppresses osteocytic ossification signatures rescued by loading in mice and reveals predictors of patient outcome, Bone, Volume 214, 2027, 118083, ISSN 8756-3282, https://doi.org/10.1016/j.bone.2026.118083. 

Die drei Wissenschaftlerinnen stehen vor ihrem Poster im Hochformat an einer blauen Posterwand.
Die Wissenschaftlerinnen Franziska Jundt (links), Poonam Kumari und Wen-Hui Cheng (rechts) vom Universitätsklinikum Würzburg präsentieren eins ihrer Forschungsprojekte auf der 23. Jahrestagung der International Myeloma Society in Glasgow (Schottland). © Poonam Kumari

Weniger Biofilm, mehr Überlebenschance

Candida parapsilosis: Internationales Forschungsteam unter Würzburger Leitung entdeckt überraschende Anpassungsstrategie.

Bei mehreren weltweit untersuchten Fluconazol-resistenter Candida parapsilosis-Ausbrummstämmen war eine abgeschwächte Biofilmbildung mit einer besonders guten Anpassung an den menschlichen Wirt verbunden.

 

Mikroskopische Aufnahme des Candida parapsilosis mit leuchtenden grünen und blauen Hefezellen
Candida parapsilosis: Die grünen Hefezellen bilden im Gegensatz zu den blauen Hefezellen nur wenig Biofilm. Die Makrophagen wurden im Verhältnis 1:1 zugeführt, sie neigen hier augenscheinlich dazu, die Hefezellen, die viel Biofilm bilden, effektiver zu verschlingen. Die Aufnahmen wurden mittels Konfokalmikroskopie mit einem 100-fachen Objektiv angefertigt. © Amir Arastehfar / UKW

Würzburg. Candida parapsilosis ist ein Hefepilz, der häufig auf der menschlichen Haut lebt. Für gesunde Menschen ist er in der Regel unproblematisch. Gefährlich wird er vor allem für Personen, deren Immunabwehr geschwächt ist oder deren natürliche Schutzbarrieren durch medizinische Eingriffe beeinträchtigt sind. Wenn der Pilz beispielsweise über einen Katheter oder eine verletzte Hautbarriere in die Blutbahn gelangt, kann er schwere Infektionen verursachen. Darüber hinaus kann Candida parapsilosis von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. In den vergangenen Jahren kam es weltweit immer wieder zu Krankenhausausbrüchen, bei denen sich Stämme des Pilzes ausgebreitet haben, die gegen das häufig eingesetzte Antipilzmittel Fluconazol resistent sind.

Warum Biofilm bislang als Vorteil galt  

Bislang galt eine ausgeprägte Biofilmbildung als wichtiger Faktor für die Widerstandsfähigkeit solcher Erreger. Sowohl Bakterien als auch Pilze können einen zementartigen Schutzschild um sich herum aufbauen. Dieser hilft ihnen, sich in der Umwelt zu behaupten und Angriffen durch Antibiotika, Antimykotika sowie weiße Blutkörperchen unseres Immunsystems standzuhalten. 

Überraschende Kehrtwende: Weniger Biofilm, weniger Angriffsfläche 

Dr. rer. nat. Amir Arastehfar, Junior-Forschungsgruppenleiter in der Arbeitsgruppe „Invasive Pilzinfektionen“ von Prof. Dr. Jürgen Löffler am Universitätsklinikum Würzburg (UKW), brachte mit seiner jüngsten Forschungsarbeit zu Fluconazol-resistenten Stämmen des Candida parapsilosis, sogenannten FLCR-CP-Isolaten, jedoch eine überraschende Wendung zutage. „Anstatt noch stärkere Festungen zu errichten, gehen die Ausbrüche verursachenden Stämme ein riskantes Wagnis ein. Sie reduzieren bewusst ihren schützenden Biofilm-Schild. Im Gegenzug gewinnen sie zwei enorme Vorteile: Menschliche Immunzellen können sie nicht erkennen und sie können sich unter extremen Stress viel schneller vermehren.“ 

Offensichtlich kann es für den Pilz vorteilhaft sein, den Biofilm unter dem Druck des Immunsystems zurückzufahren und sich stattdessen besser an die Bedingungen im Körper anzupassen.

Ein Muster, das weltweit auftaucht

Durch die Analyse genomischer Daten aus Krankenhäusern in mehreren Ländern hat das internationale Forschungsteam festgestellt, dass dieser Wandel weltweit unabhängig voneinander stattfindet. „Die häufige Übertragung von einem Wirt auf den anderen trainiert den Pilz gewissermaßen dazu, ein uraltes Überlebensmerkmal gegen ein modernes einzutauschen. Dadurch kann er unserem Immunsystem entgehen und in Gesundheitsrichtungen fortbestehen“, sagt Amir Arastehfar. 

Anpassung als Schlüssel zum Erfolg 

Die im Fachjournal PLOS Biology veröffentlichten Ergebnisse verändern somit die Sichtweise darauf, warum sich resistente Candida parapsilosis-Stämme in Krankenhäusern langfristig halten können. Entscheidend könnte nicht allein die Widerstandsfähigkeit gegenüber Medikamenten oder die Fähigkeit in der Krankenhausumgebung zu überleben, sein. Auch die Anpassung an die menschliche Immunabwehr spielt offenbar eine wichtige Rolle. Amir Arastehfar: „Wir wollen deshalb das weltweite Gesamtgenom von Candida parapsilosis sorgfältig analysieren, um herauszufinden, welche genetischen Merkmale dem Pilz die Fähigkeit verleihen, sich vor Immunzellen zu verstecken und dauerhaft im Krankenhaus zu verbleiben.“

Die Studie im Detail

Das Forschungsteam untersuchte Candida parapsilosis-Stämme aus verschiedenen Ländern und kombinierte genetische Analysen mit Untersuchungen der Genaktivität sowie Experimenten mit Immunzellen und im Tiermodell. Dabei zeigte sich, dass die sogenannten Low-Biofilm-Produzenten (LBP) unter verschiedenen Stressbedingungen besser wuchsen als Stämme mit ausgeprägter Biofilmbildung. Noch entscheidender war ihr Verhalten im Kontakt mit Immunzelle. Neutrophile Granulozyten und Makrophagen töteten die Pilze weniger effektiv ab. Zudem zeigten sie Veränderungen ihrer Zellwand, durch die sie für das Immunsystem offenbar weniger gut erkennbar waren. Auch im Tiermodell zeigte sich ein Vorteil: Die biofilmarmen Stämme konnten sich in Organen mit vielen Immunzellen besser halten. Die Forschenden schließen daraus, dass die verringerte Biofilmbildung für den Pilz einen evolutionären Vorteil innerhalb des Wirts darstellen kann. Besonders interessant ist: Die genomweiten Analysen von Stämmen aus mehreren Ländern zeigten, dass sich die abgeschwächte Biofilmbildung offenbar mehrfach unabhängig voneinander entwickelt hat. Die Veränderungen beruhen dabei nicht auf einer einzigen Mutation. Vielmehr fanden die Forschenden komplexe Veränderungen, die teilweise mehrere Gene betreffen. Eingriffe in verschiedene Regulatoren der Biofilmbildung konnten die Überlebensfähigkeit der Pilze im Kontakt mit Immunzellen ebenfalls erhöhen.

An der Studie waren Forschende aus mehreren Ländern beteiligt. Von Würzburger Seite waren neben Amir Arastehfar unter anderem Forschende des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie um Prof. Dr. Oliver Kurzai sowie die Doktoranden Tobias Köhler und Gabriel Braune beteiligt. Amir Arastehfars Forschung wurde vom WüConnect-Programm des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung (IZKF) finanziell unterstützt. 
 

Publikation: Farnaz Daneshnia, Deepika Gunasekaran, Sean Bergin, Lisa Lombardi, Austin M. Perry, Liuyang Cai, Louise A. Walker, Tibor Nemeth, Süleyha Hilmioglu-Polat, Letal I. Salzberg, Arefeh Ebadati, Tobias Köhler, Gabriel Braune, João N. de Almeida, Giuseppina Caggiano, Julianne V. Kus, Pegah Mosharaf Ghahfarokhy, Julieta Munoz, Daniel J. Floyd, Diego Fuentes-Palacios, Samuel M. Gonçalves, Relber A. Gonçales, Mostafa Salehi, Jigar V. Desai, Agostinho Carvalho, Shenglin Mei, Carol A. Munro, Alex Hopke, Toni Gabaldón, Attila Gacser, Oliver Kurzai, Geraldine Butler, David S. Perlin, Wenjie Fang, Clarissa J. Nobile, Michael K. Mansour, Amir Arastehfar (2026) Outbreaks of fluconazole-resistant Candida parapsilosis are driven by low-biofilm-producing isolates that emerge under host selection. PLoS Biology. 24(9): e3003973. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3003973

Mikroskopische Aufnahme des Candida parapsilosis mit leuchtenden grünen und blauen Hefezellen
Candida parapsilosis: Die grünen Hefezellen bilden im Gegensatz zu den blauen Hefezellen nur wenig Biofilm. Die Makrophagen wurden im Verhältnis 1:1 zugeführt, sie neigen hier augenscheinlich dazu, die Hefezellen, die viel Biofilm bilden, effektiver zu verschlingen. Die Aufnahmen wurden mittels Konfokalmikroskopie mit einem 100-fachen Objektiv angefertigt. © Amir Arastehfar / UKW

Translation und Transfer im Fokus: Würzburg will seine Forschungsinfrastruktur für die Medizin der Zukunft weiter ausbauen

Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft stand die Weiterentwicklung des Forschungsstandorts im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie Forschungsinfrastruktur, Translation und Transfer gestärkt werden können, um Würzburgs starke Position weiter auszubauen. Ein wichtiges Signal setzte die Vogel Stiftung mit drei Millionen Euro für die CAR-T-Zellforschung am Universitätsklinikum Würzburg.

Sieben Männer stehen auf der Bühne der MS Wissenschaft, in der Mitte bzw. dritter von links Michael Hudecek mit Scheck in der Hand, im Hintergrund Roll-ups.
Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft überreichte die Vogel Stiftung einen Scheck über drei Millionen Euro zur Unterstützung der CAR-T-Zellforschung an das Team von Prof. Michael Hudecek vom Universitätsklinikum Würzburg. V.l.n.r.: Prof. Dr. Matthias Frosch, Prof. Dr. Hermann Einsele, Prof. Dr. Michael Hudecek, Rolf Lenertz, Prof. Dr. Michael Müßig, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Tim J. von Oertzen © Thomas Berberich / UKW

Würzburg als starken medizinischen Wissenschaftsstandort sichtbar machen und den Austausch über aktuelle Forschung und innovative Entwicklungen fördern: Das war das Ziel des „Würzburger Tags der Zukunftsmedizin“. Rund 150 Gäste aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft kamen dazu am Mittwoch, 09. September an Bord der MS Wissenschaft zusammen. Das schwimmende Science Center – eine Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt und Wissenschaft im Dialog – tourt seit Mai unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ durch Deutschland und machte in Würzburg als letzten Stopp Station, bevor es weiter nach Wien schippert. 

CAR-T-Zelltherapie ist ein Aushängeschild des Standorts

Mit an Bord der MS Wissenschaft ist ein vom Universitätsklinikum und Universität Würzburg entwickeltes Exponat zur CAR-T-Zelltherapie. Die Immuntherapie mit gentechnisch veränderten T-Zellen ist ein Aushängeschild des Standorts. Würzburg war das erste Zentrum in Deutschland, an dem diese Therapie bei der Behandlung von Blutkrebs eingesetzt wurde, und zählt heute zu den Zentren mit den höchsten Behandlungszahlen.

Um diese Position weiter auszubauen und neue Forschungsergebnisse möglichst schnell in die klinische Anwendung zu bringen, sind Investitionen in die gesamte Innovationskette notwendig, war man sich auf dem hochkarätig besetzten Panel einig. 

Drei Millionen Förderung für CAR-T-Zellforschung

Ein starkes Zeichen war daher auch die symbolische Scheckübergabe der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp von 3 Millionen Euro. Die Stiftung fördert die Arbeit von Professor Hermann Einsele und Professor Michael Hudecek am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) schon seit einigen Jahren und diese Forschungsförderung ist nun auf insgesamt 3 Millionen angewachsen. Diese Summe stärkt das Gesamtprojekt der CAR-T-Zellforschung und setzt zugleich einen Schwerpunkt in die Unterstützung der Nachwuchsforschung im Bereich Protein Engineering sowie beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Kampf gegen Krebs.

„Mit unserer Unterstützung möchten wir die wichtige Forschung zur CAR-T-Zelltherapie am Universitätsklinikum stärken. Wir haben hier die Chance, gezielt in die Dynamik und das Wachstum eines Spitzenthemas zu investieren und damit die Leuchtturmfunktion Würzburgs zu stärken“, begründete Dr. Gunther Schunk, Vorstandsvorsitzender der Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, die Förderung. „Wir wünschen Professor Hudecek und seinem gesamten Team viel Erfolg und vor allem, dass die Ergebnisse ihrer Forschung möglichst schnell den Weg zu den Patientinnen und Patienten finden.“

Forschung konsequent in Translation und Transfer bringen

Prof. Dr. Michael Hudecek, Inhaber des UKW-Lehrstuhls für Zelluläre Immuntherapie und Leiter der Außenstelle Würzburg des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie (IZI) sagte: „Für diese großzügige Unterstützung sind wir der Vogel Stiftung sehr dankbar. Die CAR-T-Zelltherapie zeigt bereits heute, welchen Unterschied innovative Forschung für Patientinnen und Patienten machen kann. Unser Ziel in Würzburg ist es, Forschung konsequent in Translation und Transfer zu bringen und so möglichst schnell in die klinische Anwendung zu überführen.“ 

Der Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg, Prof. Dr. med. Matthias Frosch ergänzte: „Die drei Millionen Euro der Vogel Stiftung sind für das Universitätsklinikum und seine Forschung von großem Wert. Gerade neue und innovative Forschung braucht Freiräume - insbesondere dann, wenn sich ein Thema noch nicht in etablierten Förderstrukturen wiederfindet. Stiftungen schaffen diesen Spielraum und bringen Forschungsprojekte voran, die sonst so nicht möglich wären.“

Würzburg als Standort für Gen- und Zelltherapie ausbauen

Im Mittelpunkt der beiden von Johannes Keppner moderierten Panel-Diskussionen beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ stand die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die klinische Anwendung überführt werden können und welche Voraussetzungen Innovation am Standort Würzburg dafür braucht. 

Spitzenforschende des Universitätsklinikums und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie der außeruniversitären Forschungseinrichtungen Fraunhofer, Helmholtz und Max-Planck diskutierten den Weg von der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung und die dafür erforderlichen Strukturen und Infrastrukturen.

Dabei wurde deutlich: Würzburg ist international sehr gut auf dem Gebiet der Gen- und Zelltherapie aufgestellt und hat sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Anwendung wichtige Erfolge erzielt. Diese Spitzenposition will Würzburg weiter ausbauen, insbesondere mit weiterer Forschungsinfrastruktur, die Translation und Transfer stärkt, direkt am Klinikum aber auch den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den hiesigen Biotechnologieunternehmen.

Grundlagenforschung über klinische Studien und geeignete Infrastrukturen bis hin zur Herstellung von Zellprodukten sollten in Würzburg abgebildet werden können. Auch Kooperationen mit Biotech- und Pharmaunternehmen sowie die Förderung von Ausgründungen spielen dabei eine wichtige Rolle. 

„Würzburg hat in der Gen- und Zelltherapie eine hervorragende Ausgangsposition. Jetzt gilt es, diese Stärke durch gezielte Investitionen und starke Partnerschaften weiter auszubauen, um Forschung schnell in die klinische Anwendung zu bringen“, fasste Prof. Dr. Tim J. von Oertzen, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg, zusammen.

Der „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ wurde unterstützt von Johnson & Johnson, AstraZeneca, Gilead Sciences, PlasmidFactory, T-CURX, T2EVOLVE und Wissenschaft im Dialog. 

Ausstellung „Medizin der Zukunft“ stieß auf großes Interesse

Großes Interesse weckte auch die Ausstellung „Medizin der Zukunft“, die vom 8. bis 11. September an Bord der MS Wissenschaft zu sehen war. Nach Angaben der Veranstalter, Wissenschaft im Dialog, gab es auf die Ausstellung eine ausgezeichnete Resonanz: An allen vier Tagen war das Schiff durchgehend sehr gut besucht und zog zahlreiche Würzburgerinnen und Würzburger an. 

Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp: Die Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp wurde im Jahr 2000 von dem Würzburger Verleger Dr. Kurt Eckernkamp und seiner Frau Nina Eckernkamp-Vogel gegründet. Die Stiftung fokussiert in ihrer Förderung auf vier Aktivitätsfelder: Bildung, Wissenschaft, Gesundheitswesen und Kultur. Die Teilhabe am Leben – über alle Generationen hinweg – steht im Mittelpunkt des Handelns der Stiftung. Für ihre Unterstützung von Forschungsprojekten wurde die Stiftung 2020 mit dem Gütesiegel „Innovativ durch Forschung“ vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet. Die Stiftung verfolgt ausschließlich gemeinnützige Ziele und ist dem Unternehmen Vogel Communications Group als Mitgesellschafterin verbunden.

Sieben Männer stehen auf der Bühne der MS Wissenschaft, in der Mitte bzw. dritter von links Michael Hudecek mit Scheck in der Hand, im Hintergrund Roll-ups.
Beim „Würzburger Tag der Zukunftsmedizin“ an Bord der MS Wissenschaft überreichte die Vogel Stiftung einen Scheck über drei Millionen Euro zur Unterstützung der CAR-T-Zellforschung an das Team von Prof. Michael Hudecek vom Universitätsklinikum Würzburg. V.l.n.r.: Prof. Dr. Matthias Frosch, Prof. Dr. Hermann Einsele, Prof. Dr. Michael Hudecek, Rolf Lenertz, Prof. Dr. Michael Müßig, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Tim J. von Oertzen © Thomas Berberich / UKW

Ausgezeichnete Forschung zur digitalen Rheuma-Therapie

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. zeichnet den Würzburger Rheumatologen Patrick-Pascal Strunz am 9. September 2026 in Leipzig mit dem Rudolf Schoen-Preis für den wissenschaftlichen Nachweis des therapeutischen Nutzens der App Axia bei axialer Spondyloarthritis aus.

Die drei Herren stehen in Anzügen auf der Kongressbühne, Preisträger Patrick-Pascal Strunz hält eine Urkunde in den Händen.
PD Dr. Patrick-Pascal Strunz (Mitte), Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Funktionsoberarzt am UKW, erhielt am 9. September 2026 auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig von Prof. Dr. Ulf Wagner (links), Kongresspräsident und Präsident der DGRH, den Rudolf Schoen-Preis. Die Laudatio hielt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter der Rheumatologie am UKW. © Rheumaakademie/CSB-Leipzig

Würzburg. Rheuma ist mehr als nur schmerzende Gelenke. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen, die häufig mit Entzündungen einhergehen und den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Eine dieser Erkrankungen ist die axiale Spondyloarthritis (axSpA), die auch als Morbus Bechterew bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die vor allem die Wirbelsäule betrifft und oft schon in jungen Jahren beginnt. Neben einer entzündungshemmenden medikamentösen Therapie spielt regelmäßige Bewegung eine zentrale Rolle – nicht nur in der Physiotherapie, sondern auch im Alltag. Genau dabei soll die App Axia Betroffene unterstützen – und kann dies laut aktueller Untersuchungen auch. 

App unterstützt Bewegung im Alltag 

„Axia reduziert die Krankheitsaktivität, verringert die Einschränkungen im Alltag und verbessert nachweislich die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen“, berichtet Privatdozent Dr. Patrick-Pascal Strunz. Der Rheumatologe vom Universitätsklinikum Würzburg hat den therapeutischen Nutzen der digitalen Gesundheitsanwendung in einer randomisiert-kontrollierten, deutschlandweiten Studie mit insgesamt 200 Patientinnen und Patienten mit axSpA belegt. In der Studie erreichte die Gruppe, die zusätzlich zur regulären medikamentösen Behandlung die App nutzte, deutlich bessere Ergebnisse als die Gruppe ohne App. Die Ergebnisse wurden gerade im Fachmagazin „Annals of the Rheumatic Diseases“ veröffentlicht (https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016, Zusammenfassung im paper place). 

Auch Beweglichkeit und Muskelkraft verbessern sich

Fast zeitgleich publizierte das Studienteam aus Würzburg im Journal „Therapeutic Advances in Musculoskeletal Disease“ (https://doi.org/10.1177/1759720X261453287) die Ergebnisse der ergänzenden 24-wöchigen Pre-Post-Studie. Darin wurden die Auswirkungen von Axia auf objektive Parameter wie Beweglichkeit, Kraft und bildgebende Befunde bei 32 Patientinnen und Patienten untersucht. Auch hier zeigte sich, dass sich die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die Kraft der Rückenmuskulatur unter der Nutzung der App ohne relevante Sicherheitsbedenken verbesserten und die Krankheitsaktivität sich verringerte. 

Rudolf Schoen-Preis für Patrick-Pascal Strunz

Aufgrund seiner hervorragenden Forschungsarbeit zeichnete die Stiftung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh) Patrick-Pascal Strunz auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig mit dem Rudolf Schoen-Preis 2026 aus. Der nach dem ersten Nachkriegspräsidenten der DGRh benannte Preis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen der Gesellschaft. Er soll junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich der Rheumaforschung fördern und in ihrer Arbeit unterstützen.

Die Verleihung fand am 9. September im Rahmen der Eröffnung der 54. Jahrestagung der DGRh statt. Strunz teilt sich den mit 10.000 Euro dotierten Preis mit Dr. Christina Bergmann vom Universitätsklinikum Erlangen. Bergmann veröffentlichte neue Erkenntnisse zur Regeneration vernarbten Gewebes bei systemischer Sklerose. Somit haben beide Forschungsarbeiten unmittelbare Bedeutung für die Behandlung von Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

Über die App Axia: Axia wurde Anfang 2026 als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen und ist somit die erste App auf Rezept für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die in der Regelversorgung in Deutschland verfügbar ist. Die digitale Therapiehilfe wurde von den Würzburger Medizinstudenten Maxime Le Maire und Tobias Heusinger sowie dem Informatiker Robert Leppich im Rahmen des Start-ups Applimeda in Zusammenarbeit mit der Rheumatologie des UKW und der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. (DVMB). entwickelt. Sie richtet sich an Menschen mit axialer Spondyloarthritis (axSpA). Von Spondyloarthritiden sind in Deutschland rund 700.000 Menschen betroffen. Die chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung befällt vor allem das Becken und die Wirbelsäule. Sie führt zu Rückenschmerzen und Steifheit. Die App soll Versorgungslücken bei der Bewegungstherapie und der strukturierten Patientenschulung schließen.

Publikationen:

Patrick-Pascal Strunz, Matthias Froehlich, Tobias Heusinger, Maxime le Maire, Anna Fleischer, Karsten Sebastian Luetkens, Patricia Possler, Michael Gernert, Hannah Labinsky, Ottar Gadeholt, Robert Leppich, Astrid Schmieder, Ludwig Hammel, Billy Sperlich, Hermann Einsele, Marc Schmalzing, An app-based nonpharmacological intervention improves patient-reported disease activity, functionality, and quality of life in patients with axial spondyloarthritis: a randomised controlled trial, Annals of the Rheumatic Diseases, 2026, ISSN 0003-4967, https://doi.org/10.1016/j.ard.2026.02.016.

Patrick-Pascal Strunz, Marc Schmalzing, Amelie Wüst, Patricia Possler, Tobias Heusinger, Maxime le Maire, Anna Fleischer, Thorsten Bley, Michael Gernert, Hannah Labinsky, Ottar Gadeholt, Robert Leppich, Astrid Schmieder, Ludwig Hammel, Billy Sperlich, Ann-Cathrin Koschker, Hermann Einsele, Matthias Froehlich, and Karsten Sebastian Luetkens. Association of an app-based intervention with improvements in mobility, trunk muscle strength and patient-reported disease activity in axial spondyloarthritis: a 24-week pre–post study. Therapeutic Advances in Musculoskeletal Disease. 2026;18. doi:10.1177/1759720X261453287

Die drei Herren stehen in Anzügen auf der Kongressbühne, Preisträger Patrick-Pascal Strunz hält eine Urkunde in den Händen.
PD Dr. Patrick-Pascal Strunz (Mitte), Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Funktionsoberarzt am UKW, erhielt am 9. September 2026 auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 in Leipzig von Prof. Dr. Ulf Wagner (links), Kongresspräsident und Präsident der DGRH, den Rudolf Schoen-Preis. Die Laudatio hielt PD Dr. Marc Schmalzing, Leiter der Rheumatologie am UKW. © Rheumaakademie/CSB-Leipzig

SAVE THE DATE - 24. Tagung Rheumatologie aktuell

am 20. Febr. 2027 findet die 24. Tagung des Rheumazentrums Würzburg "Rheumatologie aktuell" statt. Dazu laden wir herzlich fachübergreifend Kolleginnen und Kollegen ein. Weitere Informationen folgen in Kürze ...

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